WILDHEIT > In den Nischen, zwischen den Fugen, im Andersort

Draußen reihen sich geordnete Vorgärten aneinander. Mehr oder minder sorglose Leute führen ihre Hunde Gassi. Der Supermarkt ums Eck ist voll. Niemand da, um mich in ein Geheimgefängnis zu verschleppen, in so ein Kellergewölbe, worin knöchelhoch Blut und Exkremente stehen; auch keine Raubtiere, die Appetit auf mich hätten. Geräuschlose Ruhe. Drinnen fließend Strom, Wasser, Wärme und W-Lan; kein Ungeziefer, keine Schläger, keine Sterbenden. Meine Instinkte dürfen faulenzen, ich brauche nicht zu kämpfen und zu jagen, um zu überleben.

Gebäude, Verkehrsmittel, Bekleidung, Kosmetik: so viel Verpackungsmaterial, damit das Wilde da draußen nicht zu uns hineindrängt, und das Wilde da drinnen nicht aus uns heraus.

Wenn ich in Wald oder Feldmark unterwegs bin, höre ich es manchmal schnaufen, grunzen, quieken. Trotzdem kann ich die Schweine nicht sehen, weiß nicht, wo genau die Rotte gerade steckt, geschweige denn, wie viele Tiere es wohl sind. Ich mache unauffällig, dass ich wegkomme.
Wie oft ich zu nah an Wildschweinen dran war, kann ich nicht abschätzen, sie verraten sich nicht immer, aber ihre Wühlspuren um alte Baumstümpfe herum, ihre Trittsiegel, ihre Fraßspuren am Rübenacker oder Maisfeld markieren doch deutlich, in wessen Reich ich mich da herumtreibe.
Selten kann ich mal einen Fuchs am Knick entlangschnüren sehen. Rehe stelzen durchs Unterholz oder auf freiem Feld herum. Hin und wieder stoße ich auf die rundlichen Fußstapfen der Dachse.
Wenn mir mal jemand begegnet, dann die mehr oder minder sorglosen paar Leute, die ihre Hunde etwas weiter draußen Gassi führen. Tierärztlich gepflegte, täglich vollwertig gefütterte Hunde, die weder durch Jagd, Nachtkälte oder Revierkämpfe, noch durch Arbeit in der Tierhege Energie verbrauchen würden. Hier macht man sie dann von der Leine los, schickt sie ihre übervollen Batterien entladen, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Heute früh habe ich eine Doku über Gurus und Eso-Trends geschaut; neueste Wundermedizin, außerirdisches Heilwissen, spirituelle Reinigung usw. Neben hundert Methoden, seinen Körper zu vergiften und zugleich sein letztes Geld an irgendwelche schlauen Scharlatane zu verlieren, ging es da auch um ein bombastisches New-Age-Festival in Kalifornien, wo abertausende Menschen hinpilgern, um Liebe und Erleuchtung zu erleben. An jeder Ecke vermitteln Workshops den Zugang zum sakralen Inneren/ extraterrestrischen Wissen/ Jenseits/ Inneren Kind/ Heiligen Bimbam, es wird getanzt, getrancet, gesungen und sich nackig gemacht, bunte Lichter und Duftrauch hängen in der Luft.
Ich bin kein Mensch für so was. Massenveranstaltungen kann ich nicht leiden, Rauschhaftigkeit und betonte Blumigkeit sind mir suspekt. Überraschend kommt mir dennoch der Gedanke, ich müsse so was mal mitmachen, wirklich nur ein Mal – nicht aus Überzeugung oder Interesse, sondern aus Jux natürlich. Um des heillosen Spektakels willen. Um sich mal richtig auszutoben beim freien Anti-Selbstkontrolle-Tanz, um mitzumachen beim Urschrei-Orchester, um ungewaschen, ohne Schlaf, ohne Zeitplan von Feuer zu Feuer zu tingeln und mal hier, mal dort bei haarsträubenden Aktionen mitzumachen. Ich, Undercover-Nichtesoterikerin, könnte mich da reinschleichen und zwei, drei Tage lang mithüpfen, mittanzen, mitschreien, die Farben und das Feuer einfach schön finden, den ganzen spiritistischen Blödsinn einfach nicht ernst nehmen, vielleicht selber das Alien, die Hexe oder die Erleuchtete spielen, so wie man als Kind Meerjungfrau oder Polarforscherin spielte (wann hat man bloß dieses Spielen verlernt?), kurz: einfach einen Heidenspaß haben.
Erwachsene, in der Zivilisation lebende Menschen – junge und ältere, gesunde, gebildete, etablierte, durchaus wohlhabende – kommen dort in bunten Schwärmen zusammen. Sie machen sich von der Leine los, lassen ihren Energien freien Lauf, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Zum Glück sind wir in Wirklichkeit ja keine wilden Geschöpfe mehr. Zum Glück besitzen wir diese wertige Zusatzausstattung: Sprache, Ich-Bewusstsein, abstraktes Denken, Feuer machen, Werkzeug, Kunst, Technik, Religion, Wirtschaft, Hygiene, Wissenschaft, Katzenvideos. Sie wissen schon: Kultur.

Ein Turmfalke hat sich damals mal in den Wintergarten meines Elternhauses verflogen, ein großes Weibchen, es trudelte gegen die Scheiben und Deckenplatten, ließ Federn, hechelte panisch. Mein Bruder und ich – Kinder – standen großäugig davor und wussten nicht weiter. Der Vogel wurde immer wilder, immer kopfloser. Als mein Opa mitbekam, welches Spektakel wir da beobachteten, ging er ohne Zaudern in den Wintergarten, nahm sich die Mütze vom Kopf und warf sie dem Falken über. Opa war auf dem Land aufgewachsen, Kleinbauern, neun Geschwister, gespielt wurde draußen, geschlachtet zu Hause – es gab praktisch nichts Organisches, demgegenüber mein Opa je Berührungsängste gehabt hätte. In einer flüssigen Bewegung fasste er das überrumpelte Tier an den Beinen oberhalb der Krallen und warf es, noch ehe es mit dem Schabel nach ihm hacken konnte, direkt in die Luft. Die Flügel griffen in die Luft hinein, fanden Halt in der Luft, weg war der Falke; die Mütze landete nicht weit entfernt im Garten. Ich träumte tagelang von diesem wilden Fächer, diesem wilden Wind.

Das Wilde ist etwas, das uns Angst macht und doch Kräfte verleiht, etwas von ziemlicher Ambiguität. Die Natur um uns, das Rohe in uns sind fürchterlich, aber doch so anders energiereich, mächtig, und wer weiß, vielleicht hat in unserem Reptilienhirn über die Jahrtausende ein Anti-Prometheus überdauert, einer, der auf Abruf bereit ist, das menschliche Feuer wieder auszupusten, sobald ein archaischer Trigger ihn weckt?

Ist das reiner Blödsinn und die Wildheit etwas, was wir der Welt und uns selbst längst gründlich ausgetrieben haben? Etwas, das es auf der Erde nirgends mehr in purer Form gibt, sodass wir schlechterdings auf den Mars fliegen müssen, um uns davon noch einmalig überwältigen lassen zu können?
Oder ist Wildheit doch etwas, das immer war, immer sein wird, um uns und in uns, und das nur halbherzig in die Dunkelkammern verbannt worden ist, wo wir Kulturwesen es ab und an ein bisschen füttern und begaffen?
Ich meine: Machen Sie das Internet weit auf und Sie finden, schon ganz niederschwellig, das wildeste, viehischte, bestialischste Zeug, Menschenfresserei, Sadismus, Missbrauch, Folter usw., Blut, Blut, Blut und Geschrei. Viel Gespieltes, Fantasiertes – und viel Echtes. Das Internet ist einfach nichts für schwache Seelen; vom Darknet, wo ich bitte niemals landen will, rede ich da noch nicht einmal.
Ist Wildheit nicht auch etwas, was wir Kulturwesen generieren, in unseren Anderswelten, Träumen, verbotenen Zimmern? Und was dort lebt – wieviel davon lebt auch auf der anderen Seite, auf dieser Seite, schon seit Langem, oder seit gestern, oder bald, vielleicht ab morgen?

Draußen hat’s ein Igelchen erwischt, platt ziehen sich Stachelpelz und Gliedmaßen und Innereien lang hin auf dem Asphalt. Sofort kommen die Verwerter aus ihren abseitigen Nischen hervor, die Krähen, Elstern, Eichelhäher, nachts dann sicher die Marder, unsichtbar die Kleinstlebewesen. Ein Kind kommt vorbei und bleibt stehen, erschrocken-angeekelt-interessiert.


