SONDERZUSTÄNDE > „Niemand lebt gern in Angst“

„Die alten Leute und die Kinder haben den letzten Monat fast ausschließlich in Kellern zugebracht, entweder in den kleinen Kellern ihrer eigenen kaputten Häuser oder in den Gemeinschaftskellern unter den Krankenhäusern oder dem Rathaus. Niemand lebt gern in Angst,“

schrieb Martha Gellhorn 1944 in einer Reportage mit der Überschrift „Eine kleine Stadt in Holland“. Gemeint war das kriegszerstörte Nimwegen. Gültig sein dürfte das zugleich für alle Städte, alle „alten Leute und die Kinder“ in Kriegs- und Krisengebieten – damals, heute, immer.
In rund 50 Jahren als Kriegsreporterin hat Martha Gellhorn viele davon gesehen, unzählige Menschen getroffen, Soldaten und Generäle, einfache Zivilisten und Staatschefs.
Fakten zu vermitteln war das eine, das andere, dem Krieg ein Gesicht zu geben. Bei aller Professionalität fand emotionale Anteilnahme stets Platz in ihren Reportagen, war entscheidend für ihr Schreiben, ihr Markenzeichen. Sie brach die großen politischen und militärischen Entwicklungen herunter auf deren konkrete Auswirkungen auf Menschenleben. Dabei bediente sie sich keines Leidens-Voyeurismus, sie machte aus menschlichen Dramen keine schnellen, billigen Sensationen.
Ihr Detailblick zielte darauf ab, eine gewisse Erfahrbarkeit zu schaffen. Was andernorts als sachliche Meldung in etwa klingen würde wie „Achte Armee rückt an die Adriaküste vor“, wurde bei Gellhorn erfahrungsnah, plastisch geschildert.

Drei Tage und drei Nächte lang waren die verschlungenen Nebenstraßen über die Apenninen und die großen Schnellstraßen, die von Florenz aus nach Süden und wieder hinauf nach Ancona ein tiefes V bilden, derart von Verkehr überflutet, wie ihn die meisten von uns noch nie gesehen haben. Lastwagen und Panzerwagen, Panzer, Waffentransporter und Geschütze, Jeeps, Motorräder und Krankenwagen verstopften die Straßen, und es war durchaus nicht ungewöhnlich, für dreißig Kilometer vier Stunden zu brauchen. Die Straßen wurden von diesem Verkehr zu Pulver zermahlen, der Staub lag in knietiefen Wehen, und wenn man einmal ein bißchen beschleunigen konnte, wallte er wie Wasser unter den Rädern. [Aus: Die Gotenlinie. September 1944]

Zwar sparte sie Grausamkeiten, wie sie notwendigerweise jedes Kriegsgeschehen beschreiben, nie aus, doch besaß sie zugleich das Vermögen, das Wesen von Gewalt und Zerstörung indirekt zu beleuchten. So besuchte sie etwa eine versteckte Munitionsfabrik in Barcelona und schrieb über die Frauen in der Produktion:

Am entgegengesetzten Ende des Raums saßen Frauen an Nähmaschinen […]. Sie hatten Stoffe für Sommerkleider, einen wunderschönen rosa Leinenstoff, einen hübschen grauweiß gestreiften, der schicke Hemden abgegeben hätte, eine dicke weiße Seide für Brautkleider. Sie nähten kleine und größere Säckchen, wie für Duftkissen. Ein Mädchen machte die Runde, sammelte sie ein und trug sie nach vorn, wo sie mit dem wie Ziermünzen aussehenden Sprengstoff gefüllt wurden. Dann ließ man je eines der kleinen Säckchen in einen Granatenboden fallen. [Aus: Der Dritte Winter. November 1938]

1908 wurde Martha Gellhorn, Tochter der Frauenrechtlerin Edna Fischel Gellhorn, in St. Louis geboren. Mit Anfang 20 schmiss sie ihr Studium, landete in Paris und verfasste erste journalistische Arbeiten, schrieb anschließend ihre erste große Reportage, daheim in den USA, wo sie gemeinsam mit Dorothea Lange, Ikone der Dokumentarfotografie, die einschneidenden sozialen Umbrüche für weite Teile der amerikanischen Landbevölkerung infolge der Weltwirtschaftskrise aufzeigte. Für das Wochenmagazin Collier’s berichtete sie aus dem Spanischen Bürgerkrieg, da war Gellhorn noch keine 30, und profilierte sich damit als Kriegsberichterstatterin. Fortan schrieb sie aus aller Welt über bewaffnete Konflikte, deren Inhalte und Fortgänge, vielmehr jedoch über deren Beteiligte und Opfer. Gellhorn schrieb und lebte wie eine Getriebene, berichtete von Schlachtfeldern und eingekesselten Städten, von der deutschen Besetzung Tschechiens, vom finnisch-sowjetischen Winterkrieg, aus einem italienischen Heim für Kriegswaisen, aus dem befreiten Dachau, erlebte den D-Day auf einem Lazarettschiff, traf Chiang Kai-shek im chinesischen Bürgerkrieg und Sukarno im Krieg um Java, war zwischenzeitlich einmal verheiratet mit Ernest Hemingway, vorübergehend einmal mit einem Redakteur der Times und war langjährig eine enge Freundin Robert Capas, begleitete den traumatischen Vietnamkrieg, den geopolitisch bedeutsamen Sechstagekrieg im Nahen Osten, den brutalen Bürgerkrieg in El Salvador. Ein Angebot, als Reporterin über die Jugoslawienkriege zu schreiben, lehnte die bereits über 80jährige dann doch ab, aus Altersgründen. 1998 starb Gellhorn in London, fast 90jährig – weil sie es so entschieden hatte.
Für gewöhnlich stelle ich AutorInnen nicht allzu ausführlich vor, wissen Sie, aber wenn das kein Jahrhundertleben ist, weiß ich’s auch nicht.
Im Bewusstein ihres Gewichts erlaubt sich Gellhorn in ihren Reportagen auch deutliche, politische Urteile.

