PUBERTÄT REVISITED > Mittelmaß, Riesenspaß

Flattery

Nicole Flattery, Show Them a Good Time. Acht Stories zwischen Job, Partnerschaft, Kindheit, Einsamkeit, Erwachsenwerden und Dating, zwischen flapsig und schmerzlich, zwischen sprühender Vitalität und Depression. Ich lese das jetzt zum zweiten Mal und stelle mir allerhand Fragen. Auch: Warum gab es dieses Buch 1997 noch nicht? Das ist eine ungültige Frage – Nicole Flattery ist Jahrgang 1990. Aber das macht es ja nicht weniger bitter!
Ich hätte diesen Tonfall gebraucht, so mit 15. Ich hätte mich schlagartig ermutigt gefühlt. Ehe jetzt Missverständnisse auftreten: Show Them a Good Time ist keine Erbauungsliteratur. Und es fällt auch ganz und gar nicht unter Coming of Age; in dieser Kurzgeschichtensammlung trifft man auf Mädchen und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, die sich ihrerseits nicht sonderlich mit Altersfragen beschäftigen. Nebenbei bemerkt fand ich es, als ich 15 war, unfassbar langweilig, Coming of Age zu lesen, ausgenommen den Fänger im Roggen, klar. Was ich mit 15 an diesem Buch hätte gebrauchen können, das ist sein unbedingter Mut, das banale, alltägliche Unbehagen zu erforschen. Den hatte ich nicht. Den hätte ich nötig gehabt.
Losgelöst von ihren vollkommen verschiedenen Settings und Figuren, befassen sich die Stories im Kern allesamt mit Misstönen, die unseren Alltag zieren wie Wespen den Apfelkuchen. Dabei halten sich die Stories nicht mit Gejammer auf – nirgendwo Genöle oder Befindlichkeitsduselei. Es sind Alltagsgeschichten, mal aus dem Alltag glanzloser Gestalten, mal aus dem Alltag etablierter Erfolgsfrauen (und in Anklängen möglicherweise Flatterys Biographie entlehnt: Die gebürtige Irin hat Film und Theater studiert, wie auch Natasha in Abortion, A Love Story, hat selbst Erfahrung im prekären Jobben, wie viele der Protagonistinnen, hatte mal als Assistentin einer Top-Literaturagentur in New York den großen Senkrechtstart vor Augen, nur um sich nach ein paar Monaten, senkrecht gefeuert und restlos pleite, zurück in die Heimat zu verkrümeln, was sie vielleicht mit dem geschundenen New Yorker Bürofräulein in Track oder dem Ex-Showbiz-Girl in Show Them a Good Time verbindet). Und gleichzeitig sind es Traumgeschichten, denn diese Alltage sind stets durchzogen von einer Spur Irrealität.
Die Titel- und Eröffnungsgeschichte, Show Them a Good Time, konfrontiert Sie direkt mit dieser speziellen Art der Realität, die bei Flattery herrscht, und wenn Sie sich in dieser merkwürdigen Garage, dem Schauplatz der Geschichte, nicht zuhause fühlen können, brauchen Sie das Buch eigentlich auch gar nicht weiterzulesen. Diese Garage ist so etwas wie ein Tankstellenshop oder Minisupermarkt, ein kläglicher Raum jedenfalls, wo zwei Menschen im Rahmen eines diffus bleibenden Projekts arbeiten, das an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erinnert – eine gescheiterte Schauspielerin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, und ein 19jähriger ohne Potenzial. Mag sein, dass das mit der Schauspielerei eine reichlich geschönte Geschichte ist, aber egal, die Erzählerin hat jedenfalls eine wilde Zeit in der großen Stadt hinter sich gebracht und ist, nachdem irgendwann die Träume und das Geld versiegt waren, zurückgekommen in die Heimat, in die Kleinstadt, zu den Eltern.
‚My parents had a fierce bond I admired. They had refined the habits of the long-married – saying nothing an then saying everything twice. […] There was a strange, daily pattern: amble down the street; go to the supermarket; wave at a slight acquaintance; glance at the same patch of sky; come back home. They had seen boredom, stared it straight down, and survived.‘
In den Regalen der Garage befindet sich nichts als drei Dosen ungewissen Inhalts und eine Zimmerpflanze.
‚ „Stop cuddling the plant,“ Kevin often suggested. „I’m just holding it,“ I lied.‘
Ein arbeitsloser Kühlschrank summt vor sich hin, die seltenen Kunden, die etwas kaufen möchten, werden freundlich begrüßt, nur um dann entschuldigend weggeschickt zu werden. Reine Kulisse. Die gewünschte soziale und berufliche Eingliederung: reines Theaterspiel. Die Erzählerin, schauspiel- und enttäuschungserfahren, durchschaut das natürlich instinktiv. Kollege Kevin dagegen legt sich leidenschaftlich für Kundenzufriedenheit und Umsatzsteigerung ins Zeug, aus echter Überzeugung. Privat widmet sich Kevin übrigens mit demselben Furor dem Fernsehen, den Filmen, Soaps, Sitcoms… Naive Jugend. Während das ominöse Job-Projekt ohne Aussicht auf gutes Ende vor sich hin läuft, plaudert die Erzählerin über ihr Leben in der Großstadt als Freundin eines mittelmäßigen Regisseurs, was sich bedenklich nach einem Leben als wandelnde Anzieh- und Gummipuppe anhört. Oder über die Projektmanagerin, sozusagen die Chefin der Garage, eine Figur irgendwo zwischen Personalwesen und Inquisition, wie sich bereits im Bewerbungsgespräch fürs Garagenprojekt zeigt:
‚Management interviewed me – bizarre questions through an inch of plexiglass: How long, in hours, have you been unemployed? Did you misspend your youth throwing stones at passing cars? […] The interview was an all-nighter, designed to break my spirit and ensure I pledged organisation and responsibility for the rest of my days.‘
Oder über ihre alten Freundinnen in der Kleinstadt:
‚My friends, what remained of them, were sweet girls – transparent, tame – but likeable. I assembled us together in a bar for one sorry night. Since we grew up with mothers who sat, dour, over their annual wine, we all drank like our fathers. It was our great generational decision.‘
Alles in dieser Story scheint banal, alles an dieser Story scheint vorhersehbar. Nichts da. Ich verbringe sehr viel mehr Zeit damit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen als erwartet. Ich plumpse in Abgründe – fast unbemerkt, weil sie mit so unterhaltsamer Zuckerwatte gepolstert sind. Es geht um dumme Sehnsüchte, die nichtsdestotrotz herzzerfressend in uns kochen. Um den seelisch schmerzhaften Abgleich der Realität mit Idealbildern. Um körperlich schmerzhafte Langeweile. Den unbeholfenen Umgang mit Enttäuschungen. Um Figuren, die ihre Scham – so ein generalisiertes Schamgefühl, das emotionale Hintergrundsummen der Ewig-Mittelmäßigen – mit mir teilen.
Flatterys übrigen Figuren ergeht es anders, aber nicht rosiger. So bemüht sich etwa die tapfer lächelnde Hauptfigur in Parrot – frisch verheiratet, gut situiert, gerade auf Auslandsjahr in Paris – um ein harmonisches Auskommen mit dem Kind ihres Mannes aus erster Ehe und kriegt es doch nicht zustande. Genauso schief und kläglich verbiegt sich die Erzählerin in Hump. Ausgehend von der Beerdigung ihres Vaters, breitet sie das schmale Panorama ihres Alltags aus – Büro, Restaurant, Zuhause, Büro, Restaurant, Büro, Zuhause, Zuhause, Büro.
‚My career had taken a sinister turn and I had started to keep an eye out, like you do for a new lover, for other things I could try. There weren’t many. All jobs seemed to contain one small thing I just could not do. It was maddening.‘ (Dieses hirnzerfressende Auf-der-Stelle-rudern, oh, ich kenne das.)
Beziehungen oder Liebschaften bringen auch kein Licht ins Dunkel, nein. In dieser wie in allen übrigen Geschichten sparken die männlichen Figuren leider nie wirklichen Joy:
‚He looked like a small town I might live in and die.‘
Eine Beerdigung markiert einen Abschied, oft auch Abschied von einem vertrauten Gefüge, einer gewohnten Ordnung. Was sich im Leben der Erzählerin nun verändert, ist erst einmal sie selbst: Sie verformt sich, verkrümmt sich; ihr wächst unerklärlicherweise ein Buckel, was aber niemand zu registrieren scheint. (Dieses Gefühl von Deformation im Stillen, in Umbruchsphasen, die keinen im Umfeld interessieren oder beeindrucken, oh, ich kenne das.)
Alle acht Stories funktionieren auf dieselbe Art: Sie drücken zielsicher auf Schmerzpunkte und sind zugleich ungemein witzig. Rohes Fleisch, paniert mit Humor.
Anders als es mir die 90er, die Blüte des Ironie-Zeitalters, von Jugend an eingetrichtert hatten, ist der staubtrockene Witz hier nicht dazu da, um Emotionen zu entwerten, einfach jegliche Gefühlsregungen bloßzustellen und sich arschcool von ihnen zu distanzieren – sondern, im Gegenteil, um jede Gefühlsregung bloßzulegen, auf dass ihr Wert nicht länger unter den Ironie-Teppich gekehrt werde.
Witz kann dabei helfen, wichtige Dinge auszusprechen, die ansonsten im Halse steckenbleiben würden. Den Witz hingegen zu nutzen, um die Dinge lächerlich zu machen, pauschal und unterschiedslos, und sich somit ihre Wichtigkeit vom Hals zu halten, war und ist ein typischer Reflex meiner Loveparade-Generation. Wenn ich alles gleichermaßen auslachen kann, dann besitzt nichts mehr Bedeutung, und wenn es keinerlei Bedeutung mehr gibt, kann ich endlich ungestört das einzige pflegen, was überhaupt noch existiert: meinen Spaß. Meine Unterhaltungselektronik, meine Turnschuhe, Beauty und Wellness, Essen und Trinken, Stars und Sternchen, mein Haus, mein Auto, meine Frau; Sie wissen schon. Nach den 68ern, den Hippies, Theoretikern und Ideologen, dem Deutschen Herbst, der Neuen Subjektivität, den friedens- und umweltbewegten 80ern und schließlich dem Umbruch der allgemeinen Weltordnung war der spaßige Nihilismus der 90er wohl ganz einfach die logische Gegenbewegung. Ein großes Ausatmen nach so viel Kampf und Krampf. Ein Rückfall in infantilen Hedonismus nach so viel Selbstermächtigung, Mündigwerdung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe. Sisyphos, der den Stein einfach kullern lässt – keinen Bock mehr.