Foto: Grebe 2020

WILDHEIT > „Pisse und Verderbnis!“

Die Unschuldigen von Michael Crummey ist nicht unbedingt was für Leute, denen Schilderungen von allerlei Körperlichkeiten und allerlei Tiertod auf den Magen schlagen. Eher ein Roman für Leute, die Trost in der Schroffheit finden können.
Neufundlands Küste vor rund 200 Jahren, eine abgelegene Bucht, ein Fischer, seine Frau, die Kinder – daraus hätte man einen hübsch-naturkitschigen Roman machen können, aber der Autor hatte andere Pläne. Es ist kein Spoiler, wenn ich vorwegnehme, dass Vater, Mutter und das jüngste Schwesterchen kläglich sterben, denn das tun sie direkt auf der ersten und zweiten Seite; von hier an bestreiten der elfjährige Evered und seine jüngere Schwester Ada dieses Leben, diesen Roman im Alleingang. Schon den Eltern fiel es schwer, die Familie durchzubringen, und umso unmöglicher erscheint es da, dass die Waisenkinder, einsam wie Adam und Eva, sich gegen Hunger, Kälte, Krankheiten behaupten könnten. Die beiden wissen nichts von irgendwelchen Anverwandten oder Paten, sie lebten mit den Eltern stets auf isoliertem Posten, die nächste Küstenstadt liegt eine Tagesreise entfernt und ist ihnen nur vom Hörensagen bekannt. Sie wissen nicht, was Lesen ist; sie mutmaßen, es sei etwas, womit manche Menschen geboren werden und manche nicht. Das ideelle Erbe der Eltern beläuft sich auf einen bezeichnenden Ausruf der Mutter, den Ada für sich übernimmt: „Pisse und Verderbnis!“ Das übrige Erbe besteht aus der Fischerhütte, dem Hausacker, Vaters Fischerboot und einem Stück vom Meer. Indem die Familie verschwindet, verkleinert sich Adas und Evereds Welt zunächst drastisch, wird in der Folge jedoch größer, mit jedem Schritt, den die Geschwister aus Hunger oder Neugier ins bislang Unbekannte hinausgehen. Sie begegnen der Besatzung eines Handelsschiffs, einem Schreiber und Priester, toten Ureinwohnern, Tieren, sonderbaren Phänomenen, einem Lebemann und Abenteurer, einer gutherzigen Frau, einem kaputten Schiff und seiner wilden Mannschaft, einem toten Schiff.
Die Natur ist dabei ein humorloser Gastgeber. Und Ada und Evered sind keine idealisierten Naturkinder. Die zähen Survivalkids mögen Robben, weil man sie essen kann, interessieren sich für Pflanzen, wenn man sie essen kann, und sie schauen bloß aufs Meer hinaus, um abzuschätzen, wann endlich der Fisch kommt, den es zu fangen gilt – oder das Schiff mit dem bezeichnenden Namen Hope, denn es bringt Vorräte. Der Glanz des Wintereises schmerzt in den Augen, Stürme und Kälte sind lebensgefährlich. Das Jagen ist eine manchmal grausame Sache. Die Schönheit der Wildnis spendet an keiner Stelle Kraft oder innere Ruhe, das ist eher die Aufgabe von Alkohol. Jedenfalls: Jeder lauernden Verklärung des rustikalen, eremitischen Lebens inmitten unberührter Natur geht der Autor entschieden aus dem Wege. Crummey, selbst Neufundländer, romantisiert hier gar nichts, nicht die malerische Küstenlandschaft, nicht die majestätischen Wälder, er liefert keine schwärmerischen Naturschilderungen, würdigt die Natur keines Detailblicks und zeichnet nirgends Bilder eines innigen Einklangs zwischen Mensch und Natur.
Genauso wie der umliegenden Natur stehen die heranwachsenden Kinder auch ihrer inneren Natur, ihren Stimmungen, Gefühlen, Trieben, gegenüber: autodidaktisch und allzu oft am Rande der Überforderung. Den Roman-Titel (im englischsprachigen Original The Innocents) hat Crummey in vorauseilender Verteidigung seiner Hauptfiguren schlau gewählt, auf dass Sie, werte Leserschaft, diese Kinder (bzw. den Autor höchstselbst) bitte nicht vorschnell in die Hölle wünschen mögen. Bedenken Sie: Was darf ein Mensch, wenn da kein anderer Mensch ist, der ihm erklärt, was man nicht darf? Crummey macht kein voyeuristisches Spektakel daraus, wenn die Waisenkinder, bald im Teenageralter, bald als junge Erwachsene, sich körperlich ausagieren. Eine nüchterne, aber keinesfalls grobe Sachlichkeit bestimmt durchgehend den Erzählton und nivelliert alle Geschehnisse. Urteile werden nicht gefällt – die Moral wird, tja, ganz Ihnen überlassen, liebe Lesende.
Und es gibt so einige Moralfragen, die sich stellen. Das Verhältnis zwischen den Geschwistern – kippt das in den Missbrauch? Oder nicht? Die Hope macht jeden Herbst an der Waisenbucht Halt, weil der Vater alljährlich seinen getrockneten Fisch an Bord brachte, als Bezahlung für Vorräte und notwendige Gerätschaften; der Bordschreiber erklärt das dem frisch verwaisten Evered bei seinem ersten Besuch auf dem Schiff, er erklärt ihm auch, dass die Schulden seines Vaters für größere Vorräte auf ihn und Ada übergegangen seien, und er lässt sich von Evered überzeugen, dass die Kinder von jetzt an, wie zuvor die Eltern, das Vertragsverhältnis weiterführen und alljährlich ihren Trockenfisch abliefern wollen. Darf der Beamte das – die Kinder einfach sich selbst überlassen, nach dem Verlust ihrer Eltern, in diesem lebensfeindlichen Nirgendwo? Und sogar Schulden von ihnen einfordern? Wohlgemerkt, um 1800 herum galt ein Elfjähriger durchaus als erwerbsfähig. Dürfen die Seeleute dem Jungen ihren Alkohol andrehen? Der galt schlechterdings ja nicht als Suchtmittel, sondern Lebensmittel und Medizin, nicht wahr? Eines Tages erspähen die Geschwister in Küstennähe ein im Packeis havariertes Schiff, begeben sich auf Schatzjagd und finden an Bord wertvolle Kleidung – aber auch die Belege für einen furchtbaren Überlebenskampf. Was darf der Mensch in höchster Not? Ada und Evered leisten die schwere Versorgungsarbeit, um überleben zu können, Hand in Hand, und sie erbringen diese Leistung zu gleichen Teilen. Weswegen steht es nur Evered zu, über ihre gemeinsame Zukunft zu entscheiden, und Ada nicht? Für alle Frauen, die im Roman Erwähnung finden – allesamt Exemplare von zäher Natur, aber ungewissem Seelenfrieden -, gilt der Imperativ der Versorgung. Was heißt das für die Moral? „Pisse und Verderbnis!“ – warum wohl ist dieser Fluch hier das Erbe der Mütter an ihre Töchter? Wo liegen die Unterschiede, wo die Deckungsgleichheiten zwischen Christentum und Moral? Besitzt der Mensch eine Art Ur-Moral, gewissermaßen naturgegeben? Auch das Durchphilosophieren solcher Fragen überlässt der Autor Ihnen allein.
Erzählt ist das Ganze recht konventionell, und gäbe es da nicht diese mitunter etwas haarigen Moralfragen, sähe man beim Lesen schon direkt eine Netflix-Verfilmung vor sich. Ein Schmöker – der aber seine Dornen hat. Von der archaischen Härte eines, sagen wir, Cormac McCarthy ist Michael Crummey unterdessen ein ziemliches Stück entfernt: Vielerorts, wo die Geschichte leicht ins Bitterschwarze kippen könnte, rettet Crummey seine Kinder dann doch lieber in ein etwas glimpflicheres Schicksal hinüber. Mit Beschönigung hat das weniger zu tun, vielmehr ließe sich schlecht 350 Seiten lang über das Leben zweier Waisenkinder in der kanadischen Wildnis schreiben, wenn die nicht wenigstens ab und an auch mal Glück hätten.
Was genau „Glück haben“ bedeuten soll, das gehört übrigens auch zu diesem Katalog von Fragen, mit denen man hier kinderseelenallein bleibt.


>Michael Crummey, Die Unschuldigen (Eichborn)
Ich bedanke mich herzlich beim Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


Foto: Grebe, 2019

LEBEN AM FLUSS > Ich gehe manchmal dorthin, um dem Fluss beim Fliegen zuzuschauen