Sukarno war immer genau das, was er schon am Anfang gewesen war, ein gewiefter Demagoge, ein Opportunist, nur ein kleiner Diktator mehr. Die US-Obrigkeit wird niemals müde, diesen Typ Politiker zu unterstützen.
[Aus: Der Krieg auf Java]

Neutralität scheint für Gellhorn insbesondere angesichts humanitärer Krisen nicht immer eine gebotene journalistische Pflicht, sondern mitunter eher eine Sache für Feiglinge zu sein. Beispielsweise zürnt sie, in einer Art Epilog auf ihre Vietnam-Berichterstattung:

Macht verdirbt, eine alte Binsenweisheit, aber warum macht sie die Mächtigen auch so dumm? Ihre Machtpläne zerrinnen mit der Zeit zu nichts, auf grausame Kosten anderer; dann stecken die Mächtigen ihre dummen wichtigen Köpfe zusammen und hecken die nächsten ähnlich gearteten Pläne aus. Ein Saigoner Arzt, ein armer Mann im Dienst der Armen, verstand mehr von der wirklichen Welt als die Machthaber im Weißen Haus. „Die Menschen sind überall gleich. Sie wissen, was Gerechtigkeit ist und was Ungerechtigkeit.“ Vergessen wir es nicht. [Aus: Letzte Worte über Vietnam. 1987]

Es ist schier unglaublich viel Material, viel Zeit, viel Erleben, was Gellhorn in ihrem Schreiben komprimierte. Zuviel, um das einfach nebenher zu verschlingen, an so ein paar Frühlingstagen im Garten oder auf der Couch. Genug, um es immer wieder, dann und wann, aufzuschlagen und allerlei menschliche Fragen und Wertvorstellungen daran zu prüfen.


> Martha Gellhorn, Das Gesicht des Krieges (Dörlemann)


Im Verlag Dörlemann liegen große Teile von Martha Gellhorns Kriegs- und Reisereportagen vor, auch private Briefwechsel und ihre Novellen, die sich eher dem Zwischenmenschlichen widmen.

SONDERZUSTÄNDE > Mit sich selbst allein

Aus den Sterntagebüchern des Weltraumfahrers Ijon Tichy:

Als ich am Montag, dem zweiten April, in der Nähe der Betelgeuze vorüberflog, durchschlug ein Meteor, kaum größer als eine Bohne, die Panzerung und zertrümmerte den Hubregulator und einen Teil der Steuerung, wodurch die Rakete ihre Manövrierfähigkeit einbüßte. Ich zog den Raumanzug an, stieg auf die Oberfläche der Rakete und versuchte, die Vorrichtung zu reparieren, aber ich erkannte bald, daß ich die Hilfe eines zweiten Menschen benötigte, um die Reservesteuerung festzuschrauben.

Was ungünstig ist, denn Tichy ist Alleinreisender. Schon lange. Was also tun? Erst einmal drüber schlafen.

Mitten in der Nacht hatte ich das Gefühl, daß mich jemand an den Schultern rüttelte. Ich schlug die Augen auf und erblickte einen über das Bett gebeugten Menschen, dessen Gesicht mir seltsam bekannt vorkam, ohne daß ich hätte sagen können, wer das war. „Steh auf“, sagte er, „und nimm die Schlüssel, wir gehen nach oben und drehen die Steuerschrauben fest.“ „Erstens kennen Sie mich nicht gut genug, um mich zu duzen, und zweitens weiß ich genau, daß es sie nicht gibt. Ich bin allein in der Rakete, und das schon das zweite Jahr, denn ich fliege von der Erde zum Sternbild des Kalbes. Somit sind Sie nur eine Traumvision.“

Das leuchtet ein. Bloß löst diese Feststellung freilich nicht Tichys Problem, und so muss er sich ernsthaft überlegen, wo sich Hilfe finden ließe.

Aber die Gegend war eine komplette Sternwüste, die wegen ihrer Gefährlichkeit von von allen Raumschiffen gemieden wurde, weil sich dort die geheimnisvollen Gravitationsstrudel befinden – hundertsiebenundvierzig an der Zahl -, deren Existenz durch sechs astrophysikalische Theorien erklärt wird, und von jeder anders. Der Kosmonautenkalender warnte vor ihnen wegen der unberechenbaren Folgen der relativistischen Effekte.

Was das bedeuten könnte, dämmert Tichy, als er sich am nächsten Abend nach harter Arbeit im ächzenden Motorenraum erschöpft ins Bett fallen lassen möchte, es aber von jemand anderem besetzt findet.

Ich begriff sofort, daß ich das war, und zwar vom Vortag, genauer: aus der Nacht zum Montag. Ohne mir über den philosophischen Aspekt dieser recht eigenartigen Erscheinung besondere Gedanken zu machen, begann ich sogleich, den Schlafenden an der Schulter zu zerren und zu rufen, er möge rasch aufstehen; ich wußte nämlich nicht, wie lange seine montägliche Existenz in meiner dienstäglichen fortdauern würde, weshalb es angezeigt war, möglichst schnell und gemeinsam die Steuerung auszubessern. Der Schlafende jedoch machte nur ein Auge auf und sagte, daß er nicht wünsche, von mir geduzt zu werden, dann meinte er, ich sei nur ein Traumgespinst.

Hier beginnt erst der Flug durchs tückische, sturmtosende Strudelfeld, in einer Maschine, die steuerlos den Gewalten ausgesetzt ist. Wie lange die Trudelei anhalten wird, lässt sich nicht abschätzen, und wie der alte Kasten am Laufen gehalten werden kann angesichts der außerordentlichen Belastung, die auf unbestimmte Zeit auf die Systeme einwirken wird, auch nicht. Der allein reisende Kosmonaut macht sich auf einiges gefasst, selbst seine eigene Verdopplung bringt ihn nicht recht aus der Ruhe – aber auch das war ja erst der Anfang.

