OBERFLÄCHENKULTUR // Leider wunderbar: Mac DeMarco, Salad Days


Obacht, ein Hipster-Beitrag! Von den Paradeschnöseln Phoenix als Tour-Support gebucht zu werden, kommt wohl einem zeitgeistlichen Ritterschlag gleich. Und mit seinem aktuellen Album Salad Days folgt der kanadische Singer-Songwriter Mac DeMarco denn auch Kernmotiven modischer Kulturschafferei: der unerträglichen Leichtigkeit des Seins und der Ironisierung alles Unerträglichen. Aber es nützt nichts – ich liebe dieses Album.

Bereits bei Blue Boy, und das ist Track Nummer zwei, war mir klar, ich würde Salad Days tagelang rauf und runter spielen, gleichwohl ich mich irgendwie als unrechtmäßige Besitzerin dieser Musik empfinde. Wie gut, dass dem kleinen Album (sein Umfang beträgt eine süße halbe Stunde) völlig gleichgültig ist, wo es gespielt wird, andernfalls würde es sich in unserem Bonbonfarben-freien Haushalt ohne Dreieck- oder Hirschgeweih-Gedöns wohl etwas fehl am Platz fühlen. Kein Helvetica-Schriftzug weit und breit, keine geometrischen Windspiele vorm Fenster, einzig meine originalen 90er-Jahre-Jutebeutel könnten mit Mühe ein paar Credits einheimsen. Aber egal, in besagten 90ern standen auch Beck (bezüglich DeMarcos eine beliebte Vergleichsperson für die Presse) und Henry Rollins nebeneinander in meinem CD-Regal, ob ihnen das nun gepasst hat oder nicht. Auf diesem CD-Regal lag übrigens ein ungeordneter Haufen Kassetten, auf deren buntbekritzelten Index-Zettelchen sich unter Anderem folgende Namen und Musiktitel fanden:

Gerry Rafferty, Right Down the Line / The Korgis, Everybody´s Got to Learn Sometimes / Fleetwood Mac, Dreams / Al Stewart, Year of the Cat / Neil Young, Heart of Gold / Kenny Rogers, Ruby Don´t Take Your Love to Town / Pink Floyd, Time / Paul Simon, Fifty Ways to Leave Your Lover / J.J. Cale, Call Me the Breeze.

In der Loveparade-Ära natürlich alles geschmackliche Todsünden, aber eben das geschmackliche Vermächtnis meiner älteren Schwestern, und von mir per Tapedeck in mühseliger Sammeltätigkeit beim Radiohören mitgeschnitten. Bis heute bekomme ich angesichts von Softpop-Perlen und 70er-Jahre-Plüschigkeit eine etwas verschämte Gänsehaut, und in den frühen 80ern fühle ich mich ohnehin kinderzimmerwohl.

Als hätte man sämtliche jener Mixtapes zusammen mit dem halben Inhalt des CD-Regals – genau: Beck, aber da waren auch Cake, Pixies, Violent Femmes, Lou Reed und enorm viel Grunge – in einem Mixer getan, so klingt Salad Days. Die abgegriffene Mixer-Metapher musste sein, nämlich der Schrammig- und Schiefigkeit des Klanges wegen: Der Sound kommt zwar urvertraut, aber auch kaputtgemacht daher, die Verzerrungseffekte klingen nach sich anbahnendem Kassettenbandsalat, schwächelnder Walkman-Batterie und dicken Kratzern auf analogen Tonträgern. Herrlich also. Natürlich legt DeMarco damit die selbe Rückbeziehungswut an den Tag, die ich andernorts als nervtötend empfinde: Die vollkommen freie Kombination aus vergangenen Stil-Elementen verbunden mit einem Basis-Paket akuter Trends ist eben der Stil der Zeit, aber solange es keine Prise Originäres darin gibt, kann man seine eklektisch gewählten Referenz-Zutaten noch so hochtourig verquirlen – etwas Eigenes entsteht dadurch doch nicht. Es ist nur so, dass die Liste von Referenzen bei diesem Album so perfekt meinen Nerv trifft, dass ich es unmöglich nicht mögen kann. Ich wünschte übrigens, eine Zeitschleife würde Blue Boy erfassen und im Jahr 1998 auf dem Soundtrack von The Big Lebowski platzieren – soviel zu der Frage, wie sehr ich vielleicht doch selbst rückbeziehungswütig bin. Erwischt.

