SPRACHMUSIK // Fiston Mwanza Mujila, Tram 83

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Im Schweiße deiner Titten sollst du essen.

Wer sich bereits gegen den Einleitungssatz innerlich sträubt, sollte den Rest des lauten, lüsternen und heftigen Tram 83 vielleicht gar nicht erst lesen. Oder vielleicht ja doch, gerade? Fiston Mwanza Mujila, geboren im kongolesischen Lubumbashi und derzeit ansässig in Graz, schert sich in seinem Debutroman wenig um gegenwärtige mitteleuropäische Empfindlichkeiten. Aber wozu auch, wo man sich umgekehrt in Mitteleuropa und anderswo doch mindestens ebenso wenig ums gegenwärtige zentralafrikanische Befinden schert.

Insbesondere die titelgebende Bar, nächtlicher Lebensraum von Sex-Jobberinnen, Geschäftemachern, Studenten und Minenarbeitern, ist ein Ort, an dem für hiesige Sensibilitäten schlichtweg kein Platz ist. Die allabendlichen, ekstatischen Musikdarbietungen und allerlei leiblichen Exzesse im Tram 83 bilden den Refrain im Alltagsleben von Stadtland, einem verelendeten Millionen-Moloch, der ungefähre Parallelen zu Mujilas Geburtsstadt aufweist. Minderjährige Prostituierte, die Küken, ludern Freier an, um sie in den Unisex-Toiletten ziemlich prompt und wenig diskret zu bedienen. Allerdings werden diese Mädchen nicht etwa als besonders verlorene Seelen porträtiert – Verlorene sind dort schließlich alle, einzig darin herrscht Gleichberechtigung -, sondern stechen aus ihrem Umfeld hervor als kleine Göttinnen des Fleisches, drall, vital, freilich geschunden, gleichwohl von einer unantastbaren Energie. Die scharfzüngigen Single-Mamis, so die Bezeichnung für die älteren Prostituierten, sind ebensolche Zwiegestalten: Elendsfiguren, ja, und doch Regentinnen des Fleisches und die eigentlichen Herrinnen dieses Hauses. Die trotzigen Kellnerinnen, die in der internen Hierarchie deutlich unter den Prostituierten angesiedelt sind, üben auf andere Art Macht über das Fleischliche aus: Sie lassen sich nicht einfach herbeiwedeln, müssen mitunter schon angebettelt werden, damit sie scharf gewürzte Hundespießchen, Katzenragout und das ersehnte Maisbier servieren. Geld stellt derweil die Maßeinheit für maskuline Macht dar, und im Beschaffen und anschließenden Verprassen des Geldes besteht denn auch die Grundtätigkeit des durchschnittlichen Einwohners von Stadtland. Stets ringt dort Geld um Fleisch, und Fleisch wiederum um Geld.

Mujila erzählt die Geschichte des erfolglosen Schriftstellers Lucien, der von außerhalb, aus dem Hinterland genannten Landesteil, nach Stadtland kommt, um bei seinem alten Freund Requiem Unterschlupf zu finden. Lucien, der Poet, und Requiem, der Praktiker – was sie verbindet, ist eine gemeinsame, brutale Vergangenheit, von gegenseitiger Liebe kann indes nicht die Rede sein. Während Requiem als erfolgreicher Ganove und Schürzenjäger durch die Gegend patrouilliert, Lucien bei sich beherbergt und ihn vergeblich für diverse Jobs zu interessieren versucht, schreibt Lucien an einem komplizierten Theaterstück, Das Afrika der Möglichkeiten: Lumumba, der Engelssturz oder die Stößel-Mörser-Jahre, das er über einen losen Kontakt in Paris an internationale Verlage vermitteln will. Eine günstigere Gelegenheit scheint sich ihm zu bieten, als er im Tram einem Schweizer Verleger begegnet, der Lucien unterstützen will. Verlagschef Malingeau zählt zum ausländischen Teil der Kneipenbesetzung, Geschäftsleuten unterschiedlichster Couleur, die man hier als gewinnorientierte Touristen bezeichnet und die auf die eine oder andere Weise Anteil nehmen an der Ausbeutung des Landes durch auswärtige Kräfte. Malingeau, der ursprünglich nach Stadtland kam, um auf kulturellem Gebiet Wilderei zu betreiben, profitiert inzwischen auch als Teilhaber von Requiems Schiebereien mit Bodenschätzen und Waffen. Auf einen Wink des Verlegers hin wird eine Lesung im Tram organisiert, doch Luciens Vortrag endet im Desaster, in Tumult und Dresche. Der geprügelte Lucien versucht sich daraufhin wohl oder übel einmal abseits der Literatur, als Minenplünderer im Gefolge Requiems. Dort bewährt er sich ebenfalls nicht, gerät in die Fänge eines konkurrierenden Draufgängertrupps und entgeht nur um Haaresbreite einer Zukunft im staatlich geförderten Folterkeller. Dann aber, als Luciens Existenz wirklich nichts außer Elend mehr hervorzubringen vermag, kommt die Diva auf ihn zu, eine vergötterte Sängerin, deren Auftritte im Tram legendär sind. Die Diva verfügt als Einzige in Stadtland über etwas, was nicht einmal der abtrünnige General besitzt, der über die Region mit ihren Diamantminen herrscht: Autorität, die nicht auf Gewaltanwendung beruht. In ihren Liedern benennt sie das hoffnungslose Elend der Menschen und spricht die Sehnsucht heilig. Eine gemeinsame Performance, die Luciens Texte und den Gesang der Diva verbindet, stellt das Tram schließlich vollkommen auf den Kopf.

Musik als Träger für Storytelling – das ist nicht nur ein Motiv innerhalb des Romans, sondern die erklärte erzählerische Methode des Autoren. Er komponiere seine Texte wie ein Jazzmusiker, sagt Mujila, und tatsächlich liest man aus dem Roman verschiedene Jazz-Elemente heraus, wie man bei den Beatniks, an deren Stil Mujila durchaus denken lässt, den Bebop herauslesen kann. Tram 83 ist ein Roman auf der Basis von Rhythmus, mit einer Erzählstruktur, die ihre musikalische Entsprechung nicht etwa in der Melodie, sondern in der Improvisation findet.

Der Nordbahnhof, der als zentraler Ort des Lebens in Stadtland für tausendfaches Ankommen und Abreisen steht, bildet zugleich den Ein- und Ausstiegspunkt des Romans: Luciens Ankunft dort stellt das Intro des Stückes dar, und es endet mit seinem Gang zum Bahnhof, um den nächsten Zug zurück nach Hinterland zu nehmen. Innerhalb dieser Klammer führt der literarisch-musikalische Weg durch meist fiebrig, mal auch pastoral vorgetragene Soli, die jeweils von kleinen Zwischenspielen eingeleitet werden und in die wiederkehrende Themen eingearbeitet sind. Der Nordbahnhof zum Beispiel, eingangs beschrieben als ein halbfertiges, von Granateinschlägen zerschundenes Metallgerüst mit ein paar Gleisen und Lokomotiven […], billigen Hotels, Spelunken, Bordellen, Erweckungskirchen, Bäckereien und dem Getöse von Menschen aller Generationen und Nationalitäten, wird im Verlauf des Romans unzählige Male angesprochen, indem diese Beschreibung zitiert und dabei immer variiert wird. Mitunter wird das Nordbahnhof-Thema üppig verlängert, sozusagen intensiv ausgespielt, meist aber wird es wortwörtlich bis aufs Gerüst, auf seinen Anklang also, reduziert: Währenddessen blieb Lucien ein wenig abseits stehen, um trotz der üblichen Staus rund um den Bahnhof, dessen Metallgerüst, etwas aufzuschreiben. Neben variierten Themen treten auch reine Wiederholungen auf. Der ewige Anbaggersatz der Küken etwa – Was sagt die Uhr? – drängt in regelmäßigen Abständen gleich einem Hintergrundgeräusch in ganz andere Gespräche und Betrachtungen hinein und verselbstständigt sich so zum Rhythmuselement, zum Taktgeber. Andere Sätze werden wiederholt, um sie zu betonen, wie Requiems Jeder für sich, Scheiße für alle. 

Nirgendwo im Roman herrscht ein mitleidiger oder selbstmitleidiger Ton. Selbst in den düstersten Abschnitten dominiert eine lakonische Abgebrühtheit, die mit Gejammer nichts zu tun haben will – lieber unternimmt der Ton stattdessen Ausflüge ins Schwärmerische. Die Coolness einerseits, die Hingabe an den wilden Sog andererseits: auch darin findet sich wieder der Jazz. Der Verlag und diverse Buchbesprechungen ordnen diesen Ton ein, indem sie als Orientierungsgröße den Namen Coltrane fallen lassen, und was die Struktur des Romans anbelangt,  lassen sich sicher Vergleiche zu Coltrane-Stücken ziehen. Von mir aus. Genauso hätte man beliebig Monk oder Davis nennen können, aber Mujila selbst liebt eben zufällig das Saxophon. Die Energie allerdings, die in dem ganzen steckt, dieser saftige, ausdauernde Lebensübermut mit seiner abgründigen Wildheit – wenn das nicht Fela Kuti ist, dann weiß ich’s auch nicht: Im Afrobeat vereinen sich Jazz, Funk, Ekstase, afrikanische Identität und eine politische Kampfhaltung, und all das ist in Tram 83 massiv hörbar.