Das Bad war verschlossen. Man hörte darin Laute, als ob jemand gurgelte. „Wer ist dort?“, rief ich überrascht. „Ich“, rief eine Stimme aus dem Inneren. „Was denn nun wieder für ein Ich?“ „Ijon Tichy.“ „Von welchem Tag?“ „Vom Freitag. Was willst du?“

Im Verlauf der nächsten Tage oder Wochen – ach, das mit den Zeitspannen wird schnell unübersichtlich – lernt Ijon Tichy sich selbst einmal von allen Seiten kennen: Laufend kommen neue Tichys dazu, stiften Chaos oder versuchen sich nützlich zu machen, erweisen sich je nach Lage als gute Kameraden, Sturköpfe, Nörgler oder kleine Helden, und die Rückkopplungen ihrer Interaktionen verschachteln sich immer heilloser. So gerät die Siebente Reise des Ijon Tichy zu einem der kompliziertesten Abenteuer, von denen seine Sterntagebücher ausführlich berichten, und nie fügte sich gerade diese Episode so gut in meine Stimmungslage wie aktuell.


Stanisław Lem, Sterntagebücher (Suhrkamp)


Die polnische Originalausgabe der Sterntagebücher mit Ijon Tichys gesammelten Reiseberichten erschien 1971. Ich habe dieses Buch immer wieder und in unzähligen Ausgaben in der Hand gehabt, habe es ausgeliehen, selbst gekauft, verliehen, verleihverloren, an andere verkauft, wieder gekauft, und es bis heute nicht einmal am Stück gelesen. Muss man auch gar nicht. Bei Bedarf schlägt man es auf und liest z.B. von flottierendem Weltraummüll, der sich, von Strömungen zusammengetrieben, zu breiten Teppichen verdichtet (erinnert Sie das an etwas?), nach und nach eine Art Schwarmintelligenz entwickelt und bald seine Verursacher heimsucht. Oder von interstellaren Religionsstiftern. Oder Killerkartoffeln. Oder, oder, oder.

