PROVINZLEBEN // Stadt, Land, Fluss

The Doldrums – die Kalmen: Was im seemännischen Sprachgebrauch die gefürchteten Dauerflauten in manchen Meereszonen bezeichnet, lässt sich als charakterisierender Begriff natürlich wunderbar auf die ereignisarmen, dörflich bis kleinstädtisch geprägten Breiten übertragen, wo, fernab metropolischer Turbulenzen, das Leben im Großen und Ganzen ziemlich gleichförmig vor sich hin dümpelt.

Jagt man Rohnert Park – The Friendly City durch Google, erfährt man, dass es sich dabei um eine Planstadt mit 40.000 Einwohnern in Kalifornien handelt; dazu poppen Fotos von steril-gepflegten Vorgärten, Angelteichen und einem Wal-Mart Supercenter auf. Aber wozu kalifornische Planstädte googlen, wo ich doch auf dem Weg zum nächsten Supermarkt in der nahen Kreisstadt (40.000 Einwohner) für solche Bilder (steril-gepflegte Neubaugebiete, Angelteiche) nur aus dem Autofenster gucken muss.


Die an hiesigen Jägerzäunen befestigten Zeitungsrollen füllen sich täglich mit Nachrichten über haarsträubende Katastrophen, Mord, Totschlag, Krieg, Korruption und Dekadenz, die überall, rund um den Globus, gegenwärtig sind, nur eben nicht hier: in der soliden und sicheren Provinz, Standort ländliches Niedersachsen. In der Region hegt man freilich so seine eigenen Meinungen zu Globalgeschehen und Großstadt-News und tut diese auch kund – beim Frisör, während des Brötchenkaufs beim örtlichen Bäcker oder an der Bierbude beim Schützenfest. Und nicht selten verhält sich dabei die Stimme aus dem provinziellen Off gegenüber den Ereignissen auf der Weltbühne ganz ähnlich, wie etwa eine kinderlose, philiströse alte Tante, die sich neunmalklug über die Beziehungsformen, Erziehungsmethoden, Wohn- und Jobsituationen ihrer jüngeren Verwandtschaft auslässt. Um die etwas unmittelbarere Lebensrealität kümmert sich indes die Regional-Presse: Stadtmarketing Dödensen gibt diesjährige Termine für verkaufsoffene Sonntage bekannt / Autohaus Münkelmann präsentiert neue Kleinwagenmodelle / TSV Blumenfeld schlägt Krähenwinkel 86 mit 3:1 / Senioren-Residenz Rosengarten lädt zum Tag der offenen Tür / Autofahrerin erleidet Blechschaden bei Wildunfall auf der B443 / Kreissparkasse spendet Ausrüstung für Handballsparte des TUS Klein Audorf / Hof Blanke serviert hausgemachte Torten in neu eröffnetem Scheunen-Café / Bauarbeiten an der Hauptstraße West blockieren die Durchfahrt zur Mülldeponie / Shanty-Chor Frische Brise e.V. sorgt für musikalische Untermalung beim Heinstedter Spargelfest / Ortsbrandmeister Hannes Heinemann freut sich über geglückte Renovierung des Zeughauses / etc. Weit und breit keine Mordfälle in Sicht, hier oder in den umliegenden Gemeinden. Ebenso keine international bekannten Großveranstaltungen, welche Horden von touristischen Marodeuren in die Gegend schwemmen, die nur Krach, Verkehrschaos und am Ende hohe Entsorgungskosten für Berge von Verpackungsmüll und Bierflaschenbruch verursachen. Außerdem steht man hier wirtschaftlich gar nicht so übel da, sofern man nun nicht gerade einen Milchviehbetrieb unterhält. Wer hier lebt, hat’s also gut, und wer’s gut hat, der kann zufrieden sein. Im Umkehrschluss gilt: Wer hier nicht zufrieden ist, mit dem stimmt doch was nicht.


Kurze Unterbrechung dieses Beitrags für eine dringende Meldung der Whatsapp-Gruppe Kindergarteneltern:  Seit gestern vermisst: Gesucht wird die vierjährige Nuschka! Nuschka ist zuletzt am späten Nachmittag gesehen worden und über Nacht verschwunden geblieben! Sie hat schwarzes Fell mit weiß abgesetzten Pfötchen. Nuschka ist mutmaßlich durch eine geöffnete Terrassentür entlaufen und normalerweise KEINE Freigängerin! Die Halter gehen davon aus, dass Nuschka jetzt SEHR verängstigt ist und die Nähe zu Menschen suchen wird! Hinweise bitte an…


Wenn manche Ortsansässige bezüglich der lokalen Lebensqualität eine gewisse Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, handelt es sich dabei natürlich um jugendliche Einzeltäter.


