Süd-Amerika, historischer Schulatlas

LATEINAMERIKA // Guillermo Saccomanno, Der Angestellte

Die Parade-Disziplin lateinamerikanischer Literatur ist sicherlich der Magische Realismus. Dieser muss nicht zwangsläufig der klassischen Fantasy in solchem Maße ähneln wie es beispielsweise in vielen Romanen Isabel Allendes der Fall ist. Magischer Realismus zeichnet sich ganz allgemein durch das gleichberechtigte Nebeneinander realer und unrealer Elemente im Erzählten aus. Vertreter dieser Form der Phantastik finden sich natürlich nicht nur im Lateinamerikanischen, wo mit Julio Cortázar mein diesbezüglicher Liebling beheimatet ist. Unter den Deutschsprachlern kämen mir als erstes Marlen Haushofer, Die Wand oder Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten dazu in den Sinn; international Haruki Murakamis Romane und Erzählungen.

Auf dieser Ebene der Phantastik ist auch der Roman Der Angestellte des argentinischen Schriftstellers Guillermo Saccomanno angesiedelt. Wie der Titel suggeriert, befindet man sich ab der ersten Seite in einem Büro-Roman, dieser erweitert sich jedoch umgehend um das Volumen einer brachial-brutalen Dystopie. Saccomanno schafft eine Giftmischung aus Kleine-Leute-Sujet, Film Noir und nihilistischer Philosophie: Es ist die Schilderung einer Gesellschaft während der Apokalypse. Da der Explicit-Content-Hinweis, der manches Musikalbum ziert, in der Buchbranche keine Anwendung findet, nehme ich am Besten gleich an dieser Stelle vorweg: Allzu zarten Gemütern ist dringend von diesem Roman abzuraten.

Vorsicht, sagt er sich. Vorsicht vor mir. Ich bin nämlich ein anderer. (S.13)

Vielleicht sind wir das alle, mal in größerem, mal kleinerem Maße: Lebt nicht jeder von uns einem jeden Anderen gegenüber eine etwas andere Variante seiner selbst aus? Guillermo Saccomannos Angestellter, dessen Gedankenstimme diesen Roman erzählt, könnte mit diesem Satz durchaus den Leser zur Identifikation mit ihm, dem Protagonisten einladen. Zusätzlich versetzt der Anklang an Rimbauds Formel Ich ist ein Anderer den Leser in die Erwartung einer poetisch gearteten Selbstbefreiung. Der Nachhall der wiederholten Warnung Vorsicht löst jedoch nicht grundlos ein ungut in der Magengrube liegendes Gefühl aus.

Es gibt keinen Namen für den Angestellten, und es braucht auch keinen: In dieser Welt hat sich der Mensch auf seine Funktion reduziert, Leben an sich besitzt keinen eigenständigen Wert mehr. Neben dem Angestellten gibt es die Sekretärin, den Kollegen, den Chef, die Frau, das Kind, den Obdachlosen usw. Individualität ist ein nicht anwendbarer Begriff, bedingungslose Austauschbarkeit ist die Eigenschaft und das Schicksal aller. Darüber entwickelt man als Leser jedoch keine von Mitleid geprägten Empfindungen für den Protagonisten, der jenem beklemmenden Umfeld ausgesetzt ist. Im Gegenteil. Anstatt teilnehmender Identifikation erwirkt der Einblick in seine Sichtweisen einen unbehaglichen Widerwillen gegen ihn. Der Angestellte selbst erweist sich als geistiges Kind seiner Umwelt, ist charakterlich entstellt durch die Anpassung an eine empathielose, lebensfeindliche Zeit.

Zunächst fällt es nicht leicht diese Zeit einzuordnen: Horden verwilderter Klonhunde streunen durch die Stadt, eine Plage alles vernichtender Fresser, die sich über Obdachlose hermachen und von Taxifahrern systematisch überfahren werden. Im Widerspruch zum Futurismus, den die Klone und das Szenario eines Molochs, dessen Ausmaße weit über den zeitgenössischen Begriff von Großstadt hinausgehen, ausdrücken, stehen die Verweise auf eine analoge Welt: Im Büro wird mit Bleistift, Papier und Schnurtelefon hantiert. Saccomanno lässt den Leser mit der Entschlüsselung der herrschenden Rahmenbedingungen zwar allein, doch bald entwickelt sich beim Lesen eine Vorstellung von einem Ausnahmezustand nach dem Zusammenbruch einer digital gestützten Weltordnung. Sicher ist nur, dass sich eine totalitäre Ökonomie etabliert hat, die unbegrenzte und willkürliche Verfügungsgewalt über das Material Mensch besitzt.

