LATEINAMERIKA // Fridas Farben

Sonja Grebe, Frida

In ihrem Tagebuch stellt Frida Kahlo einen persönlichen Farb-Kanon auf, der jeder Farbe eine empfundene Bedeutung zuweist:

  • Grün: warmes, gutes Licht.
  • Rötliches Purpur: aztekisch, Tlapalli, altes Blut des Birnenkaktus, die lebendigste und älteste Farbe.
  • Braun: Farbe des Muttermals, des vergehenden Blattes, die Erde.
  • Gelb: Wahnsinn, Krankheit, Angst. Ein Teil der Sonne und der Freude.
  • Kobaltblau: Elektrizität und Reinheit. Liebe.
  • Schwarz: nichts ist schwarz, wirklich überhaupt nichts.
  • Laubgrün: Blätter, Trauer, Wissenschaft. Ganz Deutschland hat diese Farbe. (Anmerkung: Ihr deutscher Vater wanderte als 19jähriger nach Mexiko aus, wo er den Namen Wilhelm ins entsprechende, spanische Guillermo änderte.)
  • Grünliches Gelb: noch mehr Wahnsinn und Geheimnis; alle Gespenster tragen Anzüge in dieser Farbe, oder zumindest kommt die Farbe in der Unterkleidung vor.
  • Marineblau: Entfernung. Auch Zärtlichkeit kann von diesem Blau sein.
  • Magenta: Blut? Na wer weiß?!

Sie schreibt dies zu Beginn der 40er Jahre, mit Anfang dreißig. Bereits hinter ihr liegt zu jenem Zeitpunkt eine Reihe von ins Mark schneidenden Geschehnissen und Entwicklungen: Als Kind einerseits die Einengung durch das strengst katholische Weltbild der Mutter, andererseits die körperliche Einschränkung durch Kinderlähmung, infolge derer Frida Kahlo ein verkürztes Bein behält. Ein Unfall, der sie als Achtzehnjährige mit schwersten Hüftverletzungen und deren quälenden Folgen ans Bett fesselt und in ein Stahlkorsett zwingt. Ihre Entdeckung der Malerei als Trostmittel, als Kampfmittel, einsetzbar gegen das seelische Elend, das jahrelange körperliche Leiden und allzu häufige Bettlägerigkeit bewirken. Die Liebe zu Diego Rivera, den zwanzig Jahre älteren, gefeierten Künstler, den sie sehr jung heiratet. Der private Kontakt zu bedeutenden politischen und kunstschaffenden Persönlichkeiten, Leo Trotzki etwa, oder André Breton. Das schmerzhafte Ringen um ihre weibliche Identität: Als Spätfolge der Hüftverletzungen kann sie keine Kinder gebären und erleidet Fehlgeburten, ihr Mann indessen betrügt seine körperlich eingeschränkte Frau mehrfach – sie kann nicht Mutter sein und nicht alleinige Liebende. Scheidung, Alkoholsucht, vorübergehende Affären, dann: eine zweite Heirat mit Diego Rivera.

Unter dem Eindruck jener Lebenserfahrungen also schreibt Frida Kahlo ihren Farb-Kanon nieder. Ich wüsste gern, welche Farbe wohl eine neue Bedeutung für sie bekommen haben mag, als zehn Jahre später ihr langgehegter Wunsch in Erfüllung gehen wird, ihre Werke in einer Einzelausstellung zu erleben und sich damit endlich als Künstlerin anerkannt zu wissen, nachdem ihr diese Anerkennung so lange verwehrt geblieben ist – als Frau in einer patriarchalisch orientierten Kultur, als Frau eines mit seinem Erfolg und seiner nationalen Bedeutung alles andere überdeckenden Künstlers, als Frau in einem zeitlebens beschädigten Körper. Diese Ausstellung wird für Frida Kahlo von solch existentieller Wichtigkeit sein, dass sie sich, körperlich erneut ans Liegen gebunden, samt Bett zur Vernissage tragen lassen wird. Kurz darauf aber wird die teilweise Amputation ihres rechten Beines nötig werden. Ein symbolschwerer Eingriff – sie wird tatsächlich danach nicht mehr aufstehen. Die Frage, ob ihr Tod selbst herbeigeführt ist, wird ihr Mann nicht mehr medizinisch abklären lassen. Gibt es vielleicht doch das Schwarze? Oder welche Farbe ist die des Sterbens?


>> Das Bild: Frida (Grebe, 2014)


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6 Kommentare

    1. Ja, egal wie man selbst über Schwarz denkt – dass nichts, wirklich gar nichts einfach schwarz ist, ist ein echtes Lebens-Statement. Einen eigenen Farb-Kanon habe ich nie aufgestellt, aber ich hatte einmal einen Schwung von Tagebüchern, bevor sie im „Ab jetzt alles anders!“-Furor in die ewigen Jagdgründe des Altpapierkreislaufs geschickt wurden, nach auffällig häufigen Begriffen durchforstet. So etwas wandelt sich naturbedingt im Laufe der Zeit, aber zu jenem Zeitpunkt lauteten meine Top-5-Signalworte: Hyäne, Finger, Material, Erde, Krähe. Müsste ich vielleicht mal wieder machen…

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  1. Hyäne, soso .. und Krähe, interessante dunkle Ansatzpunkte für eine Interpretation 🙂 schwarz ist einfach wunderbar tief und geheimnisvoll, schwarze Löcher, dunkle Energie, keiner weiß was es ist …. schwarze Klamotten, schwarzer Kajal um die Augen… Ich muss mal nach meinen persönlichen Signalwörtern forschen, danke für den Impuls :)) LG

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    1. Schwarz ist ein wichtiger Kontrast-Macher – indem es da ist, macht es paradoxerweise alles Andere heller. Außerdem verbinde ich Schwarz mit „gemütlich“, während mein Mann sich nichts vorstellen kann, was ungemütlicher wäre, als eine Wohnung mit viel Schwarz – die Diskussion hatte wir mal in einer Wohnung mit schwarzer Küchenzeile… Viel Spaß übrigens beim Schlagwort-Forschen. Den macht es nämlich wirklich! Viele Grüße!

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