Ironischerweise war Spaß während meiner Gymnasialzeit, in der sich vordergründig alles ständig ums Spaßhaben drehte, echte Mangelware. Unter uns SchülerInnen herrschte ein trockener, ironischer bis sarkastischer Ton, der alles planierte, was echt an uns war. Lachen war verpönt, aber auslachen ging immer. Mitunter frage ich mich, ob ich den 90ern da eventuell unrecht tue: So lieblos, gehässig, gekünstelt kommt mir das rückblickend vielleicht vor, aber sicher gehe ich da bloß einer Art umgekehrter Nostalgie auf den Leim, anstatt zu einer positiven Verklärung der Vergangenheit neige ich einfach zu einer negativen, nicht wahr? Generell sind Jugendliche untereinander ja nicht unbedingt gnädig, egal in welchem Jahrzehnt, und auch mein Zuhause, das Hannoveraner Umland, war halt nie berühmt als Hort von Frohsinn und Herzlichkeit. Doch ab und an stolpere ich über, sagen wir, eine alte Folge TV-Total oder Filme wie Pulp Fiction, Mission Impossible 1 oder Matrix, über Zeitdokumente also, und ich empfinde jedes Mal, während ich mir das so anschaue, diese zwanghafte, manierierte Coolness, diese Steifheit, Plastikhaftigkeit, Schablonenhaftigkeit, Oberflächlichkeit, Überreiztheit, Pseudolustigkeit tatsächlich als Kerneigenschaften der 90er.
Entsprechend verkniffen gestaltete sich der allgemeine Habitus meiner Jahrgangsstufe, der Dress-Code wurde penibel kuratiert, Worte landeten grundsätzlich auf der Goldwaage, Empathie war was für Muttis, alles, was irgendwie lebendig war, war automatisch albern, lächerlich, peinlich. Moral: Steh lässig rum, Mädchen, zeige niemandem, was du gern hast oder fürchtest, spuck auf die Uncoolen, sei selbst keine von den Uncoolen, sei smart und schön, sei um jeden Preis unter den Smarten und Schönen, sie spucken sonst auf dich.
Wenn es für smart und schön aber nicht reichte, war ja immerhin noch intellektuell eine halbwegs rettende Option. Für diejenigen, die damals wie ich nachts MTV schauten: Ich war Daria Morgendorffer. Und Jane Lane. Ich malte, ich zeichnete, ich las, ich notierte, ich weltschmerzte mich durchs Gymnasium. Ich pilgerte in Kunstmuseen, ich las mich systematisch durch die Literaturnobelpreisliste, konnte aus der Orestie zitieren, schrieb meine Englisch-Facharbeit über Ulysses, und ich dachte, ich täte diesen ganzen Quatsch, weil es mir Spaß machte. Natürlich tat ich das, weil es mir eben lag und damit einen praktikablen Weg darstellte, um nicht blöd auszusehen, bloß nicht der Bauerntrampel zu sein, mich bloß auf einer Höhe halten zu können, von wo aus es sich gut auf Blödere spucken ließe. Und schließlich war es eine bildungsbürgerlich anerkannte, eine schulischerseits sogar begrüßte Realitätsflucht – ab in den Elfenbeinturm!
Ich hatte damit meine Rolle an der Schule gefunden und war in dieser Rolle ziemlich unangreifbar. Ich machte mich prima als klugscheißendes Unikum, das den Deutsch-LK im Alleingang gestaltete UND alle Jungs unter den Tisch trank. Zu Hause, in meinem Kämmerlein, schrieb ich Texte, die im Ton mal Hermann Hesse, mal Quentin Tarantino nachahmten.
Was ich eigentlich hätte schreiben müssen, das wären Texte über meine Mutter gewesen, Texte über das schale Gefühl, wenn man Menschen anlog, die man liebte, Texte über die Scham, wenn man wieder einmal Spucke abgekriegt hatte (wörtlich gemeint), Texte über die seltsame Angst, dass irgendwie gar nichts wirklich zählte, und über den Schock, wenn es dann wirklich einmal um etwas ging, was zählte, Texte über Kittelschürzen und Kaninchenbraten, über ABBA und Queen, über Katheter und Dekubitus, Texte über Freunde, die nichts taugten, und über die Erkenntnis, selber auch nicht besser zu sein, Texte über UNS und MICH.
Rainer Dorner, Dozent an meiner Berufsschule, sagte über die formal strengen und inhaltlich irgendwie toten, diese sterilen Gedichte Stefan Georges immer sehr schön: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Wenn ich später in eine hübsch-ästhetische, hochtrabende Doku über Hermann Hesse oder in einen Tarantino-Film hinein zappte, oder wenn ich DJ Bobo im Radio mal wieder „There Is a Party“ singen hörte, oder wenn ich Party-Fotos aus meiner Oberstufenzeit in die Finger bekam, oder wenn ich schon wieder einen Stapel Christian Kracht für den nächsten Deutsch-LK ans Lager bestellte, dachte ich mir öfters: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Meine 90er, diese zügellosen Spaß-Jahre, das waren für mich die gefrorenen Jahre (Sie dürfen bitte Kafkas Axt an dieser Stelle einmal im Schrank lassen).
Zeig ihnen, wie man Spaß hat lautet der deutschsprachige Titel von Flatterys Erzählband. Ein Imperativ, der wie die Faust aufs Auge auf meine Schulzeit in der Epoche von Marusha, Scooter und den Spice Girls passen würde. Ach, die Girlies und Boygroups, die Models und Formel-1-Fahrer! Die Fertiggerichte voller Lebensmittelfarbe, das ewige Dosen-Gelächter in den ewigen Sitcoms, die neonfarbenen Markenklamotten! Fernseh-Talk und Mini Playback Show! Was waren das bloß für Good Times! Hilfe!
Wozu Flatterys Texte eigentlich ermutigen, ist freilich das Gegenteil: Zeig ihnen, wo’s weh tut! Kafka in Ehren – aber ich hätte mit 15 eine Menge darum gegeben, so ein Buch wie das hier in die Finger zu kriegen. Von einer Autorin, die haarsträubend klug UND witzig ist. Stories aus einem weiblichen Kosmos, besiedelt von Mädchen, Frauen, besetzt von Mädchenthemen, Frauenthemen, erzählt aus Mädchen-, Frauenperspektive. Geschichten über das Nicht-gut-genug-sein, die Orientierungslosigkeit, das So-tun-als-ob, das Schlappmachen, übers Sich-ausnutzen-lassen, Sich-blöd-anstellen, Sich-unwohl-fühlen.
Der Humor und die surreale Ebene helfen der Autorin indessen aus einer Klemme, in der man unweigerlich landet, sobald man vorhat, dieses Unspektakuläre zu erzählen: Das seichte, aber zähe Alltagsunglück ist ja nicht wegzudenken aus der durchschnittlichen Lebensrealität – darüber aber realitätsgetreu zu schreiben, OHNE die Leserschaft dabei ins Koma zu langweilen (und wahrscheinlich auch sich selbst, als AutorIn), ist ein eigentlich hoffnungsloses Unterfangen.
Erst durch die humorige und surreale Überzeichnung wird das Unbehagliche, bedrückend Oberflächliche, bedrängend Langweilige erzählbar. Was David Foster Wallace mit Unendlicher Spaß und Der Bleiche König vorgemacht hat – Flattery holt es aus dem Literatur-Schaukasten heraus und wendet es auf das peinlich Private an.
In Sweet Talk schildert eine irische Farmerstochter das Jahr, in dem sie 14 wird. Unter den Farmhelfern dieser Saison ist ein eigentlich nicht besonders interessanter Australier, dem sie ein bisschen auf die Pelle rückt, die Zeitungen berichten von spurlos verschwundenen Mädchen, die Nonnen in der Provinzschule bemängeln nachlassende Leistungen, der Exorzist und Freddy Krueger spuken durchs nächtliche Fernsehprogramm. Himmel und Hölle, Realität und Fernsehen, brave Kindheit und Sexualität, Langeweile und Horror – Flattery verschränkt auf wenigen Seiten einen ganzen Haufen Gegenpole ineinander, und was dabei herauskommt, ist so eine Brühe, zugleich kalt und zu heiß, lasch und zu scharf, intensiv und ungenießbar, also genauso wie 14 sein.
Hätte ich das als Achtklässlerin gelesen, hätte ich mich kaputtgeschämt und kaputtgelacht. Und ich hätte von da an genauso schreiben wollen. Vielleicht hätte mir das geholfen.
Ganz sicher hätte es, verdammt.
Sehr mitgenommen hätte – und hat – mich auch Abortion, A Love Story, wo die engstirnige, passiv veranlagte College-Studentin Natasha auf ihre Spiegelfigur trifft, die abenteuerliche Lucy. Natasha packt das College nicht, fühlt sich fehl am Platz, zieht das aussichtslose Ding aber stur durch. Gerade hat sie eine erste vergurkte Beziehung hinter sich:
‚When Natasha first entered college, at eighteen, a boy called Patrick, stick-thin, raised Catholic, had attached himself to her. He was her first boyfriend. They were a good pairing because she was a strange person pretending to be a normal person, and he was a normal, well-raised person desperately pretending to be strange.‘
Danach schlittert sie in eine Verlegenheits-Liaison mit einem ihrer Professoren – auch nicht besser. Unterdessen erhält sie geradezu gespenstische Mails von jemandem, der sie offenbar kennt, gut kennt, dabei gibt es wirklich niemanden, der das täte, weder an der Uni noch sonstwo. Und dann tritt Lucy auf. Die hat gespenstisch viel mit Natasha gemeinsam und ist doch eine völlig andere Figur, eine, die bei Natasha im ersten Moment entschiedene Ablehnung hervorruft. Die Ablehnung entpuppt sich als Neid, der Neid outet sich als Bewunderung.
In den meisten ähnlichen Geschichten entwickelt sich das ganze dann wie folgt: Das wilde Mädchen nimmt die gehemmte Loserin an der Hand, verhilft ihr zu Abenteuern und lässt sie aufblühen, doch in einem Moment, wo es drauf ankommt, kehrt die Wilde sich achselzuckend ab und überlässt die Loserin ihrem Schicksal, wodurch diese sich erst ihrer eigenen, echten Werte bewusst wird. Moral: Erliege nie den falschen Verführungen eines allzu unabhängigen, selbstbestimmten Lebensstils, Mädchen!
Hier aber verlaufen die Dinge anders: Natasha und Lucy sind schon bald eng verschwistert, wie eine Einheit, die lange zerrissen war und nun endlich wieder zusammengefügt worden ist (Sie ahnen sicher, was hier gespielt wird). Als Duo überarbeiten und inszenieren sie schließlich ein Theaterstück von Natasha, das an Aussagewut wahrscheinlich alles in den Schatten stellt, was das verbiederte College je erlebt hat.
‚ „Lucy,“ Natasha said, holding up a page covered in red marks, „let’s make this a comedy.“ „Abortion, A Love Story?“ Natasha nodded. „But it’s about these two girls, sisters in misery.“ „I know.“ „They don’t have anything.“ „Of course.“ „It’s a bad time.“ „It’s a woeful time.“ „And it gets worse.“ […] Lucy took a sip of her drink. „Who could find all that funny?“ „Not me.“ „And the pain and suffering of the women,“ Lucy said, shaking her head. „The violence of what they have endured. That’s what the audience will want.“ „Yeah,“ Natasha said, „and let’s not give it to them.“ Lucy was silent. „Comedy is tragedy sped up.“ Lucy tapped two fingers on her can. „That’s Ionesco.“ „I thought it was my dad,“ Natasha said. „You know we’re risking our reputations.“ „We don’t have reputations to risk.“ ‚
Daria und Jane waren witzig, zeitgeistig – Natasha und Lucy aber machen Ernst: Friss Zuckerwatte, Publikum! Ein ernsthafter, abgründiger Spaß. Abortion, A Love Story ist die umfangreichste Geschichte in diesem Band, und es ist die einzige, in der sich eine Figur ein Stück weit aus ihrem kläglichen, unbehaglichen Alltag lösen kann. Moral: Suche Freundschaft, Mädchen, sogar mit dir selbst, VOR ALLEM mit dir selbst – und dann ran an die quälenden Dinge!