Scharnebeck

Es gibt so Momente, da springt einen der Geist eines bestimmten Zeitalters an, legt sich um die Schultern, den Brustkorb wie ein Mantel – kennen Sie das?
Als ich zum Beispiel letztens so eines der verbliebenen Karstadthäuser in Innenstadtlage besuchte, spukte mir dort, im Auf und Ab der Rolltreppenkaskaden, der ideelle Helmut Kohl in Freizeitjacke entgegen. Beinahe hätte ich mich für ein Teeservice interessiert.
Oder als ich dann doch mal „The Irishman“ schaute, durchaus angeödet. Ein dreieinhalbstündiger Abschiedsgruß. Scorsese, De Niro und Pacino – einerseits wurde dieses Dreigestirn hier, für posthume Zeiten, in einem großen, whiskeyfarbenen Klumpen Bernstein fixiert. Andererseits war es so etwas wie das finale relevante Aufglimmen des Norman-Rockwell-Amerika, dieser scheinbar in klare Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ unterteilbaren und zutiefst mit sich selbst beschäftigten, kleinen Welt. Männer in Anzügen, Männer mit Hüten, Frauen in Pumps, Lockenwicklern und Schürzen, Kinder beim Murmelspiel – ein Butterkuchenidyll, gezuckert mit Arbeiterethos, aber düster umrahmt von Ganovenromantik, Kriegsheldenkitsch, Gewalt. Alles an diesem Film – die Story, der Erzählmodus, Licht, Farbe, Kostüme, Szenenbilder, das gesamte Kolorit – alles lieferte diese aus Funk und Fernsehen, in Bild und Ton so vertraute Essenz des 20th Century, die ich bis weit in die 2010er hinein als etwas noch immer Lebendiges, Bestimmendes, Präsentes empfand, wenn auch auf irgendwie großelterliche Art, aber dennoch. Indem ich nun den Fernseher (sic) ausknipste und dieses spezifische Amerika von der Bildfläche verschwand, ging mir erst auf, wie obsolet es wirklich ist – sein Übertritt aus der Realität heraus und hinein in die Sagenwelt der Weltgeschichte ist längst abgeschlossen, und dieser Film ist nur eines seiner unzähligen Denkmäler.
Oder in diesem kleinen Laden am Marktplatz, wo ich neulich die Batterie einer Armbanduhr wechseln ließ. Kein „Juwelier“, sondern „Schmuck- und Uhren-Service“ – klang vielleicht modern, damals. Während sich ein freundlicher Herr am Uhrgehäuse zu schaffen machte, verfolgte ich das Ticken einer Wanduhr im Verkaufsraum, deren Zeiger zwar im Uhrzeigersinn vorangingen, nur zählte das Ziffernblatt dabei die Uhrzeit rückwärts, und diese spielerische Rückwärtsgewandtheit beschrieb einfach alles. In meiner Gegenwart, die von einer Armee von Smartwatches gemessen, vermessen und ausgewertet wird, wirkt jede analoge Uhr wie ein Fossil; ebenso prähistorisch wirkte das Ladengeschäft an sich, mit seiner salz- und pfefferfarbenen Auslegeware, der Raufasertapete und der Neonröhrenbeleuchtung. Reine Vorjahrtausendwende-Luft, Marke Kleinstadt. Mir war, als hörte ich ein Radio, sehr leise, gedämpft, aus einem Hinterzimmer vielleicht, und ich meinte, es spielte „Spending My Time“ von Roxette.
Oder beim Spaziergang entlang des Schiffshebewerks des Elbe-Seitenkanals in Scharnebeck – ab und zu komme ich dort vorbei.
Der Elbe-Seitenkanal verläuft durchs östliche Niedersachsen und verbindet Mittellandkanal und Elbe. Nördlich hinter Lüneburg fällt die Landschaft abrupt ab, der Geestrücken endet hier und der „Heide-Suez“ (regionale Wahrzeichen erhalten unvermeidbar ihre Spitznamen) muss an dieser Stelle einen Sprung von 38 Höhenmetern überwinden. Der Kanal mitsamt Schleusen, Sicherheitstoren und Schiffshebewerk wurde Mitte der Siebziger nach achtjähriger Bauzeit eröffnet – ein brachiales Mega-Projekt aus der goldenen Ära brachialer Mega-Projekte des Westens. Bei seiner Eröffnung war das Doppelsenkrechthebewerk in Scharnebeck das größte Schiffshebewerk weltweit.
Natürlich ist dieser Kanal keine Schönheit. Er ist ein funktionales Monster, eine Wasser-Autobahn. Ein über 100km langes Elend, und zur Breite der Wasserstraße kommt, insbesondere im Elbe-verbundenen Teil, noch eine wuchtige, sehr hohe Eindeichung hinzu, sodass der bauliche Einschnitt also lang und breit die Landschaft dominiert. Ohne Frage ist das Schiffshebewerk für sich genommen ein ebenso monumentaler und nicht eben lieblicher Anblick.
Ich stehe seltsam gern mitten im Hebewerk, im Durchgang unterhalb des oberen Einfahrtbeckens, über mir tausende Tonnen Stahlbeton und Wasser, hinter mir die glatte Schnittkante quer durch die Landschaft und die unterm Hebewerk hindurchführende Straße, und schaue durch die vertikale Flucht zwischen den betongrauen und roten Türmen hinaus ins Blaue. Von diesem Punkt aus kann man dem Schiffsfahrstuhl aus nächster Nähe bei der Arbeit zusehen. Innerhalb der vier Reihen von Führungstürmen transportieren zwei gigantische Tröge die Schiffe hinauf oder hinab. Das mag für Sie womöglich nicht nach Nervenkitzel klingen, aber wissen Sie: Wenn man in einen der 100m langen Tröge hinabschaut und verfolgt, wie ein großes Kanalschiff einfährt und sich im Wasserbecken zurechtmanövriert, die Schiffsmotoren irgendwann verstummen, das Einfahrtstor sich schließt und damit ein wirklich gewaltiges Stück Fluss abtrennt, und wie sich nun die Elektromotoren in Gang setzen und, überraschend geschmeidig und gar nicht dröhnend laut, dieses Stück Fluss sich einfach hebt, nach oben schwebt, direkt vor Ihrer Nase emporfliegt (ein bisschen Wasser schwappt immer über, die Gischt sprüht Ihnen ins Gesicht), 10 Meter hinauf (die stählerne Stirnwand des Trogs ist langsam an Ihnen vorübergeglitten, sie schauen jetzt unterm Trogboden hindurch in die plötzlich blendend blaue Landschaft hinaus), 15 Meter, 20 Meter – jedenfalls: Wenn einen dieses Bombastikum nicht erschlägt, dann weiß ich’s auch nicht.
Das universalmörderische 20. Jahrhundert: erschlagende Technik, erstickender Beton. Alles beherrscht von Kriegslogik. Beide Weltkriege stets im Hinterkopf, wollte man nun den Krieg der Systeme auf dem Schlachtfeld Technik-Infrastruktur-Wirtschaftswachstum entscheiden. Der Bau des Elbe-Seitenkanals wurde notwendig, weil der früher genutzte Wasserweg zwischen Mittellandkanal und Elbe, über Magdeburg verlaufend, leider bald hinter einer Mauer lag; Ausgleich musste her, und bitte gleich mit Renommierpotenzial. Das Bauprojekt schwang jedoch nicht allein die ökonomische Keule in Richtung der DDR, sondern auch die militärische: Man plante den Kanal als Teil der Westverteidigung, als strategische Barriere. Die Kanalböschungen wurden so angelegt, dass sie in bestimmten Abschnitten für Panzerverbände in West-Ost-Richtung querbar wären, in Ost-West-Richtung jedoch nicht; die zivile Wasserstraße ist teils noch heute ausgestattet mit Sprengschächten und Panzersperren.
Was durch diese Anlage fließt, ist der pure Geist des Atomzeitalters. Ein alles andere als milder Geist. Sie wissen schon. Strahlend, hungrig, rigide, getrieben, befehlshaberisch, visionär, gefährlich, verheißungsprall, drastisch, prometheisch, fortschrittssüchtig, gut-und-böse.
Zugleich empfinde ich dieses Ungetüm im Ganzen und den Abschnitt Schiffshebewerk im Speziellen als etwas Erdendes, tatsächlich, ja. Ein sehr großes Fossil aus einer im Grunde sehr kleinen Welt – verglichen mit der heutigen, nicht wahr?
Diese nur-analoge Welt, wo ich meine Kindheit verbrachte (2000 wurde ich volljährig) und die mir lieb war, steht mir heute halb traulich, halb entfremdet vor Augen. Um hinter diese Entfremdung durchs eigene Älterwerden und das allgemeine Anderswerden der Welt zurückschauen, zurückfühlen zu können, muss ich nicht unbedingt Familienfotos von 1987 durchstöbern, sondern meinetwegen eben so ein Schiffshebewerk besuchen. Dieses Ungetüm hier wurde auf Papier entworfen, geplant und kalkuliert. Die Leute setzten sich an ihre Arbeitstische und zeichneten Pläne, berechneten Massen und Kräfte, schrieben Anträge und Aufträge. Mag sein, dass die eine oder andere Schreibtischschublade ein Herrenmagazin, einen Flachmann oder eine Schachtel Weinbrand-Pralinées beinhaltete, aber zwischendurch getwittert wurde hier nicht. Das soll keine Spitze gegen die heutige Bürowelt sein. Man lebte eben im Konkreten.
Die ehedem stets mitgedachte Welt war aus Vergangenheit, gesellschaftlichem und individuellem Erfahrungsvolumen gemacht. Fotografie, Radio und Fernsehen waren bloße Vorboten einer viel tiefgreifender veränderten Weltwahrnehmung: Die stets mitgedachte Welt heute ist das Internet, diese uferlose, ubiquitäre Welterweiterung, dieses im Grunde unbegreifliche Multiversum.
Das 20.Jahrhundert – mir kam das früher vor wie eine Schulstunde, die es einfach abzusitzen galt, zwei Tage vor Ferienbeginn. Ich bin ein Kind der 80er, für mich war dieses Jahrhundert gelaufen, ich könnte da, so auf den letzten Drücker, gefühlt eh nichts mehr gestalten. Gewissermaßen verbrachte ich meine Jugend damit, mich von meinem analogen, meinem westlich orientierten, von Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ bestimmten, in Zigarettenrauch gehüllten Jahrhundert zu verabschieden. Das 21.Jahrhundert aber steht mir immer deutlicher bevor wie eine Matheklausur, die über meine Zulassung zum Abitur entscheidet, d.h. über mein weiteres Existieren auf einem rundum nicht wiederzuerkennenden Erdball, und wissen Sie, ich fürchte mich wirklich sehr vor Mathematik. Bis hierhin ist dieses Jahrhundert eine schon längst viel zu komplexe Gleichung für mich, die mit Termen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klima, China, Konzern-gesteuerter Politik, Pandemie, veränderter Kommunikation, veränderter Kognition, weißen Turnschuhen, Swag und Populismus, Gentechnik und A.I., und die Liste geht beliebig weiter, arbeitet. Als Erwachsene des 21.Jahrhunderts denke ich in einem permanenten, sehr lauten Strudel von Satzfetzen, Fragen, Aussagesätzen, Ausrufesätzen, Tönen und Bildern, denke stets die konkrete und die erweiterte Welt zugleich, und aus diesem Strudel heraus bilden sich immer neue Gedanken, ganz ähnlich also, wie sich auch Träume bilden, als ein Nebenprodukt, wenn das Gehirn rauschhaft seine sämtlichen Datenbestände auf einmal verarbeitet – ich meine, mein Gehirn selbst funktioniert nicht mehr wie das 20., sondern vielmehr wie das 21.Jahrhundert.
Ich verstehe gut, woher solche Sehnsucht nach einem Aufgehobensein im Konkreten, im Kleinweltlichen kommt, wie sie besonders dort, wo sie am wenigsten erfüllt wird, epidemisch zu Tage tritt: im Internet. Ich verstehe das so gut, dass es mich umso persönlicher ärgert, wenn sich jemand auf einen Baseballschläger oder das Alte Testament oder welche stumpf-plakative Lösung auch immer stützt, um diese Sehnsucht zu bedienen. Dieser Selbstbeschiss – auf Kosten anderer, auf Kosten aller.
Das Schiffshebewerk, wissen Sie, ist längst eingerüstet, seine Sanierung ist im Gange. Derzeit ist nur einer der beiden Tröge noch fahrbar; die Bauträger zerbrechen sich die Köpfe, mit welchen Lösungen sich das Ungetüm, das an Betonkrebs leidet, retten ließe. Ich bin gelernte Buchhändlerin, bin dem smarten Digitalkram meiner Zeit nicht gewachsen und besitze durchaus noch weitere fossile Qualitäten; ich stehe oft da und beobachte, wie dieses mächtige Ungetüm einerseits einen Fluss fliegen lässt und zugleich doch im Sterben liegt, was winzige Menschenhände mit mühsamen, akribischen Eingriffen verborgen hinter Bauplanen verzögern, und denke dabei: Du und ich, Ungetüm.
Der Bundesverkehrswegeplan 2030 sieht den Neubau einer Schleuse vor, direkt neben dem Schiffshebewerk. Noch größeres Volumen soll bewegt werden, noch effizienter, dabei so umweltverträglich wie möglich, und bitte ohne verheerende Kostenexplosion; hier wird entworfen, geplant und kalkuliert, dass die Heide wackelt.
Auch ich muss mich ans Rechnen machen. Es nützt nichts. Egal ob man sie nun fürchtet oder nicht – es geht kein Weg vorbei an der komplexen Mathematik der Gegenwart und Zukunft, für niemanden.