Architektonisch besehen hat man im mir bekannten Teil des Hannöverschen Umlands bis hin zum Landkreis Schaumburg die 1990er Jahre über zwanzig Jahre hinweg am Leben erhalten. Erst seit kurzem zeichnet sich der Trend ab, etwa bei städtischen Bauprojekten, Abstand zu nehmen von der typischen Vor-Jahrtausendwende-Formsprache, und auch in der Außengestaltung die klassische Uli-Stein-Cartoon-Farbpalette zu ersetzen durch zeitgemäße Farbtöne aus dem Spektrum eines neuen IKEA-Katalogs; der private Häuslebauer allerdings ist bislang eher selten zum Stilwandel aufgelegt. Mag sein, dass der derzeitige Eigentumsbauboom in der Region zurückzuführen ist auf die aktuell niedrige Baufinanzierung, oder meinetwegen auf diese virale Begeisterung für die Romantik des Landlebens – hier im Dorf zumindest verlaufen Bauboomphasen analog zum Generationenwechsel: Nach Kriegsende kehrten viele Männer hierher heim, kamen viele Vertriebene hierher, die sich verstärkt ans Familiegründen und, mit Beginn des Wirtschaftswunders, auch ans Hausbauen machten (Siedlungshäuschen); deren Kinder bauten in den 1970ern munter ihre sandfarbenen, beigen, braunen Einfamilienhäuschen im Pulk an den Dorfrand an; in den 1990ern folgte der nächste Schub, und es entstanden doppelhausweise bewohnbare Riesentetrapaks mit putzigen Design-Akzenten in den Eingangsbereichen und Fensterrahmen in knallblau, außerdem einzelne Barbie-Häuschen mit glasierten (knallblauen) Dachziegeln. Inzwischen ist die nächste Eigenheim-Staffel im Bau, aber bis auf ein einziges Häuschen mit Pultdach und strenger, minimalistischer Linienführung sind hier noch keine nennenswerten Versuche in Modernität zu beobachten. In der nahen Kleinstadt immerhin wurde letztens ein größeres, modernes Immobilienprojekt fertiggestellt – zwanzig ineinander verschachtelte Penthouse-Wohnungen, die ihrer Geometrie nach an einen liegenden Jenga-Turm erinnern und deren Außenoptik von strengem, flächigem Weiß bestimmt wird, aufgelockert durch anthrazitfarben geklinkerte Elemente und den Einsatz von hellem Holz. Um aufs Dorf zurückzukommen: Ich weiß gar nicht genau, wann und warum man einst aufgehört hat, diese eigentlich ortstypischen, langlebigen Fachwerk- und Rotklinkerhäuser zu bauen, die in Schönheit altern, in Würde verwittern.


Wissen Sie eigentlich, wie man Lüttje Lagen trinkt? Man greift mit Zeigefinger und Daumen ein kleines Glas mit 5cl dunklem Broyhan-Bier, klemmt zwischen die übrigen Finger ein langstieliges Schnapsglas mit 1-2cl Korn, setzt das Bierglas an und hebt dann ruckartig den Kopf in den Nacken, sodass man das Bier und den über den Bierglasrand plätschernden Korn zusammen runterkippt. Sichbetrinken, gehobener Schwierigkeitsgrad: Man benötigt dafür eine gute Fingerfertigkeit – bei gleichzeitiger Trinkfestigkeit, sonst ist es nämlich auch mit der schönsten Fingerfertigkeit nach der sechsten Lage schon vorbei. Sie ahnen vielleicht, von welchem Charakter eine Region ist, die eine solcherart perfektionierte Trinkkultur hervorgebracht hat?


Musikalische Fackelträger der binnenländisch-niedersächsischen Seele sind seit jeher: Fury in the Slaughterhouse, Terry Hoax und die Scorpions. Das Provinz-Mixtape, Edition Landkreis Hannover, setzt sich weiterhin zusammen aus Schlagerkrachern, Autoscooter-Mucke und radiotauglichem Durchschnitts-Pop; die B-Seite wiederum ist bespielt mit schnauzbärtigem Classic Rock und dazu viel, viel Gruftie-Kram. Während beispielsweise die Supermarktbeschallung in manchen Hamburger Märkten einen durchaus souligen Einschlag erkennen lässt, dürfte man dagegen in hiesigen Filialen den Nerv treffen, wenn man sich musikalisch etwas deutlicher als üblich zwischen Plastik und Patschuli bewegen würde: Depeche Mode und Helene Fischer, sowieso, auch Roxette, Bon Jovi und den regionalansässigen Heinz Rudolf Kunze liebt man hier treu, und dazwischen könnte man bedenkenlos Deine Lakaien und die Sisters of Mercy einstreuen, oder auch Blutengel, Schandmaul und dergleichen, die der Kundschaft vom alljährlich im nicht allzu weit entfernten Hildesheim stattfindenden M’era Luna Festival her bekannt sind, im Wechsel mit Eurodance-Perlen, Andrea Berg und Silbermond abdudeln – im Geschmackskosmos des sogenannten Calenberger Landes jedenfalls fügt sich das alles ziemlich nahtlos zusammen. Unangefochtene Könige des T-Shirt-Aufdrucks und der Autorückscheiben-Banner sind nach wie vor, seit Jahren unverändert: AC/DC, Subway to Sally und die Böhsen Onkelz.