Musikalische Querbezüge also erkennt man überall, aber auch an literarischen und politischen mangelt es nicht. In Luciens Theaterstück tritt Patrice Lumumba auf – Kämpfer für die Unabhängigkeit des Kongo und, nach dessen Loslösung von der belgischen Kolonialherrschaft, erster Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Der Sozialist Lumumba wurde zur Symbolfigur der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung und spätestens mit seiner Ermordung 1961 zu einer politischen Ikone. Könnte sein, dass der musikverrückte Mujila die zweitwichtigste Figur seines Romans eingedenk eines Stückes benannt hat, das Paul Dessau 1963 komponierte: Requiem für Lumumba. Das Theaterstück jedenfalls, das mag auf Aimé Césaire verweisen, Mitbegründer der Négritude-Strömung, einer frankophonen, philosophisch-politischen Bewegung, die von den 1930er Jahren an Kolonialismuskritik übte und eine eigenständige afrikanische Identität befördern wollte; 1966 veröffentlichte Césaire Im Kongo. Ein Stück über Patrice Lumumba. Mit alten Helden und alten Konzepten ist in Stadtland aber niemandem zu helfen, sie allein erreichen niemanden mehr, das hat Lucien nach seinem ersten Vortrag deutlich zu spüren bekommen. Der stolze Unabhängigkeitsgedanke von einst ist angesichts des zerrütteten Zustands der Demokratischen Republik Kongo, der Ausbeutung der Bodenschätze bei gleichzeitiger Verarmung der Bevölkerung, langwieriger bewaffneter Konflikte und schwerster Menschenrechtsverletzungen zur Absurdität verkommen. Mujila vermittelt das beiläufig, aber prägnant in der Szene, in der Lucien den Minenbanditen in die Finger gerät. Die bringen ihn nur deswegen nicht gleich aus Spaß um, weil sie bei der örtlichen Polizeistation ein Päckchen Zigaretten als Belohnung für die Überstellung eines Diebes einstreichen können. Zuvor aber quälen sie ihn dann doch mit Schlägen und Demütigungen. Lucien erwartet schon das Schlimmste: Sie kamen näher, zogen ihre Dolche, Messer, Bajonette, Steinschleudern, Schraubenzieher. Er machte sich in die Hose. Stattdessen muss er sich nackt ausziehen und einen Text aufsagen: Die Hunde kicherten. -„Bitte…“ – „Sag Herrn Seguins Ziege auf.“ Er sagte die erste Hälfte von Herrn Seguins Ziege auf. Sie brachen in schallendes Gelächter aus. Im französischsprachigen Raum sind die Briefe aus meiner Mühle, eine Sammlung von Erzählungen Alphonse Daudets, in der sich auch Die Ziege des Herrn Seguin findet, sehr populär. In dieser Lehrgeschichte kümmert sich Herr Seguin geradezu liebevoll um seine Ziege, die verschmäht aber ihre sichere Hege und büxt lieber aus, in die Freiheit, ins nahe Gebirge, genießt einen Tag lang ihre Ungebundenheit, bis dann am Abend der Wolf vor ihr steht, dem das harmlose Nutztier nichts entgegenzusetzen hat, und sie frisst. So viel zur Romantik der Unabhängigkeit. Während Luciens Textauszüge seinem lokalen Publikum nicht gefallen, weil sie dessen Lebensrealität nicht berühren, ist sein Theaterstück für seine Interessenten in Europa wiederum zu kompliziert. Der Freund aus Paris, Porte de Clignancourt, gibt ab und an per Telefon Anweisungen zur Überarbeitung des Manuskriptes durch. Erst soll Lucien seine zwanzig Figuren auf die Hälfte reduzieren, dann auf eine Handvoll – am Ende bleibt von Luciens ursprünglichem Stück nichts übrig. In den wohlständigen Industrienationen hat man eben keine Lust, afrikanische Themen in ihrer Komplexität wahrzunehmen, und besteht auf einer vereinfachenden Sichtweise, gleichwohl diese nicht funktioniert. Damit teilt Lucien als kleiner Autor das große Dilemma vieler afrikanischer Staaten: Eine Anbiederung an die internationalen Wirtschaftsmächte bringt nichts Produktives hervor, eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln führt aber auch zu nichts.

Dass Luciens Texte am Ende doch noch zünden, liegt daran, dass er sie gemeinsam mit der Diva zu etwas Neuem verarbeitet. Dadurch vollzieht er seine eigene Loslösung von seiner Fixierung auf die Historie, die Theorie und die fernen Industrieländer und bindet sich selbst in den Kontext der Gegenwart, der Gemeinschaft unmittelbar um ihn herum ein. Und während die ewigen Verbindungen von Geld und Fleisch, die auf den Unisex-Toiletten des Tram stattfinden, nur ewig neues Elend zeugen, bringt die Verbindung von Gesang und Text, diese Verschmelzung von Gefühl und Begriff, die von der Bühne aus auf das ganze Tram übergreift, einen wahrhaftigen Traum hervor – wenigstens einen ganzen Abend lang.


>>Fiston Mwanza Mujila, Tram 83 (Zsolnay), €20,00; aus dem Französischen übersetzten Katharina Meyer und Lena Müller mit viel Rhythmusgespür und Mut zur sprachlichen Lebendigkeit


Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.

SPRACHMUSIK // „I speak that acient tounge / There lies a language in the noise and the hum“*

So mit vierzehn, fünfzehn ließ ich, wie sich das damals gehörte, unter anderem natürlich Rage Against the Machine, House of Pain, Wu-Tang Clan, Tool, Nine Inch Nails, The Prodigy und Tricky aus meinem Kinderzimmer dröhnen, bis der Rest der Familie das Jaulen kriegte. Höre ich gedanklich zurück, vermischen sich diese jeweiligen Klangrichtungen zu einer einzigen Industrial-Rap-Elektro-TripHop-Wall of Sound. Derartig konditioniert, komme ich nicht umhin, Dälek, die genau so klingen, eben großartig zu finden – obwohl inzwischen deutlich über vierzehn, und nach wie vor im Grunde ahnungslos im Sektor Hip Hop. Während der Nullerjahre hat das mal Trio, mal Duo aus New Jersey fünf Alben rausgehauen – darunter ein Gemeinschaftsalbum mit den Hamburger Krautrockern Faust, wie auch immer diese Verbindung zustande gekommen sein mag -, außerdem eine Handvoll weiterer Kollaborationen nebenher betrieben, etwa mit den Elektrokrachkombos Techno Animal und Kid606; dazu tourten sie auch noch als Support für die Melvins und die Post-Metaller ISIS. Vom hypnotischen, zehnminütigen Kopfnicker-Stück bis zum Noise-Ragnarök gibt das Dälek-Spektrum eigentlich alles her. Nach längerer Pause war 2016 mit Asphalt for Eden (Profound Lore Rec.) auch endlich wieder ein neues Album drin. (*From Mole Hills)

Young Fathers könnten nun, obwohl sich ihr 2015er Album White Men Are Black Men Too (Big Dada Rec.) noch längst nicht ausgelutscht anhört, eigentlich auch mal was nachlegen. Das Schotten-Trio entzieht sich mit seiner Vielseitigkeit so gewollt wie gekonnt einer entschiedenen Einordnung in die Hip Hop-Sparte, hat dort jedoch seine Wurzeln und kommt gern auf sie zurück. Im Ganzen aber ist das mehr als bloß Soul hier, Hip Hop zwischendurch und Indiepop da, sondern eine quecksilbrige Legierung diverser urbaner Stile, aus denen ihr archaischter gemeinsamer Nenner hervorgegraben wird: Trommeln, Beschwörungsformeln, Trance.

SPRACHMUSIK // London Speaking

Da hat nun ein Musiker den Literaturnobelpreis erhalten, und irgendwie kann man sich immer noch nicht recht einigen, wie man das finden soll. Mich zumindest interessiert dieser Preis nicht ausreichend, um in aller Breite über das Für und Wider dieser Vergabe mitzudiskutieren. Mich interessieren Texte, und je vielfältiger die Erscheinungsformen von Text sind, desto besser. Den Einordnungsfeldern schadet es dabei nicht, wenn zwischen ihnen rege Osmose stattfindet – im Gegenteil.

Lyrik, Hip Hop, Spoken Word, Predigt: Sprache und Rhythmus. Kate Tempest kann das mit oder ohne Buchdeckel, Kojey Radical auch ohne Beatbox, Bitches und Bling Bling.

GLOBAL THINKING // Nir Baram, Weltschatten

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Als Israeli im Allgemeinen und als Sprössling einer israelischen Politikerfamilie im Besonderen kommt man wohl nicht umhin, die Themen Geselschaft und  Politik irgendwie sehr persönlich zu nehmen. Nir Baram, dessen Vater und Großvater beide in der Arbeitspartei, beide Minister unter Rabin waren, hat sich der linkspolitischen Familienlinie als Autor, Herausgeber, Journalist und Aktivist verschrieben und sich in seiner Heimat als Gesellschaftskritiker profiliert. Baram setzt sich umtriebig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein, lehnt dabei die Zwei-Staaten-Lösung ab und fordert stattdessen das Ende der Segregation, gemeinsamen Alltag, gemeinsame Schulen, gleiche Bürgerrechte für beide Seiten. (Anfang des Jahres erschien bei Hanser unter dem Titel Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete eine Sammlung von Reportagen, in denen Baram von seinen Besuchen und Gesprächen jenseits der Grünen Linie berichtet.) In seinem fünften Roman widmet sich Baram nun dem Thema Globalisierung und zieht dafür ein ganz ähnliches Betrachtungsmuster heran, wie es auch seinen Beiträgen zur israelisch-palästinensischen Frage zugrunde liegt: Solange die Mächtigen den Unterdrückten das Recht auf Beteiligung verweigern, verstärkt sich der Strudel aus schwelenden und offenen Konflikten immer weiter, bis am Ende die Mächtigen selbst davon erfasst und zerstört werden. Aus dem Weltschatten entspringt hier eine Flamme des Aufstands, die den Globus in Brand setzt – wer sich nun aufgerufen fühlt, kann direkt Die Internationale vor sich hin schmettern, in der es heißt: Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Beinahe schade, dass es bei Buchkauf kein rotes Fähnchen gratis gab. Aber ist Weltschatten denn wirklich ein kämpferischer Roman?

Drei verschiedene Ebenen, die sich selbst als geschlossene Sphären verstehen und doch unmittelbar miteinander korrelieren, lässt Baram in Weltschatten kollidieren: Es sind erstens die Strippenzieher, zweitens die Profiteure, drittens die Verlierer der Globalisierung. Jedem dieser drei Lager ist eine eigene bestimmte Erzählperspektive zugeordnet. Das erleichtert der Leserschaft die Orientierung im Figuren- und Ereignisspektrum; gleichzeitig erzählt bereits die gewählte Perspektive etwas über den jeweiligen Grundcharakter der Gruppen.