SONDERZUSTÄNDE > Abstand und Nähe

Mal an die Elbe heute? Das Wetter ist mäßig gut, der Weg nicht weit, und sollte man in den Wiesengürteln entlang der ländlichen Elbufer tatsächlich andere Menschen sichten, kann man leicht meterweise Abstand voneinander halten. Ich will mir eine Route ausschauen; wo lässt es sich starten, durchs menschenleere Grün schlendern? Google Maps‘ Satellitenbilder zeigen kleine Trampelpfade, Flächen für Gummistiefelgänge, Gräben, Knicks, sandige Buchten im Flussufer. Ich verfolge eine bestimmte Spazierstrecke (mit einem Blick, Satellit sei Dank, der früher Turmfalken, Kranichen, dem lieben Gott usw. vorbehalten war), um sie mir einzuprägen. Mitten auf dem Wege wechselt die Umgebung, als ich eine nicht existierende Grenze überschreite – hier winterbraune Äcker, und dort sommergrüne Felder. Da grenzen zwei Datenpakete aneinander, aufgenommen in unterschiedlichen Jahreszeiten. Zurück: Sandige Maulwurfshügel treten aus nacktem, grauem Boden hervor, Bäume werfen magere Schatten und die Elbe dümpelt dunkel. Vorwärts: Ein dicker Grasteppich liegt kugelrunden Baumkronen zu Füßen, der Sonnenschein hellt die Sandflächen auf, Lichtsprengsel spielen auf dem Wasser, oder sind das doch Gänse? Einen Schritt zurück: Novemberblues. Zwei Schritte vor: Junilicht. Zurück, voran, zurück – was für ein schöner Spaziergang wäre das, wo man, einfach so, aus dem Winter in den Frühling, den Sommer ginge, und das nach Belieben gleich nochmal!
Schön wäre es auch, mal wieder nach Kiel zu fahren. Jetzt. Wir führen einfach los und kämen in anderthalb Stunden an, und mein Kind wäre wieder so klein wie damals, als wir dort wohnten, und wir gingen mit Plastikautos, Sandförmchen und Seifenblasen auf unseren Spielplatz im Park und danach einmal an der Tirpitzmole vorbei, einmal der Gorch Fock winken und den Möwen beim Krebsefangen zugucken, und das Ostseewasser würde duften und rauschen. Unser Spielplatz sieht von oben unverändert aus, denke ich, ich erkenne die Gerüste, Rutschen, Schaukeln sofort wieder. Als wäre ich noch genauso dort wie damals. Oder als wäre damals zugleich jetzt – das Gras und all die Bäume auf den Satellitenbildern haben schließlich genau die richtige Farbe und Dichte für einen Märztag, für heute. Nein, neben der Sandgrube, sehe ich jetzt, ist eine Spiel- oder Sportfläche hinzugekommen, ein kreisrunder Tartanboden, dessen Funktion ich nicht so recht einordnen kann von hier oben. Ich fliege weiter, vorbei an Schilksee, wo noch immer unsere Fischbude steht, weiter, Richtung Strande, den Bülker Weg an der steinigen Fördelinie entlang bis zum Leuchtturm Bülk. Was herrscht da gerade, Spätsommer? Rapsgelbe Felder gibt es keine, bloß stoppelbraune; ich würde raten, dass sie vor Kurzem abgeerntet wurden.
Ich suche auch: Hannover, Sauerweinstraße. Unverändert. Im größeren Radius fällt mir auf, dass das städtische Gebiet sommerlich buntfarbig leuchtet, bis zu einer Grenzlinie, die durchs Umland verläuft und hinter der alles grau verschleiert schlummert. Was mich irritiert, da eigentlich doch jeder, der mit der Bahn mal nach oder durch Hannover gefahren ist, den gegenteiligen Effekt kennen müsste: Aus einem sehr grünen Umland rollt man da in ein schlagartig sehr graues Stadtgebiet ein.
Entlang der B441 verläuft der Stichkanal in einem strahlenden Lindgrau und wechselt etwa auf Höhe des Seelzer Stellwerks abrupt zu Schlammgrau. Wenn ich an der B441 westwärts entlangziehe, und danach noch ein Stück weiter, komme ich zu meiner Mutter.
Meine Mutter besuchen zu fahren, auch das wäre schön, und auch das geht in Wirklichkeit natürlich nicht, nicht jetzt, und da habe ich auch schon mein Heimatdorf als Zielort eingegeben und meinen Salzberg gefunden. Ich will nur mal vorbeischauen. Einmal drüberfliegen und mal sehen, in welcher Jahreszeit mein Dorf gerade steckt.
Direkt bevor wir nach Lüneburg kamen, haben wir dort gelebt, knapp vier Jahre lang; ich war nach 15 Jahren anderswo plötzlich wieder zuhause. Sicher, das idyllische Dorfleben hat so seine Tücken, aber welches Groß- oder Kleinstadtleben hätte die nicht? Und besonders aus der Ferne vermisst sich das Idyll nun umso leichter und pauschaler.
Ich schaue zuerst in den Garten meiner Mutter. Der große Walnussbaum ist noch blattlos, sodass man Haus und Hof gut erkennen kann, und mir geht auf, dass es zu Navigationszwecken natürlich optimal ist, Bildmaterial aus dem Frühjahr zu verwenden, wo Straßenverläufe eben nicht unter Blätterkronen verschwinden.
Während ich wieder im Dorf wohnte, auf einem Nachbarhof, waren allerlei Arbeiten im Gange gewesen, die – nachdem sich das Dorf in jahrzehntelangem Dornröschenschlaf so gut wie nicht verändert hatte – Schlag auf Schlag eine Menge Altsubstanz verschwinden ließen: Straßen wurden saniert, einige hochbetagte Bäume gefällt, Häuser abgerissen, Neubauten begonnen usw. Ich war gewissermaßen noch rechtzeitig ins Dorf gekommen, um es noch mal im vertrauten Zustand aus meiner Kindheit zu sehen und es so zu verabschieden. Während ich jetzt mit meinem Satellitenauge die Straßen und Wiesen überfliege, muss ich mich fast zwingen, all die Bauarbeiter und Raupenbagger, die rund zwei Jahre lang das Ortsbild bestimmten, nicht nachträglich für Illusion zu halten. Wirklich, es ist glatt so, als wären sie nie dagewesen. In diesem Frühjahr, in das ich mich hier hineinzoome, in diesem, ich weiß nicht mehr genau, Ende Februar oder Anfang März haben sie gerade erst damit begonnen, die alte Esche stückweise zu fällen – der Baum wirft noch einen, wenn auch astamputierten Schatten, die großen Arme werden jetzt zerlegt, zerstreut liegen erste Holzblöcke auf der Wiese. Die Schloßstraße ist hier fast noch dieselbe, auf der ich im Schlepptau meiner Urgroßmutter einmal täglich unterwegs war, zum Eierholen oder Klönen. B.s alter Hof ist noch da, hier ist er noch ganz intakt – zuletzt staunte ich bei einem Spaziergang auf der Schloßstraße, wie groß die Baufläche wirklich ist, die der Abriss des Hofs freimachte, und wie weit die Neubauprojekte auf diesem Areal bereits vorangeschritten sind. Es gibt noch andere alte Gebäude, die ich unversehrt wiederfinde, und die großen Brauteichen bei S. sind noch ungefällt. Mir stehen die Augen leicht unter Wasser, als ich das alles sehe. Ich befinde mich plötzlich in einer Art Zugleichzeit – Vergangenkunft, Gegenheit und Zuwart sind ganz durcheinander, nein, einfach ausgesetzt, abgeschafft. Dass ich das alles sehen kann, obwohl es doch verschwunden ist! Auch die riesige Eiche im Garten des Hofgeländes, wo wir wohnten, unter der wir grillten, planschten und Wäsche aufhingen, steht noch. Ich fliege einmal übers Dach drüber, jetzt über unseren Rundhof: Da stehe ich, als wäre nichts gewesen – mein damaliges Auto, längst verkauft, steht wie immer auf meinem Parkplatz vor der Scheune, halb verborgen unterm Schauer.
Ich kann gar nicht entscheiden, ob mich das schmerzt oder tröstet. Ja, schwierig. Immerhin kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich ab jetzt öfters bei uns auf dem Hof vorbeischauen werde, überlegen werde, ob ich das Auto auch wirklich abgeschlossen habe, oder ob Laufrad, Duplosteine, Bälle, Plastikdinos und Playmobilfiguren noch draußen verstreut sind und wir da noch aufräumen müssen unter der Kastanie, und ob wir wohl gleich noch eine Radtour zum Mittellandkanal unternehmen oder doch lieber nicht, doch besser schnell mal die Wäsche im Garten abnehmen vielleicht, denn es sieht irgendwie nach Regen aus.

FORMWANDLUNGEN > Georg Klein, Miakro

Isolation, Büroflucht, Versorgungsängste. Wo bin ich hier?
Fragen Sie sich das nicht auch manchmal?
Wo bin ich – herrje, kann man das denn immer so sicher wissen? Ein leises Misstrauen gegenüber der eigenen Realitätssicherheit zählt ja nicht erst seit Matrix fest zum mentalen Register. Und erst recht im pandemieverwandelten Alltag. Ein Fremdeln schiebt sich vor die gewohnte Wahrnehmung der Dinge, die vertrautesten Orte wirken seltsam fremd, die vertrautesten Menschen verhalten sich seltsam befremdlich, die vertrautesten Tätigkeiten erscheinen befremdlich seltsam.
Sollte Ihnen das alles fremd sein, kann ich Sie nur beglückwünschen. Sie sind ein weltsicherer Mensch.
Die übrigen erkennen derlei Empfindungen vielleicht wieder, vielleicht sogar sehr gut, wenn sie Miakro in die Finger kriegen.
Wo sind wir hier? In einer äußerst verseltsamten Welt. Büroleiter Nettler wird des Nachts von einem sachten „Binnenwind“ geweckt, und mit ihm blinzeln wir in sein irgendwie spießiges, irgendwie bizarres Biotop hinein:

Nettler richtete sich auf. Seine Linke stach durch die weichen Stränge seines Schlafnetzes, die Rechte stemmte sich an die hornig festen Deckenrippen. Er fühlte sich mehr als bloß wach. 