Foto: Grebe, 2020

LEBEN AM FLUSS > Roland Schimmelpfennig, Die Sprache des Regens

„Petja hatte sich den Fluss hinuntertreiben lassen, allein, in der Dunkelheit. […] Er war ans Ufer geschwommen, unten bei der Mündung des Flusses. Diese Stelle nannte man den Blinden Mund. Es war eine warme Nacht. Petja kletterte hinaus ans Ufer und verschwand im Dickicht.“
Es gehört sich so in dieser kargen, deprimierenden Anderswelt, die Schimmelpfennig da entworfen hat, dass Jugendliche am Vorabend ihres 15. Geburtstages von der großen Eisenbrücke hinab in den Fluss springen. Ein bisschen so, als tauften sie sich selbst. Nach ihrem Sprung ins kalte Wasser, schwimmen sie, nun als Erwachsene, an Land zurück, um zu feiern. Auf Petja allerdings warten die Freunde nach dem Sprung vergebens.
„Sie hatten in die Tiefe gesehen, über Stunden, sie hatten nach ihm gerufen, aber er war nicht zurückgekommen.“
Ich verstehe das gut, Petja.
Die Gegend-am-Fluss ist eine abseitige, beschädigte, feindselige Lebenswelt. Law und Order liegen in den Händen einer Polizeieinheit, die zu Recht gefürchtet wird. Offenbar herrscht strenge Gesinnungspolitik. Die genaueren Umstände belässt Schimmelpfennig jedoch im Dunkeln, im Abstrakten, und so müssen, na, dürfen Sie sich Ihre eigene Deutung der Dinge zusammenstricken: Ist das hier eine Dystopie, eine Geschichte à la „Was wäre, wenn der Zweite Weltkrieg (…)“, eine Parallelwelt usw.? Auch die Figuren wollen es Ihnen nicht zu einfach machen und halten mit ihren Identitäten hinterm Berge. Obwohl immerhin ihr Bindungsgeflecht nach und nach klar wird, bleiben sie für sich genommen doch Gestalten, denen man nie so recht unter die Haut schauen kann, Spielfiguren, Symbolträger, Märchenmenschen. Jedenfalls: Sie befinden sich hier an einem Ort, wo Sie, da wette ich drauf, in irgendeinem Traum schon einmal gewesen sind.
„Die Stadt auf dem Meer war schwarz und turmhoch, ein Gebilde aus Eisen und Stahl, aus Schrauben und aus Nieten, ein Berg aus Rohren, Gängen und Treppen, und die Stadt hinterließ, nachdem sie an ihnen vorbeigezogen war, auf dem Wasser einen Film aus Öl. Die junge Frau und der Mann saßen auf den Felsen am Meer, nicht weit von der Flussmündung, und sahen der Stadt nach, bis sie in der Ferne verschwunden war. Hinter den beiden Gestrüpp, Grün, eine leichte Anhöhe und dann zugewachsenes, kaum zu durchdringendes, flaches Land. Dazwischen ein paar kleine Brachen. Die Hitze. Eine Straße. Der Fluss. Weit entfernt: einzelne Häuser, Wohnblöcke und dahinter die Felder, die Fabriken, die Raffinerie und das Stahlwerk in der Ebene.“
Adam und Eva sind es nicht, die da sitzen, sondern Isabel und ihr Freund Philipp. Sie sind auf dem langen Weg in Isabels Heimatstadt, zwecks Familienbesuch. Nicht, dass sie uns dabei an die Hand nehmen und in der Stadt-am-Fluss herumführen würden, aber sie bringen uns hin, setzen uns dort ab, und ab hier bewegen sich die städtischen Schauplätze und unterschiedlichen Zeitebenen munter hin und her. Toni, wie er eine Leiter baut, eine lange Leiter, eine sehr, sehr lange Leiter, nur wozu? Philipp, wie er sich in den Wohntürmen einer Hochhaussiedlung verirrt, einem senkrecht stehenden Labyrinth, auf der Suche nach einem bestimmten Zimmer. Julia, die Kanarienvögel hütet und außerdem eine Schildkröte, einen Schlittenhund und einen zugeflogenen Pelikan. Die Straßenschlacht nach der Schließung des Kinos. Die Vertriebene in ihrer Hütte am Fluss.
Fragen Sie nicht – projizieren Sie frei drauflos, das braucht dieser Roman. Der will Ihnen nichts Staatstragendes vermitteln, sondern ein bisschen herumtricksen in Ihrem Kopf, Sie ins Träumen versetzen; er produziert die nötigen Bilder, und die müssen Sie nur noch auf die Beine stellen und zum Laufen bringen. Oder zum Schwimmen. Eintauchen, treiben lassen, mehr müssen Sie gar nicht machen. Wissen Sie, Sie sind hier am Fluss.


>Roland Schimmelpfennig, Die Sprache des Regens (S.Fischer)


Foto: Grebe, 2020

LEBEN AM FLUSS > Flusstausch

Habe zuletzt Aue und Beeke eingetauscht…

…gegen Elbe und Ilmenau.

Die dörflichen Fließgewässer sind natürlich viel vertrauter, jeder Brückenpfeiler persönlich bekannt, jeder Stichling quasi Familienmitglied. Dagegen lassen sich die größeren Flüsse hier im Umland nicht so einfach lückenlos ausforschen. Das ist natürlich ein bisschen traurig. Aber genauso gut kann man darin ja gerade den Reiz an der Sache sehen und drauflos stromern.

Ganz unabhängig davon, welche Wasserströme und Stromergewässer Ihnen nun am liebsten sind, kann ich nur empfehlen, sich nicht zu sehr an einen bestimmten Fluss zu klammern – er wartet nie, er zieht unaufhörlich weiter, er bleibt ewig ein anderer. Wenn Sie „Ihrem“ Fluss nahe kommen, gewissermaßen seinem Wesen auf die Pelle rücken wollen, dann machen Sie keine Fotos. Machen Sie’s wie er, warten Sie nie, seien Sie so ein Ziehen und veränderliches Bleiben, und schon kommen Sie damit seinem, aber nicht nur seinem Wesen an sich, in sich fürchterlich nah.