Als Weltlenker treten die Mitglieder einer Consulting-Firma auf, die den Mächtigen zu gewünschten Erfolgen verhilft. MSV – Mayo, Steinbeck, Vanderslice, so die Namen der Gründungspartner – erarbeitet und führt Kampagnen für Präsidenten und solche, die es werden wollen, für Mega-Konzerne und mitunter für ganze Staaten. Die erfahrenen Campaigner liefern maßgeschneiderte Image-Lösungen und bilden darüber hinaus einen einzigartigen Kontakt-Knotenpunkt zwischen Medien, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Finanzwelt. Wer so erfolgreich darin ist, die öffentliche Wahrnehmung zu analysieren und zu steuern, dessen eigener Ruf ist freilich lupenrein: MSV pflegt eine Außendarstellung, die den Beraterstab ins Licht der guten Sache stellt, seine Mitglieder gar zu Fackelträgern demokratischer Werte stilisiert. Das MSV-Grundlagenpapier betont, man vertrete nur Klienten, deren Werteverständnis mit dem der Firma übereinstimme, was bedeutet: Nicht für aufsteigende Diktatoren, sondern für Hoffnungsträger, die für eine gerechte und freiheitliche Grundordnung stehen, setzt man sich laut Eigenbekunden ein. Diese Schicht am oberen Ende der Machtskala, bevölkert mit Entscheidungsträgern, die globales Gewicht besitzen, ist ein enger und wirkungsvoll abgeschirmter Raum, zu dem man sich von unten her nur schwer Zugang verschaffen kann. Baram beleuchtet ihn daher von innen und zeichnet die Abgeschlossenheit dieses Zirkels nach, indem er die Ereignisse auf MSV-Ebene in Form eines E-Mail-Verkehrs zwischen den Beratern erzählt, der private und politische Konstellationen, Firmenstrategien und globale Verflechtungen offenlegt. Zunächst zwischen den Zeilen, nach und nach dann auch direkter, liest man aus diesen Nachrichten heraus, dass die Verantwortlichen von MSV sich im Verlauf ihrer glanzvollen Karrieren nicht nur um linke Politik, sondern auch um ein paar schwerwiegende linke Dinger gekümmert haben. Zwar wird den einzelnen Beratern durchaus ein idealistischer Grundantrieb zugestanden, von dem sie sich während ihrer geschäftlichen Praxis jedoch schleichend entfremdet haben, der gute Zweck heiligt mitunter die schlechtesten Mittel, und so verkommen die hehren Ziele des MSV zum Mäntelchen, das allerlei verdorbene Geschäfte verdeckt. Was würde man auch sonst über mächtige Saubermänner zu lesen erwarten, als dass ihre Hände mächtig schmutzig sind? So weit, so na gut.

In der Allerweltszone zwischen den großen einzelnen Entscheidern und der großen Masse der Machtlosen, im Finanzwirtschaftssektor des kleinen Israel, bewegt sich Gavriel Manzur, über den ein auktorialer Erzähler in nüchternem Ton berichtet. Als sich in den Achtzigerjahren zunehmend ausländische Investoren an Israel heranwagen, um sich neue Märkte zu erschließen, kommt auch der jüdische New Yorker Geschäftsmann Michael Brookman auf den noch jungen Gavriel zu: Man müsse sich gemeinsam dafür einsetzen, den Zusammenhalt des amerikanischen und israelischen Judentums zu stärken. So beginnt Gavriel, in Israel eine Stiftung aufzubauen, die den jüdisch-kulturellen Austausch zwischen den Ländern fördern soll, wofür Michael zu Beginn die finanziellen Mittel stellt. Dass diese Stiftung in erster Linie dazu dient, die US-amerikanische Wirtschaft auf israelischem Boden zu verwurzeln, ist offensichtlich – für den naiven Gavriel allerdings wird der rein ökonomische Zweck seiner Unternehmung erst deutlich, als bei einem der ersten transkontinentalen Treffen nur über die Interessen von US-Exporteuren, insbesondere der Obstbauern, und die zu hohen israelischen Einfuhrzölle, insbesondere für Äpfel, gesprochen wird. Nachdem hier für Gavriel sprichwörtlich der Apfel der Erkenntnis gefallen ist, entwickelt er sich in den Folgejahren zu einem geschickten Vermittler für US-Wirtschaftsinteressen, steigt, als Günstling Michaels, schnell in die höheren gesellschaftlichen Kreise Israels auf, wodurch seine Stiftung floriert und bald auch in großem Stil über Geldmittel verfügt. Beträchtliche Summen daraus fließen wiederum in Michaels Unternehmungen in aller Welt. Dass er sich somit daran beteiligt, leichtfertig mit Millionensummen zu spekulieren, geht bei Gavriel nicht einmal auf Größenwahn zurück, eher weiß er einfach nie so recht, was er eigentlich tut und eigentlich will – ein Mangel, der ihm selbst durchaus bewusst ist und den er zu kompensieren versucht, indem er sich allzu bereitwillig von anderen leiten lässt. Gavriel ist ein Opportunist aus Mangel an eigenem Können; was er verkörpert, ist die Banalität des Skrupellosen. Privat bleibt Gavriel ein fader Charakter, man lobt ihn stets als guten Zuhörer, nie als mutigen Macher, er heiratet eine anständige Frau und tut sich nicht sonderlich als Mitgestalter dieser Ehe hervor, er trifft Geschäftspartner, aber keine Freunde, denn es gibt keine, er verfolgt Projekte, aber keine wirklich eigenen Interessen. Ein erfolgreicher, und doch so langweiliger Mensch – dass sich die Kapitel über Gavriel Manzur ohne viel Drall voran schleppen, mag sogar erzählerisch beabsichtigt sein. Schwierig nur, Interesse für einen Charakter zu entwickeln, an dem selbst der Autor anscheinend keinen Spaß hat. Er wahrt einen distanzierten Blick auf ihn, und er gönnt Gavriel, dem Gewinnler ohne eigene Ideen und Ideale, keine Größe. Umso mehr gönnt er ihm dafür die große Katastrophe zum Schluss. Das ist nachvollziehbar, verliert durch seine Plakativität aber an Reiz.

Schließlich der Blick nach unten: Im gegenwärtigen Liverpool, seit dem Niedergang seiner Schwerindustrie und Hafenwirtschaft eine der zehn ärmsten Städte Großbritanniens, entwickelt eine Clique aus orientierungslosen Unterschichtskids die Idee von einem weltweiten Protest – wogegen genau, das können sie selbst kaum definieren, mit Sicherheit allerdings gegen ihre eigene lausige Lebensrealität. Hier erzählt ein Ich, ein Wir – eine Stimme, die anonym bleibt und dadurch für alle spricht, für die Liverpooler Gruppe, für die, die sich ihr später anschließen werden, am Ende auch für die Toten des großen Aufstands; im Roman ist es die einzige Stimme einer restlosen Identifizierung mit einer Sache, einer Gemeinschaft. Die Ausreißer, die ihr Headquarter mal im schimmligen Hinterraum einer Schlachterei, mal in einer leeren Garage aufstellen, haben anfangs keinen Plan, aber eine Menge Wut, und sie haben Facebook. Was mit kleinen Sachbeschädigungen eines Einzeltrupps beginnt, nimmt bald die Form einer globalen Bewegung an, als mit Julian eine ehrgeizige kleine Assange-Figur das Ruder an sich reißt, der Gruppe eine Struktur, einen Fokus, eine Onlinepräsenz gibt und ein Zielgerade feststeckt: 11.11., eine Milliarde Streikende. Plötzlich folgen ihnen zigtausende Anhänger im Internet, gründen sich auf allen Kontinenten Mitstreitergruppen, die mit ihnen an diesem Datum den Totalkollaps der globalen Ordnung herbeiführen wollen. Baram baut das Liverpooler Kollektiv um Julian zu einem MSV-Gegenstück auf: Auch die Aktivisten der Verzweiflung erweisen sich als gute Campaigner für die eigene Sache, lernen, wie sich mediale Ströme beeinflussen lassen, professionalisieren ihr Informationsmanagement, bauen Netzwerke auf und erarbeiten gemeinsame Strategien; ebenso treten, parallel zum MSV, bei den Aufständlern interne Konflikte auf, wird die Integritätsfrage immer häufiger gestellt, was sich bis zur Paranoia steigert. Die Bewegung im Ganzen entwickelt sich unterdessen zu einem kaum noch steuerbaren Flächenbrand. In Vorbereitung auf den 11.11. werden von allen Gruppen Manöver durchgeführt, die einen Vorgeschmack auf die Wucht des kommenden Untergangs liefern sollen; der Ursprungszelle sind längst die Kontrolle und die Übersicht über diese Zerstörungsaktionen entglitten. Gemeinsamer Nenner bleibt, dass diese sich nicht etwa gegen die gewohnten Ziele von Globalisierungsgegnern richten, sondern diesmal gegen Kunstgüter und kulturelle Einrichtungen – erst hier wird der Roman endlich einmal wirklich böse:

Nicht Banken, Konzerne oder Regierungen waren unser erstes Ziel […]. Wir wollten den Gleichmut der westlichen Kultur erschüttern, die abgeklärte Gelassenheit aller Liebhaber der Kultur […] und an erster Stelle derjenigen, die arbeiteten, um ihre persönlichen Ziele voranzutreiben, und gleichzeitig die Illusion pflegten, diese Welt, so wie sie ist, könne ungestört funktionieren, während andere untergepflügt werden. Wir wollten diese ehrbaren Institutionen erschüttern, in ihren alten, prächtigen Gebäuden mit den ziselierten Säulen, den hohen Decken und Kronleuchtern […] und Cocktailempfängen zu Ehren irgendeines Künstlers, der es wagte, das Selbstverständliche auszusprechen, oder eines Autors, der Kritik am Kapitalismus oder am Kolonialismus oder an irgendwelchen bescheuerten Fernsehshows geübt hatte. Wir wollten die Seelenruhe dieser Heuchler stören, die in ihren gediegenen Altbauwohnungen leben und mit Taschen voller Geld auf Demonstrationen gegen die Banken gehen, die mit Kulturgütern spekulieren und gleichzeitig die Illusion einer Vielfalt bedienen: Sicher gibt es Millionen, die nichts haben, aber es gibt auch eine Gegenkultur der Schönheit und Katharsis, vielleicht ändern wir diese Welt noch, vielleicht engagieren wir uns noch mal, um der Labour Party zu helfen oder der SPD in Deutschland oder den Sozialisten in Spanien […]. Gar nicht zu reden von den […] Petitionen und Protesten dieser Heuchler, die ihre Arbeiten an Diamanten- oder Sklavenhändler verschachern, welche sich mit den erworbenen Kunstwerken den Dreck und das Blut aus der Fresse wischen […]. Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen, keine Katharsis, während Milliarden von Menschen nicht wissen, wovon sie im nächsten Monat oder am nächsten Tag leben sollen, und es darf auch kein Gequatsche über Gleichheit und Sozialismus geben auf Veranstaltungen für Privilegierte […]. Wir wollten, dass sie den Abgrund zu sehen bekommen, genau so, wie wir ihn täglich sehen, nicht den Marmorboden, auf dem sie im Theaterfoyer stehen, […] anstelle der Institutionen, die sie kannten, würden zerstörte, ausgebrannte Gebäude aufragen, würde es nichts mehr geben, an das man sich klammern konnte, genau so, wie wir nichts hatten, was uns Halt gab.