Das „Mittlere Büro“ – da sind wir. Nettler und seine Mannen hausen hier wie die Mönche, verrichten ihren Dienst nach Leitlinien, die – ach, das erschließt sich nicht so genau. Jenseits der käsigen Bürowände beginnt die „wilde Welt“, über die wenig gesichertes Wissen verfügbar ist, denn sie verweigert sich einer Fixierung, sie ist ein Terrain, das organisch anmutenden Entwicklungen unterliegt, und ihre Flure, Schächte und Höhlungen verändern sich fortwährend. Nettler, der rotschopfige Blenker, der „schöne Schiller“, der starke Axler und Guler, der Dienstälteste, stehen täglich an ihren Arbeitstischen, die genauer gesagt Schautische sind. Das Glas, aus dem sie bestehen, ist allerdings keine klare Sache; es ist eine halbfeste, sich dem jeweiligen Mitarbeiter entgegenformende, nicht immer so recht durchschaubare Angelegenheit. Es gilt, aus dem schlierigen, zwiebelschichtigen Bilderstrom, der sich im „weichen Glas“ zeigt, einzelne Sichtschichten zu identifizieren und daraus Informationen zu filtern, die versorgungsrelevant sind. Sobald im „Bildstrom“ Hinweise darauf erkannt wurden, was für Gegenstände und Nährmittel sich in Kürze materialisieren werden und wo sich ein entsprechender „Materialschacht“ öffnen wird, ziehen die Männer los, um gewissermaßen zu ernten. Auf jenen Expeditionen begegnet man gelegentlich Volk aus der „wilden Welt“, soll heißen: Frauen. Besonders ihre graugelockte Wortführerin hat es in sich. Mitunter verlaufen die Märsche gefährlich, und es gibt sogar einen Vermissten zu beklagen: Der „kleine Wehler“ wurde von einer sich schließenden „Auswandung“ auf Nimmerwiedersehen verschlungen. Holen sich die Wände etwa zurück, was sie geben? Nach Zufallsprinzip spenden sie alles mögliche von Essbarem über Bekleidung bis hin zu Werkzeug und anderen Utensilien, doch weisen jene Dinge zunehmend Deformationen auf. Wandelt sich die isolierte Welt schneller, wird sie womöglich instabil? Die Qualität der „ausgewandeten“ Güter jedenfalls wird schlechter, und auch die Menge geht deutlich zurück.

Nettler hielt sich den Teller mit dem hellgrauen, sichtbar feinfaserigen Klumpen erst einmal unter die Nase, um vorsichtig daran zu schnuppern. Schiller hatte fünf kleine Süßkartoffeln rundum an den Tellerrand gelegt. Größere Exemplare seien heute nicht mehr ausgewandet. Die bescheidenen Kartöffelchen müsse man zudem mit einer gewissen Vorsicht genießen, denn inzwischen enthielten fast alle einen kleinen, steinharten Kern. Nettler bemerkte, dass der Teller nicht mehr korrekt kreisrund war und die Stärke des Blechrands zwischen messerschneidedünn und fast kleinfingerdick schwankte. 

So strampeln sich Nettler und seine Männer Tag für Tag ab, bis – ja, bis das Glas vollkommen überraschend einen Hinweis auf den verschwunden Wehler gibt. Man macht sich auf, man verlässt das Büro auf unbestimmte Zeit, jetzt gilt es, den schmerzlich vermissten kleinen Wehler zu retten!
Unterdessen bewegt sich auf einer anderen Ebene eine Graugelockte, die in ihrer Funktion als Fachleutnant eine militärische Sondierungsmission leitet. Ihre Mannschaft besteht aus den Herrschaften Blank, Guhl, Achsmann, Schill, Nettmann und Weller. Ziel ihrer Mission: Ein unheimlicher, potentiell gefährlicher Riesenorganismus.
Spiegeln sich hier eine Mikro- und eine Makro-Welt? Macht die Zeit hier eine Schleife? Wo bin ich hier – in Miakro wird diese Frage nicht aufgelöst, auf Erklärungen wartet man vergebens, aber nicht umsonst. Diese verseltsamte Welt ist zugleich eine selbsterklärende, alles wirkt verfremdet und doch in sich schlüssig und vertraut. So wie man es aus halbwachen Träumen kennt, kurz bevor der Wecker endgültig klingelt.


> Georg Klein, Miakro (Rowohlt)

FORMWANDLUNGEN > Yoko Tawada, Sendbo-o-te

„Sind wir in hunderttausend Jahren also alle Kraken?“

Weiß man’s? Wer weiß schon, was die Evolution mit uns noch so vorhat? Wir manipulieren bös am Zustand der Natur herum, tiefgreifend und folgenreich – warum sollte das nicht auf uns zurückfallen, indem sich das Menschliche mit der Zeit ebenso wild funktions- und formverändert?

Yoshiros Körper zum Beispiel ist nicht mehr in der Lage zu sterben. Was man zunächst eher als Segen missverstehen könnte.

Als Kind hatte er gedacht, das Ziel der Medizin sei das ewige Leben. Das Leid, nicht sterben zu können, konnte er sich damals noch nicht denken. 

Irgendwas über hundert ist er inzwischen. Verhängnisvolle Ereignisse, über die nichts genaues deutlich wird, haben Japan vollkommen verändert, und der fitte Greis sieht sich mit deprimierenden Lebensumständen konfrontiert.
Der in Sachen Isolationspolitik historisch nicht unerfahrene Inselstaat sperrt sich nun vehement gegen jeglichen Austausch mit der übrigen Welt. Alle Fremdwörter werden japanisiert. Niemand besitzt Reisefreiheit. Ein deutlicher Hauch von Totalitarismus liegt in der Luft.
Die Umwelt bringt monströs-mutierte Pusteblumen und kontaminierte Meeresfrüchte hervor. Nicht nur auf die Lebensmittelversorgung wirkt sich das verheerend aus.
Während Yoshiro und seine Generationsgenossen, die nicht sterben können, vor sich hin leben wie Gespenster, die ihre Körper ausnahmsweise behalten durften, ist die Lebensfähigkeit in der Generation der Urenkel dagegen stark verringert, ihre Körper verfallen im Sauseschritt. So ergeht es auch Mumey – seinem eigenen Urenkel, um den sich Yoshiro wie eine Glucke kümmert.