Morgens und mittags rauschen vor dem örtlichen Kindergarten die Eltern in gebündelter Schar ein, bringen die Zwerge, holen sie ab. Familie G. fällt dabei jedes Mal durch die hemmungslos übertriebene Lautstärke auf, mit der Mamas Ska-Sortiment aus den Boxen dröhnt. Kind und ich singen lauthals kauderwelschend mit: Aye aye aye, aye aye aye! – Tell you baby – You huggin up the big monkey man!  Und: Stop your messing around – Better think of your future – Time you straighten right out – Creating problems in town – Rudy! – A message to you, Rudy! Mit Vorliebe also einschlägige Trojan- und 2-Tone-Label-Klassiker. Die Best-ofs von Prince Buster oder Toots & The Maytals. Oder artverwandtes von The Clash – Wrong ‚Em Boyo zum Beispiel. Ein paar satte Bläser und sonnigen Off-Beat in die hiesige Atmosphäre pusten – irgendjemand muss das ja machen! Bislang finde ich allerdings weder mit meiner musikalischen Alltagspraxis, noch meinem Dress-Code, noch meiner Freizeitplanung Nachahmerinnen am Ort, und es mag wohl sein, dass die übrigen Mütter gern glauben, ich würde mir in der etwas albernen Rolle der Etwas-andersartigen-Mama ganz gut gefallen. Aber das ist Quatsch. Im Gegenteil bemühe ich mich sehr, hier nicht als allzu schrullig wahrgenommen zu werden – noch nicht. Zumindest nicht, solange das im Zweifelsfall mein Sohn ausbaden muss, der sich hier gerade ein funktionierendes soziales Umfeld aufbaut. Aber was manche gewisse Eigenarten angeht, bestehe ich dann doch darauf, dass sie gepflegt und erhalten werden müssen, selbst – oder gerade -, wenn man damit allein auf weiter Flur dasteht. Alldieweil bekommt mein Fünfjähriger regelmäßigen Spielbesuch, von viel mehr Kindern, als ich in seinem Alter überhaupt je mit Vornamen gekannt hätte, und denen gefällt’s bei uns zu Hause ziemlich gut.


Bei erstaunlich vielen Calenberger Landsleuten, die innerhalb eines bestimmten Jahrgangsfensters geboren wurden, gehören New Model Army zum festen Bestandteil des Platten-/CD-Schranks. Das liegt wohl an der spezifischen Doppelnatur, die die knarzigen alten Recken in diesem Umfeld entfalten: Keine andere Band brachte so gut auf einen gemeinsamen Nenner, was man hierzulande als Subkultur empfand, und gleichzeitig klingt aus den staubtrockenen, knüppelharten Bassläufen, aus Justin Sullivans schmucklosem Gekrähe und aus dem handfesten Songwriting ohne Schnickschnack eine bis heute gültige Wesensänlichkeit mit diesem an sich nüchternen, ruralen Landstrich heraus. Für den gar nicht so kleinen Teil der Landbevölkerung, der zu einer gewissen rustikalen Form von Melancholie neigt, haben sich NMA, die sich ebenso wenig verändern mögen wie man eben selbst, als langjährige Begleiter etabliert. The Ghost of Cain zählte auf jeden Fall zum Standardrepertoire für all die jugendlichen Einzeltäter hier, die sich in ihrer Unzufriedenheit an der lokalen Lebensqualität suhlten, weil es eine Platte war, die eine enge atmosphärische Verschwisterung mit dem Ortsgefühl einging und doch nach einem Aufmucken gegen ebendieses Ortsgefühl klang. Ich bekam sie mit vierzehn von der älteren Schwester einer Schulfreundin geliehen und hörte sie etwa achttausendmal, bevor ich mich dann selbst mit dem ganzen NMA-Kram eindeckte und das Bandlogo mit Autolack und selbstgeschnippelter Schablone auf meinen Rucksack sprühte. Zwar war ich nach einem halben Jahr mit dieser Phase restlos durch und ließ die CDs danach verstauben, aber umso unverwässerter verbinde ich nun mit NMA einen Sommer voller träge verbrachter Nachmittage am Flussufer.


Von Seegraben, Beeke und Aue ging’s für mich erst mal ans Leineufer. Dann weiter an die Kieler Förde, zu Schwentine und Nord-Ostsee-Kanal. Danach rüber zu Elbe und Alster. Und nun wieder zurück an den Seegraben. Vielleicht hab ich Treibholz in den Knochen; wer weiß, wo ich in zwanzig Jahren bin: an der Weser, der Maas, der Birkenheider Dummbäke oder doch der Themse? Aber vielleicht begnüge ich mich auch einfach damit, es den Lachsen nachzumachen: gegen den Strom an in die Heimat zurückstrampeln, laichen, sterben.