Nichts darf einen höheren Wert besitzen als ein menschliches Leben. Und alles, was jenes Werteverständnis zuungunsten des menschlichen Lebens verzerrt, verdient es unterzugehen – auch Kultur, wenn sie nur noch als Geldanlage dient, oder als Alibi für die Privilegierten, um sich nicht direkt, also: aktiv, ungefiltert und ohne künstlichen Sicherheitsabstand, mit dem übrigen Leben, mit den übrigen Menschen beschäftigen zu müssen. Da ich dieser Logik durchaus etwas abgewinnen kann, müsste ich nun konsequenterweise und mit sofortiger Wirkung das Bloggen einstellen. Ebenso hätte Baram, dessen Schreibe merklich an Fahrt wie an Empathie gewinnt, als er sich mit den verwahrlosten, hoffnungslosen Jugendlichen und den Zielen ihres Furors befasst, und der wiederum selbst zur Kategorie gefeierter Autor, der Kritik am Kapitalismus übt gehört, an dieser Stelle augenblicklich der Stift aus der Hand fallen müssen, bzw. das Notebook, das übrigens vielleicht so eins mit einem kleinen Apfel drauf sein könnte, um erneut auf dieses Erkenntnisobst zurück zu kommen. Offensichtlich blogge ich immer noch, tippe dieses selbstgefällige Zeug hier, während ein IKEA-Buchregal mit viel nichtssagendem Inhalt und ein Obstkorb in meinem Blickfeld liegen, und kann dafür nur ein Argument vorbringen: Je radikaler eine Ansicht, eine Parole, eine Ideologie ist, umso größer ist ihre Verführungskraft – und umso aufmerksamer wiederum gilt es daher, ihr zu misstrauen, bevor man ihr vielleicht nachrennt. Auch Weltschatten findet dort, wo es unsere teuerste wie unsere billigste Kulturschafferei den Aufständischen als ihren rechtmäßigen Fraß vorwirft, noch nicht seinen Schlusspunkt. Baram ist mit seiner Liverpooler Zelle noch nicht fertig, sondern lässt sie erst einmal in ihrer plötzlichen Berühmtheit und Bedeutsamkeit schmoren, lässt es dann so richtig brennen, um am Ende in der Asche danach zu graben, was sich nach der ganzen Geschichte wohl als reell Widerständiges bewähren könnte. Viele der Widersprüchlichkeiten, die Baram dabei aufwirft, sind von stichelndem Charakter, wie zum Beispiel der Umstand, dass Julian ausgerechnet zu einem abtrünnigen MSV-Mitarbeiter Kontakt pflegt – gemessen an der geringen Tragweite wie der übertriebenen Symbolik dieser Verbindung eher ein überflüssiges dramaturgisches Gimmick. Ganz entscheidend dagegen ist die Frage, was eigentlich kommen soll, sobald das Alte in Ruinen liegen wird: Diese Gruppe katalysiert die destruktive Energie der halben Erdbevölkerung, aber eine Utopie für den Tag nach dem 11.11. kennt sie nicht.

Den Gedankengängen Barams merkt man an, dass er gewohnt ist, sich mit verstrickten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu befassen. Der Handlungsbogen ist hübsch ordentlich aufgebaut, da wackelt nichts. Baram verknüpft die verschiedenen Ebenen sorgfältig miteinander, verheddert sich dabei nie, greift dafür höchstens auf allzu einschlägige Beispiele für schmutzige Globalisierungseffekte zurück, wie etwa die Verwicklungen der Industrienationen in Waffengeschäfte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Charaktere dagegen hat Baram ein nur mäßig gutes Händchen. Er bricht den Komplex Globalisierung auf seine kleinsten Elemente herunter, auf menschliche Einzelschicksale also; gerade diese wirken allerdings oft, als seien sie eher einem Musterkatalog als der eigenen Vorstellung des Autoren entsprungen, die Figuren sind allzu sehr Standardbesetzung für die ihnen zugewiesenen Rollen, und darin besteht denn auch das leichte Humpeln des Romans. Denkwürdiger als die Einzelfiguren selbst ist die zwingende Dynamik, die sie in bestimmte Positionen treibt. Aus ihrer Konstellation im Roman lässt sich, grob formuliert, diese Prognose für die Realität ziehen:

Die Einen haben uns nichts zu bieten außer einer Illusion und einer Aufrechterhaltung der kranken Ordnung. Die Anderen haben uns nichts zu bieten außer einer Gegenillusion und einer gewaltigen Betriebsstörung der kranken Ordnung. Geliefert sind wir alle, denn wie eine gesunde Ordnung überhaupt aussehen sollte, geschweige denn, wie eine solche Ordnung real funktionieren könnte, fällt einfach niemandem von uns ein.

Wir brauchen ganz neue Fähnchen, dringend.


>>Nir Baram, Weltschatten (Hanser), gebunden, €26,-

GLOBAL THINKING // Scherbografie

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Geheimnis bleibt dem tiefsten Geist,
Was Dasein heißt.
Gott hat das Rätsel ausgesprochen,
Sich selbst darüber den Kopf zerbrochen,
Bis er in Scherben zerschellt;
Die nennt man nun: die Welt.

Paul Heyse (1830 – 1914)


Ich kenne – mich selbst eingeschlossen – niemanden, der nicht ab und an oder gar dauerhaft von dem Gefühl beschlichen wird, sich im Leben auf einem Scherbenhaufen zu bewegen. Man besitzt einen natürlichen Gefüge-Sinn, der unversehrte Einheiten als etwas Ideales empfindet, und der aufspürt, wo man es mit bruchgefährdeten oder bereits zerstörten Unitäten zu tun hat. So, wie man von gut oder böse spricht, wendet man auch heil oder kaputt als Urteil an. Das untersuchende Gespür richtet sich auf das kleine wie auf das große Ganze aus, tastet das Private ab, prüft die engen und die weiten Kreise, in die das Individuelle eingebunden ist, auf Dellen, Risse und Lücken, und nimmt, als größte Einheit, die Kugel, auf der sich das Weltleben abspielt, in den Fokus. Die Biografie des Einzelnen, menschliche Beziehungen, ideelle Werte – schon im Kleinen stößt das Gespür allseits auf gesprengte Einheiten, auf kaputte Systeme, und wie sollte da der Gefüge-Sinn erst im Großen das Heile finden? Weltkarte, politisch: ein Mosaik aus bunten Scherbchen.

GLOBAL THINKING // Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Üblicherweise liest man einen Roman, indem man auf der ersten Seite startet und sich dann, schön der Reihenfolge nach, bis zur letzten durcharbeitet. Nimmt man jedoch Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen in die Hand, den neuen Roman von Emma Braslavsky, darf man getrost einen kleinen Umweg einlegen und ganz hinten beginnen, bei den Danksagungen der Autorin, S. 459ff. Dort finden sich die Kürzel Dr., Prof. Dr. oder gleich Univ.-Prof. Dr. Dr. med. in Verbindung mit Fachbereichen und Spezialthemen wie Klimadiagnostik, Meteorologische Extremereignisse, Analyse des Vertebratengenoms, Molecular Embryology, Stammzellenforschung, International Law, Kabbala, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie; dazu ein Captain und Yacht-Gutachter, außerdem zwei Experten für DDR-Bunkerkomplexe. Eingestreute Ortsangaben: Berlin, Buenos Aires, Sarajevo, Comer See. Für sich genommen sagt all das natürlich rein nichts aus, höchstens, dass die Schreibarbeiten der Autorin, die rund acht Jahre in Anspruch genommen haben, eben von allerlei Gesprächen und Ortseindrücken begleitet worden sind. Wenn man aber im Anschluss an den Abschluss nun den Roman – wie es sich eigentlich gehört – von der ersten Seite an zu lesen beginnt, dürfte man bereits ausreichend präpariert sein, um nicht den Fehler der Rezensentin zu teilen, im vorangestellten Personenregister ungerührt über einige Punkte hinweg zu lesen: Mister Sands und Mister Katō, Abgesandte eines milliardenschweren Konsortiums für den Kauf des Bunkers 17-5001 / Marie und Josef, geklonte Golden Retriever / Newman, der neue Mensch im Embryonalstadium. Je deutlicher man nämlich von Anfang an diesen Mischgeruch wittert, den Projekte zur Optimierung des Menschen und Katastrophenszenarien in Kombination miteinander ausströmen, umso leichter liest man sich ein.

Ansonsten wähnt man zunächst, es mit einer einfachen Satire auf die Schicht der Wohlstands-Alternativler zu tun zu haben. Die Eingangsszene liefert bissige Zeitgeist-Schelte; Emma Braslavsky reiht hier eifrig die zwingenden Bestandteile des aktuellen ökologisch, politisch und gender-korrekten Lifestyles aneinander, entblößt gleichzeitig den Egoismus, Chauvisnismus und Karrierismus ihrer Hauptfiguren Jivan und Jo und zeigt die grüne Gesellschaftswelt als kontrollsüchtiges und selbstverliebtes System, das nur diejenigen belohnt, die sich ihm heuchlerisch anbiedern:

Jivan, Anfang vierzig, Bunkerarchitekt und aus verflucht reichem Hause, ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jo, Ende dreißig, selbstberufene Bessere-Welt-Aktivistin und als Jivans Ehefrau finanziell ziemlich sorgenbefreit. Es ist ein Business-Essen, mit dabei sind Verantwortliche der Organisation Animal Rights.