Fotos: Grebe

PUBERTÄT REVISITED > Mittelmaß, Riesenspaß

Flattery

Nicole Flattery, Show Them a Good Time. Acht Stories zwischen Job, Partnerschaft, Kindheit, Einsamkeit, Erwachsenwerden und Dating, zwischen flapsig und schmerzlich, zwischen sprühender Vitalität und Depression. Ich lese das jetzt zum zweiten Mal und stelle mir allerhand Fragen. Auch: Warum gab es dieses Buch 1997 noch nicht? Das ist eine ungültige Frage – Nicole Flattery ist Jahrgang 1990. Aber das macht es ja nicht weniger bitter!
Ich hätte diesen Tonfall gebraucht, so mit 15. Ich hätte mich schlagartig ermutigt gefühlt. Ehe jetzt Missverständnisse auftreten: Show Them a Good Time ist keine Erbauungsliteratur. Und es fällt auch ganz und gar nicht unter Coming of Age; in dieser Kurzgeschichtensammlung trifft man auf Mädchen und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, die sich ihrerseits nicht sonderlich mit Altersfragen beschäftigen. Nebenbei bemerkt fand ich es, als ich 15 war, unfassbar langweilig, Coming of Age zu lesen, ausgenommen den Fänger im Roggen, klar. Was ich mit 15 an diesem Buch hätte gebrauchen können, das ist sein unbedingter Mut, das banale, alltägliche Unbehagen zu erforschen. Den hatte ich nicht. Den hätte ich nötig gehabt.
Losgelöst von ihren vollkommen verschiedenen Settings und Figuren, befassen sich die Stories im Kern allesamt mit Misstönen, die unseren Alltag zieren wie Wespen den Apfelkuchen. Dabei halten sich die Stories nicht mit Gejammer auf – nirgendwo Genöle oder Befindlichkeitsduselei. Es sind Alltagsgeschichten, mal aus dem Alltag glanzloser Gestalten, mal aus dem Alltag etablierter Erfolgsfrauen (und in Anklängen möglicherweise Flatterys Biographie entlehnt: Die gebürtige Irin hat Film und Theater studiert, wie auch Natasha in Abortion, A Love Story, hat selbst Erfahrung im prekären Jobben, wie viele der Protagonistinnen, hatte mal als Assistentin einer Top-Literaturagentur in New York den großen Senkrechtstart vor Augen, nur um sich nach ein paar Monaten, senkrecht gefeuert und restlos pleite, zurück in die Heimat zu verkrümeln, was sie vielleicht mit dem geschundenen New Yorker Bürofräulein in Track oder dem Ex-Showbiz-Girl in Show Them a Good Time verbindet). Und gleichzeitig sind es Traumgeschichten, denn diese Alltage sind stets durchzogen von einer Spur Irrealität.
Die Titel- und Eröffnungsgeschichte, Show Them a Good Time, konfrontiert Sie direkt mit dieser speziellen Art der Realität, die bei Flattery herrscht, und wenn Sie sich in dieser merkwürdigen Garage, dem Schauplatz der Geschichte, nicht zuhause fühlen können, brauchen Sie das Buch eigentlich auch gar nicht weiterzulesen. Diese Garage ist so etwas wie ein Tankstellenshop oder Minisupermarkt, ein kläglicher Raum jedenfalls, wo zwei Menschen im Rahmen eines diffus bleibenden Projekts arbeiten, das an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erinnert – eine gescheiterte Schauspielerin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, und ein 19jähriger ohne Potenzial. Mag sein, dass das mit der Schauspielerei eine reichlich geschönte Geschichte ist, aber egal, die Erzählerin hat jedenfalls eine wilde Zeit in der großen Stadt hinter sich gebracht und ist, nachdem irgendwann die Träume und das Geld versiegt waren, zurückgekommen in die Heimat, in die Kleinstadt, zu den Eltern.
‚My parents had a fierce bond I admired. They had refined the habits of the long-married – saying nothing an then saying everything twice. […] There was a strange, daily pattern: amble down the street; go to the supermarket; wave at a slight acquaintance; glance at the same patch of sky; come back home. They had seen boredom, stared it straight down, and survived.‘
In den Regalen der Garage befindet sich nichts als drei Dosen ungewissen Inhalts und eine Zimmerpflanze.
‚ „Stop cuddling the plant,“ Kevin often suggested. „I’m just holding it,“ I lied.‘
Ein arbeitsloser Kühlschrank summt vor sich hin, die seltenen Kunden, die etwas kaufen möchten, werden freundlich begrüßt, nur um dann entschuldigend weggeschickt zu werden. Reine Kulisse. Die gewünschte soziale und berufliche Eingliederung: reines Theaterspiel. Die Erzählerin, schauspiel- und enttäuschungserfahren, durchschaut das natürlich instinktiv. Kollege Kevin dagegen legt sich leidenschaftlich für Kundenzufriedenheit und Umsatzsteigerung ins Zeug, aus echter Überzeugung. Privat widmet sich Kevin übrigens mit demselben Furor dem Fernsehen, den Filmen, Soaps, Sitcoms… Naive Jugend. Während das ominöse Job-Projekt ohne Aussicht auf gutes Ende vor sich hin läuft, plaudert die Erzählerin über ihr Leben in der Großstadt als Freundin eines mittelmäßigen Regisseurs, was sich bedenklich nach einem Leben als wandelnde Anzieh- und Gummipuppe anhört. Oder über die Projektmanagerin, sozusagen die Chefin der Garage, eine Figur irgendwo zwischen Personalwesen und Inquisition, wie sich bereits im Bewerbungsgespräch fürs Garagenprojekt zeigt:
‚Management interviewed me – bizarre questions through an inch of plexiglass: How long, in hours, have you been unemployed? Did you misspend your youth throwing stones at passing cars? […] The interview was an all-nighter, designed to break my spirit and ensure I pledged organisation and responsibility for the rest of my days.‘
Oder über ihre alten Freundinnen in der Kleinstadt:
‚My friends, what remained of them, were sweet girls – transparent, tame – but likeable. I assembled us together in a bar for one sorry night. Since we grew up with mothers who sat, dour, over their annual wine, we all drank like our fathers. It was our great generational decision.‘
Alles in dieser Story scheint banal, alles an dieser Story scheint vorhersehbar. Nichts da. Ich verbringe sehr viel mehr Zeit damit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen als erwartet. Ich plumpse in Abgründe – fast unbemerkt, weil sie mit so unterhaltsamer Zuckerwatte gepolstert sind. Es geht um dumme Sehnsüchte, die nichtsdestotrotz herzzerfressend in uns kochen. Um den seelisch schmerzhaften Abgleich der Realität mit Idealbildern. Um körperlich schmerzhafte Langeweile. Den unbeholfenen Umgang mit Enttäuschungen. Um Figuren, die ihre Scham – so ein generalisiertes Schamgefühl, das emotionale Hintergrundsummen der Ewig-Mittelmäßigen – mit mir teilen.
Flatterys übrigen Figuren ergeht es anders, aber nicht rosiger. So bemüht sich etwa die tapfer lächelnde Hauptfigur in Parrot – frisch verheiratet, gut situiert, gerade auf Auslandsjahr in Paris – um ein harmonisches Auskommen mit dem Kind ihres Mannes aus erster Ehe und kriegt es doch nicht zustande. Genauso schief und kläglich verbiegt sich die Erzählerin in Hump. Ausgehend von der Beerdigung ihres Vaters, breitet sie das schmale Panorama ihres Alltags aus – Büro, Restaurant, Zuhause, Büro, Restaurant, Büro, Zuhause, Zuhause, Büro.
‚My career had taken a sinister turn and I had started to keep an eye out, like you do for a new lover, for other things I could try. There weren’t many. All jobs seemed to contain one small thing I just could not do. It was maddening.‘ (Dieses hirnzerfressende Auf-der-Stelle-rudern, oh, ich kenne das.)
Beziehungen oder Liebschaften bringen auch kein Licht ins Dunkel, nein. In dieser wie in allen übrigen Geschichten sparken die männlichen Figuren leider nie wirklichen Joy:
‚He looked like a small town I might live in and die.‘
Eine Beerdigung markiert einen Abschied, oft auch Abschied von einem vertrauten Gefüge, einer gewohnten Ordnung. Was sich im Leben der Erzählerin nun verändert, ist erst einmal sie selbst: Sie verformt sich, verkrümmt sich; ihr wächst unerklärlicherweise ein Buckel, was aber niemand zu registrieren scheint. (Dieses Gefühl von Deformation im Stillen, in Umbruchsphasen, die keinen im Umfeld interessieren oder beeindrucken, oh, ich kenne das.)
Alle acht Stories funktionieren auf dieselbe Art: Sie drücken zielsicher auf Schmerzpunkte und sind zugleich ungemein witzig. Rohes Fleisch, paniert mit Humor.
Anders als es mir die 90er, die Blüte des Ironie-Zeitalters, von Jugend an eingetrichtert hatten, ist der staubtrockene Witz hier nicht dazu da, um Emotionen zu entwerten, einfach jegliche Gefühlsregungen bloßzustellen und sich arschcool von ihnen zu distanzieren – sondern, im Gegenteil, um jede Gefühlsregung bloßzulegen, auf dass ihr Wert nicht länger unter den Ironie-Teppich gekehrt werde.
Witz kann dabei helfen, wichtige Dinge auszusprechen, die ansonsten im Halse steckenbleiben würden. Den Witz hingegen zu nutzen, um die Dinge lächerlich zu machen, pauschal und unterschiedslos, und sich somit ihre Wichtigkeit vom Hals zu halten, war und ist ein typischer Reflex meiner Loveparade-Generation. Wenn ich alles gleichermaßen auslachen kann, dann besitzt nichts mehr Bedeutung, und wenn es keinerlei Bedeutung mehr gibt, kann ich endlich ungestört das einzige pflegen, was überhaupt noch existiert: meinen Spaß. Meine Unterhaltungselektronik, meine Turnschuhe, Beauty und Wellness, Essen und Trinken, Stars und Sternchen, mein Haus, mein Auto, meine Frau; Sie wissen schon. Nach den 68ern, den Hippies, Theoretikern und Ideologen, dem Deutschen Herbst, der Neuen Subjektivität, den friedens- und umweltbewegten 80ern und schließlich dem Umbruch der allgemeinen Weltordnung war der spaßige Nihilismus der 90er wohl ganz einfach die logische Gegenbewegung. Ein großes Ausatmen nach so viel Kampf und Krampf. Ein Rückfall in infantilen Hedonismus nach so viel Selbstermächtigung, Mündigwerdung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe. Sisyphos, der den Stein einfach kullern lässt – keinen Bock mehr.
Ironischerweise war Spaß während meiner Gymnasialzeit, in der sich vordergründig alles ständig ums Spaßhaben drehte, echte Mangelware. Unter uns SchülerInnen herrschte ein trockener, ironischer bis sarkastischer Ton, der alles planierte, was echt an uns war. Lachen war verpönt, aber auslachen ging immer. Mitunter frage ich mich, ob ich den 90ern da eventuell unrecht tue: So lieblos, gehässig, gekünstelt kommt mir das rückblickend vielleicht vor, aber sicher gehe ich da bloß einer Art umgekehrter Nostalgie auf den Leim, anstatt zu einer positiven Verklärung der Vergangenheit neige ich einfach zu einer negativen, nicht wahr? Generell sind Jugendliche untereinander ja nicht unbedingt gnädig, egal in welchem Jahrzehnt, und auch mein Zuhause, das Hannoveraner Umland, war halt nie berühmt als Hort von Frohsinn und Herzlichkeit. Doch ab und an stolpere ich über, sagen wir, eine alte Folge TV-Total oder Filme wie Pulp Fiction, Mission Impossible 1 oder Matrix, über Zeitdokumente also, und ich empfinde jedes Mal, während ich mir das so anschaue, diese zwanghafte, manierierte Coolness, diese Steifheit, Plastikhaftigkeit, Schablonenhaftigkeit, Oberflächlichkeit, Überreiztheit, Pseudolustigkeit tatsächlich als Kerneigenschaften der 90er.
Entsprechend verkniffen gestaltete sich der allgemeine Habitus meiner Jahrgangsstufe, der Dress-Code wurde penibel kuratiert, Worte landeten grundsätzlich auf der Goldwaage, Empathie war was für Muttis, alles, was irgendwie lebendig war, war automatisch albern, lächerlich, peinlich. Moral: Steh lässig rum, Mädchen, zeige niemandem, was du gern hast oder fürchtest, spuck auf die Uncoolen, sei selbst keine von den Uncoolen, sei smart und schön, sei um jeden Preis unter den Smarten und Schönen, sie spucken sonst auf dich.
Wenn es für smart und schön aber nicht reichte, war ja immerhin noch intellektuell eine halbwegs rettende Option. Für diejenigen, die damals wie ich nachts MTV schauten: Ich war Daria Morgendorffer. Und Jane Lane. Ich malte, ich zeichnete, ich las, ich notierte, ich weltschmerzte mich durchs Gymnasium. Ich pilgerte in Kunstmuseen, ich las mich systematisch durch die Literaturnobelpreisliste, konnte aus der Orestie zitieren, schrieb meine Englisch-Facharbeit über Ulysses, und ich dachte, ich täte diesen ganzen Quatsch, weil es mir Spaß machte. Natürlich tat ich das, weil es mir eben lag und damit einen praktikablen Weg darstellte, um nicht blöd auszusehen, bloß nicht der Bauerntrampel zu sein, mich bloß auf einer Höhe halten zu können, von wo aus es sich gut auf Blödere spucken ließe. Und schließlich war es eine bildungsbürgerlich anerkannte, eine schulischerseits sogar begrüßte Realitätsflucht – ab in den Elfenbeinturm!
Ich hatte damit meine Rolle an der Schule gefunden und war in dieser Rolle ziemlich unangreifbar. Ich machte mich prima als klugscheißendes Unikum, das den Deutsch-LK im Alleingang gestaltete UND alle Jungs unter den Tisch trank. Zu Hause, in meinem Kämmerlein, schrieb ich Texte, die im Ton mal Hermann Hesse, mal Quentin Tarantino nachahmten.
Was ich eigentlich hätte schreiben müssen, das wären Texte über meine Mutter gewesen, Texte über das schale Gefühl, wenn man Menschen anlog, die man liebte, Texte über die Scham, wenn man wieder einmal Spucke abgekriegt hatte (wörtlich gemeint), Texte über die seltsame Angst, dass irgendwie gar nichts wirklich zählte, und über den Schock, wenn es dann wirklich einmal um etwas ging, was zählte, Texte über Kittelschürzen und Kaninchenbraten, über ABBA und Queen, über Katheter und Dekubitus, Texte über Freunde, die nichts taugten, und über die Erkenntnis, selber auch nicht besser zu sein, Texte über UNS und MICH.
Rainer Dorner, Dozent an meiner Berufsschule, sagte über die formal strengen und inhaltlich irgendwie toten, diese sterilen Gedichte Stefan Georges immer sehr schön: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Wenn ich später in eine hübsch-ästhetische, hochtrabende Doku über Hermann Hesse oder in einen Tarantino-Film hinein zappte, oder wenn ich DJ Bobo im Radio mal wieder „There Is a Party“ singen hörte, oder wenn ich Party-Fotos aus meiner Oberstufenzeit in die Finger bekam, oder wenn ich schon wieder einen Stapel Christian Kracht für den nächsten Deutsch-LK ans Lager bestellte, dachte ich mir öfters: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Meine 90er, diese zügellosen Spaß-Jahre, das waren für mich die gefrorenen Jahre (Sie dürfen bitte Kafkas Axt an dieser Stelle einmal im Schrank lassen).
Zeig ihnen, wie man Spaß hat lautet der deutschsprachige Titel von Flatterys Erzählband. Ein Imperativ, der wie die Faust aufs Auge auf meine Schulzeit in der Epoche von Marusha, Scooter und den Spice Girls passen würde. Ach, die Girlies und Boygroups, die Models und Formel-1-Fahrer! Die Fertiggerichte voller Lebensmittelfarbe, das ewige Dosen-Gelächter in den ewigen Sitcoms, die neonfarbenen Markenklamotten! Fernseh-Talk und Mini Playback Show! Was waren das bloß für Good Times! Hilfe!
Wozu Flatterys Texte eigentlich ermutigen, ist freilich das Gegenteil: Zeig ihnen, wo’s weh tut! Kafka in Ehren – aber ich hätte mit 15 eine Menge darum gegeben, so ein Buch wie das hier in die Finger zu kriegen. Von einer Autorin, die haarsträubend klug UND witzig ist. Stories aus einem weiblichen Kosmos, besiedelt von Mädchen, Frauen, besetzt von Mädchenthemen, Frauenthemen, erzählt aus Mädchen-, Frauenperspektive. Geschichten über das Nicht-gut-genug-sein, die Orientierungslosigkeit, das So-tun-als-ob, das Schlappmachen, übers Sich-ausnutzen-lassen, Sich-blöd-anstellen, Sich-unwohl-fühlen.
Der Humor und die surreale Ebene helfen der Autorin indessen aus einer Klemme, in der man unweigerlich landet, sobald man vorhat, dieses Unspektakuläre zu erzählen: Das seichte, aber zähe Alltagsunglück ist ja nicht wegzudenken aus der durchschnittlichen Lebensrealität – darüber aber realitätsgetreu zu schreiben, OHNE die Leserschaft dabei ins Koma zu langweilen (und wahrscheinlich auch sich selbst, als AutorIn), ist ein eigentlich hoffnungsloses Unterfangen.
Erst durch die humorige und surreale Überzeichnung wird das Unbehagliche, bedrückend Oberflächliche, bedrängend Langweilige erzählbar. Was David Foster Wallace mit Unendlicher Spaß und Der Bleiche König vorgemacht hat – Flattery holt es aus dem Literatur-Schaukasten heraus und wendet es auf das peinlich Private an.
In Sweet Talk schildert eine irische Farmerstochter das Jahr, in dem sie 14 wird. Unter den Farmhelfern dieser Saison ist ein eigentlich nicht besonders interessanter Australier, dem sie ein bisschen auf die Pelle rückt, die Zeitungen berichten von spurlos verschwundenen Mädchen, die Nonnen in der Provinzschule bemängeln nachlassende Leistungen, der Exorzist und Freddy Krueger spuken durchs nächtliche Fernsehprogramm. Himmel und Hölle, Realität und Fernsehen, brave Kindheit und Sexualität, Langeweile und Horror – Flattery verschränkt auf wenigen Seiten einen ganzen Haufen Gegenpole ineinander, und was dabei herauskommt, ist so eine Brühe, zugleich kalt und zu heiß, lasch und zu scharf, intensiv und ungenießbar, also genauso wie 14 sein.
Hätte ich das als Achtklässlerin gelesen, hätte ich mich kaputtgeschämt und kaputtgelacht. Und ich hätte von da an genauso schreiben wollen. Vielleicht hätte mir das geholfen.
Ganz sicher hätte es, verdammt.
Sehr mitgenommen hätte – und hat – mich auch Abortion, A Love Story, wo die engstirnige, passiv veranlagte College-Studentin Natasha auf ihre Spiegelfigur trifft, die abenteuerliche Lucy. Natasha packt das College nicht, fühlt sich fehl am Platz, zieht das aussichtslose Ding aber stur durch. Gerade hat sie eine erste vergurkte Beziehung hinter sich:
‚When Natasha first entered college, at eighteen, a boy called Patrick, stick-thin, raised Catholic, had attached himself to her. He was her first boyfriend. They were a good pairing because she was a strange person pretending to be a normal person, and he was a normal, well-raised person desperately pretending to be strange.‘
Danach schlittert sie in eine Verlegenheits-Liaison mit einem ihrer Professoren – auch nicht besser. Unterdessen erhält sie geradezu gespenstische Mails von jemandem, der sie offenbar kennt, gut kennt, dabei gibt es wirklich niemanden, der das täte, weder an der Uni noch sonstwo. Und dann tritt Lucy auf. Die hat gespenstisch viel mit Natasha gemeinsam und ist doch eine völlig andere Figur, eine, die bei Natasha im ersten Moment entschiedene Ablehnung hervorruft. Die Ablehnung entpuppt sich als Neid, der Neid outet sich als Bewunderung.
In den meisten ähnlichen Geschichten entwickelt sich das ganze dann wie folgt: Das wilde Mädchen nimmt die gehemmte Loserin an der Hand, verhilft ihr zu Abenteuern und lässt sie aufblühen, doch in einem Moment, wo es drauf ankommt, kehrt die Wilde sich achselzuckend ab und überlässt die Loserin ihrem Schicksal, wodurch diese sich erst ihrer eigenen, echten Werte bewusst wird. Moral: Erliege nie den falschen Verführungen eines allzu unabhängigen, selbstbestimmten Lebensstils, Mädchen!
Hier aber verlaufen die Dinge anders: Natasha und Lucy sind schon bald eng verschwistert, wie eine Einheit, die lange zerrissen war und nun endlich wieder zusammengefügt worden ist (Sie ahnen sicher, was hier gespielt wird). Als Duo überarbeiten und inszenieren sie schließlich ein Theaterstück von Natasha, das an Aussagewut wahrscheinlich alles in den Schatten stellt, was das verbiederte College je erlebt hat.
‚ „Lucy,“ Natasha said, holding up a page covered in red marks, „let’s make this a comedy.“ „Abortion, A Love Story?“ Natasha nodded. „But it’s about these two girls, sisters in misery.“ „I know.“ „They don’t have anything.“ „Of course.“ „It’s a bad time.“ „It’s a woeful time.“ „And it gets worse.“ […] Lucy took a sip of her drink. „Who could find all that funny?“ „Not me.“ „And the pain and suffering of the women,“ Lucy said, shaking her head. „The violence of what they have endured. That’s what the audience will want.“ „Yeah,“ Natasha said, „and let’s not give it to them.“ Lucy was silent. „Comedy is tragedy sped up.“ Lucy tapped two fingers on her can. „That’s Ionesco.“ „I thought it was my dad,“ Natasha said. „You know we’re risking our reputations.“ „We don’t have reputations to risk.“ ‚
Daria und Jane waren witzig, zeitgeistig – Natasha und Lucy aber machen Ernst: Friss Zuckerwatte, Publikum! Ein ernsthafter, abgründiger Spaß. Abortion, A Love Story ist die umfangreichste Geschichte in diesem Band, und es ist die einzige, in der sich eine Figur ein Stück weit aus ihrem kläglichen, unbehaglichen Alltag lösen kann. Moral: Suche Freundschaft, Mädchen, sogar mit dir selbst, VOR ALLEM mit dir selbst – und dann ran an die quälenden Dinge!