Die Störche sind zurück und kreiseln über den Dächern herum, staksen durch die frühjahrsnassen Äcker und Weiden, klappern. Auch die Kiebitze schreien wieder ihr Wyywitt. Die Trecker schwärmen aus, pflügen, eggen, drillen und düngen. Je nach Bodentemperatur und Pollenflug verändert die Luft hier ihren Geruch. Wenn es in der Stadt Frühling wurde, hab ich das oft erst am saisonalen Deko-Wechsel im Supermarkt erkannt und mein Dorf dann heimlich, aber schrecklich vermisst.


Die Stadt vermisse ich meist so lange, bis mir wieder in den Sinn kommt, wie viele wirklich verflucht hässliche Häuser es da gibt. In denen man dort ja tatsächlich lebt, und das auch noch haarsträubend teuer. Und dann spaziert man da durch die hübscheren Viertel, an den hübscheren Häusern entlang, in denen die Leute wohnen, die für ihre Wohnung monatlich den Gegenwert eines Gebrauchtwagens hinblättern, und denkt ganz versonnenheitsblöde bei sich, wie schön sie doch ist, die Großstadt, mit ihrem Flair, mit ihrem Charme.


Wenn ich mit siebzehn aus der Schule nach Hause kam, mit dem Bus, der zwischen Kleinstadt und Dorf pendelt, packte mich ein mitunter kaum auszuhaltendes, klaustrophobisches Gefühl. Ich guckte mir diese Gegend an, die in etwa soviel Charakter besitzt wie eine Packung Toastbrot, und dachte ganz sicher, dass ich, wenn ich noch länger hierbliebe, unweigerlich irgendwann meinen gesamten Biss verlieren würde. So wenig Leute hier, und so groß die Borniertheit und der Mangel an Neugier. Natürlich war es das einzig Richtige, mit achtzehn sofort die Beine in die Hand zu nehmen und in die nächstbeste Stadt wegzulaufen, denn natürlich ist es schön, in der Stadt zu wohnen. Erst mal, ein paar Jahre lang jedenfalls. Irgendwann aber, als ich so mit Ende zwanzig allmählich müde war vom Feiern, begann mich plötzlich ein mitunter kaum auszuhaltendes, klaustrophobisches Gefühl zu packen, wenn ich mich durch überlaufene Geschäfte drängelte, wenn ich mir unsere kleine Großstadt-Wohnung so anschaute und mal wieder vom stets hörbaren Gerödel der Nachbarn über und unter und neben uns genervt war, wenn ich selbst morgens um sechs im hintersten Stadtparkwinkel kein Plätzchen fand, das ich, nur mal kurz, nur für mich selbst besitzen durfte, sondern spätestens nach einer Viertelstunde schon wieder umlagert war von den ewigen Joggern, Hundehaltern, Taijiquan-Betreibern und sonstigen Frischluft-Bedürftigen. Die Stadt bietet so viel Input, so viel Ablenkung, aber so wenig ungestörten Raum. Das ist schlechterdings das Merkmal der Stadt: ihre Dichte. So viel Leute da. Aber auch so viel Mimese und Mimikry, so oft so wenig zu entdecken unterhalb der Oberfläche. Spätestens unter den Kindergartenmamas habe ich mich dort bisweilen gefühlt wie in einer von artifiziell verfremdeten Lebewesen bevölkerten Blase, und da dachte ich ganz sicher, dass ich, wenn ich noch länger hierbliebe, unweigerlich irgendwann meinen gesamten Biss verlieren würde. Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor, am Essen zu sparen, damit von unserem Budget irgendwie Geld übrig blieb, das ich dann in überteuerten Krempel stecken konnte, auf dass ich von den Miteltern nicht scheel angeguckt werde, weil mein Kind als einziges mit den falschen Klamotten rumläuft, bei angesagtem Spielzeug nicht mitreden kann und noch nie im Szene-Familiencafé frühstücken war. Und ich hatte es schnell satt, beim Spielplatztreff so zu tun, als interessierte ich mich für vegane Backrezepte für den Kindergeburtstag und für die besten Kursanbieter in Sachen Eltern-Kind-Yoga. Nichts für ungut: Wem das etwas gibt, dem wünsche ich ehrlich viel Spaß damit, aber eben ohne mich. Spricht da eine bissige, alte Tante aus mir.


Meanwhile in Schicksterhude: Die Schlange vor dem Café Eispalast hat sich laut der Eispalast-App inzwischen auf 1,3km Länge ausgedehnt, die Wartezeit beläuft sich aktuell auf ca. 2 Stunden und 27 Minuten. Ab heute bieten wir Euch wieder täglich frische, hausgemachte Eis-Kreationen! Probiert unbedingt unsere Lakritz-Rosmarinsalz-Sensation! Außerdem: Soja-Sesam-Quinoa, White Choc mit einem Hauch Amalfi-Zitrone, laktosefreies Vanilla de Luxe, Pili-Nuss-Crunch, Granadilla-Curuba-Sorbet und Cherimoya-Champagner. 