[Jivan] tauscht mit einem Seufzer seine uralten, bequemen Lieblingstreter aus geschmeidigem Boxcalf gegen tierleidfreies Schuhwerk aus wasserfester Mikrofaser. […] Das Blackbird’s Song ist momentan der letzte Schrei in der Stadt in Sachen veganer Küche, die Leute stehen so hartnäckig Schlange, als würde ihnen dort Absolution erteilt. Links und rechts versucht ein schnurgerades Spalier aus blühenden Hyazinthen zwischen blauen Neonlichtern eine streng überwachte Multikulti-Naturschutzpflanzenwelt daran zu hindern, sich auch den Rest des Areals einzuverleiben. Die Ledersneakers verstaut Jivan im Beutel. Bei der Gelegenheit überprüft er Hemd und Hose. […] Sein dunkelblaues Leinenhemd geht noch als tierlieb durch. Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hunderttausende weibliche Cochenilleschildläuse ihre Leben gelassen.

Beinahe hätte Jivan seine Lieblingsledertasche zum Treffen mitgeschleppt, gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, sie zu verstecken. Nur, dass er für vegane Nasen empfindlich nach Döner riecht, weil er vor dem Restaurantbesuch noch einen Sattmacher gebraucht hat, das hat Jivan nicht bedacht. Macht nichts, durch eine schnelle Lüge renkt Jivan die ausgekugelte Stimmung wieder ein. Und mit einer rührseligen Anekdote um ein eingeschüchtertes Krokodil und schließlich mit der Idee, aufblasbare Einhornhörner zu verkaufen, die es ihren menschlichen Trägern ermöglichen, ihre mythologisch verankerte Verbindung zur Tierwelt sichtbar und selbst für Tiere verständlich zum Ausdruck zu bringen, können der hallodrige Jivan und die aparte Jo die Tierrechtler vollends für sich einnehmen. Natürlich möchte Jo Animal Rights im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen und dergleichen tatsächlich gern unterstützen – in erster Linie jedoch will sie unbedingt den Posten als PR-Managerin dieser enorm kapitalstarken Organisation besetzen. Was Jivan wiederum unbedingt will, ist eine zufriedene, besser noch: eine euphorisch gestimmte Frau. Vögel und so interessieren ihn nicht, Vögeln dagegen ungemein. Später beschließt das Kollektiv den geglückten Abend, indem es einverständig ein paar Karaffen Bio-Wein leert.

Da diese Szene glatt als gegenwärtig durchgeht und noch nicht ins Unvertraute vorgreift, funktioniert sie gut als eine Art barrierefreier Einstieg in die Story. Noch macht sich nicht deutlich bemerkbar, dass der Roman zeitlich angesiedelt ist in einer Zukunft, die unserer zeitgenössischen Welt um einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus ist – man erinnere sich bitte der geklonten Golden Retriever.

Der Abstand zum Jetzt ist so gering, dass Yoko Ono noch einen Gastauftritt hinlegen kann, doch gelten in dieser nahen Zukunft bereits vollkommen neue technisch-wisschenschaftliche Standards. Womöglich ist diese Zukunft aber doch entfernter als gedacht, und inzwischen haben sich Revolutionen in der Medizin ereignet, die Yoko Ono ein nahezu unsterbliches Leben ermöglichen? Man weiß es nicht. Eine wichtige Rolle spielen die Experimente der Wissenschaftler Natalie und Jakob, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das menschliche Genom von all seinen Makeln zu befreien, sprich: entscheidend in unsere Evolution einzugreifen und nichts geringeres als den neuen, verbesserten Menschen zu erschaffen. Es ist ein Projekt von solch großer Sprengkraft, dass der Nachname des Forscherehepaars, Oppenheim, wohl nicht von ungefähr an Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, denken lässt. Mittlerweile ist es möglich, Stammzellen beliebig zu züchten. Alles, was das Pärchen dafür benötigt, ist ein bisschen menschliches Zellmaterial, und so sammeln die beiden Haare (man beachte die Umschlagillustration des Romans) und erstellen auf dieser Basis einen manipulierten Gen-Pool für die Zukunft der Menschheit. Offenbar hat sich die Handhabung molekulargenetischer Eingriffe alldieweil wesentlich vereinfacht; Adam und Eva 2.0 können praktischerweise im Heim-Labor des hübschen Stadthäuschens der Oppenheims in Buenos Aires gezeugt werden.

Gesellschaftlich scheint sich indes kaum etwas weiterentwickelt zu haben. Frauen treten innerhalb des Machtsektors hauptsächlich dekorativ in Erscheinung, Führungsrollen übernehmen sie, wenn’s hochkommt, im spirituellen Bereich, und das Thema Mutterschaft gerät im Roman gleich für drei Frauen zur Bewährungsprobe. Nach wie vor lauten die entscheidenden Dominanzfaktoren Testosteron und Geld. Das bekommt auch Roana zu spüren, eine weitere Hauptfigur, die auf einem von Papa verordneten Survival-Trip unterwegs ist. Die gerade Neunzehnjährige soll am Fuße eines einsamen Vulkans zu Vernunft und Eigenständigkeit finden, um danach, so hofft Papa, geläutert zurückzukehren und endlich einzuwilligen, sein höchst erfolgreiches Bauunternehmen später einmal weiterzuführen. Roana schlägt sich jedoch lieber bis nach Buenos Aires durch, wo sie an diverse Weltverbesserercliquen gerät. Mal wird sie von einem verlogenen Ideologen missbraucht, mal darf sie bei einem ambitionierten Projekt nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen ist. Ziemlich ramponiert, aber umso entschlossener sucht sie weiter nach der ganz großen Portion Lebenssinn, um ihren Hunger nach eigener Bedeutung zu stillen. Dann sind da noch Jule und No, ein Aussteigerpärchen, das in einer paradiesischen Bucht Adam und Eva spielt. Nackt, mittellos, frei – um ein völlig neues Leben zu beginnen, haben die beiden alles zurück gelassen, was man eben zivilisiert nennt. Nur einander nicht. Nicht lange, und es verfestigt sich eine Rollenverteilung: sie das Lustobjekt, er der Ernährer. Zwei, die auszogen, um die Zukunft zu suchen, und in der Steinzeit ankamen. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist es in der Zukunft also trostlos bestellt. Die Gleichberechtigung der Tiere dagegen ist das dauertrendende Thema. Auch in der Zukunft können Tiere nun einmal keine eigene Stimme erheben, um sich zu verteidigen – aber eben auch keine Stimme, um denjenigen Menschen, die ihre ureigenen, eitelkeitsgesteuerten Lebensvorstellungen ungefiltert auf die Tierwelt projizieren, zu widersprechen. Eine gerechtere Welt für alle zu schaffen, davon reden die AktivistInnen und Organisationen im Roman unentwegt. Wer aber diese Alle sind, um die es vorgeblich geht, scheint man weder bei Better Planet, noch bei Life from Zero und Konsorten so genau zu wissen. Die wirklich Benachteiligten dieser Erde spielen nach wie vor einfach keine Rolle. Derweil sind die Privilegierten dieser Erde schwer damit beschäftigt, ihren persönlichen Oberflächenglanz zu optimieren, und es scheint, dass sie vor allem deswegen so gern über die Tiere und den besseren Menschen sprechen, um dem echten Menschen und dessen echten Problemen guten Gewissens aus dem Weg gehen zu können. Keineswegs mangelt es jenen ZukunftvisionärInnen am notwendigen Ehrgeiz; an Aufrichtigkeit und Selbsthinterfragung dagegen sehr. Unter den idealistischen Projekten, die Roana durchläuft, als seien es Hindernis-Parcours, findet sich beispielsweise ein Camp, in dem gut situierte Familien einen Sommer lang Kommunismus spielen dürfen. Die Verniedlichung und Kommerzialisierung des Kommunismus als Ferienvergnügen: noch anschaulicher hätte Emma Braslavsky das Absurde am Wohlfühl-Aktivistentum nun wirklich nicht verpacken können. Am Ende aber muss doch jene Welt, in der Individuen jeglicher Art das Recht auf freie Entfaltung so vehement zugesprochen wird, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit so präsente, intensiv diskutierte Themen sind, unserer zeitgenössischen wenigstens irgendwas voraus haben?

Dann aber geht ein Ruck durch die Welt. Genauer: ein Internet-Hype. Mitten im Atlantik wird eine Insel von der Größe Balis entdeckt, die bislang kartographisch nicht erfasst war, eine staatliche Zugehörigkeit liegt nicht vor. Da die Insel von niemandem betreten, sondern nur aus der Ferne fotografiert wurde, steht ihre Eroberung noch aus. Unbekanntes Neuland, 5000 Quadratkilometer Projektionsfläche für utopische Ideen! Seit dem Goldrausch hat es keine derartige globale Euphorie mehr gegeben. Die Insel im Auge des medialen Sturms reißt wirklich alle in ihren Bann, Aussteiger, Forscher, Politiker, Philosophen, Luxusreisende, Umwelt-Aktivisten, und wird so auch zum Brennpunkt, in dem sich die Schicksale von Jo, Jivan, Jule, No, Natalie, Jakob, Roana und Newman schließlich überschneiden.

Völlig zu Recht hat der Verlag diesem Roman einen Bucheinband in pinkigem Beerenton verpasst und dazu noch einen Umschlag, der nur auf den ersten Blick harmlos grau aussieht – hält man ihn ins Licht, glitzert er wie Feenstaub. So viel Übertreibung muss sein, denn auch das Erzählen gibt sich nicht zufrieden, bevor es nicht auf allen Ebenen optimal too much ist. Sprachlich tobt die Autorin ihren merklichen Spaß an Aufgedrehtheit und Flapsigkeit besonders in den von Roana erzählten Abschnitten aus, ohne jedoch ins Unkontrollierte zu kippen. Strukturell lässt sie natürlich mehrere Ereignisebenen parallel laufen. Mit den Figuren springt ihre geistige Schöpferin raubeinig bis boshaft um: Da sie sich hier intensiv mit Genetik befasst, wendet Emma Braslavsky das Prinzip des Survival of the Fittest eben auch konsequent auf ihre Protagonisten an. Thematisch gibt es nichts, das als zu groß oder als unnötiger Ballast betrachtet würde, um nicht doch noch irgendwo zwischen die Zeilen hineingequetscht zu werden. So findet die Installationskunst des Autorinnen-Gatten Noam Braslavsky ihren Kurzauftritt im Roman, Jorge Luis Borges ebenfalls, und selbst die Titanic lässt die Autorin quasi ein zweites Mal untergehen.

