butch anthony

WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Kunst und Knochen: Butch Anthony

Come see curiosities from around the world and beyond! (but mostly from Alabama!)

Mit dieser Einladung wirbt eine Einrichtung für sich, die sich bezeichnenderweise in der Poorhouse Road einer kleinen Ortschaft namens Seale in Alabama befindet, für welche Wikipedia keine tiefergehende Beschreibung liefert als „it is a rural farm and cattle community“.  Umgeben ist Seale von schier endlosem ländlichen Grün, das durchzogen ist von Flüssen, die Watermelon Creek oder Silver Run heißen, und in dem man abseits der einsamen Straßen gelegentlich auf Nachbarorte mit Namen wie Hatchechubbee trifft. Der afroamerikanische Bevölkerungsanteil liegt deutlich über dem nationalen Durchschnitt, ebenso die Quote der Geschiedenen, die Quote der Witwen, die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss. Das Bevölkerungswachstum liegt deutlich unter dem nationalen Durchschnitt, der Heizkostenindex allerdings ebenfalls. Einst gab es eine Terpentin-Produktion vor Ort, wohl auch eine Niederlassung des Militärs in der Nähe, heute immerhin eine private Mädchenschule der Pfingstbewegung, an der 50 Schülerinnen unterrichtet werden. Besucht man Seale per Google Street View, zeigen sich satte Mischwälder, ein Autofriedhof, ausschließlich von Pick-Ups bevölkerte Straßen, Wellblechdächer, moorgesäumte Seen.

Die Liste der berühmten Söhne, die dieser weltvergessene Streifen Erde hervorgebracht hat, besteht aus genau einem Baseball-Spieler der Major League. Angesichts dieser Konkurrenz sollte sich Butch Anthony womöglich in absehbarer Zeit seinen Platz auf der Liste sichern können. Sein selbsternanntes Museum of Wonder jedenfalls könnte dafür sorgen.

Als Junge fand Butch Anthony einen Dinosaurierknochen, der zum Grundstein einer Sammlung wurde, wie sie sich klassischerweise anhäuft, wenn Jungs vom Lande ihre Zeit damit verbringen durch Flussbetten, Waldstücke und verfallene Indrustriegelände zu streunen. Um all seinen Fundstücken einen passenden Rahmen zu verleihen – und wohl auch, weil ein durchschnittliches Jugendzimmer nur begrenzten Platz für rostige Maschinenteile bietet -, zimmerte sich Anthony auf dem weitläufigen Familiengrundstück eine kleine Holzbaracke zusammen, die sich mit den Jahren zu einem Kuriositätenmuseum ausgewachsen hat. Mit vierzehn betrieb Anthony darin eine kleine Taxidermie-Werkstatt, verlegte sich dann aber wieder aufs Sammeln. Bis heute ist er zwanghafter Sachensammler. Zum Inventar seines Museums zählen antiquierte Gebrauchsgegenstände, antropomorphes Gemüse, Fossilien, Bigfoot-Artefakte, rätselhafte Memorabilia, Treibgut-Fundstücke, Schädel, Überbleibsel menschlichen Alltagslebens aus dem 19ten Jahrhundert, regionale Kunst.

In seinem Museum zeigt er neben Selbstgefundenem und Aufgestöbertem aber auch eine üppige Vielzahl seiner eigenen Kunstwerke, die er aus all dem macht, was ihm so in die Finger gerät. Knochen spielen dabei eine große Rolle, nicht nur in gemalter Form: Gehen die Nachbarn jagen, denken sie immer daran, die Tierknochen, für die sie keine Verwendung haben, vor Anthonys Einfahrt aufzustapeln, denn sie wissen, dass er reichlich davon gebrauchen kann. Für Kronleuchter zum Beispiel, oder Garderoben – dem Gestaltungsdrang sind dabei keine Grenzen gesetzt. Aus Knochen also, und aus Holzresten, Draht, verblichenen Verkehrsschildern, Glasstückchen, Pelz, Federn, Stoffresten, altem Hausrat, Autoteilen, kurzum: aus jeglichem Material, das Natur und Mensch so produzieren, entstehen bei Butch Anthony Möbel, Lampen, Kunstgegenstände. Sogar sein eigenes Wohnhaus ist im Verlauf vieler Jahre aus Sammelmaterial und mit viel kreativem Einsatz in Eigenarbeit entstanden.