Es gibt keine Adresse, die mich so ganz von selbst zu einem interessanteren Menschen machen würde, oder zu einem einsamen, oder zu einem zufriedenen. Was gibt mir die Stadt? Sie gibt mir zu denken. Das Dorf gibt mir zu atmen. Ich kann das eine wie das andere gut gebrauchen. Ganz vorbehaltlos zuhause fühle ich mich weder hier noch da, denn weder hier noch da gehöre ich so recht hin und füge mich sonderlich passgenau ein. Ich habe lieber aufgehört, mein Zuhause an bestimmten Orten zu suchen – ich finde mein Zuhause in einzelnen Menschen, mit denen ich wirklich reden kann und an denen mir viel liegt. Die brauche ich, und die habe ich, hier und da; alles andere spielt für mich keine große Rolle mehr.


PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

Dorf1a - Kopie (2)

[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels einer reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe; es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt kräftig auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren, schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit – da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum unfeinen Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht: Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihn nun endgültig in die Finger kriegt und ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner in den Boden zu stampfen oder am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem kraftstrotzenden Dockarbeiter von einst nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John bei seinen Bemühungen zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte in Bewegung, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate, mit der gesamten Stadt. Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt nun raketenartig von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker. Und als sei der hiesige Mob nicht schon explosiv genug, halten nun zusätzlich Fan-Scharen aus Pottville in der Stadt Einzug wie eine Horde von apokalyptischen Reitern.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist vielleicht das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

PROVINZLEBEN // Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern

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Normalerweise höre ich keine Musik nebenher, während ich lese oder schreibe. Nie. Jetzt aber will ich etwas über Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing ins Laptop tippen – und dazu muss ich entschiedenermaßen das  Küchenradio anknipsen und NDR 1 Niedersachsen dudeln lassen, sonst fehlt mir hier was.

Wer den ländlich-norddeutschen Alltag nicht so richtig kennt, der versteht auch das mit dem Radio nicht so richtig, das in solchen Ortschaften, deren Skyline, wenn’s hochkommt, aus Kirchturm, Getreidesilo, Windrädern und Biogasanlage besteht, im Hintergrund eines jeden Haushalts, eines jeden landwirtschaftlichen Betriebs permanent irgendein Regionalwelle-Programm abdudelt. Und der versteht auch das mit dem ewigen Likörsaufen nicht; oder das mit dem Rechtsrock, und wie verbreitet es unter den Kids und jungen Erwachsenen ist, den zu hören; oder wie dramatisch sich die Milchpreisentwicklung auf Familienbetriebe mit kleinerer Viehwirtschaft auswirkt; oder wie normal es in so einigen Familien, in so einigen Gegenden ist, Diskussionen lieber mit körperlichen Mitteln auszutragen, und wie schwierig es das besonders den Mädels macht, da nicht automatisch und ununterbrochen den Kürzeren zu ziehen im Leben.

Und der versteht auch nicht, wie man als Mädel so blöd sein kann, sich, aus einer Laune heraus, zu wildfremden Typen in den Wagen zu setzen und nach Hamburg mitnehmen zu lassen, ganz spontan und direkt vom Feldrand weg, nur um dann schön doof dazustehen, so in Gummistiefeln, irgendwo in Hamburg. – Das verstehe ich wiederum ziemlich gut.

Der Bach, der nahe an meinem Elternhaus vorbeiplätschert, vereint sich mit ein paar weiteren Rinnsalen zu einem Flüsschen, und dieses Flüsschen ergießt sich, etwas weiter weg, in einen richtigen Fluss, und dieser Fluss läuft, in der Ferne, einem großen Strom zu, und dieser große Strom, der mündet schließlich ein ins große Meer. Und die Dorfstraße, an der ich mir als Jugendliche die Beine in den Bauch stand, während ich auf den Schulbus wartete, die geht über in eine holprige Kreisstraße, und die Kreisstraße, die führt zur vielbefahrenen Bundesstraße, und über die Bundesstraße kommt man zur Autobahn, und die Autobahn, die bringt einen in die große Stadt. Einfach irgendwo einsteigen, mitfahren so weit es geht, und weg bin ich – ging mir manchmal genauso durch den Kopf. Aber wenn man vom Dorf kommt, traut man den Auswärtigen nicht, versteht sich, und zu einem von denen ins Auto steigen, einfach so, das täte man nie und nimmer. Zweitens ist man, nur weil man Landkind ist, ja nicht gleich doof, wie das manche Städter gern glauben, und darum plant man seinen Abschied vom Landleben lieber gründlich und nachhaltig, anstatt Hals über Kopf auszubüxen und damit in einen Haufen Schwierigkeiten zu geraten. Und drittens halten Auswärtige auf Durchreise sowieso eigentlich nie im Kuhdorf an.

Christin, Mitte zwanzig, ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ist dagegen herzlich egal, was für Schwierigkeiten sie erwarten könnten, als sie sich kurz mal von daheim absetzt, so auf die unüberlegte Tour. Das mag nach Dummheit aussehen, aber was Christin antreibt, ist natürlich die reine Verzweiflung: Wenn man, wie eben Herbings Anti-Heldin, aus einem solchen Niemandsort wie Schattin in Nordwestmecklenburg kommt, dann bleibt einem schlechterdings nichts anderes übrig, als ab und an irgendeinen potenziell lebensgefährlichen Blödsinn zu verzapfen, sonst erlebt man nämlich nichts. Gar nichts. Nie.