Foto: Grebe


>Nicole Flattery, Show Them a Good Time (Bloomsbury Circus)

PUBERTÄT REVISITED > Eddie, Chris

Nachdem mein treues Küchenradio endgültig seinen Geist aufgegeben hatte, wurde mir letztens zum Geburtstag ein Radio inklusive CD-Player geschenkt.

Mein Notebook hat ein CD-Laufwerk, aber das ist nicht dasselbe, klar. Mein altes Auto besaß seinerzeit einen CD-Player, im Kindertaxi liefen zumeist Hörspiele und einigermaßen kindertaugliche Musik, nur auf meinen kurzen Pendelwegen zur Arbeit blökten mit Vorliebe die Sleaford Mods aus den Boxen. Der Großteil meiner CDs aber ging binnen der letzten 15 Jahre bloß durch meine Hände, wenn ich sie wieder einmal aus einem Schrank in Umzugskartons und aus Umzugskartons in einen Schrank räumte.

Ich besitze nun also wieder einen CD-Player, einen richtigen. Ich nehme meine CDs heute nicht aus dem Schrank, um sie in Kartons zu legen, sondern um sie zu hören.

Natürlich fühle ich mich dabei alt.

Nicht, dass ich keine neueren Alben im CD-Format besäße – nur greife ich, sobald ich den Schrank öffne, blindlings zu den alten, den verschlissenen, den meistgehörten. Das sind die meistberührten, eindeutig, und die haben dieses tausendfache Anfassen in sich gespeichert, sodass ich, wenn ich sie jetzt anfasse, zugleich den Griff meiner früheren Hand in den Fingern spüre, und näher kommt man der vergangenen Haut, in der man einmal steckte, nur schwerlich.

Zum 12. Geburtstag wurde mir ein eigener CD-Player mit Kassettendeck geschenkt, nachdem ich von Schwester 2 immer öfter den verdienten Ärger dafür bekommen hatte, heimlich den heiligen Plattenschrank im heiligen Großeschwesterzimmer zu durchwühlen. Abgesehen von diesen kurzen Ausflügen in die Vinylschatzkammer war ich kein Schallplattenkind und empfinde wenig Sehnsucht nach diesem Format – mein Nostalgieträger ist eben die profane kleine Schwester, die CD.

Während ich eine alte CD ins neue Gerät einlege, gilt mein erster Gedanke der Unvernetztheit dieser Aktion: Kein offener, kein heimlicher Datentransfer – die auf mich zugeschnittenen Online-Inhalte und Werbeanzeigen wissen nichts davon, was ich hier tue, wer mich gerade entertaint, ob und wie mir das gefällt. Das fühlt sich angenehm klandestin an. Ach, fast schon kriminell!

Mein zweiter Gedanke gilt der historischen Note der Sache. Ich besitze natürlich keine Raritäten, nichts aus objektiver Sicht wertvolles, ich horte Massenware, aber eben die spiegelt einen gewissen Zeitgeist. Und nicht bloß die Gegenstände der Zeit geben mir zu denken, sondern insbesondere die Abstände an Zeit. Die meisten CDs kaufte, tauschte oder lieh ich mir so 1996, 1997 zusammen – erschienen waren die liebsten Herzensalben zwischen 1992 und 1997. Heißt also, dass sie heute im Durchschnitt ein Vierteljahrhundert alt sind. Gute Güte! Wenn ich 1996, 1997 ein Album hörte, das rund ein Vierteljahrhundert alt war, dann waren das Alben wie „L.A. Woman“ von den Doors, „Pearl“ von Janis Joplin, „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd usw. Es ist derweil so: Es war früher schwer vorstellbar für mich, dass es, eine Generation über mir, Leute gab, für die solche Schallplattengespenster wie Janis Joplin, Jimi Hendrik oder Robert Plant einst als vor-ikonische Menschen existiert hatten. Ich denke, dass es heute für meinen ältesten Neffen ebenso schwer vorstellbar ist, dass es, eine Generation über ihm, Leute gibt, für die solche Retro-Objekte wie Kurt Cobain und Konsorten einst als vor-ikonische Menschen existiert haben. …Es ist überhaupt schwer vorstellbar für mich, dass es eine Generation unter mir gibt, oder, na, eher schon zwei.

Drittens beschäftigt mich dann die Qualität dessen, was ich da höre. Das ist mitunter ernüchternd; manch bombastische Nummer erweist sich, nach Abzug meiner jugendlichen Begeisterungsleistung, als echter Schrott. Manche Stücke sind echter Schrott, keine Frage, aber zugleich große Liebe. Manche sind einfach über die Jahre verbrannt – das liegt nicht an ihnen, sondern ich habe schlicht keinen Zugang mehr zu ihnen, keine Verwendung mehr für sie, ich kann nicht einmal mehr nostalgische Impulse aus der Asche ziehen. Andere wiederum sind über die Jahre gewachsen und klingen erst jetzt wirklich, wirklich groß.

Lachen sie nicht – meine existenziellsten Alben sind nach wie vor und auf ewig „Vitalogy“ von Pearl Jam und „Superunknown“ von Soundgarden. Pearl Jam und Soundgarden, Eddie Vedder und Chris Cornell: Der Klang eines zu großen, warmen Sweatshirts, das mir von einem Freund über den Kopf gezogen wird, weil mir kalt ist; die Stimmen sonnenverbrannter Wiesen im Juli, herbstgelber Pappelreihen, bekritzelter Bushaltestellenhäuschen und heimlicher Zigaretten, von Heft- und Bücherstapeln auf einem falschen Orientteppich, von verwaschenen Jeans, Haartönungen, Kajal und Klimperarmbändern, von Klassenräumen und Jugendzimmern.