[Mumey] sah aus wie ein Küken. Das lag wohl daran, dass sein Kopf für seinen langen, dünnen Hals zu groß war. Seine seidenfeinen Haare waren nass von Schweiß und klebten fest an seiner Kopfhaut. Die Augen leicht geschlossen, bewegte er seinen Kopf, als wollte er mit den Ohren die Luft erkunden.

Mumey ist ein Sonnenschein, leicht ins Herz zu schließen. Was seine Vorfahren ihm körperlich voraus hatten, stehen sie ihm charakterlich oftmals eindeutig nach. Sein Vater ist ein unausstehlicher Nichtsnutz und Herumtreiber, seine Oma, Yoshiros Tochter, lebt auf einer entfernten Insel; Yoshiro ist und bleibt Mumeys ganze Familie. Der Alte schiebt den Jungen, der aus eigener Kraft kaum laufen kann, auf dem Gepäckträger zur Schule, und weil Mumeys Zähne aus den weichlichen Kieferknochen ausfallen wie Reiskörner, füttert er ihn mit schluckgerecht portionierten Lebensmitteln, in der Hoffnung, dass Mumeys Magen sie bei sich behalte.
Yoshiro leidet unter Mumeys Leid, er leidet unter den Schuldgefühlen eines viel zu Gesunden gegenüber einem viel zu Kranken, er leidet auch unter Mumeys unerschütterlich mildem, frohem Gemüt und er leidet besonders unter der Abschottung, in der er und Mumey mit ihren Mitmenschen gefangen sind, denn diese Abschottung bedeutet den Ausschluss von Hilfen, mithin also die Finalisierung ihrer schwierigen Lage.
„Ken-to-shi, Sendboote nach China“ lautet der Titel eines Romanmanuskripts, das Yoshiro einst verfasste, dann aber aus guten Gründen lieber auf dem „Dingfriedhof, einem öffentlichen Friedhof, wo jeder immer und nach Belieben auch Dingen die Letzte Ehre erweisen konnte“, begrub: Der Titel verweist auf frühmittelalterliche Expeditionen, die Japan in Richtung China unternahm, um erste diplomatische Bande nach außerhalb zu knüpfen – eine Sehnsuchtsbenennung.
Als „Sendbote“ wird Mumey derweil von einer geheimnisvollen Vereinigung auserwählt, mit der Aufgabe, sich als blinder Passagier außer Landes zu begeben, um das internationale Ausland über den „Gesundheitszustand japanischer Kinder“ zu informieren. Eine Geheimmission? Oder eine, vielleicht geheimdienstliche, Falle?

Sendbo-o-te ist eine Dystopie, klar, aber keine, die mit den üblichen apokalyptischen Bildern, mit den gängigen Endzeit-Elementen operiert. Eher eine Dystopie in Pastellfarben – unangestrengt, zugänglich, alltagsgesättigt. Wie Yoshiro und Mumey ihr Leben gestalten, das verströmt, bei aller Wehmut, die Yoshiro nicht unterdrücken kann, viel Wärme und Humor. Und Mumey, eigentlich ja schwer gebeutelt von körperlichen Gebrechen, ist fröhlich, lebendig, mutig, resilient. Yoshiro dagegen, der für immer unverändert bleibt, der in einer Art Geistergeheul über die Vergangenheit spricht und sich in einer radikal veränderten Welt nicht mehr heimisch fühlen kann, gerät zur tragischen Figur – und das um Stabilität ringende Japan zum Unterdrückungsstaat.
Egal, welche Art Mega-Katastrophe hier auch stattgefunden haben mag: Der unvermeidbare Lauf der Dinge spart solche Untergänge und Weltveränderungen nicht aus. Dass sie eintreten, auf verschiedenste Weise, ist nicht die Frage. Was dagegen in Sendbo-o-te mit lockerer Hand ausgelotet wird, ist die Frage, wie unterschiedlich, wie vielgestaltig und unvorhergesehen einzelne Menschen und ganze Systeme auf sie reagieren.


> Yoko Tawada, Sendbo-o-te (Konkursbuch Verlag)

FORMWANDLUNGEN > Noëmi Lerch (mit Walter Wolff), Willkommen im Tal der Tränen

Ja ja, ich bin jetzt eine von allen, die was darüber schreiben, aber das macht mir nichts – einen Hype würde ich hier glatt begrüßen. Denn Willkommen im Tal der Tränen ist ein seltenschönes Buch. Die linken Seiten so schön schwarz mit weißen Grafiken; auf den rechten der schöne Text schwarz auf weiß. Der Einband in grauen, rauen Stoff geschlagen, und darauf, glattschwarz, eine der schönen Grafiken. Dekorativ ist das, hübsch, „so schön haptisch“, wie man Leute sagen hört, also gestalterisch wirklich einmalig.
Aber das allein meine ich gar nicht.
Es geht um drei Mann auf dem Berge: Zoppo, den Lombard und den Tuinar. Wer sie sind, wie sie aussehen – unwichtig. Es zählt, was sie machen: Käse, Polenta, melken, schweigen, ein Feuer, eine Faust, Kaffee, ausmisten, schauen, frieren, den Käse wenden, singen, gehen, streiten, warten, Holz aufladen, den Tisch decken, schlafen. Es geht um Arbeit und Sein. Und die Alpenlandschaft.
Die Schweizerin Noëmi Lerch steht mit dem einen Fuß in der Literatur, mit dem anderen in der Landwirtschaft, was in ihrem Fall heißt: Sie weiß nicht nur, wie es sich auf der Alp lebt, inmitten herrischer Natur, mit Vieh, Hütehund, Familie und Touristen, sondern auch, wie es sich über Arbeit, Sein und Landschaft schreiben lässt.
Während sich Alpen-Prosa im Großen und Ganzen recht bipolar präsentiert, entweder als klassischer, romantisierender Alpen-Kitsch oder als hartlederner Alpen-Noir, ist das hier… Etwas seltenschönes jedenfalls, und ich würde es fast Alpen-Mystik nennen, aber diese tiefe, aufs Elementare konzentrierte Versenkung unternimmt Lerch keinesfalls in irgendwie esoterisch gearteter Absicht. Arbeit, Sein, Landschaft werden so konsequent reduziert, dass gewissermaßen ein Alpen-Destillat entsteht.