PUBERTÄT REVISITED > Eddie, Chris

Nachdem mein treues Küchenradio endgültig seinen Geist aufgegeben hatte, wurde mir letztens zum Geburtstag ein Radio inklusive CD-Player geschenkt.

Mein Notebook hat ein CD-Laufwerk, aber das ist nicht dasselbe, klar. Mein altes Auto besaß seinerzeit einen CD-Player, im Kindertaxi liefen zumeist Hörspiele und einigermaßen kindertaugliche Musik, nur auf meinen kurzen Pendelwegen zur Arbeit blökten mit Vorliebe die Sleaford Mods aus den Boxen. Der Großteil meiner CDs aber ging binnen der letzten 15 Jahre bloß durch meine Hände, wenn ich sie wieder einmal aus einem Schrank in Umzugskartons und aus Umzugskartons in einen Schrank räumte.

Ich besitze nun also wieder einen CD-Player, einen richtigen. Ich nehme meine CDs heute nicht aus dem Schrank, um sie in Kartons zu legen, sondern um sie zu hören.

Natürlich fühle ich mich dabei alt.

Nicht, dass ich keine neueren Alben im CD-Format besäße – nur greife ich, sobald ich den Schrank öffne, blindlings zu den alten, den verschlissenen, den meistgehörten. Das sind die meistberührten, eindeutig, und die haben dieses tausendfache Anfassen in sich gespeichert, sodass ich, wenn ich sie jetzt anfasse, zugleich den Griff meiner früheren Hand in den Fingern spüre, und näher kommt man der vergangenen Haut, in der man einmal steckte, nur schwerlich.

Zum 12. Geburtstag wurde mir ein eigener CD-Player mit Kassettendeck geschenkt, nachdem ich von Schwester 2 immer öfter den verdienten Ärger dafür bekommen hatte, heimlich den heiligen Plattenschrank im heiligen Großeschwesterzimmer zu durchwühlen. Abgesehen von diesen kurzen Ausflügen in die Vinylschatzkammer war ich kein Schallplattenkind und empfinde wenig Sehnsucht nach diesem Format – mein Nostalgieträger ist eben die profane kleine Schwester, die CD.

Während ich eine alte CD ins neue Gerät einlege, gilt mein erster Gedanke der Unvernetztheit dieser Aktion: Kein offener, kein heimlicher Datentransfer – die auf mich zugeschnittenen Online-Inhalte und Werbeanzeigen wissen nichts davon, was ich hier tue, wer mich gerade entertaint, ob und wie mir das gefällt. Das fühlt sich angenehm klandestin an. Ach, fast schon kriminell!

Mein zweiter Gedanke gilt der historischen Note der Sache. Ich besitze natürlich keine Raritäten, nichts aus objektiver Sicht wertvolles, ich horte Massenware, aber eben die spiegelt einen gewissen Zeitgeist. Und nicht bloß die Gegenstände der Zeit geben mir zu denken, sondern insbesondere die Abstände an Zeit. Die meisten CDs kaufte, tauschte oder lieh ich mir so 1996, 1997 zusammen – erschienen waren die liebsten Herzensalben zwischen 1992 und 1997. Heißt also, dass sie heute im Durchschnitt ein Vierteljahrhundert alt sind. Gute Güte! Wenn ich 1996, 1997 ein Album hörte, das rund ein Vierteljahrhundert alt war, dann waren das Alben wie „L.A. Woman“ von den Doors, „Pearl“ von Janis Joplin, „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd usw. Es ist derweil so: Es war früher schwer vorstellbar für mich, dass es, eine Generation über mir, Leute gab, für die solche Schallplattengespenster wie Janis Joplin, Jimi Hendrik oder Robert Plant einst als vor-ikonische Menschen existiert hatten. Ich denke, dass es heute für meinen ältesten Neffen ebenso schwer vorstellbar ist, dass es, eine Generation über ihm, Leute gibt, für die solche Retro-Objekte wie Kurt Cobain und Konsorten einst als vor-ikonische Menschen existiert haben. …Es ist überhaupt schwer vorstellbar für mich, dass es eine Generation unter mir gibt, oder, na, eher schon zwei.

Drittens beschäftigt mich dann die Qualität dessen, was ich da höre. Das ist mitunter ernüchternd; manch bombastische Nummer erweist sich, nach Abzug meiner jugendlichen Begeisterungsleistung, als echter Schrott. Manche Stücke sind echter Schrott, keine Frage, aber zugleich große Liebe. Manche sind einfach über die Jahre verbrannt – das liegt nicht an ihnen, sondern ich habe schlicht keinen Zugang mehr zu ihnen, keine Verwendung mehr für sie, ich kann nicht einmal mehr nostalgische Impulse aus der Asche ziehen. Andere wiederum sind über die Jahre gewachsen und klingen erst jetzt wirklich, wirklich groß.

Lachen sie nicht – meine existenziellsten Alben sind nach wie vor und auf ewig „Vitalogy“ von Pearl Jam und „Superunknown“ von Soundgarden. Pearl Jam und Soundgarden, Eddie Vedder und Chris Cornell: Der Klang eines zu großen, warmen Sweatshirts, das mir von einem Freund über den Kopf gezogen wird, weil mir kalt ist; die Stimmen sonnenverbrannter Wiesen im Juli, herbstgelber Pappelreihen, bekritzelter Bushaltestellenhäuschen und heimlicher Zigaretten, von Heft- und Bücherstapeln auf einem falschen Orientteppich, von verwaschenen Jeans, Haartönungen, Kajal und Klimperarmbändern, von Klassenräumen und Jugendzimmern.

Vorhin drehte sich hier „Down on the Upside“ von Soundgarden, was ich zwischenzeitlich immer mal wieder gehört hatte, aber nie im Ganzen, bloß einzelne Songs daraus, und mir fiel dabei auf, wie arg ich es vermisse, ein Musikalbum (samt der womöglich weniger geliebten Songs) als eine feste zeitliche und auch feste klangliche Einheit zu verstehen. Danach habe ich „Ten“ von Pearl Jam eingelegt, dem ich, analog wie digital, eigentlich lieber aus dem Weg ging – nachdem ich als Dreizehnjährige quasi nichts anderes hören konnte, konnte ich’s danach nicht mehr hören, Sie kennen das sicher. Wie gut ich dieses Album nun finde, trifft mich wie eine glatte Backpfeife. Ich hätte fast vergessen, dass „Wash“ der perfekteste, der wundervollste Regensong aller Zeiten ist. Bei „Oceans“ heule ich den Mond an, der im Moment zwar nicht hier, aber vielleicht irgendwo über der Beringsee leuchtet, „Deep“ ist die reinste Achterbahnfahrt, und sogar „Jeremy“, diese so abgenudelte Nummer, lässt meine Haarspitzen knistern. Ich höre das ganze Album am Stück, ich höre es einmal, zweimal, dreimal. Und jetzt lege ich es wieder in den Schrank zurück, damit ich’s in, sagen wir, 25 Jahren wieder genauso hören kann.

PUBERTÄT REVISITED > Fragen, Grüße

In meiner Gymnasialzeit gab’s eine Schülerzeitung. An der ich mich nicht beteiligte – das Schreiben hätte mich wohl angezogen, nur die Schreibenden waren nicht so mein Fall. Oder, na, ich nicht so ihrer. Nicht schlimm, ich brauchte, um zu schreiben, ja keine Schülerzeitung, sondern bloß mein Notizbuch. Meine Notizbücher. Notizhefte. Notizzettel. Ich schrieb auf alles Notizen, ich schrieb über alles Notizen, ich schleppte meine Notizen mit mir herum, überall hin, ich aß inmitten von Notizen, träumte auf Stapeln von Notizen, den Kuli fest in der schlafenden Hand, verpasste Busse und Züge wegen dringlicher Notizen, ich dachte und machte keine zusammenhängenden zehn Minuten mal was für Schule und Zukunft, aber immer Notizen, Notizen, Notizen.

Hätte ich damals unsere Schülerzeitung gestaltet, wäre das die aufregendste Schülerzeitung aller Schülerzeitungen geworden! Ha! Oder, na, ein wirrer, nutzloser Haufen Zettel.

Anderer Schauplatz: Ich wurde letztens awarded. Ich meine, mein Blog. Oftmals teilt man diese Erwählung mit einer ganzen Liste von Blogs, und dazu ist solch einem Award meist ein Fragebogen beigelegt, so auch hier; Sie kennen das sicher.

Frage-und-Antwort-Runden, Top-Listen – das waren auch die beliebtesten Rubriken in besagter Schülerzeitung.