Am Ende hat man überraschend viel gelacht während des Lesens. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man müsse sich möglichst bald einmal etwas tiefgehender mit Bunkerkunde befassen.


>>Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp) €24,-


Diesen Beitrag kann man auch auf satt.org lesen. Wer’s insbesondere mit Film und Buch am Herzen hat, sollte dort ohnehin häufiger mal vorbeischauen.


Herzlichen Dank an Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

GRAN FUTURISMO // Und der Mensch schuf den Roboter nach seinem Bilde

In der Ilias erzählt Homer über Hephaistos, Gott der Schmiedekunst, dieser werde in der Werkstatt von seinen selbst kreierten Mägden aus Gold unterstützt, die mit Vernunft begabt und lernfähig seien. Schon jene roboterhaft anmutenden Wesen scheinen geschaffen worden zu sein, um sowohl die Fähigkeiten und Stärken ihres Schöpfers automatisiert anwenden zu können, als auch um dessen Schwächen auszugleichen:

[…] Hinkte sodann aus der Tür, und Jungfraun stützten den Herrscher, / Goldene, Lebenden gleich, mit jugendlich reizender Bildung: / Diese haben Verstand in der Brust, und redende Stimme, / Haben Kraft, und lernten auch Kunstarbeit von den Göttern. / Schräge vor ihrem Herrn hineilten sie, er ihnen nachwankend. [Achtzehnter Gesang]

Das Bild vom künstlich hergestellten, intelligenten und idealförmigen Helferwesen, das uns untertan und doch in Sachen Kraft weit voraus ist, zieht sich über die Jahrhunderte durch die menschliche Fantasie – über die Romantik mit ihrer Faszination für Automaten bis ins heutige Industrieroboter-Zeitalter. Den Vorsprung in Sachen Schöpfungskraft, den die Götter innehaben, will der Mensch per Wissenschaft aufholen, und so wird er weiter auf den gewaltigen Annäherungsschritt ans Göttliche hinarbeiten, menschenartige Intelligenz irgendwann einmal selbst  – womöglich am Fließband – produzieren zu können.

Was danach kommen mag, darüber wird in der Science Fiction ausgiebig nachgedacht; abseits von Unterhaltungstrash und reinem Abenteuerspektakel findet sich dort eben auch große Philosophie. Auffällig dabei ist, wie sehr der Mensch, der über intelligenzbegabte Maschinen nachdenkt, einer Vorstellung verhaftet bleibt, nach der das Künstliche als Ebenbild des Menschlichen gedacht wird: Roboter, die in menschlicher oder menschenähnlicher Gestalt daherkommen, bevölkern unsere geträumte Zukunft. Warum sind es technische Einheiten, die ein Imitat des Individuums darstellen, die uns so beschäftigen? Warum werden als Antwort auf die Frage nach möglichen Formen künstlicher Intelligenz viel seltener Visionen entworfen, die form- und gesichtslose Schwarmintelligenzen zeigen, die keinerlei Übereinstimmung mit dem Konzept Mensch aufweisen? Der Blick in die Zukunft folgt dem gleichen Interesse wie der Blick zurück in die Historie: Aus diesen Betrachtungen wollen wir lernen, wer wir sind. Science Fiction finde ich dort am interessantesten, wo sie erforscht, welche Ergebnisse die Anwendung der Großen Fragen unter Laborbedingungen hervorbringt: Was ist Leben, und wie entspringt es? Was bedeutet Tod? Was ist Seele?

Weil diese Fragen nicht veralten, tun es auch die Klassiker nicht, die sich mit ihnen befassen. Da kann man etwas weiter zurück gehen, bis zu Frankenstein, und sich des Mitleids nicht erwehren, das man für dessen einsames Monster empfindet, oder etwas weniger weit, bis Blade Runner, und sich fragen, weshalb einem die Replikanten hier menschlicher erscheinen als die Menschen. In Ghost in the Shell ist es ein Hybridwesen aus Mensch und Maschine, das im Stillen zu ergründen versucht, was seine Identität ausmacht: Major Motoko Kusanagi besitzt ein Bionik-Gehirn, kann auf keine Herkunftsgeschichte zurückgreifen, ist nicht fortpflanzungsfähig, und verfügt doch über eine eigene Persönlichkeit. Im Jahr 2029 wird der Teil eines Menschen, Cyborgs oder bionischen Roboters, der dessen Identität speichert, als Ghost bezeichnet. Während ihrer Arbeit für die Sektion 9, einer Sondereinheit des Innenministeriums, verfolgt Kusanagi die Spur eines Hackers namens Puppet Masterder die Sicherheitssperre in den Ghost-Bereich überwunden hat und nun die Identitäten Anderer manipuliert. Zunächst deckt Kusanagis Team auf, dass der Puppet Master mit dem Geheimprojekt eines Technologiekonzerns in Verbindung steht. Doch zeigt sich bald, dass es Kusanagi mit weit mehr als nur einem aus dem Ruder gelaufenen Programm zu tun hat. Der Puppet Master erweist sich als Ghost, der aus unerklärlichen Gründen, durch irgendeinen Zündfunken im System, aus dem Netzwerk selbst heraus entstanden sein muss: eine Seele aus dem Rechner. Als der Major und der Puppet Master schließlich aufeinandertreffen, bietet diese Begegnung denn auch die ideale dramaturgische Gelegenheit, um das mit den Großen Fragen einmal gründlich durchzusprechen.

Diese erste filmische Umsetzung der gleichnamigen Manga-Reihe von Masamune Shirow erschien 1995. Rein optisch mag sich ihr futuristischer Anspruch inzwischen überholt haben: Outfits und Frisuren vieler Charaktere lassen an die Miami-Vice-Epoche zurückdenken; trotz direkter Netzwerkkommunikation zwischen den Ghosts gehören Telefonzellen hier noch zum Straßenbild – das Smartphone ahnte man eben nicht voraus; nicht zuletzt ist es auch das Medium selbst, der gute alte Zeichentrickfilm, das einem in Zeiten des computeranimierten 3D-Kinospektakels schon ziemlich vintage vorkommt. Egal – der (oftmals blutrot angehauchten) visuellen Schönheit und der hartnäckigen inhaltlichen Modernität des Ganzen tut das alles keinen Abbruch.

Nachdem der Stoff zu weiteren Animationsfilmen, diversen Anime-Serien und zur Computerspiel-Reihe verarbeitet wurde und Ghost in the Shell besonders in den 90ern als erfolgreiche Marke funktionierte, steht nun für 2017 eine neue filmische Adaption an: Derzeit drehen DreamWorks und Paramount Pictures einen Realfilm, in dem Scarlett Johansson die Rolle der Motoko Kusanagi spielt; geplanter Kinostart ist im kommenden März. Schon im Vorfeld der Dreharbeiten hat die Rollenvergabe eine Debatte um die unschöne Hollywood-Praxis des Whitewashing losgetreten: Während die Einen schon jetzt hingerissen sind von Johansson als Besetzung, fragen die Anderen sauer, weshalb man mal wieder nicht einer asiatischen Schauspielerin die tragende Heldinnenrolle habe geben wollen. Ob eine blauäugige Maschine, deren Geschichte sich in einer Zukunft abspielt, in der Nationalität oder Hautfarbe kaum mehr von Bedeutung sind, nun unbedingt von einer, sagen wir, japanischen Schauspielerin verkörpert werden muss? Um die Story an sich authentisch umzusetzen, wäre das nicht nötig – ginge es nur darum, hätte man die Rolle des Majors alternativ auch wunderbar etwa an eine puertoricanische Transfrau vergeben können. Dass Hollywood aber ausgerechnet für die Neuverfilmung eines japanischen Klassikers seine weiße Standardprominenz verpflichtet, anstatt der asiatischen oder asiatischstämmigen Schauspielerschaft den Vorzug zu geben, hat allerdings einen zweifach unguten Beigeschmack: Zum Einen verweigert man hier, wo sich doch ein schöner Anlass zu Gegenteiligem geboten hätte, wie gewohnt einer Minderheit das Privileg, sprichwörtlich eine Hauptrolle in der breiten Öffentlichkeit zu spielen, zum Anderen wird wieder einmal mit geradezu kolonialherrschaftlicher Selbstverständlichkeit ein Stückchen Fremdkultur zu einem rundum amerikanischen Massenprodukt verwurstet. Mir selbst wär’s schlicht lieber gewesen, man hätte Kusanagi ein etwas weniger Glamour-beladenes Gesicht gegeben. Am besten aber hätte wohl einfach gleich ein Roboter die Hauptrolle übernehmen sollen?

Wie gesagt, in der Science Fiction beschäftigt man sich häufig mit Fragen, die ums Menschliche kreisen.

GRAN FUTURISMO // Ts-ts-womp-kr-womp-womp-dydydydydydy-womp-ts

Seit rund 25 Jahren produziert das aus Manchester stammende Duo Autechre Electronica. Ende nicht in Sicht – das aktuelle Album Elseq 1-5 ist seit Mai verfügbar. Über ihre Musik, die unter Verwendung von Synthesizer, Sampler, Drumcomputer und diverser Tongestaltungssoftware entsteht, sagen Autechre, sie funktioniere nach Gleichungen und Formeln.

Die Horse Lords aus Baltimore, deren drittes Album Interventions diesen April erschienen ist, produzieren ihre Musik mit anderen Methoden, aber ähnlichem Ergebnis. Verwendet werden hier Schlagzeug, Bass, Gitarre, Saxophon – handgemachte Musik also, die jedoch den Eindruck erzeugt, von elektronischem Charakter zu sein, indem sie den Klang und die Struktur repetitiver Computermusik aufweist.

Sind die Horse Lords damit nun etwa traditioneller als die guten alten Autechre – oder irgendwie doch moderner?

Sobald ich mir „Zukunftsmusik“ vorstelle, denke ich automatisch an rein elektronische Musik, die die gewohnten Klangbilder und rhythmischen Muster hinter sich gelassen hat. Ich stelle mir vor, dass sich die Musik immer weiter zu einem tonalen Abbild der zunehmend durchtechnologisierten Lebenswelt entwickeln wird. Musik, aus der zunächst die menschliche Stimme und das vom Menschen bediente Instrument als Elemente verschwinden werden, und deren Herstellung zuletzt komplett programmgesteuert vonstatten gehen wird – vom per Zufallsprinzip komponierten Basis-Loop bis zum fertigen Tonstück. Möglich vielleicht, dass es gar die allgegenwärtigen Rechenvorgänge selbst sein werden, die Musik als Nebenprodukt auswerfen, indem sie die Verarbeitung von Datensequenzen in Tonfolgen umsetzen.

