Dietmar Dath, Feldeváye, Suhrkamp (Sonja Grebe)

KOSMOS AHOI! // Mein geliebtes Dietmarversum

Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, die Menschen werden allgemein lieber getreten als ignoriert. / Liber Severini 8 (S.632)

Ist das so? Muss ich nachdenken. Bei Dietmar Dath ist das allgemein so: Man muss mögen, dass einen da geistig immer etwas tritt, mal beiläufig, mal mit Wucht, dann wieder eher neckisch. Mit Aggression hat das nichts zu tun, vielmehr tobt sich da ein völlig entgrenzter Denk-Impetus aus.

30 Zeilen á 60 Anschläge lautet die Formel für eine Standard-Manuskriptseite – 35 Zeilen á eine Unmenge Denk-Anschläge ist der Standard einer Seite von Feldeváye, diesem im März erschienenen Buch-Monolith. Exakt 800 Seiten, die sich nicht mit Kleinbegriffen abgeben, nein, ein Roman der Letzten Künste, so die Selbstdeklaration. Aber sicher doch. Dath denkt groß, ganz groß, und er darf das, denn er schreibt auch groß. Und wenn er doch über Kleines schreibt, dann bitte extremes Kleines, beziehungsweise kleines Extremes, wie die neuprogrammierten Design-Krankheitserreger des Klemens Erikson, die gewünschte Eigenschaften und Funktionen auf bestimmte Körperteile übertragen. Feldeváye schäumt über vor derlei Einfallsreichtum: eine Kreativlawine. In deren Eingeweiden rollt ein roter Faden zwar irgendwie mit, wird dem Leser aber zu keinem Hauptanliegen.

Die Sci-Fi-Geschichte (aber so genau klassifizieren lässt sich das eigentlich nicht) beginnt mit Klemens Erikson und Severin Rukeyser, die sich aufmachen nach Feldeváye – der Welt, die aus Kunst gemacht ist. Dort hat die Kunst ihr höchstes Stadium erreicht, hat sich selbst überwunden und sich verwirklicht. Wie man sich das vorstellen soll? Genau deshalb sind Inhaltsangaben bei diesem Roman ein so hilfloses Instrument… Das Große und Ganze tritt gelegentlich ins Blickfeld, das genügt – die Einzeleindrücke jedoch machen das Denk-Erlebnis aus. So ist das eben in Daths Romanen.

Häufig nennt die Kritik das anstrengend. Sie hat Recht: Als Leser kann man bewährte Lesegewohnheiten getrost vergessen, das Sprachverständnis benötigt ein Reset, das Gespür für die Entwicklung, die eine Geschichte nehmen wird, versagt, auf räumliche und zeitliche Dimensionen ist ebensowenig Verlass wie auf kulturelle oder naturwissenschaftliche Basisvorstellungen. Sollte man genannte Kategorien heilig halten, fühlt man sich zwangsläufig in seinem literarischen Ethos gekränkt, sobald man an Dath gerät. Nichts funktioniert auf übliche Art, alles irritiert. Großartig! Es braucht nur ein paar Seiten, und mein Kopf fühlt sich von innen wie neu an.

Seit Die Abschaffung der Arten 2008 erschien, habe ich einen Narren gefressen an Daths Romanen, beschäftige mich aber ebenso gern mit dem hoffnungslosen Versuch, Daths extrem produktivem Schaffen irgendwie auf allen Ebenen in Echtzeit zu folgen. Es ist gerade kurz nach drei Uhr nachts, als ich Feldeváye endlich ausgelesen habe – wie bitte soll man tagsüber sowas schaffen? -, und ich frage mich ernsthaft, wie denn der endlos wache Dath das schafft – nämlich zu schaffen, was ich nicht einmal zu lesen schaffe: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Journalismus, Essays, Sachbücher, eine Graphic Novel, Lyrik, Übersetzungen, Audioprojekte, und dann Beiträge, Beiträge, Beiträge, meist feuilletonistisch, aber egal, Dath ist überall. Allerdings bedeutet Menge in Daths Fall nicht Beliebigkeit, sein Output ist von einer klaren Position geprägt: Marxismus bleibt die Hoffnung der Menschheit, deren Untergang der Kapitalismus ist. Da muss man streitbar sein, und das ist er, denn Dath tritt nun mal die Menschen lieber als sie zu ignorieren, zwecks Anregung, Diskussion, Austausch.


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