Dass ich mich an dieser Blog-Award-Sache nie allzu überschwänglich beteiligen mochte, geht so gesehen womöglich auf meine Erfahrungen mit der Schülerzeitung zurück, welche mir dauerhaft einimpften, dass alles gut ist, solange man da bloß nirgendwo auftaucht. Bloß nicht interviewt werden. Bloß nicht auf einer dieser Listen landen, erst recht nicht auf den Spitzenplätzen! Ich meine da weniger die Listen der erfolgreichsten SchulsportlerInnen, bestaussehenden Mädchen, lustigsten Vögel etc., klar führte ich die nie an. Ich meine Listen wie „Wem würdet Ihr ungern im Dunkeln begegnen wollen?“, da war ich mal Platz zwei. Aber selbst die Jubel-Listen hatten ihre Kehrseite, verfestigten falsche Wahrnehmungen, setzten ihre Nadelstiche, machten die Bejubelten unruhig. So oder so wurden wir alle, indem sich unsere Zeitung uns einverleibte, in ein nicht eben freundschaftlich gesinntes Rampenlicht gestellt.

Dieser Hauch eines reell freundschaftlichen Interesses, den ich da vermisste, ist in der Blogosphäre freilich genauso rar gesät.

Mich hatte nun Maren auf die Liste derjenigen gesetzt, an die sie ihren Awesome Blogger Award weiterreichen möchte, und dass mich diese Geste nicht aufgeschreckt, sondern mit dem Gefühl erreicht hat, einfach ein schöner Gruß zu sein, liegt daran, dass ich meinerseits so gern Marens Berichte von Fernreisen oder von Streifzügen durchs nicht ganz so Ferne lese. Ich mag solche Texte, die sich selbst verpflichtet und sich selbst genug sind. Texte, die allzu gern Sensationen produzieren wollen, gibt es eh viel zu viele, anderswo, überall.

Statt Vernetzung bewirkte diese Aktion vielmehr so etwas wie eine gedankliche Zurückversetzung bei mir, ein ganzes Stück zurück, ja ja, noch ein bisschen, so, ganz nach damals. Denn dahin führten auch die Fragen, die Antworten.

1. Was bedeutet Dir das Bloggen? – Das hier ist meine Schülerzeitung, so wie ich sie damals aufgebaut hätte, wäre ich alleinige Herausgeberin gewesen. Ich mache hier nichts anderes, als dieser 14jährigen Notizkritzlerin ihren editorischen Lauf zu lassen, heute. Nach dem Abi landete ich zunächst in der Germanistik, Fernziel: rasende Reporterin, was natürlich Quatsch war, denn ich taugte ja weder zur Akademikerin noch zur Reporterin – was ich wollte, war bloß meine Notizen kritzeln zu können, zweckfrei, richtungslos, für mich und vielleicht noch für diese paar Seelen, die nachts auch nicht schlafen können. Über alles und nichts, über Dinge, Menschen, Gedanken, die mich beschäftigen. Na, hier mache ich genau das.

2. Wenn Dein bisheriges Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es dann? -„Salzmarie“. Salz ist ein spezieller metaphorischer (und auch synästhetischer) Begriff für mich; vor allem stamme ich aus einem eingeschworenen Salzort und wohne heute zufällig wieder in einem.

3. An welchen Ort würdest Du gern noch einmal zurückkehren? – An den morgendlichen Küchentisch mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder, mein Vater trinkt seinen Kaffee (zwei Milch, zwei Zucker) aus einer Tasse mit gesprenkelter Randverzierung und stellt sie blindwissend auf der Untertasse ab, während er in der Zeitung liest, meine Mutter schmiert Graubrote, ich lese, meinem Vater gegenüber sitzend, die Zeitung überkopf, mein Bruder neben mir duftet nach den Honigpops, die er gerade schmatzt, die Küchenuhr tackert leise, die Tischmitte schimmert im buttrigen Licht der Hängelampe. An diesem Ort war ich zuletzt als Jugendliche.

4. Wann hast Du zum letzten Mal etwas Neues über Dich erfahren? Was war das? – Ich erfahre ungelogen täglich irgendwas Neues über mich – Kleinigkeiten natürlich (denke ich, aber weiß man’s?), doch macht es das deswegen ja nicht gleich uninteressant. Was bringt mich in Wut, was fürchte ich, was tut mir weh, was macht mir Spaß usf., und warum? Ich habe heute über mich erfahren, dass ich eine sehr viel innigere Zuneigung zu Waschbetonplatten hege, als ich gedacht hätte. Und als ich zugeben würde – ich meine, welcher Baustoff könnte unattraktiver sein, rein objektiv betrachtet? Ich habe außerdem — ach, jetzt brauche ich wirklich mein Notizbuch!

5. Gibt es etwas, was Du immer tun wolltest, aber bisher nie getan hast? – Nein.

Ich nominiere an dieser Stelle keine weiteren Blogs, sondern grüße ganz direkt mein lesendes Gegenüber. Und frage nur eine Sache:

Erinnerst Du Dich bewusst an das Ablaufdatum Deiner Jugend, einen Moment, Tag, Auslöser, der Dein Erwachsenwerden markiert, ganz gleich, ob Du dabei eher siebzehn oder eher siebenundvierzig warst, an ein fühlbares Kippen der Verhältnisse, an einen Augenblick, da sich etwas in der Atmung veränderte oder das Rückgrat spürbar wurde, an ein helles Verstehen, eine plötzliche Last oder plötzliche Leichtigkeit – oder nicht?

SONDERZUSTÄNDE > „Niemand lebt gern in Angst“

„Die alten Leute und die Kinder haben den letzten Monat fast ausschließlich in Kellern zugebracht, entweder in den kleinen Kellern ihrer eigenen kaputten Häuser oder in den Gemeinschaftskellern unter den Krankenhäusern oder dem Rathaus. Niemand lebt gern in Angst,“

schrieb Martha Gellhorn 1944 in einer Reportage mit der Überschrift „Eine kleine Stadt in Holland“. Gemeint war das kriegszerstörte Nimwegen. Gültig sein dürfte das zugleich für alle Städte, alle „alten Leute und die Kinder“ in Kriegs- und Krisengebieten – damals, heute, immer.
In rund 50 Jahren als Kriegsreporterin hat Martha Gellhorn viele davon gesehen, unzählige Menschen getroffen, Soldaten und Generäle, einfache Zivilisten und Staatschefs.
Fakten zu vermitteln war das eine, das andere, dem Krieg ein Gesicht zu geben. Bei aller Professionalität fand emotionale Anteilnahme stets Platz in ihren Reportagen, war entscheidend für ihr Schreiben, ihr Markenzeichen. Sie brach die großen politischen und militärischen Entwicklungen herunter auf deren konkrete Auswirkungen auf Menschenleben. Dabei bediente sie sich keines Leidens-Voyeurismus, sie machte aus menschlichen Dramen keine schnellen, billigen Sensationen.
Ihr Detailblick zielte darauf ab, eine gewisse Erfahrbarkeit zu schaffen. Was andernorts als sachliche Meldung in etwa klingen würde wie „Achte Armee rückt an die Adriaküste vor“, wurde bei Gellhorn erfahrungsnah, plastisch geschildert.

Drei Tage und drei Nächte lang waren die verschlungenen Nebenstraßen über die Apenninen und die großen Schnellstraßen, die von Florenz aus nach Süden und wieder hinauf nach Ancona ein tiefes V bilden, derart von Verkehr überflutet, wie ihn die meisten von uns noch nie gesehen haben. Lastwagen und Panzerwagen, Panzer, Waffentransporter und Geschütze, Jeeps, Motorräder und Krankenwagen verstopften die Straßen, und es war durchaus nicht ungewöhnlich, für dreißig Kilometer vier Stunden zu brauchen. Die Straßen wurden von diesem Verkehr zu Pulver zermahlen, der Staub lag in knietiefen Wehen, und wenn man einmal ein bißchen beschleunigen konnte, wallte er wie Wasser unter den Rädern. [Aus: Die Gotenlinie. September 1944]

Zwar sparte sie Grausamkeiten, wie sie notwendigerweise jedes Kriegsgeschehen beschreiben, nie aus, doch besaß sie zugleich das Vermögen, das Wesen von Gewalt und Zerstörung indirekt zu beleuchten. So besuchte sie etwa eine versteckte Munitionsfabrik in Barcelona und schrieb über die Frauen in der Produktion:

Am entgegengesetzten Ende des Raums saßen Frauen an Nähmaschinen […]. Sie hatten Stoffe für Sommerkleider, einen wunderschönen rosa Leinenstoff, einen hübschen grauweiß gestreiften, der schicke Hemden abgegeben hätte, eine dicke weiße Seide für Brautkleider. Sie nähten kleine und größere Säckchen, wie für Duftkissen. Ein Mädchen machte die Runde, sammelte sie ein und trug sie nach vorn, wo sie mit dem wie Ziermünzen aussehenden Sprengstoff gefüllt wurden. Dann ließ man je eines der kleinen Säckchen in einen Granatenboden fallen. [Aus: Der Dritte Winter. November 1938]

1908 wurde Martha Gellhorn, Tochter der Frauenrechtlerin Edna Fischel Gellhorn, in St. Louis geboren. Mit Anfang 20 schmiss sie ihr Studium, landete in Paris und verfasste erste journalistische Arbeiten, schrieb anschließend ihre erste große Reportage, daheim in den USA, wo sie gemeinsam mit Dorothea Lange, Ikone der Dokumentarfotografie, die einschneidenden sozialen Umbrüche für weite Teile der amerikanischen Landbevölkerung infolge der Weltwirtschaftskrise aufzeigte. Für das Wochenmagazin Collier’s berichtete sie aus dem Spanischen Bürgerkrieg, da war Gellhorn noch keine 30, und profilierte sich damit als Kriegsberichterstatterin. Fortan schrieb sie aus aller Welt über bewaffnete Konflikte, deren Inhalte und Fortgänge, vielmehr jedoch über deren Beteiligte und Opfer. Gellhorn schrieb und lebte wie eine Getriebene, berichtete von Schlachtfeldern und eingekesselten Städten, von der deutschen Besetzung Tschechiens, vom finnisch-sowjetischen Winterkrieg, aus einem italienischen Heim für Kriegswaisen, aus dem befreiten Dachau, erlebte den D-Day auf einem Lazarettschiff, traf Chiang Kai-shek im chinesischen Bürgerkrieg und Sukarno im Krieg um Java, war zwischenzeitlich einmal verheiratet mit Ernest Hemingway, vorübergehend einmal mit einem Redakteur der Times und war langjährig eine enge Freundin Robert Capas, begleitete den traumatischen Vietnamkrieg, den geopolitisch bedeutsamen Sechstagekrieg im Nahen Osten, den brutalen Bürgerkrieg in El Salvador. Ein Angebot, als Reporterin über die Jugoslawienkriege zu schreiben, lehnte die bereits über 80jährige dann doch ab, aus Altersgründen. 1998 starb Gellhorn in London, fast 90jährig – weil sie es so entschieden hatte.
Für gewöhnlich stelle ich AutorInnen nicht allzu ausführlich vor, wissen Sie, aber wenn das kein Jahrhundertleben ist, weiß ich’s auch nicht.
Im Bewusstein ihres Gewichts erlaubte sich Gellhorn in ihren Reportagen auch deutliche, politische Urteile.