Vorhin drehte sich hier „Down on the Upside“ von Soundgarden, was ich zwischenzeitlich immer mal wieder gehört hatte, aber nie im Ganzen, bloß einzelne Songs daraus, und mir fiel dabei auf, wie arg ich es vermisse, ein Musikalbum (samt der womöglich weniger geliebten Songs) als eine feste zeitliche und auch feste klangliche Einheit zu verstehen. Danach habe ich „Ten“ von Pearl Jam eingelegt, dem ich, analog wie digital, eigentlich lieber aus dem Weg ging – nachdem ich als Dreizehnjährige quasi nichts anderes hören konnte, konnte ich’s danach nicht mehr hören, Sie kennen das sicher. Wie gut ich dieses Album nun finde, trifft mich wie eine glatte Backpfeife. Ich hätte fast vergessen, dass „Wash“ der perfekteste, der wundervollste Regensong aller Zeiten ist. Bei „Oceans“ heule ich den Mond an, der im Moment zwar nicht hier, aber vielleicht irgendwo über der Beringsee leuchtet, „Deep“ ist die reinste Achterbahnfahrt, und sogar „Jeremy“, diese so abgenudelte Nummer, lässt meine Haarspitzen knistern. Ich höre das ganze Album am Stück, ich höre es einmal, zweimal, dreimal. Und jetzt lege ich es wieder in den Schrank zurück, damit ich’s in, sagen wir, 25 Jahren wieder genauso hören kann.

Foto: Grebe

PUBERTÄT REVISITED > Fragen, Grüße

In meiner Gymnasialzeit gab’s eine Schülerzeitung. An der ich mich nicht beteiligte – das Schreiben hätte mich wohl angezogen, nur die Schreibenden waren nicht so mein Fall. Oder, na, ich nicht so ihrer. Nicht schlimm, ich brauchte, um zu schreiben, ja keine Schülerzeitung, sondern bloß mein Notizbuch. Meine Notizbücher. Notizhefte. Notizzettel. Ich schrieb auf alles Notizen, ich schrieb über alles Notizen, ich schleppte meine Notizen mit mir herum, überall hin, ich aß inmitten von Notizen, träumte auf Stapeln von Notizen, den Kuli fest in der schlafenden Hand, verpasste Busse und Züge wegen dringlicher Notizen, ich dachte und machte keine zusammenhängenden zehn Minuten mal was für Schule und Zukunft, aber immer Notizen, Notizen, Notizen.

Hätte ich damals unsere Schülerzeitung gestaltet, wäre das die aufregendste Schülerzeitung aller Schülerzeitungen geworden! Oder, na, ein wirrer, nutzloser Haufen Zettel.

Anderer Schauplatz: Ich wurde letztens awarded. Ich meine, mein Blog. Oftmals teilt man diese Erwählung mit einer ganzen Liste von Blogs, und dazu ist solch einem Award meist ein Fragebogen beigelegt, so auch hier; Sie kennen das sicher.

Frage-und-Antwort-Runden, Top-Listen – das waren auch die beliebtesten Rubriken in besagter Schülerzeitung.

Dass ich mich an dieser Blog-Award-Sache nie allzu überschwänglich beteiligen mochte, geht so gesehen womöglich auf meine Erfahrungen mit der Schülerzeitung zurück, welche mir dauerhaft einimpften, dass alles gut ist, solange man da bloß nirgendwo auftaucht. Bloß nicht interviewt werden. Bloß nicht auf einer dieser Listen landen, erst recht nicht auf den Spitzenplätzen! Ich meine da weniger die Listen der erfolgreichsten SchulsportlerInnen, bestaussehenden Mädchen, lustigsten Vögel etc., klar führte ich die nie an. Ich meine Listen wie „Wem würdet Ihr ungern im Dunkeln begegnen wollen?“, da war ich mal Platz zwei. Aber selbst die Jubel-Listen hatten ihre Kehrseite, verfestigten falsche Wahrnehmungen, setzten ihre Nadelstiche, machten die Bejubelten unruhig. So oder so wurden wir alle, indem sich unsere Zeitung uns einverleibte, in ein nicht eben freundschaftlich gesinntes Rampenlicht gestellt.

Dieser Hauch eines reell freundschaftlichen Interesses, den ich da vermisste, ist in der Blogosphäre freilich genauso rar gesät.

Mich hatte nun Maren auf die Liste derjenigen gesetzt, an die sie ihren Awesome Blogger Award weiterreichen möchte, und dass mich diese Geste nicht aufgeschreckt, sondern mit dem Gefühl erreicht hat, einfach ein schöner Gruß zu sein, liegt daran, dass ich meinerseits so gern Marens Berichte von Fernreisen oder von Streifzügen durchs nicht ganz so Ferne lese. Ich mag solche Texte, die sich selbst verpflichtet und sich selbst genug sind. Texte, die allzu gern Sensationen produzieren wollen, gibt es eh viel zu viele, anderswo, überall.

Statt Vernetzung bewirkte diese Aktion vielmehr so etwas wie eine gedankliche Zurückversetzung bei mir, ein ganzes Stück zurück, ja ja, noch ein bisschen, so, ganz nach damals. Denn dahin führten auch die Fragen, die Antworten.

1. Was bedeutet Dir das Bloggen? – Das hier ist meine Schülerzeitung, so wie ich sie damals aufgebaut hätte, wäre ich alleinige Herausgeberin gewesen. Ich mache hier nichts anderes, als dieser 14jährigen Notizkritzlerin ihren editorischen Lauf zu lassen, heute. Nach dem Abi landete ich zunächst in der Germanistik, Fernziel: rasende Reporterin, was natürlich Quatsch war, denn ich taugte ja weder zur Akademikerin noch zur Reporterin – was ich wollte, war bloß meine Notizen kritzeln zu können, zweckfrei, richtungslos, für mich und vielleicht noch für diese paar Seelen, die nachts auch nicht schlafen können. Über alles und nichts, über Dinge, Menschen, Gedanken, die mich beschäftigen. Na, hier mache ich genau das.

2. Wenn Dein bisheriges Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es dann? -„Salzmarie“. Salz ist ein spezieller metaphorischer (und auch synästhetischer) Begriff für mich; vor allem stamme ich aus einem eingeschworenen Salzort und wohne heute zufällig wieder in einem.

3. An welchen Ort würdest Du gern noch einmal zurückkehren? – An den morgendlichen Küchentisch mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder, mein Vater trinkt seinen Kaffee (zwei Milch, zwei Zucker) aus einer Tasse mit gesprenkelter Randverzierung und stellt sie blindwissend auf der Untertasse ab, während er in der Zeitung liest, meine Mutter schmiert Graubrote, ich lese, meinem Vater gegenüber sitzend, die Zeitung überkopf, mein Bruder neben mir duftet nach den Honigpops, die er gerade schmatzt, die Küchenuhr tackert leise, die Tischmitte schimmert im buttrigen Licht der Hängelampe. An diesem Ort war ich zuletzt als Jugendliche.

4. Wann hast Du zum letzten Mal etwas Neues über Dich erfahren? Was war das? – Ich erfahre ungelogen täglich irgendwas Neues über mich – Kleinigkeiten natürlich (denke ich, aber weiß man’s?), doch macht es das deswegen ja nicht gleich uninteressant. Was bringt mich in Wut, was fürchte ich, was tut mir weh, was macht mir Spaß usf., und warum? Ich habe heute über mich erfahren, dass ich eine sehr viel innigere Zuneigung zu Waschbetonplatten hege, als ich gedacht hätte. Und als ich zugeben würde – ich meine, welcher Baustoff könnte unattraktiver sein, rein objektiv betrachtet? Ich habe außerdem — ach, jetzt brauche ich wirklich mein Notizbuch!

5. Gibt es etwas, was Du immer tun wolltest, aber bisher nie getan hast? – Nein.

Ich nominiere an dieser Stelle keine weiteren Blogs, sondern grüße ganz direkt mein lesendes Gegenüber. Und frage nur eine Sache:

Erinnerst Du Dich bewusst an das Ablaufdatum Deiner Jugend, einen Moment, Tag, Auslöser, der Dein Erwachsenwerden markiert, ganz gleich, ob Du dabei eher siebzehn oder eher siebenundvierzig warst, an ein fühlbares Kippen der Verhältnisse, an einen Augenblick, da sich etwas in der Atmung veränderte oder das Rückgrat spürbar wurde, an ein helles Verstehen, eine plötzliche Last oder plötzliche Leichtigkeit – oder nicht?

SONDERZUSTÄNDE > „Niemand lebt gern in Angst“

„Die alten Leute und die Kinder haben den letzten Monat fast ausschließlich in Kellern zugebracht, entweder in den kleinen Kellern ihrer eigenen kaputten Häuser oder in den Gemeinschaftskellern unter den Krankenhäusern oder dem Rathaus. Niemand lebt gern in Angst,“

schrieb Martha Gellhorn 1944 in einer Reportage mit der Überschrift „Eine kleine Stadt in Holland“. Gemeint war das kriegszerstörte Nimwegen. Gültig sein dürfte das zugleich für alle Städte, alle „alten Leute und die Kinder“ in Kriegs- und Krisengebieten – damals, heute, immer.
In rund 50 Jahren als Kriegsreporterin hat Martha Gellhorn viele davon gesehen, unzählige Menschen getroffen, Soldaten und Generäle, einfache Zivilisten und Staatschefs.
Fakten zu vermitteln war das eine, das andere, dem Krieg ein Gesicht zu geben. Bei aller Professionalität fand emotionale Anteilnahme stets Platz in ihren Reportagen, war entscheidend für ihr Schreiben, ihr Markenzeichen. Sie brach die großen politischen und militärischen Entwicklungen herunter auf deren konkrete Auswirkungen auf Menschenleben. Dabei bediente sie sich keines Leidens-Voyeurismus, sie machte aus menschlichen Dramen keine schnellen, billigen Sensationen.
Ihr Detailblick zielte darauf ab, eine gewisse Erfahrbarkeit zu schaffen. Was andernorts als sachliche Meldung in etwa klingen würde wie „Achte Armee rückt an die Adriaküste vor“, wurde bei Gellhorn erfahrungsnah, plastisch geschildert.