Textlich betrachtet ist das Album eine Aneinanderreihung postpubertärer Belanglosigkeiten. Geschrieben aus Langeweile, kreisend um Pseudo-Melancholie, undramatische Herz-Wehwehchen und Alltagsstimmungen, sind die Songtexte reinster Wohlfühlkitsch. Voll in Ordnung, denke ich. Ich könnte mich auch, wie sonst, darüber ärgern, dass die kunstschaffende Oberschicht sich mal wieder selbst egal ist – für Augenblicke aber glaube ich tatsächlich, dass DeMarco einfach die kunstschaffende Oberschicht egal ist. Denn mit dem Titel Salad Days ist genau jene schlabberige Gehaltlosigkeit, das Fehlen von Biss, von Brennwert, also die inhaltliche Anspruchslosigkeit, die der Generation Y so vehement vorgeworfen wird, nicht nur perfekt ausgedrückt, sondern perfekt überzeichnet. Ist DeMarco nun ironisierender Hipster – oder doch die Ironisierung des Hipsters? Man beachte, der Mann trägt keinen Vollbart… Wie auch immer: Er steht in meinem CD-Regal. Ich weiß nicht recht, wie seine Nachbarn dort das so finden, aber der gute alte Henry Rollins hat sich mit der Zeit schon an ganz Anderes gewöhnt.


>> Mac DeMarco, Salad Days (Captured Tracks)

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9 Kommentare

  1. Schön geschrieben und beschrieben (z. B. die Bemerkungen zu den Verzerrungseffekten), fängt mit dem treffenden Wort „Paradeschnösel” für die einigermaßen langweilige Band Phoenix auch schon gut an. Aber ich dachte: Vielleicht Mädchenmusik?! Na ja, ich hör mir mal was an.
    Das fehlende g im Loveparade-Absatz könntest Du aber ergänzen, denn selbst eine solche Kleinigkeit fällt bei einer ansonsten glänzenden Sprachumgebung doch zu sehr auf.

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    1. Man soll mit dem g nicht allzu „leichülti“ umgehen. Korrigiert sieht so eine „Tätigkeit“ auch gleich viel besser aus… Ja, „Mädchenmusik“ ist ein gewichtiges Schlagwort im popmusikalischen Kriterienkatalog, aber in erster Linie fallen mir dazu die leider noch immer nicht ausgestorbenen Boy-Bands ein. Außerdem sind wir doch post-postmodern, somit also total post-gender – das habe ich erst neulich in der „Neon“ gelesen, oder war es doch die „Nido“… oder hatte ich nur wieder einen dieser Alpträume, in denen ich mich plötzlich in der Haut einer kreativen Selbstständigen Anfang zwanzig mit Hornbrille und lockerer Hochsteckfrisur wiederfinde?? Ach, wo war ich gerade… Danke für die schöne Kritik!

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  2. top! Brilliant und gern gelesen!
    DeMarco als Kind seiner Zeit trifft es sehr gut, aber ich dachte die postmoderne Verliebtheit in die Pastiche, und selbst die Lo-Fi Elemente werden vintage-gleich verwurschtelt, gehöre auch schon wieder der Vergangenheit an?

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    1. Ja, für den totalen Neuklang fehlen diese Pseudo-Ethno/Neo-Tribal-Elemente – ich denke dabei an Goat zum Beispiel. Aber zusammen mit The War on Drugs und so ist Mac DeMarco noch auf gutem Mainstream-Niveau, oder? Ich bin aber auch eine Schnecke in Sachen Trendwatching…

      Gefällt 1 Person

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