Sukarno war immer genau das, was er schon am Anfang gewesen war, ein gewiefter Demagoge, ein Opportunist, nur ein kleiner Diktator mehr. Die US-Obrigkeit wird niemals müde, diesen Typ Politiker zu unterstützen.
[Aus: Der Krieg auf Java]

Neutralität schien für Gellhorn insbesondere angesichts humanitärer Krisen nicht immer eine gebotene journalistische Pflicht, sondern mitunter eher eine Sache für Feiglinge zu sein. Beispielsweise zürnte sie, in einer Art Epilog auf ihre Vietnam-Berichterstattung:

Macht verdirbt, eine alte Binsenweisheit, aber warum macht sie die Mächtigen auch so dumm? Ihre Machtpläne zerrinnen mit der Zeit zu nichts, auf grausame Kosten anderer; dann stecken die Mächtigen ihre dummen wichtigen Köpfe zusammen und hecken die nächsten ähnlich gearteten Pläne aus. Ein Saigoner Arzt, ein armer Mann im Dienst der Armen, verstand mehr von der wirklichen Welt als die Machthaber im Weißen Haus. „Die Menschen sind überall gleich. Sie wissen, was Gerechtigkeit ist und was Ungerechtigkeit.“ Vergessen wir es nicht. [Aus: Letzte Worte über Vietnam. 1987]

Es ist schier unglaublich viel Material, viel Zeit, viel Erleben, was Gellhorn in ihrem Schreiben komprimierte. Zuviel, um das einfach nebenher zu verschlingen, an so ein paar Frühlingstagen im Garten oder auf der Couch. Genug, um es immer wieder, dann und wann, aufzuschlagen und allerlei menschliche Fragen und Wertvorstellungen daran zu prüfen.


> Martha Gellhorn, Das Gesicht des Krieges (Dörlemann)


Im Verlag Dörlemann liegen große Teile von Martha Gellhorns Kriegs- und Reisereportagen vor, auch private Briefwechsel und ihre Novellen, die sich eher dem Zwischenmenschlichen widmen.

SONDERZUSTÄNDE > Mit sich selbst allein

Aus den Sterntagebüchern des Weltraumfahrers Ijon Tichy:

Als ich am Montag, dem zweiten April, in der Nähe der Betelgeuze vorüberflog, durchschlug ein Meteor, kaum größer als eine Bohne, die Panzerung und zertrümmerte den Hubregulator und einen Teil der Steuerung, wodurch die Rakete ihre Manövrierfähigkeit einbüßte. Ich zog den Raumanzug an, stieg auf die Oberfläche der Rakete und versuchte, die Vorrichtung zu reparieren, aber ich erkannte bald, daß ich die Hilfe eines zweiten Menschen benötigte, um die Reservesteuerung festzuschrauben.

Was ungünstig ist, denn Tichy ist Alleinreisender. Schon lange. Was also tun? Erst einmal drüber schlafen.

Mitten in der Nacht hatte ich das Gefühl, daß mich jemand an den Schultern rüttelte. Ich schlug die Augen auf und erblickte einen über das Bett gebeugten Menschen, dessen Gesicht mir seltsam bekannt vorkam, ohne daß ich hätte sagen können, wer das war. „Steh auf“, sagte er, „und nimm die Schlüssel, wir gehen nach oben und drehen die Steuerschrauben fest.“ „Erstens kennen Sie mich nicht gut genug, um mich zu duzen, und zweitens weiß ich genau, daß es sie nicht gibt. Ich bin allein in der Rakete, und das schon das zweite Jahr, denn ich fliege von der Erde zum Sternbild des Kalbes. Somit sind Sie nur eine Traumvision.“

Das leuchtet ein. Bloß löst diese Feststellung freilich nicht Tichys Problem, und so muss er sich ernsthaft überlegen, wo sich Hilfe finden ließe.

Aber die Gegend war eine komplette Sternwüste, die wegen ihrer Gefährlichkeit von von allen Raumschiffen gemieden wurde, weil sich dort die geheimnisvollen Gravitationsstrudel befinden – hundertsiebenundvierzig an der Zahl -, deren Existenz durch sechs astrophysikalische Theorien erklärt wird, und von jeder anders. Der Kosmonautenkalender warnte vor ihnen wegen der unberechenbaren Folgen der relativistischen Effekte.

Was das bedeuten könnte, dämmert Tichy, als er sich am nächsten Abend nach harter Arbeit im ächzenden Motorenraum erschöpft ins Bett fallen lassen möchte, es aber von jemand anderem besetzt findet.

Ich begriff sofort, daß ich das war, und zwar vom Vortag, genauer: aus der Nacht zum Montag. Ohne mir über den philosophischen Aspekt dieser recht eigenartigen Erscheinung besondere Gedanken zu machen, begann ich sogleich, den Schlafenden an der Schulter zu zerren und zu rufen, er möge rasch aufstehen; ich wußte nämlich nicht, wie lange seine montägliche Existenz in meiner dienstäglichen fortdauern würde, weshalb es angezeigt war, möglichst schnell und gemeinsam die Steuerung auszubessern. Der Schlafende jedoch machte nur ein Auge auf und sagte, daß er nicht wünsche, von mir geduzt zu werden, dann meinte er, ich sei nur ein Traumgespinst.

Hier beginnt erst der Flug durchs tückische, sturmtosende Strudelfeld, in einer Maschine, die steuerlos den Gewalten ausgesetzt ist. Wie lange die Trudelei anhalten wird, lässt sich nicht abschätzen, und wie der alte Kasten am Laufen gehalten werden kann angesichts der außerordentlichen Belastung, die auf unbestimmte Zeit auf die Systeme einwirken wird, auch nicht. Der allein reisende Kosmonaut macht sich auf einiges gefasst, selbst seine eigene Verdopplung bringt ihn nicht recht aus der Ruhe – aber auch das war ja erst der Anfang.

Das Bad war verschlossen. Man hörte darin Laute, als ob jemand gurgelte. „Wer ist dort?“, rief ich überrascht. „Ich“, rief eine Stimme aus dem Inneren. „Was denn nun wieder für ein Ich?“ „Ijon Tichy.“ „Von welchem Tag?“ „Vom Freitag. Was willst du?“

Im Verlauf der nächsten Tage oder Wochen – ach, das mit den Zeitspannen wird schnell unübersichtlich – lernt Ijon Tichy sich selbst einmal von allen Seiten kennen: Laufend kommen neue Tichys dazu, stiften Chaos oder versuchen sich nützlich zu machen, erweisen sich je nach Lage als gute Kameraden, Sturköpfe, Nörgler oder kleine Helden, und die Rückkopplungen ihrer Interaktionen verschachteln sich immer heilloser. So gerät die Siebente Reise des Ijon Tichy zu einem der kompliziertesten Abenteuer, von denen seine Sterntagebücher ausführlich berichten, und nie fügte sich gerade diese Episode so gut in meine Stimmungslage wie aktuell.


Stanisław Lem, Sterntagebücher (Suhrkamp)


Die polnische Originalausgabe der Sterntagebücher mit Ijon Tichys gesammelten Reiseberichten erschien 1971. Ich habe dieses Buch immer wieder und in unzähligen Ausgaben in der Hand gehabt, habe es ausgeliehen, selbst gekauft, verliehen, verleihverloren, an andere verkauft, wieder gekauft, und es bis heute nicht einmal am Stück gelesen. Muss man auch gar nicht. Bei Bedarf schlägt man es auf und liest z.B. von flottierendem Weltraummüll, der sich, von Strömungen zusammengetrieben, zu breiten Teppichen verdichtet (erinnert Sie das an etwas?), nach und nach eine Art Schwarmintelligenz entwickelt und bald seine Verursacher heimsucht. Oder von interstellaren Religionsstiftern. Oder Killerkartoffeln. Oder, oder, oder.