Was ich mir da vorstelle – Musik auf dem Weg zum Maschinengeräusch – , ist natürlich keine Einsicht in die Zukunft, sondern beruht auf dem sehr gegenwärtigen Erleben der Digitalen Wende. In der tatsächlichen Zukunft wird man diesen Wandel vom Analogen zum Digitalen nur noch als kalten historischen Kaffee betrachten. Die zukünftige Musik wird ihre eigenen Themen, Motive und Formen finden, wird den Zeitgeist abbilden, in den sie eingebettet ist, und ein akustisches Ausdrucksventil sein für die Dinge, nach denen man sich sehnt: Wer weiß, vielleicht wird die musikalische Mode eines noch fernen Tages ja den klerikalen Chorgesang wiederbeleben, oder das gemeinschaftliche Trommeln am Lagerfeuer neu für sich entdecken?

GRAN FUTURISMO // Anja Kümmel, V oder die Vierte Wand

Vierte Wand

Ein Zukunftsroman, der eigentlich keiner ist: In V oder Die Vierte Wand praktiziert Anja Kümmel ein kreuz und quer wucherndes Erzählen, das einerseits den zeitgenössischen Stand der Dinge zu einer Vision unserer nahen Zukunft hochrechnet, andererseits ausgiebig in Retro-Wehmut schwelgt.

„drüben, auf der anderen seite des hafenbeckens, steht ein gigantischer würfel aus schwarzem glas. undurchsichtig, spiegelhart, wie etwas fälschlich auf die erde gefallenes. etwas, in dem eine rasse bösartiger außerirdischer die wunderwaffe zur vernichtung der menschheit produziert. ich weiß nicht mehr, wohin. ein tiefes brummen geht von dem alien-qauder aus […]. ungefragt übernimmt der hase die führung.“

London, Zukunft. Der Name des Mannes mit der weißen Hasenmaske lautet Squid – das tut nicht viel zur Sache, Squid ist eine der weniger handlungsentscheidenden Figuren, aber er darf gleich zu Anfang eine erzählerische Signalflagge schwenken: Follow the white rabbit ist die Richtung, die Kümmel ihrer Leserschaft und auch ihrer Hauptfigur Mesca weist, indem sie den plüschig kostümierten Squid voranschickt, und jeder, der weiß, wie der Carrollsche Hase läuft, erwartet nun ganz richtig, dass das kommende Geschehen einem Fiebertraum gleichen wird.

Mesca, ein zierlicher Mexikaner, hat sich vom Los Angeles des Jahres 1980 aus nach London aufgemacht, um nach seiner großen Liebe Manolo zu suchen. Nur befindet sich das London, in dem Mesca schließlich gelandet ist, nicht in einer 1980er Gegenwart, sondern in einer unbestimmten Zukunft – einer dystopischen natürlich: Fliegende Kameraaugen erfüllen den Himmel mit dem Dröhnen ihrer Rotoren, jeder Einwohner ist gechipt, innerhalb der Stadt haben sich Parallelgesellschaften gebildet, deren Territorialstreitigkeiten regelmäßig zu blutigen Scharmützeln führen. Anscheinend gehört Europa inzwischen einem Chinesischen Großreich an, die offizielle – weltweite? – Währung heißt Ethercoin; näher ergründet werden die gesellschaftlichen und geopolitischen Zustände aber nicht. Lesend fällt es einem ebenso schwer, sich in dieser neuen Welt und ihrem Vokabular zurecht zu finden, wie dem in der falschen Zeit gestrandeten Mesca.

Was Mesca lange nicht weiß: Er ist nicht der einzige Fehlgezeitete; es gibt außer ihm noch jemanden, der auf der Reise nach London durch einen Riss im chronologischen Gefüge geflutscht ist. Beide irrlichtern sie in einer verkehrten London-Version umher, die für den jeweils Anderen die richtige gewesen wäre. Die Isländerin Fenna, die sich vom hoffnungslosen Leben auf ihrem eisigen Heimateiland verabschiedet hat, um in London einen gut bezahlten Job als Auftragskillerin anzunehmen, findet sich bei der Ankunft in eine für sie fremdartige Vergangenheitswelt versetzt, in der Menschen über Schnurtelefone kommunizieren anstatt über FlexxPads, Tabakzigaretten rauchen anstatt an drip tips zu saugen, in der rechteckige Papier- und runde Metallstückchen als Zahlungsmittel eingesetzt werden und sich nirgendwo Qanuk und Quiesan zur Beruhigung auftreiben lassen.

Dass Fenna und Mesca einander kennenlernen, zusammen feiern gehen und bald gemeinsam einen erbärmlichen, aber sicheren Unterschlupf bewohnen, obwohl sie auf zwei verschiedenen Zeitebenen leben, stiftet erstaunlicherweise keine logische Verwirrung. Anja Kümmel legt die Zeit einfach zusammen wie ein Handtuch, so dass die im ausgebreiteten Zustand von einander entfernt liegenden Ecken sich nun überlagern und berühren.

Nicht nur in der Zeit geht es überkreuz und doch parallel. Fenna und Mesca treten sich in scharfkantiger Deutlichkeit als Komplementärfiguren gegenüber. Mesca: klein, schmächtig, dunkel, liebessüchtig, von lateinamerikanischem Temperament, ein Mensch der analogen Welt, gepolt auf Hitze und Schwüle und auf körperliche Nähe, der Geld heranschafft, indem er als Stricher traurige Glücksgefühle verkauft. Fenna: groß, wuchtig, weißblond, zu verheerenden Wuteruptionen neigend, dabei vertraut mit den kalten Temperaturen und von kalter Regung, ein Zukunftsmensch, der zwischenmenschlichen Kontakt bislang nur durch den Digitalfilter erlebt hat, bislang nicht geliebt hat und beruflich frisch eingestiegen ist in die Todesbranche. Mesca zieht Fenna schließlich mit; beide tauchen gemeinsam ab in die wild feiernde Untergrundszene der Stadt, wo man sich zeitlichen Rahmenvorgaben ohnehin verweigert, wo sich individuelles Zeitempfinden in Rausch auflöst und der Dresscode der Feiernden Retro-Bezüge und Futurismen vermischt, so dass sie sich einer zeitlichen Einordnung entziehen. Die V-Night ist eine solche vom Irdischen abgekoppelt scheinende Sphäre. In Anlehnung an die Untergangsstimmung im durch deutsche Vernichtungswaffen bedrohten Weltkriegslondon, wird hier gefeiert, als ob das Gestern und Morgen keine Rolle mehr spielten. Dort verliebt sich Fenna in E., der eine unsichere Ähnlichkeit ausgerechnet mit der Zielperson ihres Killerauftrags aufweist.

Die aus Mescas bzw. Fennas Perspektive erzählten Romanpassagen werden typographisch unterschieden: Fenna erkennt man am Normalschriftbild, Mesca an der durchgehenden Kleinschreibung. Ab und an wird der stetige, oft abrupt erfolgende, Perspektivwechsel durch Zwischenschaltungen in einer anderen Schriftart ergänzt. Richtig: Da ist noch jemand Drittes, um dessen Identität Anja Kümmel viel Vernebelung betreibt.

Die titelgebende Vierte Wand – ein Begriff aus dem Theaterbereich, der die imaginäre Wand zwischen einem auf der Bühne dargestellten Raum und dem Publikum beschreibt – wird nicht etwa dadurch durchbrochen, dass sich Protagonisten des Romans direkt an die Leserschaft wenden würden. Eher ist die Aufhebung der Vierten Wand als Idee zu verstehen, analog zur zunehmenden Öffnung des individuellen Privatraums zu einer kollektiven Öffentlichkeit hin, wie sie sich durch staatliche Überwachungsmaßnahmen einerseits, durch das Aufgehen des privaten Lebens in einem Social-Media-Äther andererseits vollzieht. Die Auflösung der privaten Einheit des Menschen zeitigt auch eine Auflösung seiner inneren, seiner gedanklichen Integrität. Stilistisch umgesetzt wird diese Zerpflücktheit, indem das Erzählen eine kurze Aufmerksamkeitsspanne imitiert, Gedankengänge plötzlich abbrechen lässt, zusammenhanglos einen neuen Gedanken ankoppelt, der wiederum von Zwischengedanken zerrissen wird und so fort. Damit porträtiert Anja Kümmel eindrücklich eine Krankheit unserer Zeit, treibt den Roman aber an den Rand der Lesbarkeit und oftmals darüber hinaus.

Wir wissen alle, dass Major Tom ein Junkie ist, singt die vertaute, hohe Stimme, zugedröhnt im höchsten Himmel und auf direktem Weg zum absoluten Tief//: return [aa&&a.call (window33.65_ret)] major tom? das klingt nicht nur wie bowie… das ist bowie, ¡chin! muss was neues sein… aber wie kann es angehn, dass sich in meinen ohren der losgelöste astronaut in einen melancholischen junkie verwandelt, während vor meinen augen doch grad das gegenteil pa_677%37jk= cl“ ging’s ähnlich. Eigentlich bis gestern oder so _Ax8IklQ_// function 6. (9klQ) edens stimme. akzentfrei. wie klang sie, da oben im vierzigsten, als er die zwei, drei sätze mir „scr“

Das liest sich wie ein Facebook-Stream auf Drogen, durchsichtig gemacht bis auf die Ebene seiner Algorithmen, seiner digitalen Rechengehirnströme, es ist ein Geratter von Sprach- und Bildfragmenten, die sich kaum noch zu einem Inhalt zusammensetzen lassen. Es bleibt der Eindruck eines Erzählens, das sich selbst abschafft.


>>Anja Kümmel, V oder die Vierte Wand (Hablizel), €18,90


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KOPFGEBÄUDE // Pablo de Santis, Die sechste Laterne

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Alles, was von dem Architekten geblieben war, befand sich in dieser Kiste.