Drei Tage und drei Nächte lang waren die verschlungenen Nebenstraßen über die Apenninen und die großen Schnellstraßen, die von Florenz aus nach Süden und wieder hinauf nach Ancona ein tiefes V bilden, derart von Verkehr überflutet, wie ihn die meisten von uns noch nie gesehen haben. Lastwagen und Panzerwagen, Panzer, Waffentransporter und Geschütze, Jeeps, Motorräder und Krankenwagen verstopften die Straßen, und es war durchaus nicht ungewöhnlich, für dreißig Kilometer vier Stunden zu brauchen. Die Straßen wurden von diesem Verkehr zu Pulver zermahlen, der Staub lag in knietiefen Wehen, und wenn man einmal ein bißchen beschleunigen konnte, wallte er wie Wasser unter den Rädern. [Aus: Die Gotenlinie. September 1944]

Zwar sparte sie Grausamkeiten, wie sie notwendigerweise jedes Kriegsgeschehen beschreiben, nie aus, doch besaß sie zugleich das Vermögen, das Wesen von Gewalt und Zerstörung indirekt zu beleuchten. So besuchte sie etwa eine versteckte Munitionsfabrik in Barcelona und schrieb über die Frauen in der Produktion:

Am entgegengesetzten Ende des Raums saßen Frauen an Nähmaschinen […]. Sie hatten Stoffe für Sommerkleider, einen wunderschönen rosa Leinenstoff, einen hübschen grauweiß gestreiften, der schicke Hemden abgegeben hätte, eine dicke weiße Seide für Brautkleider. Sie nähten kleine und größere Säckchen, wie für Duftkissen. Ein Mädchen machte die Runde, sammelte sie ein und trug sie nach vorn, wo sie mit dem wie Ziermünzen aussehenden Sprengstoff gefüllt wurden. Dann ließ man je eines der kleinen Säckchen in einen Granatenboden fallen. [Aus: Der Dritte Winter. November 1938]

1908 wurde Martha Gellhorn, Tochter der Frauenrechtlerin Edna Fischel Gellhorn, in St. Louis geboren. Mit Anfang 20 schmiss sie ihr Studium, landete in Paris und verfasste erste journalistische Arbeiten, schrieb anschließend ihre erste große Reportage, daheim in den USA, wo sie gemeinsam mit Dorothea Lange, Ikone der Dokumentarfotografie, die einschneidenden sozialen Umbrüche für weite Teile der amerikanischen Landbevölkerung infolge der Weltwirtschaftskrise aufzeigte. Für das Wochenmagazin Collier’s berichtete sie aus dem Spanischen Bürgerkrieg, da war Gellhorn noch keine 30, und profilierte sich damit als Kriegsberichterstatterin. Fortan schrieb sie aus aller Welt über bewaffnete Konflikte, deren Inhalte und Fortgänge, vielmehr jedoch über deren Beteiligte und Opfer. Gellhorn schrieb und lebte wie eine Getriebene, berichtete von Schlachtfeldern und eingekesselten Städten, von der deutschen Besetzung Tschechiens, vom finnisch-sowjetischen Winterkrieg, aus einem italienischen Heim für Kriegswaisen, aus dem befreiten Dachau, erlebte den D-Day auf einem Lazarettschiff, traf Chiang Kai-shek im chinesischen Bürgerkrieg und Sukarno im Krieg um Java, war zwischenzeitlich einmal verheiratet mit Ernest Hemingway, vorübergehend einmal mit einem Redakteur der Times und war langjährig eine enge Freundin Robert Capas, begleitete den traumatischen Vietnamkrieg, den geopolitisch bedeutsamen Sechstagekrieg im Nahen Osten, den brutalen Bürgerkrieg in El Salvador. Ein Angebot, als Reporterin über die Jugoslawienkriege zu schreiben, lehnte die bereits über 80jährige dann doch ab, aus Altersgründen. 1998 starb Gellhorn in London, fast 90jährig – weil sie es so entschieden hatte.
Für gewöhnlich stelle ich AutorInnen nicht allzu ausführlich vor, wissen Sie, aber wenn das kein Jahrhundertleben ist, weiß ich’s auch nicht.
Im Bewusstein ihres Gewichts erlaubte sich Gellhorn in ihren Reportagen auch deutliche, politische Urteile.

Sukarno war immer genau das, was er schon am Anfang gewesen war, ein gewiefter Demagoge, ein Opportunist, nur ein kleiner Diktator mehr. Die US-Obrigkeit wird niemals müde, diesen Typ Politiker zu unterstützen.
[Aus: Der Krieg auf Java]

Neutralität schien für Gellhorn insbesondere angesichts humanitärer Krisen nicht immer eine gebotene journalistische Pflicht, sondern mitunter eher eine Sache für Feiglinge zu sein. Beispielsweise zürnte sie, in einer Art Epilog auf ihre Vietnam-Berichterstattung:

Macht verdirbt, eine alte Binsenweisheit, aber warum macht sie die Mächtigen auch so dumm? Ihre Machtpläne zerrinnen mit der Zeit zu nichts, auf grausame Kosten anderer; dann stecken die Mächtigen ihre dummen wichtigen Köpfe zusammen und hecken die nächsten ähnlich gearteten Pläne aus. Ein Saigoner Arzt, ein armer Mann im Dienst der Armen, verstand mehr von der wirklichen Welt als die Machthaber im Weißen Haus. „Die Menschen sind überall gleich. Sie wissen, was Gerechtigkeit ist und was Ungerechtigkeit.“ Vergessen wir es nicht. [Aus: Letzte Worte über Vietnam. 1987]

Es ist schier unglaublich viel Material, viel Zeit, viel Erleben, was Gellhorn in ihrem Schreiben komprimierte. Zuviel, um das einfach nebenher zu verschlingen, an so ein paar Frühlingstagen im Garten oder auf der Couch. Genug, um es immer wieder, dann und wann, aufzuschlagen und allerlei menschliche Fragen und Wertvorstellungen daran zu prüfen.


> Martha Gellhorn, Das Gesicht des Krieges (Dörlemann)


Im Verlag Dörlemann liegen große Teile von Martha Gellhorns Kriegs- und Reisereportagen vor, auch private Briefwechsel und ihre Novellen, die sich eher dem Zwischenmenschlichen widmen.

SONDERZUSTÄNDE > Mit sich selbst allein

Aus den Sterntagebüchern des Weltraumfahrers Ijon Tichy:

Als ich am Montag, dem zweiten April, in der Nähe der Betelgeuze vorüberflog, durchschlug ein Meteor, kaum größer als eine Bohne, die Panzerung und zertrümmerte den Hubregulator und einen Teil der Steuerung, wodurch die Rakete ihre Manövrierfähigkeit einbüßte. Ich zog den Raumanzug an, stieg auf die Oberfläche der Rakete und versuchte, die Vorrichtung zu reparieren, aber ich erkannte bald, daß ich die Hilfe eines zweiten Menschen benötigte, um die Reservesteuerung festzuschrauben.

Was ungünstig ist, denn Tichy ist Alleinreisender. Schon lange. Was also tun? Erst einmal drüber schlafen.

Mitten in der Nacht hatte ich das Gefühl, daß mich jemand an den Schultern rüttelte. Ich schlug die Augen auf und erblickte einen über das Bett gebeugten Menschen, dessen Gesicht mir seltsam bekannt vorkam, ohne daß ich hätte sagen können, wer das war. „Steh auf“, sagte er, „und nimm die Schlüssel, wir gehen nach oben und drehen die Steuerschrauben fest.“ „Erstens kennen Sie mich nicht gut genug, um mich zu duzen, und zweitens weiß ich genau, daß es sie nicht gibt. Ich bin allein in der Rakete, und das schon das zweite Jahr, denn ich fliege von der Erde zum Sternbild des Kalbes. Somit sind Sie nur eine Traumvision.“

Das leuchtet ein. Bloß löst diese Feststellung freilich nicht Tichys Problem, und so muss er sich ernsthaft überlegen, wo sich Hilfe finden ließe.

Aber die Gegend war eine komplette Sternwüste, die wegen ihrer Gefährlichkeit von von allen Raumschiffen gemieden wurde, weil sich dort die geheimnisvollen Gravitationsstrudel befinden – hundertsiebenundvierzig an der Zahl -, deren Existenz durch sechs astrophysikalische Theorien erklärt wird, und von jeder anders. Der Kosmonautenkalender warnte vor ihnen wegen der unberechenbaren Folgen der relativistischen Effekte.

Was das bedeuten könnte, dämmert Tichy, als er sich am nächsten Abend nach harter Arbeit im ächzenden Motorenraum erschöpft ins Bett fallen lassen möchte, es aber von jemand anderem besetzt findet.

Ich begriff sofort, daß ich das war, und zwar vom Vortag, genauer: aus der Nacht zum Montag. Ohne mir über den philosophischen Aspekt dieser recht eigenartigen Erscheinung besondere Gedanken zu machen, begann ich sogleich, den Schlafenden an der Schulter zu zerren und zu rufen, er möge rasch aufstehen; ich wußte nämlich nicht, wie lange seine montägliche Existenz in meiner dienstäglichen fortdauern würde, weshalb es angezeigt war, möglichst schnell und gemeinsam die Steuerung auszubessern. Der Schlafende jedoch machte nur ein Auge auf und sagte, daß er nicht wünsche, von mir geduzt zu werden, dann meinte er, ich sei nur ein Traumgespinst.

Hier beginnt erst der Flug durchs tückische, sturmtosende Strudelfeld, in einer Maschine, die steuerlos den Gewalten ausgesetzt ist. Wie lange die Trudelei anhalten wird, lässt sich nicht abschätzen, und wie der alte Kasten am Laufen gehalten werden kann angesichts der außerordentlichen Belastung, die auf unbestimmte Zeit auf die Systeme einwirken wird, auch nicht. Der allein reisende Kosmonaut macht sich auf einiges gefasst, selbst seine eigene Verdopplung bringt ihn nicht recht aus der Ruhe – aber auch das war ja erst der Anfang.

Das Bad war verschlossen. Man hörte darin Laute, als ob jemand gurgelte. „Wer ist dort?“, rief ich überrascht. „Ich“, rief eine Stimme aus dem Inneren. „Was denn nun wieder für ein Ich?“ „Ijon Tichy.“ „Von welchem Tag?“ „Vom Freitag. Was willst du?“

Im Verlauf der nächsten Tage oder Wochen – ach, das mit den Zeitspannen wird schnell unübersichtlich – lernt Ijon Tichy sich selbst einmal von allen Seiten kennen: Laufend kommen neue Tichys dazu, stiften Chaos oder versuchen sich nützlich zu machen, erweisen sich je nach Lage als gute Kameraden, Sturköpfe, Nörgler oder kleine Helden, und die Rückkopplungen ihrer Interaktionen verschachteln sich immer heilloser. So gerät die Siebente Reise des Ijon Tichy zu einem der kompliziertesten Abenteuer, von denen seine Sterntagebücher ausführlich berichten, und nie fügte sich gerade diese Episode so gut in meine Stimmungslage wie aktuell.


>Stanisław Lem, Sterntagebücher (Suhrkamp)


Die polnische Originalausgabe der Sterntagebücher mit Ijon Tichys gesammelten Reiseberichten erschien 1971. Ich habe dieses Buch immer wieder und in unzähligen Ausgaben in der Hand gehabt, habe es ausgeliehen, selbst gekauft, verliehen, verleihverloren, an andere verkauft, wieder gekauft, und es bis heute nicht einmal am Stück gelesen. Muss man auch gar nicht. Bei Bedarf schlägt man es auf und liest z.B. von flottierendem Weltraummüll, der sich, von Strömungen zusammengetrieben, zu breiten Teppichen verdichtet (erinnert Sie das an etwas?), nach und nach eine Art Schwarmintelligenz entwickelt und bald seine Verursacher heimsucht. Oder von interstellaren Religionsstiftern. Oder Killerkartoffeln. Oder, oder, oder.