SONDERZUSTÄNDE > Abstand und Nähe

Mal an die Elbe heute? Das Wetter ist mäßig gut, der Weg nicht weit, und sollte man in den Wiesengürteln entlang der ländlichen Elbufer tatsächlich andere Menschen sichten, kann man leicht meterweise Abstand voneinander halten. Wo ließe sich starten, durchs menschenleere Grün schlendern? Google Maps‘ Satellitenbilder zeigen kleine Trampelpfade, Flächen für Gummistiefelgänge, Gräben, Knicks, sandige Buchten im Flussufer. Ich verfolge eine bestimmte Spazierstrecke (mit einem Blick, Satellit sei Dank, der früher Turmfalken, Kranichen, dem lieben Gott usw. vorbehalten war), um sie mir einzuprägen. Mitten auf dem Wege wechselt die Umgebung, als ich eine nicht existierende Grenze überschreite – hier winterbraune Äcker, und dort sommergrüne Felder. Da grenzen zwei Datenpakete aneinander, aufgenommen in unterschiedlichen Jahreszeiten. Zurück: Sandige Maulwurfshügel treten aus nacktem, grauem Boden hervor, Bäume werfen magere Schatten und die Elbe dümpelt dunkel. Vorwärts: Ein dicker Grasteppich liegt kugelrunden Baumkronen zu Füßen, der Sonnenschein hellt die Sandflächen auf, Lichtsprengsel spielen auf dem Wasser, oder sind das doch Gänse? Einen Schritt zurück: Novemberblues. Zwei Schritte vor: Junilicht. Zurück, voran, zurück – was für ein schöner Spaziergang wäre das, wo man, einfach so, aus dem Winter in den Frühling, den Sommer ginge, und das nach Belieben gleich nochmal!
Schön wäre es auch, mal wieder nach Kiel zu fahren. Jetzt. Wir führen einfach los und kämen in anderthalb Stunden an, und mein Kind wäre wieder so klein wie damals, als wir dort wohnten, und wir gingen mit Plastikautos, Sandförmchen und Seifenblasen auf unseren Spielplatz im Park und danach einmal an der Tirpitzmole vorbei, einmal der Gorch Fock winken und den Möwen beim Krebsefangen zugucken, und das Ostseewasser würde duften und rauschen. Unser Spielplatz sieht von oben unverändert aus, denke ich, ich erkenne die Gerüste, Rutschen, Schaukeln sofort wieder. Als wäre ich noch genauso dort wie damals. Oder als wäre damals zugleich jetzt – das Gras und all die Bäume auf den Satellitenbildern haben schließlich genau die richtige Farbe und Dichte für einen Märztag, für heute. Nein, neben der Sandgrube, sehe ich jetzt, ist eine Spiel- oder Sportfläche hinzugekommen, ein kreisrunder Tartanboden, dessen Funktion ich nicht so recht einordnen kann von hier oben. Ich fliege weiter, vorbei an Schilksee, wo noch immer unsere Fischbude steht, weiter, Richtung Strande, den Bülker Weg an der steinigen Fördelinie entlang bis zum Leuchtturm Bülk. Was herrscht da gerade, Spätsommer? Rapsgelbe Felder gibt es keine, bloß stoppelbraune; ich würde raten, dass sie vor kurzem abgeerntet wurden.
Ich suche auch: Hannover, Sauerweinstraße. Unverändert. Im größeren Radius fällt mir auf, dass das städtische Gebiet sommerlich buntfarbig leuchtet, bis zu einer Grenzlinie, die durchs Umland verläuft und hinter der alles grau verschleiert schlummert. Was mich irritiert, da eigentlich doch jeder, der mit der Bahn mal nach oder durch Hannover gefahren ist, den gegenteiligen Effekt kennen müsste: Aus einem sehr grünen Umland rollt man da in ein schlagartig sehr graues Stadtgebiet ein.
Entlang der B441 verläuft der Stichkanal in einem strahlenden Lindgrau und wechselt etwa auf Höhe des Seelzer Stellwerks abrupt zu Schlammgrau. Wenn ich an der B441 westwärts entlangziehe, und danach noch ein Stück weiter, komme ich zu meiner Mutter.
Meine Mutter besuchen zu fahren, auch das wäre schön, und auch das geht in Wirklichkeit natürlich nicht, nicht jetzt, und da habe ich auch schon mein Heimatdorf als Zielort eingegeben und meinen Salzberg gefunden. Ich will nur mal vorbeischauen. Einmal drüberfliegen und mal sehen, in welcher Jahreszeit mein Dorf gerade steckt.
Direkt bevor wir nach Lüneburg kamen, haben wir dort gelebt, knapp vier Jahre lang; ich war nach 15 Jahren anderswo plötzlich wieder zuhause. Sicher, das idyllische Dorfleben hat so seine Tücken, aber welches Groß- oder Kleinstadtleben hätte die nicht? Und besonders aus der Ferne vermisst sich das Idyll nun umso leichter und pauschaler.
Ich schaue zuerst in den Garten meiner Mutter. Der große Walnussbaum ist noch blattlos, sodass man Haus und Hof gut erkennen kann, und mir geht auf, dass es zu Navigationszwecken natürlich optimal ist, Bildmaterial aus dem Frühjahr zu verwenden, wo Straßenverläufe eben nicht unter Blätterkronen verschwinden.
Während ich wieder im Dorf wohnte, auf einem Nachbarhof, waren allerlei Arbeiten im Gange gewesen, die – nachdem sich das Dorf in jahrzehntelangem Dornröschenschlaf so gut wie nicht verändert hatte – Schlag auf Schlag eine Menge Altsubstanz verschwinden ließen: Straßen wurden saniert, einige hochbetagte Bäume gefällt, Häuser abgerissen, Neubauten begonnen usw. Ich war gewissermaßen noch rechtzeitig ins Dorf gekommen, um es noch mal im vertrauten Zustand aus meiner Kindheit zu sehen und es so zu verabschieden. Während ich jetzt mit meinem Satellitenauge die Straßen und Wiesen überfliege, muss ich mich fast zwingen, all die Bauarbeiter und Raupenbagger, die rund zwei Jahre lang das Ortsbild bestimmten, nicht nachträglich für Illusion zu halten. Wirklich, es ist glatt so, als wären sie nie dagewesen. In diesem Frühjahr, in das ich mich hier hineinzoome, in diesem, ich weiß nicht mehr genau, Ende Februar oder Anfang März haben sie gerade erst damit begonnen, die alte Esche stückweise zu fällen – der Baum wirft noch einen, wenn auch astamputierten Schatten, die großen Arme werden jetzt zerlegt, zerstreut liegen erste Holzblöcke auf der Wiese. Die Schloßstraße ist hier fast noch dieselbe, auf der ich im Schlepptau meiner Urgroßmutter einmal täglich unterwegs war, zum Eierholen oder Klönen. B.s alter Hof ist noch da, hier ist er noch ganz intakt – zuletzt staunte ich bei einem Spaziergang auf der Schloßstraße, wie groß die Baufläche wirklich ist, die der Abriss des Hofs freimachte, und wie weit die Neubauprojekte auf diesem Areal bereits vorangeschritten sind. Es gibt noch andere alte Gebäude, die ich unversehrt wiederfinde, und die großen Brauteichen bei S. sind noch ungefällt. Mir stehen die Augen leicht unter Wasser, als ich das alles sehe. Ich befinde mich plötzlich in einer Art Zugleichzeit – Vergangenkunft, Gegenheit und Zuwart sind ganz durcheinander, nein, einfach ausgesetzt, abgeschafft. Dass ich das alles sehen kann, obwohl es doch verschwunden ist! Auch die riesige Eiche im Garten des Hofgeländes, wo wir wohnten, unter der wir grillten, planschten und Wäsche aufhingen, steht noch. Ich fliege einmal übers Dach drüber, jetzt über unseren Rundhof: Da stehe ich, als wäre nichts gewesen – mein damaliges Auto, längst verkauft, steht wie immer auf meinem Parkplatz vor der Scheune, halb verborgen unterm Schauer.
Ich kann gar nicht entscheiden, ob mich das schmerzt oder tröstet. Ja, schwierig. Immerhin kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich ab jetzt öfters bei uns auf dem Hof vorbeischauen werde, überlegen werde, ob ich das Auto auch wirklich abgeschlossen habe, oder ob Laufrad, Duplosteine, Bälle, Plastikdinos und Playmobilfiguren noch draußen verstreut sind und wir da noch aufräumen müssen unter der Kastanie, und ob wir wohl gleich noch eine Radtour zum Mittellandkanal unternehmen oder doch lieber nicht, doch besser schnell mal die Wäsche im Garten abnehmen vielleicht, denn es sieht irgendwie nach Regen aus.

FORMWANDLUNGEN > Georg Klein, Miakro

Isolation, Büroflucht, Versorgungsängste. Wo bin ich hier?
Fragen Sie sich das nicht auch manchmal?
Wo bin ich – herrje, kann man das denn immer so sicher wissen? Ein leises Misstrauen gegenüber der eigenen Realitätssicherheit zählt ja nicht erst seit Matrix fest zum mentalen Register. Und erst recht im pandemieverwandelten Alltag. Ein Fremdeln schiebt sich vor die gewohnte Wahrnehmung der Dinge, die vertrautesten Orte wirken seltsam fremd, die vertrautesten Menschen verhalten sich seltsam befremdlich, die vertrautesten Tätigkeiten erscheinen befremdlich seltsam.
Sollte Ihnen das alles fremd sein, kann ich Sie nur beglückwünschen. Sie sind ein weltsicherer Mensch.
Die übrigen erkennen derlei Empfindungen vielleicht wieder, vielleicht sogar sehr gut, wenn sie Miakro in die Finger kriegen.
Wo sind wir hier? In einer äußerst verseltsamten Welt. Büroleiter Nettler wird des Nachts von einem sachten „Binnenwind“ geweckt, und mit ihm blinzeln wir in sein irgendwie spießiges, irgendwie bizarres Biotop hinein:

Nettler richtete sich auf. Seine Linke stach durch die weichen Stränge seines Schlafnetzes, die Rechte stemmte sich an die hornig festen Deckenrippen. Er fühlte sich mehr als bloß wach. 

Das „Mittlere Büro“ – da sind wir. Nettler und seine Mannen hausen hier wie die Mönche, verrichten ihren Dienst nach Leitlinien, die – ach, das erschließt sich nicht so genau. Jenseits der käsigen Bürowände beginnt die „wilde Welt“, über die wenig gesichertes Wissen verfügbar ist, denn sie verweigert sich einer Fixierung, sie ist ein Terrain, das organisch anmutenden Entwicklungen unterliegt, und ihre Flure, Schächte und Höhlungen verändern sich fortwährend. Nettler, der rotschopfige Blenker, der „schöne Schiller“, der starke Axler und Guler, der Dienstälteste, stehen täglich an ihren Arbeitstischen, die genauer gesagt Schautische sind. Das Glas, aus dem sie bestehen, ist allerdings keine klare Sache; es ist eine halbfeste, sich dem jeweiligen Mitarbeiter entgegenformende, nicht immer so recht durchschaubare Angelegenheit. Es gilt, aus dem schlierigen, zwiebelschichtigen Bilderstrom, der sich im „weichen Glas“ zeigt, einzelne Sichtschichten zu identifizieren und daraus Informationen zu filtern, die versorgungsrelevant sind. Sobald im „Bildstrom“ Hinweise darauf erkannt wurden, was für Gegenstände und Nährmittel sich in Kürze materialisieren werden und wo sich ein entsprechender „Materialschacht“ öffnen wird, ziehen die Männer los, um gewissermaßen zu ernten. Auf jenen Expeditionen begegnet man gelegentlich Volk aus der „wilden Welt“, soll heißen: Frauen. Besonders ihre graugelockte Wortführerin hat es in sich. Mitunter verlaufen die Märsche gefährlich, und es gibt sogar einen Vermissten zu beklagen: Der „kleine Wehler“ wurde von einer sich schließenden „Auswandung“ auf Nimmerwiedersehen verschlungen. Holen sich die Wände etwa zurück, was sie geben? Nach Zufallsprinzip spenden sie alles mögliche von Essbarem über Bekleidung bis hin zu Werkzeug und anderen Utensilien, doch weisen jene Dinge zunehmend Deformationen auf. Wandelt sich die isolierte Welt schneller, wird sie womöglich instabil? Die Qualität der „ausgewandeten“ Güter jedenfalls wird schlechter, und auch die Menge geht deutlich zurück.

Nettler hielt sich den Teller mit dem hellgrauen, sichtbar feinfaserigen Klumpen erst einmal unter die Nase, um vorsichtig daran zu schnuppern. Schiller hatte fünf kleine Süßkartoffeln rundum an den Tellerrand gelegt. Größere Exemplare seien heute nicht mehr ausgewandet. Die bescheidenen Kartöffelchen müsse man zudem mit einer gewissen Vorsicht genießen, denn inzwischen enthielten fast alle einen kleinen, steinharten Kern. Nettler bemerkte, dass der Teller nicht mehr korrekt kreisrund war und die Stärke des Blechrands zwischen messerschneidedünn und fast kleinfingerdick schwankte. 