Seit Christin bei ihrem Freund Jan und dessen Eltern auf dem Hof eingezogen ist, hilft sie beim Melken und Kühetränken und guckt dabei zu, wie ihre Hände nach und nach schwielig werden. Heiraten, Kinder kriegen, den Hof übernehmen – alles schon vorgezeichnet. Von Quasi-Schwiegervater Frank gibt’s ein monatliches Taschengeld und eine Menge giftiger Sprüche. Und ob das zwischen ihr und dem humorlosen, schnell aufbrausenden Jan nun Liebe ist oder bloß, na ja, irgendwas, das fragt sich Christin vorsichtshalber nicht allzu ehrlich. Zwar graust ihr vor dem Leben zwischen Küche und Kuhstall, das ihr da blüht, nur sieht es mit Alternativen ziemlich mau aus. Frisörin hatte sie mal werden wollen, aber ihr Ausbildungsbetrieb ging insolvent; der Vater säuft, die Mutter ist irgendwann einfach verschwunden, spurlos. Weit und breit also keine Familie, auf die man bauen könnte, und kein Job in Aussicht. Damit ist sie in Schattin nicht allein, aber weniger einsam fühlt sie sich darum noch lange nicht. Und während Christin in Gummistiefeln durch Ackerboden und Mist stapft, guckt sie den Flugzeugen nach, die von Lübeck aus, das bloß einen Steinwurf und doch eine Welt weit weg ist von Schattin, in alle Himmelsrichtungen fliegen.

Dort, wo der Norden besonders strukturschwach ist, ist man schon froh, sich so gerade eben durchschlagen zu können, von Träumen kann da keine Rede sein. In Schattin hat man nach der Wende einfach nicht die Kurve gekriegt: Die Alten trauern den alten Zeiten hinterher – als LPG, da war man noch wer -, und die Jüngeren schmoren in trostlosen Arbeitswelten oder in trostloser Arbeitslosigkeit vor sich hin. Auf den immergleichen Schlagerpartys wird rumgehangen und gesoffen. Die immergleichen Freunde bauen die immergleiche Scheiße; manche allerdings haben sich inzwischen schon totgefahren. Als Mädchen hat man nichts zu melden, aber anstatt sich darüber zu beklagen – besonders dann, wenn wieder mal einer grob zu einem geworden ist -, kippt man sich halt noch einen Kirschlikör hinter die Binde. Da kann man beinahe verstehen, weshalb Christin sich einem doppelt so alten, schnauzbärtigen Windanlagentechniker aus Hamburg an den Hals wirft, obwohl sich die Beziehungs- oder wenigstens Fluchtoption, auf die Christin spekuliert hatte, allzu vorhersehbar als Rohrkrepierer entpuppt. Ziemlich gut verstehen kann man, warum sich Christin mitunter zu boshaften, heimlichen Zerstörungsakten hinreißen lässt: Um Schattin zu verlassen, fehlen ihr die nötigen Mittel; um sich hier, in ihrem grobschrötigen Umfeld zu behaupten, fehlen ihr die Kraft und der Wille; aber um diese öde, rohe Welt zu sabotieren und es ihr auf diese Weise heimzuzahlen, dass sie es ihrerseits wirklich nicht gut meint mit Christin, dafür genügt manchmal ein Taschenmesser, oder ein Feuerzeug, oder ein bisschen Rattengift.

Wenn Christin von alledem erzählt, in ihrer abgestumpften Art, durch die viel Elend, viel unterschwellige Aggressivität hindurchblitzen, wünscht man ihr sehr, dass sie es nach draußen schafft, weg aus Schattin, irgendwie. Gleichzeitig weiß man ganz sicher: Das wird nix. Oder wenigstens nicht mit heiler Haut. Ein paar Tage im Hochsommer – länger hält Herbing sich erzählerisch nicht auf in Schattin, und mehr braucht es auch gar nicht, um zu verdeutlichen, weshalb das mit der Autodestruktion in so hundseinsamen, lieblosen Landstrichen wie diesem ein solcher Breitensport ist.