Was von einem Architekten bleibt, das sollten eigentlich Gebäude sein, in denen gelebt wird – aber nur Baupläne, die in einer Kiste verwahrt werden, wie in einem Sarg? Dass diese Kiste, mit deren feierlicher Öffnung der Roman beginnt, sich im Besitz einer gewissen Gesellschaft für Utopische Architektur befindet, zeigt an, wie es um das Vermächtnis des Architekten Silvio Balestri bestellt ist. Dessen fiktive Lebensgeschichte wird von Pablo de Santis in Die sechste Laterne rückblickend erzählt. Da es nun aber natürlich sein sollte, dass ein Architekt von seinem eigenen Werk größenmäßig überragt wird, spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Roman ein Gebäude, neben dem sein Architekt, Balestri, nahezu verschwindet: Zikkurat. Ein Bauvorhaben, betitelt nach den antiken mesopotamischen Tempelanlagen, auf welche auch die Geschichte vom Turm zu Babel zurückgeht; im New York des jungen 20sten Jahrhunderts soll es neuartigen Wohnraum für zigtausende Menschen schaffen.

Silvio Balestri, Sohn eines Steinmetzes in Italien, findet erst auf einem vielsagenden beruflichen Umweg überhaupt zur Architektur: Anstatt in die Fußstapfen des Vaters zu treten und vorrangig Grabmäler zu bildhauern, betätigt sich Balestri zunächst als denkmalkundlicher Sachverständiger für Friedhofsarchitektur. Zwischen Kapellen und Mausoleen – dort schult sich sein Blick für die Bedeutung und die Vergänglichkeit von Bauwerken. Während seines anschließenden Studiums der Architektur veröffentlicht er in Fachzeitschriften einige Beiträge, mit denen er sich als eigenwilliger Architekturtheoretiker profilieren kann, und er schließt Freundschaft mit einem Prager Kunsthistoriker und selbstberufenen Sprach-Archäologen, den es nach Italien verschlagen hat: Oskar Pollak.

Das ist wohl der beste Moment, um zu erwähnen, dass Die sechste Laterne ein kafkaesker Roman ist – das muss nämlich unbedingt erwähnt werden, das ginge beim besten Willen nicht ohne, bisher jedenfalls hat das noch kein Rezensent dieses Romans geschafft. Es schwelt ein lauerndes Verhängnis vor sich hin, auf dessen Eintritt der Handlungsverlauf unausweichlich zuschreitet; Entscheidungsträger und Wirkungszentren bleiben im Dunkeln verborgen und entfalten von dort aus ihre einschüchternde, verunsichernde Wirkung; dazu das irgendwie unpersönliche und ausgesprochen deutungsoffene Erzählen: Wer sich anfangs gefragt hat, ob der Autor nicht vielleicht doch etwas zu viel Kafka gelesen habe, darf sich spätestens nun, als Kafkas Jugendfreund Pollak als Freund Balestris auftritt, von de Santis mit einem Augenzwinkern bedacht fühlen – er imitiert Kafka nicht etwa, sondern er huldigt ihm, indem er ihm diesen Roman zu Füßen legt.

1914, als in Europa der Erste Weltuntergang seinen Lauf zu nehmen beginnt, setzt Silvio Balestri auf der frisch vom Stapel gelaufenen Aquitania nach New York über – neues Schiff, neues Leben, neue Welt. Eine stürmische Reise. Beinahe erinnert das Passagierschiff, das nun hauptsächlich Auswanderer und deren Hoffnungen transportiert, an eine Arche Noah für das vorweltkriegszeitliche Europa. Und da waren Männchen und Weibchen von allem Fleisch, wie es in der Bibel heißt – der junge Architekt, der eigentlich keinerlei amouröse Ambitionen hegt, setzt seiner eigenen Verkuppelung an Bord keinen Widerstand entgegen und heiratet eine Schiffsbekanntschaft. Endlich in New York, muss Balestri feststellen: Mitbringsel aus der alten Welt, die gerade im Krieg versinkt, sind hier, wo die neue Welt mit ihren Wolkenkratzern in den Himmel empor wächst, zu nichts nütze. Das Empfehlungsschreiben eines renommierten italienischen Architekten bringt nicht den gewünschten Erfolg bei der Arbeitssuche; vielmehr scheint Balestris per Dokument beglaubigte Kennerschaft der klassischen Architektur ihm geradezu dabei im Wege zu stehen, in wenigstens irgendeinem der unzähligen Architektenbüros dieser bauboomenden Stadt einen Fuß in die Tür zu kriegen. Und das traditionelle Lebensmodell Ehe, das scheitert im Falle Balestris und seiner Frau Greta ebenfalls gründlich. Balestri muss hier also ganz von vorn anfangen, muss sich selbst, wie einen Wolkenkratzer, von einem neuen Fundament an aufbauen. Dabei wächst auch die Idee zu einem noch nie dagewesenen Gebäude in ihm heran, welches das gesamte Wissen, Können und die Bedeutung seiner Zeit bündeln soll – vollkommen besessen von seinem Zikkurat, arbeitet Balestri in seinem schäbigen Apartement unablässig an den Bauplänen und füllt unzählige Notizbücher mit seinen Überlegungen zur Theorie und zur Philosophie seiner privaten, utopischen Gebäudekunde. Zunächst eignet sich Balestri die neue Sprache als die seine an, er veröffentlicht wieder in Fachzeitschriften, kellnert ein wenig, schafft es schließlich, in einem etablierten Architekturbüro in die bauzeichnerische Abteilung aufgenommen zu werden, und arbeitet sich, mühsam, aber stetig, aus der Kelleretage nach oben. Ab hier wird es dann erst so richtig kafkaesk. Balestri macht die Bekanntschaft eines Museumsbesitzers, der in seinen Ausstellungsräumen Modelle nicht verwirklichter Bauvorhaben hortet – schon bald verbindet Balestri und den undurchsichtigen Caylus eine enge Freundschaft. Als Balestri beruflich in der oberen Etage bei den berühmten Architekten Moran, Morley & Mactran angekommen ist, beauftragt ihn einer der Teilhaber damit, die Architekten auszuspionieren, um herauszufinden, wer Ideen und Know How des Büros an die Konkurrenz weitergibt; im Folgenden versucht Balestri jahrelang, die Geheimschrift zu entschlüsseln, in der die Architekten miteinander kommunizieren – Gespräche führt man nämlich nicht, man schiebt sich stattdessen gegenseitig, unter Bürotüren hindurch, Zettelchen mit chiffrierten Botschaften zu. Greta verschwindet eines Tages spurlos; Caylus wird plötzlich polizeilich gesucht; es stirbt einer der Teilhaber von Moran, Morley & Mactran unter nicht vollauf geklärten Umständen; ein Geheimbund mit dem kryptischen Namen Die sechste Laterne entsendet seinen Botschafter, um Balestri auszurichten, Architektur dürfe sich keinesfalls je wieder dazu aufschwingen, Bedeutung transportieren zu wollen, sie müsse, ganz im Gegenteil, jeglicher Bedeutung entsagen. All dies könnte vielleicht, vielleicht aber auch nicht, in Verbindung stehen mit einer Entscheidung des Architekten Mactran: Zikkurat soll tatsächlich gebaut werden.

Dass de Santis die Geschichte Balestris erst ins Fach der phantastisch angehauchten Kriminalliteratur kippen lässt und dann seinen Protagonisten, nachdem dessen New Yorker Leben aus dem Ruder gelaufen ist, nach Buenos Aires schickt, liest sich wie eine zweite literarische Verneigung des Autoren: diesmal vor seinen argentinischen Landsleuten Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares. Überhaupt hat De Santis merklich Spaß daran, seinen Roman mit Anspielungen zu verzieren und mit Elementen auszubauen, die verschiedensten Genres entlehnt sind, etwa der Detective Novel oder der Gothic Novel, doch verliert sich de Santis dabei nie in überflüssigen Spielereien.

Die heimliche Hauptrolle des Romans übrigens trägt keine der Frauen, die vor oder nach Greta auftauchen, und auch nicht etwa die namenlose Katze, die sich, gegen dessen Willen, bei Balestri einquartiert, sondern: Sprache – Sprache an sich, Sprache als Bedeutungsträger, als Mittel des Zugriffs auf die Welt; antike und gegenwärtige, alltägliche und spezifische, auch magische Sprache; Sprache als Werkstoff unserer Welt. Balestri betrachtet die Architektur nicht nur als universal verständliche Sprache; er strebt an, dieser Sprache eine Energie – eine Art Verbalzauber – einzubauen, die weit über das Gebäude selbst hinaus wirkt. So sagt Balestri, die spätere Ruine eines Gebäudes müsse bereits in ihren Bauplänen angelegt werden – bis in seinen Verfall hinein, müsse ein Gebäude seine Bedeutung wandeln und immer neu vermitteln, so dass es Bedeutung nicht nur zeigen, sondern tatsächlich erzählen könne. Zikkurat wiederum ist offenbar so geplant, dass es, auch nach seiner Fertigstellung, noch immer weiterzuwachsen scheinen soll – oder, wer weiß, womöglich sogar praktisch dieses Wachstum fortzusetzen vermag. Mit diesem Projekt schickt sich Balestri also an, auszubügeln, was einstmals beim Turmbau zu Babel so nachhaltig schief gelaufen war.

Jede Art von Sprache hat die Macht, Dinge mittels ihrer Benennung zu beherrschen – sie zu bannen, oder auch: sie erst in die Welt hinein zu befördern. Jede Art von Macht aber wird umkämpft. Und so werden auch Balestris Gebäudepläne zu Gegenständen eines Machtkampfes zwischen unterschiedlichen Interessenlagern, in dem es für Balestri selbst nichts zu gewinnen gibt. Am Ende gleicht Balestri einem Arsami, einem jener hinduistischen Mönche, über die von einem Mitglied des Clubs der sechsten Laterne berichtet wird:

Die Vorgehensweise der Arsami war es, sich zunächst das Erdgeschoss der Tempel vorzustellen, und erst, wenn sie jede Einzelheit in aller Klarheit vor sich hatten, bis zur letzten Lampe und dem kleinsten Insekt, das um sie herumflog, erst dann machten sie sich an das nächste Stockwerk. Eine Etage konnte sie einen Tag oder ein Jahr kosten […] Sobald ihre mentalen Tempel eine gewisse Höhe erreichten, verloren die Arsami die Sprache.


>> Pablo de Santis, Die sechste Laterne (Unionsverlag) €8,90