So strampeln sich Nettler und seine Männer Tag für Tag ab, bis – ja, bis das Glas vollkommen überraschend einen Hinweis auf den verschwunden Wehler gibt. Man macht sich auf, man verlässt das Büro auf unbestimmte Zeit, jetzt gilt es, den schmerzlich vermissten kleinen Wehler zu retten!
Unterdessen bewegt sich auf einer anderen Ebene eine Graugelockte, die in ihrer Funktion als Fachleutnant eine militärische Sondierungsmission leitet. Ihre Mannschaft besteht aus den Herrschaften Blank, Guhl, Achsmann, Schill, Nettmann und Weller. Ziel ihrer Mission: Ein unheimlicher, potentiell gefährlicher Riesenorganismus.
Spiegeln sich hier eine Mikro- und eine Makro-Welt? Macht die Zeit hier eine Schleife? Wo bin ich hier – in Miakro wird diese Frage nicht aufgelöst, auf Erklärungen wartet man vergebens, aber nicht umsonst. Diese verseltsamte Welt ist zugleich eine selbsterklärende, alles wirkt verfremdet und doch in sich schlüssig und vertraut. So wie man es aus halbwachen Träumen kennt, kurz bevor der Wecker endgültig klingelt.


> Georg Klein, Miakro (Rowohlt)

FORMWANDLUNGEN > Yoko Tawada, Sendbo-o-te

„Sind wir in hunderttausend Jahren also alle Kraken?“

Weiß man’s? Wer weiß schon, was die Evolution mit uns noch so vorhat? Wir manipulieren bös am Zustand der Natur herum, tiefgreifend und folgenreich – warum sollte das nicht auf uns zurückfallen, indem sich das Menschliche mit der Zeit ebenso wild funktions- und formverändert?

Yoshiros Körper zum Beispiel ist nicht mehr in der Lage zu sterben. Was man zunächst eher als Segen missverstehen könnte.

Als Kind hatte er gedacht, das Ziel der Medizin sei das ewige Leben. Das Leid, nicht sterben zu können, konnte er sich damals noch nicht denken. 

Irgendwas über hundert ist er inzwischen. Verhängnisvolle Ereignisse, über die nichts genaues deutlich wird, haben Japan vollkommen verändert, und der fitte Greis sieht sich mit deprimierenden Lebensumständen konfrontiert.
Der in Sachen Isolationspolitik historisch nicht unerfahrene Inselstaat sperrt sich nun vehement gegen jeglichen Austausch mit der übrigen Welt. Alle Fremdwörter werden japanisiert. Niemand besitzt Reisefreiheit. Ein deutlicher Hauch von Totalitarismus liegt in der Luft.
Die Umwelt bringt monströs-mutierte Pusteblumen und kontaminierte Meeresfrüchte hervor. Nicht nur auf die Lebensmittelversorgung wirkt sich das verheerend aus.
Während Yoshiro und seine Generationsgenossen, die nicht sterben können, vor sich hin leben wie Gespenster, die ihre Körper ausnahmsweise behalten durften, ist die Lebensfähigkeit in der Generation der Urenkel dagegen stark verringert, ihre Körper verfallen im Sauseschritt. So ergeht es auch Mumey – seinem eigenen Urenkel, um den sich Yoshiro wie eine Glucke kümmert.

[Mumey] sah aus wie ein Küken. Das lag wohl daran, dass sein Kopf für seinen langen, dünnen Hals zu groß war. Seine seidenfeinen Haare waren nass von Schweiß und klebten fest an seiner Kopfhaut. Die Augen leicht geschlossen, bewegte er seinen Kopf, als wollte er mit den Ohren die Luft erkunden.

Mumey ist ein Sonnenschein, leicht ins Herz zu schließen. Was seine Vorfahren ihm körperlich voraus hatten, stehen sie ihm charakterlich oftmals eindeutig nach. Sein Vater ist ein unausstehlicher Nichtsnutz und Herumtreiber, seine Oma, Yoshiros Tochter, lebt auf einer entfernten Insel; Yoshiro ist und bleibt Mumeys ganze Familie. Der Alte schiebt den Jungen, der aus eigener Kraft kaum laufen kann, auf dem Gepäckträger zur Schule, und weil Mumeys Zähne aus den weichlichen Kieferknochen ausfallen wie Reiskörner, füttert er ihn mit schluckgerecht portionierten Lebensmitteln, in der Hoffnung, dass Mumeys Magen sie bei sich behalte.
Yoshiro leidet unter Mumeys Leid, er leidet unter den Schuldgefühlen eines viel zu Gesunden gegenüber einem viel zu Kranken, er leidet auch unter Mumeys unerschütterlich mildem, frohem Gemüt und er leidet besonders unter der Abschottung, in der er und Mumey mit ihren Mitmenschen gefangen sind, denn diese Abschottung bedeutet den Ausschluss von Hilfen, mithin also die Finalisierung ihrer schwierigen Lage.
„Ken-to-shi, Sendboote nach China“ lautet der Titel eines Romanmanuskripts, das Yoshiro einst verfasste, dann aber aus guten Gründen lieber auf dem „Dingfriedhof, einem öffentlichen Friedhof, wo jeder immer und nach Belieben auch Dingen die Letzte Ehre erweisen konnte“, begrub: Der Titel verweist auf frühmittelalterliche Expeditionen, die Japan in Richtung China unternahm, um erste diplomatische Bande nach außerhalb zu knüpfen – eine Sehnsuchtsbenennung.
Als „Sendbote“ wird Mumey derweil von einer geheimnisvollen Vereinigung auserwählt, mit der Aufgabe, sich als blinder Passagier außer Landes zu begeben, um das internationale Ausland über den „Gesundheitszustand japanischer Kinder“ zu informieren. Eine Geheimmission? Oder eine, vielleicht geheimdienstliche, Falle?

Sendbo-o-te ist eine Dystopie, klar, aber keine, die mit den üblichen apokalyptischen Bildern, mit den gängigen Endzeit-Elementen operiert. Eher eine Dystopie in Pastellfarben – unangestrengt, zugänglich, alltagsgesättigt. Wie Yoshiro und Mumey ihr Leben gestalten, das verströmt, bei aller Wehmut, die Yoshiro nicht unterdrücken kann, viel Wärme und Humor. Und Mumey, eigentlich ja schwer gebeutelt von körperlichen Gebrechen, ist fröhlich, lebendig, mutig, resilient. Yoshiro dagegen, der für immer unverändert bleibt, der in einer Art Geistergeheul über die Vergangenheit spricht und sich in einer radikal veränderten Welt nicht mehr heimisch fühlen kann, gerät zur tragischen Figur – und das um Stabilität ringende Japan zum Unterdrückungsstaat.
Egal, welche Art Mega-Katastrophe hier auch stattgefunden haben mag: Der unvermeidbare Lauf der Dinge spart solche Untergänge und Weltveränderungen nicht aus. Dass sie eintreten, auf verschiedenste Weise, ist nicht die Frage. Was dagegen in Sendbo-o-te mit lockerer Hand ausgelotet wird, ist die Frage, wie unterschiedlich, wie vielgestaltig und unvorhergesehen einzelne Menschen und ganze Systeme auf sie reagieren.


> Yoko Tawada, Sendbo-o-te (Konkursbuch Verlag)

FORMWANDLUNGEN > Noëmi Lerch (mit Walter Wolff), Willkommen im Tal der Tränen

Ja ja, ich bin jetzt eine von allen, die was darüber schreiben, aber das macht mir nichts – einen Hype würde ich hier glatt begrüßen. Denn Willkommen im Tal der Tränen ist ein seltenschönes Buch. Die linken Seiten so schön schwarz mit weißen Grafiken; auf den rechten der schöne Text schwarz auf weiß. Der Einband in grauen, rauen Stoff geschlagen, und darauf, glattschwarz, eine der schönen Grafiken. Dekorativ ist das, hübsch, „so schön haptisch“, wie man Leute sagen hört, also gestalterisch wirklich einmalig.
Aber das allein meine ich gar nicht.
Es geht um drei Mann auf dem Berge: Zoppo, den Lombard und den Tuinar. Wer sie sind, wie sie aussehen – unwichtig. Es zählt, was sie machen: Käse, Polenta, melken, schweigen, ein Feuer, eine Faust, Kaffee, ausmisten, schauen, frieren, den Käse wenden, singen, gehen, streiten, warten, Holz aufladen, den Tisch decken, schlafen. Es geht um Arbeit und Sein. Und die Alpenlandschaft.
Die Schweizerin Noëmi Lerch steht mit dem einen Fuß in der Literatur, mit dem anderen in der Landwirtschaft, was in ihrem Fall heißt: Sie weiß nicht nur, wie es sich auf der Alp lebt, inmitten herrischer Natur, mit Vieh, Hütehund, Familie und Touristen, sondern auch, wie es sich über Arbeit, Sein und Landschaft schreiben lässt.
Während sich Alpen-Prosa im Großen und Ganzen recht bipolar präsentiert, entweder als klassischer, romantisierender Alpen-Kitsch oder als hartlederner Alpen-Noir, ist das hier… Etwas seltenschönes jedenfalls, und ich würde es fast Alpen-Mystik nennen, aber diese tiefe, aufs Elementare konzentrierte Versenkung unternimmt Lerch keinesfalls in irgendwie esoterisch gearteter Absicht. Arbeit, Sein, Landschaft werden so konsequent reduziert, dass gewissermaßen ein Alpen-Destillat entsteht.

Die weite Ebene. Im Winter ist da niemand. Es gibt diese Orte. Sie brauchen Zeit. Keinen Besuch. 

Im Sommer, da sind dann die Touristen da, die leuchtend bunte Funktionsjacken, Trekkingschuhe und Wanderrucksäcke tragen, sodass sie sich nie mit der Landschaft verbinden. Den Lombarden, den Tuinar und Zoppo grüßen sie nicht, sondern fotografieren die pittoresken Männer ungefragt während ihrer pittoresken Tätigkeiten, beim Ausmisten zum Beispiel, genauso, wie sie auch die Kühe fotografieren, oder ein Stück Landschaft. So fotografieren sie Arbeit, Sein und Landschaft – von außen. Und somit ist auch die notwendige Binsenweisheit abgehakt, dass Touristen ja meistens viel fotografieren, aber eigentlich gar nichts sehen.
Was es zu sehen gibt, sieht man, indem man mit Zoppo und dem Tuinar in die malerische Ebene geht und Holz auflädt, oder den spärlichen Kaffeetisch deckt – das hört sich jetzt romantisch an, nicht wahr? Zoppo, der Lombard und der Tuinar arbeiten als Viehhirten, und sie erledigen alles, was in der Viehwirtschaft so zu erledigen ist, und was könnte wohl näher an der ursprünglichen Idylle, an den antiken Hirtengedichten sein als das? Nichts da. Mag der Buchtitel vielleicht auch schmachtig klingen – was im Erzählten herrscht, ist weder Romantik noch Dramatik, sondern eine große Stille, die mal mehr, mal weniger bleiern gestimmt ist.