Die weite Ebene. Im Winter ist da niemand. Es gibt diese Orte. Sie brauchen Zeit. Keinen Besuch. 

Im Sommer, da sind dann die Touristen da, die leuchtend bunte Funktionsjacken, Trekkingschuhe und Wanderrucksäcke tragen, sodass sie sich nie mit der Landschaft verbinden. Den Lombarden, den Tuinar und Zoppo grüßen sie nicht, sondern fotografieren die pittoresken Männer ungefragt während ihrer pittoresken Tätigkeiten, beim Ausmisten zum Beispiel, genauso, wie sie auch die Kühe fotografieren, oder ein Stück Landschaft. So fotografieren sie Arbeit, Sein und Landschaft – von außen. Und somit ist auch die notwendige Binsenweisheit abgehakt, dass Touristen ja meistens viel fotografieren, aber eigentlich gar nichts sehen.
Was es zu sehen gibt, sieht man, indem man mit Zoppo und dem Tuinar in die malerische Ebene geht und Holz auflädt, oder den spärlichen Kaffeetisch deckt – das hört sich jetzt romantisch an, nicht wahr? Zoppo, der Lombard und der Tuinar arbeiten als Viehhirten, und sie erledigen alles, was in der Viehwirtschaft so zu erledigen ist, und was könnte wohl näher an der ursprünglichen Idylle, an den antiken Hirtengedichten sein als das? Nichts da. Mag der Buchtitel vielleicht auch schmachtig klingen – was im Erzählten herrscht, ist weder Romantik noch Dramatik, sondern eine große Stille, die mal mehr, mal weniger bleiern gestimmt ist.

Der Stausee liegt wie ein leerer Mond unter der Alp. Im Dunkeln des Morgens sieht man die Lichter der Bagger. Sie graben ein tiefes Loch. […] Für den Schlamm, der sich am Grund angesammelt hat und den Ablass verstopft. Im Schlamm sind die Reste vom alten Dorf. Steine, Balken, tote Bäume. […] Abends kriechen die Bagger wie Käfer an die Ränder vom Mond. Sie verschwinden in den Tunneln, in der Staumauer. […] Den drei Männern bleiben der leere Mond und seine Stille. Die Glocken der Kühe läuten ringsherum und erinnern sie an eine Zeit, die so weit zurückliegt, dass sie sich nicht daran erinnern können. Sie erinnern sich trotzdem. 

Auch einer Blut-und-Boden-Romantik, wie man sie im alpinen Biotop unter hart arbeitenden Agrariern womöglich zu wittern befürchtet, wird nirgendwo Nährstoff gegeben. Der Tuinar zum Beispiel ist prekärer Arbeitsmigrant und kommt eigentlich vom Meer – woher genau, das erzählt das Buch nicht, und es unterhält sich auch keiner drüber, da oben, auf der Alp, wozu auch.
Was es im Verborgenen zu sehen gibt, das sehen die Augen des Lombard, als ihn ein Naturerlebnis ereilt wie eine Epiphanie, vulgo: Der arme Mensch verliert in der großen Stille schlechterdings seinen gesunden Verstand – im Tausch gegen seinen Eintritt in die Einheit der Natur.

Der Lombard schaut auf das weite Grasland. Die Sonne scheint auf den Lombarden und das weite Grasland. Das weite Grasland beginnt im Lombarden aufzusteigen, in ihn hineinzuwachsen. Und die Sonne steigt in den Lombarden hinunter, beginnt in ihm aufzugehen. […] Er spürt, wie sich jede Zelle in ihm öffnet, grün wird und Licht. Und es beginnt ihm weh zu tun, als müsste er auseinandergehen. […] Der Lombard versucht zu atmen, ruhig zu atmen. Er möchte etwas sagen, aber der Mund geht nach innen auf, nicht nach aussen. Er spürt die Lippen im Innern seines Mundes und das Gras unter seiner Haut. Er will die Augen schliessen, aber die Augen drehen sich um. Schauen nach innen anstatt nach aussen. Da drinnen sieht er nichts als das weite Grasland und Sonne. 

Zustandsveränderungen bestimmen hier der Gang der Dinge. Das illustrieren die Jahreszeiten und das Wetter, der Wechsel von Tag und Nacht, von Schneeflocken- zu Kirschblütengestöber. Auch der Stausee, der einst das Dorf fraß, und die Bagger, die nun wiederum am See fressen. Und der Tuinar putzt seine Schuhe und fettet sie, und so trampelt er mit ihnen durch Staub und Schlamm, und so putzt er wieder seine Schuhe und fettet sie. Es wächst das Gras, es grasen die Kühe und werden gemolken, die Milch wird verkäst, es reifen die Käselaibe und werden verzehrt. Kein Zustand besteht ewig, das gilt mitunter eben auch für den geistigen.

Mit den Kühen spricht der Lombard wie mit Engeln. In seinen Augen glüht etwas Heiliges, von dem man nur hoffen kann, dass es bleibt, wo es ist.

Was es wirklich überall zu sehen gibt, das sind die Wechsel, Zyklen, Prozesse, die in dieser Landschaft arbeiten und zugleich in den Menschen und das Sein überhaupt bestimmen:

Manchem sieht man an, was es früher einmal war. Tier oder Mensch. Feuer, Erde, Holz, Stein oder Wasser. Alles kann alles gewesen sein. Alles kann immer zu allem wieder werden. 