Die Entscheidung, seine Sammlung öffentlich zu machen, fällte Anthony, nachdem sich das John-Henry-Toney-Steckrüben-Wunder ereignet hatte und sowohl Journalisten als auch Käufer eintrudelten, um dem alten John Henry einen Besuch abzustatten und ein Bild abzukaufen: Der über 80jährige Farmer aus Anthonys Nachbarschaft fand eines Tages eine Rübe, die – für ihn – eindeutig ein menschliches Gesicht besaß, und malte ihr Portrait. Obwohl er zuvor im Leben niemals gemalt hatte, malt er seither ununterbrochen jeden Tag. Gemeinsam mit John Henry Toneys unerschöpflichem Bildervorrat, bildeten die Kunstwerke und Kuriositäten Butch Anthonys von da an also das Museum of Wonder.

Bis hierhin mag alles eher nach der Beschreibung eines morbiden Gruselkabinetts klingen, das ein zivilisationsfeindlicher Hinterwäldler willkürlich zusammengestellt hat. Ganz im Gegenteil: Butch Anthony empfängt gern jeden Besucher, lädt regulär freitags zum Possum Trot – einer Kombination aus Barbecue und Auktion, die jedem Interessierten offen steht und zumindest die Nachbarschaft zusammenbringt – und organisiert darüber hinaus in regelmäßigen Abständen das Doo-Nanny Festival, zu welchem über die Website des Museums folgendermaßen aufgerufen wird:

Come all ye inventors, movie makers, ballerinas, bikers, morticians, bakers, artists, conspiracy theorists, scientists, foodies, eco-whatevers, moonshiners, comedians, fire-spinners, yodelers, he-shes, animal-trainers, pickle-makers, party girls, sock monkeys, stackers, jugglers, musicians, whittlers, spankers, fisherpersons, beggers, wanderers, and map-makers…….

So geht inwischen nicht mehr nur halb Seale bei dem Lebenskünstler ein und aus, sondern ein breites Spektrum meist unprofessionalisierter, aber aktiver Kunstschaffender, die teils von weit her anreisen und sich an diesem Ort mitten im provinziellen Nirgendwo ganz zu Hause fühlen dürfen. Der Begriff Outsider Art ist kein Schlagwort, mit denen Anthony wirbt – vorrangig geht es um sozialen Austausch -, doch genau diesem antiakademischen Kunstsektor sind der Grundgedanke und die Werke, die Anthony schafft oder sammelt, zuzuordnen.

Seitdem das Internet selbst einer Hütte in einer abgelegenen Ortschaft im Osten Alabamas eine weltweite Präsentationsfläche bietet, läuft der Verkauf der Möbel und Kunstwerke hervorragend. Bestellungen erreichen Anthony aus allen Teilen der USA, aber auch aus Übersee. Zum Teil beruht der Erfolg auf glücklicher Fügung, allerdings merkt man dem kreativen Sonderling, dessen breitem Südstaatendialekt mit reinem Schulenglisch übrigens nur schwer beizukommen ist, eine erstaunliche Proffessionalisierungsfähigkeit an. Anthony pflegt regen Kontakt zur Presse und weitet mit einfachsten Mitteln seine Verkaufsplattformen effektiv aus. Und wer sich das bereits angesprochene Do-It-Yourself-Wohnhaus als bunte Bretterbude vorgestellt hat, der kommt schwer ins Staunen angesichts des Traumhauses mit gewaltiger Veranda, das – weniger wegen seiner ungewöhnlichen Bauweise als wegen der geschmackvollen und stilsicheren Einrichtung – häufig Besuch von Lifestyle- und Wohnmagazinen bekommt. Mittlerweile teilt sich Anthony das Haus mit der aus Alabama stammenden Designerin Natalie Chanin, die nach einer erfolgreichen Phase in New York genug hatte vom oft einengenden Großstadtleben und nun, zurück in der Heimat, gemeinsam mit Anthony eine schräge Version von Landleben führt.

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