Schulatlas 1933

SCHWARZ-WEISSE ZEITEN // Robert Musil, Schwarze Magie

Sie haben einen Schwur getan, zu siegen oder zu sterben, und lassen sich eine schwarze Uniform machen, mit weißen Verschnürungen darauf, die wie die Rippen des Todes aussehen; in welcher Verkleidung sie zur Freude aller Frauen bis an ihr friedliches Ende spazieren gehen, falls kein Krieg kommt. Sie leben von gewissen Liedern mit düsterer Begleitung, die ihnen einen dunklen Glanz leihen, der sich vorzüglich zur Schlafzimmerbeleuchtung eignet.

Anhand jener dunklen Husaren, die man in den Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges in Kleinkunsttheatern Regimentslieder zum Besten geben hörte, entspinnt Robert Musil eine Diskussion über den Kitsch, die Kunst und das Leben. Diese Kurzabhandlung schrieb Musil 1923, zu einem Zeitpunkt, da die Husaren die Zeiten ihrer militärischen Bedeutung bereits überlebt hatten, jedoch – oder gerade deswegen – im Zeitgeschmack als Inbegriff des noblen Soldaten galten. Musil betrachtet den Husarenkitsch an sich mit Ironie, gleichwohl sind seine Überlegungen dazu von philosophischem Ernst bestimmt.

Die Kunst blättert den Kitsch vom Leben. Der Kitsch blättert das Leben von den Begriffen.

Denn was der Kitsch nicht zu fassen bekommen kann, das bleibt als Kunst mit echtem Gefühlswert bestehen. Was sich dagegen der Kitsch einverleibt hat, das besitzt keinen echten Gefühlswert mehr, sondern besteht nur noch als Abziehbildchen. Soviel zu Kunst und Kitsch, das Leben aber sagt dazu folgendes: Den schwarzen Husaren scheren weder Kunst noch Kitsch – er trägt eine Uniform, die vom Siegen und vom Sterben erzählt, und dafür lieben ihn die Frauen.

In diesem Gedankengang, der nahezu satirisch daherkommt, untenimmt Musil eine viel weiter reichende Artbeschreibung seiner Zeit: Der Geist des Militärischen – oder des Militärkitsch – vereinnahmt die Kunst, die Liebe und das Leben. Dieser Geist ist international, die Husarenlieder werden in Russland ebenso geliebt wie andernorts in Europa, in allen Armeen der Erde finden sich die repräsentativen Husarenregimenter als Verkörperung einer unausrottbaren Kriegsromantik. Intellektuelle Überlegungen sind diesem Geist gleichgültig, sie prallen von ihm ab.

Wie sich sein Jahrhundert weiter entwickeln würde, konnte Musil während seiner Kitsch-Überlegung nicht vorauswissen, vielleicht jedoch vorausahnen: Siegen oder sterben als Abziehbildchen. Die Liebe gilt – traditionsgemäß, und noch kein Jahrzehnt ist seit dem letzten Krieg vergangen – der Uniform. Und jene Uniform, die schwarz-weiße nämlich, welche Musil unter den vielen Erscheinungen des Husarischen in den Mittelpunkt seines Textes stellt, gehört einem speziellen Regiment: Den preußischen Totenköpfen.


>> der Text Schwarze Magie findet sich in Robert Musil, Gesammelte Werke Bd.2, Hrsg. Adolf Frisé (Rowohlt) €64,-

>> …und auch in der sehr empfehlenswerten Anthologie Literarische Moderne – Das große Lesebuch, Hrsg. Moritz Baßler, Reihe Fischer Klassik (Fischer) €14,50


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2 Kommentare

  1. Siegen oder sterben – für Musil war ja die Militärerfahrung eine sehr ambivalente. Einerseits durch die Tradition gezwungen, andererseits menschlich abgestoßen. Er haderte wohl auch mit sich, weil er dem ihm aufoktroyierten Bild des „noblen“ K.u.K. Offiziers nicht entsprechen konnte. Ein wenig scheint dies auch durch diesen magischen Text zu schimmern, den ich noch nicht kannte. Der 1. WK bedeutete für ihn einen besonderen Einschnitt. Dazu gab es im Literaturhaus München eine sehr gute Ausstellung: http://www.literaturhaus-muenchen.de/ausstellung/items/137/vars/id-2014-robert-musil-1-wk.html

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    1. Vielen Dank für diesen Verweis – und wieder ein Grund, mal einen Blick nach München zu werfen! 🙂 Ja, das Thema Musil scheint unerschöpflich. Ich komme nie ganz aus dem Staunen darüber heraus, dass da ein Einzelner Stoff generiert hat, der auch den inzwischen weit von ihm entfernten Folgegenerationen anbietet, Neues darin zu entdecken. Unbegrenzte Haltbarkeit!

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