Bereits offen sichtbare Emotionen bedeuten einen Makel, der zur Aussortierung aus dem System führen kann. Der Angestellte taugt seiner Konditionierung wegen nicht dazu, in die Riege der Machtmenschen aufzusteigen, die in seinem Umfeld über Bestand und Vernichtung von Existenzen entscheiden, doch gerade das Bewusstsein seiner eigenen Kläglichkeit, seiner Unfähigkeit zur Wirkung erfüllen ihn mit perfider Energie. In seiner funktionalen Außenhülle verschließt er seinen im Überkochen begriffenen Hass auf seine Mitmenschen, die sich ebenso wie er in psychologischen Sonderzuständen befinden – so wird beispielsweise sein Familienleben als wahres Höllenszenario geschildert: Seine aggressive, fettsüchtige Frau und die monströsen Kinder zwängen den Angestellten in den eigenen vier Wänden in eine Sklavenrolle. Das Aufbrechen dieser Rolle gelingt dem Angestellten nur in einem den Leser nicht überraschenden, ihn dennoch erschreckenden Vernichtungsakt. Auslöser für den Wandel des Angestellten vom Sklaven zum Zerstörer ist eine Begegnung. Permanent schwebt dem Angestellten die Idee einer Frau vor Augen, einer Frau, die dem rätselhaften Wort Liebe einen Inhalt verleihen könnte, einer, für die man alles auf eine Karte setzen und den Schritt in ein anderes Leben wagen würde. Zum Beispiel indem man, wie es der Angestellte so gut beherrscht, die Unterschrift des Chefs fälscht, um mit manipulierten Checks Geld zu unterschlagen, mit dem man sich dann ins Ausland absetzt. Für sich allein erscheinen ihm solche Abenteuer sinnlos, erst die ersehnte Frau gäbe ihm Antrieb und Berechtigung zum Sündenfall, zum Ausstieg aus dem anti-paradiesischen System. Eines Nachts, nachdem er seine Arbeit beendet hat und sich widerwillig auf den Heimweg vorbereitet, trifft er unerwartet auf die Sekretärin des Chefs, die sich heulend in einem Büroraum verkrochen hat. Er nimmt sich ihrer an und begleitet sie bis in ihre Wohnung. Dies ist nun also die Begegnung, die bewirkt, dass sein inneres Wesen nach außen bricht.

Von dort an braust ein Strudel aus Perversionen und gleichgültiger Gewalt durch den Roman ohne auf ausgleichende Elemente zu stoßen. Wer beim Stichwort Dystopie beispielsweise Cormac McCarthy, Die Straße vor Augen hat, erinnert sich sehr deutlich an die Schwärze des Weltendes, doch wird dort, aller Entmenschlichung zum Trotz, ein leuchtendes Flämmchen des Menschlichen weitergetragen, das in jener Schwärze nur umso klarer erstrahlt. Saccomannos Finsternis dagegen ist in ihrer Ausschließlichkeit beinahe langweilig. Die junge Sekretärin erweist sich – man ahnt das bereits – nicht als Heilsfigur, sondern als blutgierige Untergangsfee. Der Angestellte und sie treten nicht in Kontrast zum System, sondern führen die Wege des Systems im Individuellen fort. In Der Angestellte leuchtet kein Flämmchen, nur die kalt-gleißenden Suchscheinwerfer der Hubschrauber, die durch die Nächte patrouillieren, reißen gefährlich grelle Schneisen ins Dunkel.

Der Angestellte gehört zu diesen Büchern, die ich nach zwanzig Seiten weglegen wollte. Ähnlich, wie es mir bei Charlotte Roche, Feuchtgebiete erging, erschöpft sich der Sinn des Angestellten für mich im Ausprobieren eines bestimmten Tons, der Reizwirkung entfalten soll – dessen Austestung allein ermüdet mich jedoch, wenn es nicht ebenso auf inhaltlicher Ebene etwas zu entdecken gibt. Etwas in meinem Verhältnis zum Angestellten hat sich allerdings schlagartig verändert, während ich vollkommen entsetzt die Meldungen über das Verschwinden der 43 Studenten in Mexiko und die verschiedenen Aufklärungswege zu diesem Geschehen verfolgte. Dieser Fall, der ganz und gar nicht beispiellos, nur in besonderem Maße auffällig ist, zeigt ein gegenwärtiges Abgrund-Szenario: Die Grenze zwischen Staatsmacht und krimineller Gewalt ist aufgehoben, über menschliches Leben wird willkürlich verfügt, die Erde ist voll von nicht identifizierbaren Leichen – es finden sich mehr davon als es Gesuchte gibt. Vielleicht, denke ich, ist Saccomanno eben nicht einfallslos in seinem Erzählen, vielleicht erinnert er vielmehr sehr absichtsvoll und ernstzunehmend daran, wie böse diese Gegenwart bereits ist, deren Projektion in eine unbestimmte Zukunft in Der Angestellte so finster ausfällt. Wahrscheinlich ist diese seltsame Zukunft in Wahrheit sogar ebendiese Gegenwart, in einer zwar einseitig auf das Böse zugespitzten Darstellung, jedoch existent – im Diesseits, außerhalb des Buchdeckels.


