SCHWARZ-WEISSE ZEITEN // Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?


Kuhle Wampe: Berlinerisch für Kalter Bauch. Name eines Zeltplatzes am Großen Müggelsee in Berlin, dessen bauchige Bucht den unter der betonverstärkten Sommerhitze leidenden Stadtmenschen einlädt, sich beim Badevergnügen abzukühlen. Gleichzeitig aber auch die Bezeichnung für einen leeren Hungerbauch.

1932 erschien unter dem Titel Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? ein mustergültiger Proletarischer Film: Er mischt Propaganda- und Dokumentar-Elemente in eine erzählende Filmhandlung und verfolgt das erklärte Ziel einen internationalen politischen Lernprozess zu befördern, indem er das Berliner Arbeiterelend exemplarisch diskutiert. Wen wundert es da, in der Liste der Filmverantwortlichen auf den Namen Bertolt Brecht zu stoßen? Regie führte zwar der Bulgare Slátan Dudow, man merkt der inhaltlichen und stilistischen Gesinnung des Filmes jedoch eine deutliche Genossenschaft mit Brechts Epischem Theater an: In scharfem Kontrast werden die Lebensverhältnisse der Arbeiterschicht den Alltagsinteressen der Oberschicht gegenübergestellt. Die harte Gliederung des Films erinnert an die Abfolge von Akten in einem Theaterstück. Kommentierende Lieder wie der Solidaritäts-Song ergänzen, ganz Brecht-typisch, die Handlung.

Im Zentrum des Films steht die junge Arbeiterin Anni. Zu Beginn des Films begeht ihr Bruder – erdrückt von Armut, Arbeitslosigkeit und Aussichtslosigkeit – Selbstmord. Der Familie wird die Wohnung gekündigt, sie zieht um in eine Art Armutskolonie in einer Gartenanlage mit Namen Kuhle Wampe. Anni, die als Einzige noch mit einem kargen Gehalt für die Familie sorgen kann, wird schwanger und verlobt sich mit ihrem Freund Fritz, der jedoch mit der Verlobung hadert: Ein Kind ist kein Segen, sondern eine Belastung, und eine Heirat kein Fest, sondern ein Fluch. Gegen Ende des Films versöhnen sich Fritz und Anni zwar, ihre Perspektive jedoch ist eine beklemmende, beängstigende, und als einziger Lichtblick bietet sich ihnen, die im Zusammenschluss als Paar oder als Familie nichts erreichen können, nur noch der kämpferische Zusammenschluss aller Schicksalsgenossen.

Die Dreharbeiten des Films waren geprägt von Widrigkeiten, die auf ihre eigene Art die Themen Armut und Kampf berührten: Die Finanzierung gestaltete sich wackelig, die erste Produktionsfirma ging in Konkurs, eine zweite wurde mit Mühe aufgetrieben. Des Weiteren schützten Mitglieder der KPD die Drehbeteiligten bei mehrfachen Angriffen durch die SA.

Die Filmpremiere in Moskau 1932 hinterließ ein irritiertes Publikum: Der Einblick in die Lebensverhältnisse des Berliner Proletariats, das in einer trotz Allem idyllischen Natur-Umgebung mitunter fröhliche Sportfeste abhält, wurde als geschönt empfunden. Danach fand der Film im sowjetischen Raum keine Verbreitung, wurde dafür aber in Berliner Kinos mit großem Erfolg gezeigt und hielt auch in weiteren europäischen Metropolen Einzug in die Lichtspielhäuser. 1933 allerdings wurde er von den Nazis verboten. Im Krieg verschollen geglaubt, tauchte er 1958 in der DDR plötzlich wieder auf und wurde im Westen ab 1968 vor dem Hintergrund der Studentenbewegung mit neuem Interesse gesehen.

Inzwischen ist der schneidende Schwarz-Weiß-Kontrast der programmatischen Weltsicht in Kuhle Wampe nostalgisch ergraut – ein Stück Polit-Folklore. Als Zeitdokument aber ist der Film ein erzählfreudiger Veteran, der über das Wesen einer vergangenen Gesellschaftsordnung plaudert. Vorwärts! Vorwärts! …ins Gestern.

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4 Kommentare

    1. Über diese Neu-Zuspitzung der Verhältnisse muss man sich tatsächlich Gedanken machen: Hallo, Sozialabbau, Dumpinglöhne, Zweiklassengesellschaft. Und wenn man nun die Industrielle Revolution einmal parallel setzt mit der Digitalen Revolution und angesichts des 2007er Beispiels eine Black-Friday-Neuauflage in die nicht allzu weit entfernte Zukunft projiziert – und dann diese fürchterliche aber zunehmende Etablierung der Neuen Rechten auf europäischer Ebene als Multiplikator für radikale Tendenzen nimmt… frage ich mich wirklich manchmal etwas ängstlich, was für politische Lagerkämpfe „meinem“ Jahrhundert wohl noch blühen mögen.

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      1. Du setzt die Zusammenhänge, die mir auch schon seit einiger Zeit im Kopf herumgeistern (industrielle=digitale Revolution, Schwarzer Freitag = „Konjunkturkrise“) usw. Und dazu das Auseinanderdriften in zwei Klassen – der Mittelstand fällt weg, es gibt dieReichen und die Masse, und tatsächlich auch die politische Radikalisierung…soviel hat sich nicht verändert bzw. vieles wiederholt sich. Lesenwertes Buch zum Thema soziale Ungleichheit und Folgen des Neoliberalismus: Die neue Umverteilung von Hans-Ulrich Wehler

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