Der Stausee liegt wie ein leerer Mond unter der Alp. Im Dunkeln des Morgens sieht man die Lichter der Bagger. Sie graben ein tiefes Loch. […] Für den Schlamm, der sich am Grund angesammelt hat und den Ablass verstopft. Im Schlamm sind die Reste vom alten Dorf. Steine, Balken, tote Bäume. […] Abends kriechen die Bagger wie Käfer an die Ränder vom Mond. Sie verschwinden in den Tunneln, in der Staumauer. […] Den drei Männern bleiben der leere Mond und seine Stille. Die Glocken der Kühe läuten ringsherum und erinnern sie an eine Zeit, die so weit zurückliegt, dass sie sich nicht daran erinnern können. Sie erinnern sich trotzdem. 

Auch einer Blut-und-Boden-Romantik, wie man sie im alpinen Biotop unter hart arbeitenden Agrariern womöglich zu wittern befürchtet, wird nirgendwo Nährstoff gegeben. Der Tuinar zum Beispiel ist prekärer Arbeitsmigrant und kommt eigentlich vom Meer – woher genau, das erzählt das Buch nicht, und es unterhält sich auch keiner drüber, da oben, auf der Alp, wozu auch.
Was es im Verborgenen zu sehen gibt, das sehen die Augen des Lombard, als ihn ein Naturerlebnis ereilt wie eine Epiphanie, vulgo: Der arme Mensch verliert in der großen Stille schlechterdings seinen gesunden Verstand – im Tausch gegen seinen Eintritt in die Einheit der Natur.

Der Lombard schaut auf das weite Grasland. Die Sonne scheint auf den Lombarden und das weite Grasland. Das weite Grasland beginnt im Lombarden aufzusteigen, in ihn hineinzuwachsen. Und die Sonne steigt in den Lombarden hinunter, beginnt in ihm aufzugehen. […] Er spürt, wie sich jede Zelle in ihm öffnet, grün wird und Licht. Und es beginnt ihm weh zu tun, als müsste er auseinandergehen. […] Der Lombard versucht zu atmen, ruhig zu atmen. Er möchte etwas sagen, aber der Mund geht nach innen auf, nicht nach aussen. Er spürt die Lippen im Innern seines Mundes und das Gras unter seiner Haut. Er will die Augen schliessen, aber die Augen drehen sich um. Schauen nach innen anstatt nach aussen. Da drinnen sieht er nichts als das weite Grasland und Sonne. 

Zustandsveränderungen bestimmen hier der Gang der Dinge. Das illustrieren die Jahreszeiten und das Wetter, der Wechsel von Tag und Nacht, von Schneeflocken- zu Kirschblütengestöber. Auch der Stausee, der einst das Dorf fraß, und die Bagger, die nun wiederum am See fressen. Und der Tuinar putzt seine Schuhe und fettet sie, und so trampelt er mit ihnen durch Staub und Schlamm, und so putzt er wieder seine Schuhe und fettet sie. Es wächst das Gras, es grasen die Kühe und werden gemolken, die Milch wird verkäst, es reifen die Käselaibe und werden verzehrt. Kein Zustand besteht ewig, das gilt mitunter eben auch für den geistigen.

Mit den Kühen spricht der Lombard wie mit Engeln. In seinen Augen glüht etwas Heiliges, von dem man nur hoffen kann, dass es bleibt, wo es ist.

Was es wirklich überall zu sehen gibt, das sind die Wechsel, Zyklen, Prozesse, die in dieser Landschaft arbeiten und zugleich in den Menschen und das Sein überhaupt bestimmen:

Manchem sieht man an, was es früher einmal war. Tier oder Mensch. Feuer, Erde, Holz, Stein oder Wasser. Alles kann alles gewesen sein. Alles kann immer zu allem wieder werden. 

Genau da setzen die Grafiken an – gestaltet von Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch, die gemeinsam das Künstlerinnenduo Walter Wolff bilden. Während auf den weißen Seiten mit Wörtern erzählt wird, was geschieht, wird auf den schwarzen Seiten mit Grafiken erzählt, was noch so vorgeht, was alles so vor sich hin geschieht, in der großen Stille. Die Formen entwickeln sich Seite um Seite, wandeln sich zu etwas Konkretem, dann wieder zu etwas Abstraktem. Man kann den Buchblock tatsächlich wie ein Daumenkino in die Hand nehmen und die schwarzen Blätter fliegen lassen und dann sieht man, wie Flächen zu Pflanzen werden, die wiederum vergehen, und wie sich lose Linien zusammenfinden und zur Maserung eines Holzblocks werden, der wiederum verwittert, und wie Blätter entstehen, die nach und nach ihre Stiele verlängern und ihre Blattrippen verformen, und so werden sie Messer, Gabel und Löffel. Und, und, und. Da sind streng geometrische Formen, organisch-schnörkelige Formen, identifizierbare Formen, rätselhafte Formen, die mit den Wörtern mal sehr direkt, mal eher lose korrespondieren und dabei stets eigenständig bleiben. Was dieses Buch anbietet, ist also – auf ganz andere Art, als das in illustrierten Buchausgaben oder Comic-Erzählungen, Entschuldigung: Graphic-Novels der Fall ist – eine echte Möglichkeit, in Stereo zu lesen. Doppelschön.


> Noëmi Lerch, Willkommen im Tal der Tränen, illustriert von Walter Wolff (Verlag Die Brotsuppe)


Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

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Schlaglöcher

Erinnern Sie sich an das unruhige Quirlen eines ganz neuen, unverbrauchten Verliebtseins? Wie anstrengend! Erschöpfend, nicht wahr?
[Die Stimme, sagt er, die Stimme sei es gewesen, die ihn damals endgültig von den Füßen geholt habe. Erlegt wie einen Hasen. Denn nichts anderes ist Liebe ja: eine Jagdveranstaltung. Zunächst also eine ziemlich archaisch-brutale Sache, das ganze, und erst wenn eine solche Episode einen selten glücklichen Verlauf nimmt, nennt man das dann Romantik – aber wo war ich gerade? Ich bin meinerseits damals in diese unschuldige Jagdfalle gegangen, die sein Lachen war, so ein Lachen, das sich wie eine leuchtend warme, summende Grube vor mir auftat, und weg war ich.]
Mit der Zeit beruhigt sich die Lage, früher oder später.
[Es vergehen 10 Jahre, 15 Jahre, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich ist man eines dieser Jubiläumspärchen und miteinander siamesisch verwachsen, ein festes Gespann, ein Traditionsgebilde. Manche mit Kind, manche ohne, je nach Schicksal bzw. Geschmack. Auch einen solchen geglückten Verlauf nennt man dann Romantik. Andere sind inzwischen längst getrennt oder gerade dabei.]
Und was kommt dann?
[18 Jahre vergangen, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich sind wir eben nicht mehr 19 Jahre alt, wir sind so viel älter und so unturbulent geworden, du liebe Güte, wir sind, was man gemeinhin erwachsen nennt, oder? Das kann man meinetwegen Romantik nennen, aber in erster Linie steht dahinter ein Haufen Arbeit. Ich meine Herzschläge, die zehren. Und Zufallsglück, klar.
Und die Sache ist auch die, dass es der Zweieinigkeit durchaus förderlich sein kann, wenn das Leben draußen seine volle Scheußlichkeit ausspielt – draußen bei der Arbeit, draußen auf dem Wohnungsmarkt, draußen auf dem weiten Feld des Zwischenmenschlichen usw. Wenn man dann ein Wir sein kann, so ein Wir, das gegen diese Scheußlichkeit schützt, dann ist das mitunter zwar ein reichlich pragmatischer Zusammenhalt, aber nennen Sie das ruhig auch einmal Romantik, oft genug ist es das nämlich wirklich. Die Sache mit uns ist also die, dass wir traditionell immer genug Scheußlichkeit um die Ohren hatten, dass uns deswegen gar nicht, oder höchstens einmal flüchtig, in den Sinn gekommen wäre, einander als scheußlich zu empfinden.
Und jetzt? Ist das Leben – keiner hat’s gemerkt – plötzlich um eine oder auch zwei Stufen angenehmer, unkomplizierter, weniger scheußlich geworden, verglichen mit dem Stand der Dinge, den wir traditionell gewohnt waren.
Fragt sich nun: Was soll man auf einmal anfangen mit dieser Unscheußlichkeit?
Plötzlich stellt man fest, glücklich zu sein. Man kann einfach so glücklich sein, sehr gut kann man das sogar, sieh mal einer an. Man streitet sich plötzlich um diese belanglosen Dinge, wie das auch andere stinknormale Pärchen so tun, wer den Müll rausbringt und solche Sachen, ja, und das ist dann auch schon alles, herrlich!
Warum bitteschön nennt man Langeweile, was in Wirklichkeit doch vielmehr eine durch haufenweise Arbeit und eine Menge Zufallsglück erreichte Romantik ist? Ach was, Seligkeit ist das! Was sollte jetzt, was sollte hier schon noch Scheußliches auf uns lauern, sag mal?]
Na, neue Turbulenzen, andere Turbulenzen natürlich. Was dachten Sie denn?
[Dass alles so bliebe, so unscheußlich, so unturbulent, ist ja reines Wunschdenken. Mach ein Foto von unserem Esstisch zur Abendbrotzeit – diese ruhigen, gemeinsamen Abendstunden jetzt, die wir so lieben – und schon hast Du ein monochrom Banketje, eins dieser schlichten Mahlzeitstillleben, die Zufriedenheit nachzeichnen und zugleich Wehmut vorwegnehmen. Es ist alles eitel… Wenn uns nun doch irgendwann einmal die Ernüchterung einholen kommt? Die Langeweile? Was, wenn wir bloß dachten, die Jagdveranstaltung sei für uns gelaufen, und Dich, wer weiß, wieder eine Stimme von den Füßen holt, aber eine andere diesmal?
Wie lange schlafen Scheußlichkeiten für gewöhnlich?
Es gibt am Ende immer was zu fürchten. Und zu lieben genauso.]


Bild: Grebe 2020