Genau da setzen die Grafiken an – gestaltet von Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch, die gemeinsam das Künstlerinnenduo Walter Wolff bilden. Während auf den weißen Seiten mit Wörtern erzählt wird, was geschieht, wird auf den schwarzen Seiten mit Grafiken erzählt, was noch so vorgeht, was alles so vor sich hin geschieht, in der großen Stille. Die Formen entwickeln sich Seite um Seite, wandeln sich zu etwas Konkretem, dann wieder zu etwas Abstraktem. Man kann den Buchblock tatsächlich wie ein Daumenkino in die Hand nehmen und die schwarzen Blätter fliegen lassen und dann sieht man, wie Flächen zu Pflanzen werden, die wiederum vergehen, und wie sich lose Linien zusammenfinden und zur Maserung eines Holzblocks werden, der wiederum verwittert, und wie Blätter entstehen, die nach und nach ihre Stiele verlängern und ihre Blattrippen verformen, und so werden sie Messer, Gabel und Löffel. Und, und, und. Da sind streng geometrische Formen, organisch-schnörkelige Formen, identifizierbare Formen, rätselhafte Formen, die mit den Wörtern mal sehr direkt, mal eher lose korrespondieren und dabei stets eigenständig bleiben. Was dieses Buch anbietet, ist also – auf ganz andere Art, als das in illustrierten Buchausgaben oder Comic-Erzählungen, Entschuldigung: Graphic-Novels der Fall ist – eine echte Möglichkeit, in Stereo zu lesen. Doppelschön.


> Noëmi Lerch, Willkommen im Tal der Tränen, illustriert von Walter Wolff (Verlag Die Brotsuppe)


Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

POTPOURRI DER GEFÜHLE > Schlaglöcher

Schlaglöcher

Erinnern Sie sich an das unruhige Quirlen eines ganz neuen, unverbrauchten Verliebtseins? Wie anstrengend! Erschöpfend, nicht wahr?
[Die Stimme, sagt er, die Stimme sei es gewesen, die ihn damals endgültig von den Füßen geholt habe. Erlegt wie einen Hasen. Denn nichts anderes ist Liebe ja: eine Jagdveranstaltung. Zunächst also eine ziemlich archaisch-brutale Sache, das ganze, und erst wenn eine solche Episode einen selten glücklichen Verlauf nimmt, nennt man das dann Romantik – aber wo war ich gerade? Ich bin meinerseits damals in diese unschuldige Jagdfalle gegangen, die sein Lachen war, so ein Lachen, das sich wie eine leuchtend warme, summende Grube vor mir auftat, und weg war ich.]
Mit der Zeit beruhigt sich die Lage, früher oder später.
[Es vergehen 10 Jahre, 15 Jahre, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich ist man eines dieser Jubiläumspärchen und miteinander siamesisch verwachsen, ein festes Gespann, ein Traditionsgebilde. Manche mit Kind, manche ohne, je nach Schicksal bzw. Geschmack. Auch einen solchen geglückten Verlauf nennt man dann Romantik. Andere sind inzwischen längst getrennt oder gerade dabei.]
Und was kommt dann?
[18 Jahre vergangen, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich sind wir eben nicht mehr 19 Jahre alt, wir sind so viel älter und so unturbulent geworden, du liebe Güte, wir sind, was man gemeinhin erwachsen nennt, oder? Das kann man meinetwegen Romantik nennen, aber in erster Linie steht dahinter ein Haufen Arbeit. Ich meine Herzschläge, die zehren. Und Zufallsglück, klar.
Und die Sache ist auch die, dass es der Zweieinigkeit durchaus förderlich sein kann, wenn das Leben draußen seine volle Scheußlichkeit ausspielt – draußen bei der Arbeit, draußen auf dem Wohnungsmarkt, draußen auf dem weiten Feld des Zwischenmenschlichen usw. Wenn man dann ein Wir sein kann, so ein Wir, das gegen diese Scheußlichkeit schützt, dann ist das mitunter zwar ein reichlich pragmatischer Zusammenhalt, aber nennen Sie das ruhig auch einmal Romantik, oft genug ist es das nämlich wirklich. Die Sache mit uns ist also die, dass wir traditionell immer genug Scheußlichkeit um die Ohren hatten, dass uns deswegen gar nicht, oder höchstens einmal flüchtig, in den Sinn gekommen wäre, einander als scheußlich zu empfinden.
Und jetzt? Ist das Leben – keiner hat’s gemerkt – plötzlich um eine oder auch zwei Stufen angenehmer, unkomplizierter, weniger scheußlich geworden, verglichen mit dem Stand der Dinge, den wir traditionell gewohnt waren.
Fragt sich nun: Was soll man auf einmal anfangen mit dieser Unscheußlichkeit?
Plötzlich stellt man fest, glücklich zu sein. Man kann einfach so glücklich sein, sehr gut kann man das sogar, sieh mal einer an. Man streitet sich plötzlich um diese belanglosen Dinge, wie das auch andere stinknormale Pärchen so tun, wer den Müll rausbringt und solche Sachen, ja, und das ist dann auch schon alles, herrlich!
Warum bitteschön nennt man Langeweile, was in Wirklichkeit doch vielmehr eine durch haufenweise Arbeit und eine Menge Zufallsglück erreichte Romantik ist? Ach was, Seligkeit ist das! Was sollte jetzt, was sollte hier schon noch Scheußliches auf uns lauern, sag mal?]
Na, neue Turbulenzen, andere Turbulenzen natürlich. Was dachten Sie denn?
[Dass alles so bliebe, so unscheußlich, so unturbulent, ist ja reines Wunschdenken. Mach ein Foto von unserem Esstisch zur Abendbrotzeit – diese ruhigen, gemeinsamen Abendstunden jetzt, die wir so lieben – und schon hast Du ein monochrom Banketje, eins dieser schlichten Mahlzeitstillleben, die Zufriedenheit nachzeichnen und zugleich Wehmut vorwegnehmen. Es ist alles eitel… Wenn uns nun doch irgendwann einmal die Ernüchterung einholen kommt? Die Langeweile? Was, wenn wir bloß dachten, die Jagdveranstaltung sei für uns gelaufen, und Dich, wer weiß, wieder eine Stimme von den Füßen holt, aber eine andere diesmal?
Wie lange schlafen Scheußlichkeiten für gewöhnlich?
Es gibt am Ende immer was zu fürchten. Und zu lieben genauso.]


Bild: Grebe 2020