>> Guillermo Saccomanno, Der Angestellte (Kiepenheuer&Witsch) Gebunden €18,99

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10 Kommentare

  1. Ich habe mich zunächst beim Lesen Deines Beitrages – wie Du wohl beim Lesen des Buches – insgeheim gefragt, warum „man sich das antun“ soll. Überspitzte Gewaltdarstellungen – vor allem im Medium Film – bei denen man den Eindruck gewinnt, es geht vor allem um die „Sensation“, sind mir verhasst. Aber so wie Du den Bogen dann schlägst zum aktuellen Geschehen in Mexiko (mich wundert dabei immer, wie die Medien dies derzeit als ein „neues“ Phänomen darstellen – wer die Filme der letzten Jahre aus Mexiko gesehen hat und die Nachrichten verfolgt, weiß doch, dass das Land schon lange unter Mafia&Korruption leidet), wird wieder einmal klar: Die Literatur ist auch ein Spiegel der Realität, Dystopien vielleicht manchesmal auch ein Versuch der Befreiung?

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    1. Ja, auch direkt in Buenos Aires, der Heimatstadt Saccomannos, bestehen zum Beispiel bewachte, von Mauern umschlossene Wohlstandsviertel, während des Nachts die Armen aus den umliegenden Slums mit ihren Pferdefuhrwerken die Stadt fluten und Pappe oder Unrat sammeln um sich damit über Wasser zu halten. Nimmt man dann noch die schauerliche und bisher kaum aufgearbeitete Zeit unter der Militärjunta dazu, und betrachtet parallel die oft gefährlichen politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in Mittel- und Südamerika, kann man in Saccomannos dystopischer Geschichte durchaus einen Aufschrei heraus lesen.

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  2. Ich habe das Buch schon mehrfach in der Hand gehabt und mehrfach wegen des Klappentextes wieder weggelegt. Nun bestätigst Du mit Deiner Besprechung meine Vorahnungen – und wie gut ich gehandelt habe. Mit Deinem Bezug zur realen mexikanischen Gesellschaft – da schließe ich mich Birgit an – machst Du aufmerksam darauf, dass der Roman eine „schöne“ Parabel auf die tatsächlichen Verhältnisse ist, deshalb wichtig und richtig. Aber lesen möchte ich ihn trotzdem nicht. Vielen Dank also für die nachdrückliche Warnung.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Der große Bogen, den ich bisher um dieses Buch machte, er wird durch deine vorzügliche Besprechung nicht kleiner in seinem Radius. Vielleicht hängt das mit meiner Vorstellung von Literatur als Kontrapunkt zu den weltlichen Tatsachen zusammen, die sich immer mehr zu perfiden Spielarten menschlicher Grausamkeiten verdichten. Und denoch scheint meine Lesezeit langsam reif hinzunehmen, dass es auch Aufgabe der Lietraur sein muss, menschliche Grausamkeit hin die Fiktion hinüber zu schleifen, um ihr Kondensat auf affektbefreiende Art und Weise zu inhalieren. Sehr gut, was dir hier gelungen ist.

    Liebe Grüße

    Achim

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    1. Anfreunden konnte ich mich mit dem Angestellten tatsächlich auch nicht, doch das Verstörende erfüllt, denke ich, in diesem Fall doch eine wichtige Funktion. Eigentlich sehe ich den Unterschied zwischen Horror und literarischer Dystopie darin, dass die Literatur nicht auf den Schock allein abzielt, sondern Gedanken und im besten Falle Wege anbieten muss, die das Negative, das Unmenschliche, das Furchtbare überbrückbar machen könnten, kurz gesagt: Literatur muss zu Lösungsdenken anregen, immer, irgendwie. Dass Saccomanno seinen Lesern nichts derartiges anbietet, sondern im Gegenteil, alles sich Anbietende sofort vernichtet und entkräftet, ist der Haken am Roman – wenn er mich als Leser absichtlich so alleinlässt, dann ist seine persönliche Sicht der Dinge wirklich alarmierend finster.

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