Um mit dem zeitgenössischen, florierenden Missverständnis aufzuräumen, Landleben sei die pure Idylle, schwingt Niemand ist bei den Kälbern eifrig die Realitätskeule. Alina Herbing selbst besitzt die nötige Credibility, um sich übers Land auslassen zu dürfen: Geboren in Lübeck, aufgewachsen allerdings in einem winzigen Dorf im Meck-Pomm der Nachwendezeit – der Autorin des Heimatkollerromans kaufe ich sofort ab, dass dessen Bitterkeit von Herzen kommt. Nur hat Herbing hier allzu gründlich geliefert. Es wirkt, als hätte sie beim Schreiben eine Checkliste abgehakt: Kühe, Trecker, Windräder, Hunde, Hühner, Alkohol, Freiwillige Feuerwehr, Zeltfeten, überkommene Geschlechterrollen, Esoterikglaube, biedere Wohneinrichtungen, usf.; Erzählprinzip Was muss, das muss. Und wegen ebendieser Mustergültigkeit wirken die Figuren und ihre Kulissen zumeist schon arg blutleer. Zufällig korreliert das freilich mit dem Sujet: Den quälend drögen Alltag in einem abgehängten Landstrich beschreibt Herbing umso glaubwürdiger, indem sie auch literarisch keine großen Experimente veranstaltet. Das Bild eines Fliegenfängers samt dran klebenden Zappelinsekten wird pflichtschuldig als Allegorie des zähen, vergeblichen sich Abstrampelns im Leben bemüht. Ein Nandu, der aus einer Farm ausgebrochen ist, wird als Symbol für Freiheitswillen, für exotische Unangepasstheit, plakativ in die Geschichte hineingepflanzt und am Ende verheizt. Das ist im Großen und Ganzen so ordentlich aufgebaut, so brav nach Lehrbuch installiert; das wäre auch prima als Lektüre für den Deutsch-LK. Lebendigkeit bricht da eher selten durch – aber wenn, dann immerhin mit Wucht, und in diesen Momenten schafft der Roman dann doch etwas besonderes: Er belässt es nicht dabei, die Verschlafenheit, Kleinkariertheit, Beengtheit des dörflichen Alltagslebens nachzuzeichnen, sondern traut sich außerdem, die darunterliegende Härte zutage treten zu lassen. Dies ist ein Land-, aber kein Familienroman, und zu sich selbst findet hier auch keiner, sondern es geht um eine Mittzwanzigerin, die sich selbst dann nicht beschwert, als einer eine Zigarette auf ihr ausdrückt. Während sich bloße Tristesse und Einsamkeit dagegen notfalls noch unter den Landkitsch-Teppich kehren lassen, wagt sich Niemand ist bei den Kälbern in einzelnen Szenen an schmerzhafte Kaltschnäuzigkeit, an beiläufige Brutalität und andere harsche Varianten dörflicher Lebensrealität heran und jagt dabei jeglichen Anflug von Landromantik durch den Schredder. Das ist allemal sehr lesenswert.


>>Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern (Arche Literatur Verlag), 20,00€


Foto: Grebe, 2017

DIE BESESSENEN // Was eine Kassiererin laut dachte, während sie „Hohlkörper“ von Robert Mattheis zu Ende las

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Ich erzähle Ihnen jetzt mal was über mich, weil Sie mich ja noch gar nicht kennen. Was berufsbezogenes: Ich bin Supermarktkassiererin. Genauer: Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter. Kein Traumjob, denken Sie vielleicht, aber irgendwie bin ich inzwischen auf den Geschmack gekommen und verbringe meine Zeit überraschend gern in diesem Laden und mit diesen Kolleginnen – Sie würden staunen, was man da mitunter erlebt. Sie würden überhaupt über so einiges staunen, wenn Sie Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter wären.

Meine Pendelzeit, meine dreißigminütigen Pausen und meine Abende verbringe ich lesend. Gerade lasse ich mich auf einen quietschbunt gemusterten Sitz im ÖPNV fallen, meine gut eingefledderte Lektüre schon in der Hand – Robert Mattheis, Hohlkörper. Die letzten Seiten heute.

„Danny Schwarz?“ „Das war sein Name, ja. Von dem Praktikanten, meine ich.“ „Komischer Name“, sagte Bruder, „Danny Schwarz!“ „Er wollte nur noch irgendeinen Satz korrigieren, den Bob orthografisch vermurkst hatte, oder ein Wort, ich weiß nicht, ist ja auch egal. Jedenfalls, Bob rutscht aus, knickt irgendwie um, weiß der Henker. Und als er fällt, löst sich die Salve. Er hat fatalerweise den Finger am Abzug gehabt, und er feuert […]“

„Hey“, redet es mitten in den Satz hinein. Ich schaue vom Buch auf. Mir gegenüber hat ein bekanntes Gesicht Platz genommen. „Oh, hallo! Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“ „Allerdings! Wie geht’s?“ Was soll man da sagen? „Tja. Und selbst?“ „Gute Frage. Ach, guck an: Du liest immer noch wie blöde, was?“ Das letzte Mal haben wir uns kurz nach dem Abi gesehen und danach irgendwie aus den Augen verloren. Wie das eben so ist, in den meisten Fällen. Nein, überlege ich, wir müssten uns später doch nochmal begegnet sein, oder sogar öfters? Vielleicht haben wir da nur unbewusst einen gewissen Bogen umeinander gemacht? Sie plappert weiter: „Machst du denn auch was mit Büchern jetzt? Warte mal, du hattest dich doch an der Uni eingeschrieben damals, und du wolltest -“ „Ja ja“, lache ich etwas gequält, „aber dann bin ich Buchhändlerin geworden, weißt du? Im Moment bin ich allerdings Buchhändlerin außer Dienst. Tja. Siehst gut aus, übrigens. Deine kurzen Haare – hast dich nicht viel verändert.“ Sie schielt mich neugierig an. „Stimmt, äußerlich jedenfalls nicht. Aber lass mal die Ablenkerei: Was machste denn jetzt so?“ Was soll ich da sagen? „Okay. Also, ich mache so dies und das. Hab mal Bilder verkauft. Jetzt verkaufe ich eben Kaffeefilter, Blumenerde, Shampoo, Zahnstocher, so was, und zwitschere nebenher ein bisschen im Büro herum. Und du so?“ „Ich? Na ja. Was soll ich da sagen? Ich wurde halt aussortiert. Aber ich bin zäh. Mag sein, dass man eine Zeit lang einen gewissen Bogen um mich macht, aber irgendwann kommt meine Gelegenheit, und dann springe ich eben wieder drauf auf den Zug.“

Schweigen bricht ein und dehnt sich unangenehm, während der ÖPNV nach einem kurzen Haltestopp weiterrattert wie der Lauf der Dinge. „Was liest du da?“, fragt sie plötzlich. „Oh! Spezielles Buch, weißt du?“ „Worum geht’s?“ Tja, denke ich, was soll man da sagen?

„Es geht, könnte man sagen, und irgendwo muss man schließlich anfangen – also, es geht um Bob und Georg, die als Texter-Duo unter dem Pseudonym Utz Feller im Auftrag eines erfolgsverblödeten Verlagsriesen einen neuen Fließbandbestseller schreiben sollen. Mit ihren Arbeiten am geplanten Publikumshit, einem Thriller, folgen die beiden Frischlinge im Hause Cyclops Media allerdings einer etwas anderen als der üblichen Karrieredynamik: Besonders Bob hat es sich in den Kopf gesetzt, dem milliardenschweren Unterhaltungsmoloch ein Kuckucksei – einen reellen Kunstroman – unterzujubeln. Während ein Cyclops Media Gremium die Fortschritte des Manuskripts skeptisch beäugt, schlagen Bob und Georg immer neue erzählerische Haken, um die Entscheider und insbesondere Mastermind Bert „Big“ Bruder, der die beiden schließlich als seine neuen Goldjungs verpflichtet hat, möglichst endlos bei Laune zu halten. Und so erfüllt sich der Arbeitstitel des Romans – Sprengkörper – leider nie in bombigen Verkaufszahlen, sondern in einer erzählerischen Explosion nach dem Muster Urknall, Schöpfung, niemals endende Expansion.

Entsprechend viel durchzumachen hat daher die Hauptfigur des Romans – Danny Schwarz. Ein Name, von dem die Autoren auf Anraten des Gremiums hin unbedingt Abstand nehmen sollten, was Bob jedoch kategorisch verweigert. Weil er total besessen ist von seiner Beschäftigung mit diesem gewissen Danny Schwarz, der sich als Dark Matter quer durch sein literarisches Schaffen wie durch sein Privatleben zieht.

Übrigens lernen wir Bob erst einmal als Texter in einer regionalen Marketingklitsche namens Grafl+Partner kennen. Und Georg zunächst als Nachwuchslektor: Er arbeitet am anderen Ende der textlichen Niveauskala, könnte man meinen, wo er sich nicht mit Werbegefasel herumschlagen muss, dafür aber mit faselnder Hochliteratur und ihren Autoren, die Georg im Hause Berlin Books betreut. Da hat auch Danny Schwarz, wie in so vielen Agenturen und Büros, mal als Praktikant angeheuert. Aber da fing die gemeinsame Geschichte von Bob, Georg und Danny nicht an.

Jeder für sich und doch alle zusammen, durchlaufen sie allerlei berufliche, gesellschaftliche Stationen innerhalb des Medienzirkus. Ihre Reise im Maschinenraum der Textbranche führt sie ganz nah heran an die niedersten Triebfedern des Menschlichen, an Frust und Lust, die eingebettet sind in Egomanie, an Erfolg und Wahn, und ist somit natürlich der reinste Höllentrip. Und um das hier, könnte man sagen, geht’s in diesem Roman wirklich: Es geht um den Markt, und um das Feuerwerk der Neurosen, Eitelkeiten und Grausamkeiten, das er hervorbringt; um Verleger, Autoren, Journalisten, Marketing-Gurus, Unternehmer, kleine Werber, große Künstler, Trittbrettfahrer und Emporkömmlinge, Irre und Pragmatiker, Medienriesen und Bürozwerge, die vollkommen hirnlos besessen sind von ihrem eigenen Marktwert. Da wird betrogen, gequält, geheuchelt, niedergemacht, die eigene Haut zu Markte getragen, der Verstand abgeschafft, die Seele vernichtet und sogar versehentlich gemordet – alles befeuert von dieser Besessenheit.

Glücklicherweise liest sich das ganze aber weniger wie die bitterernste Anklageschrift, als die es durchaus zu verstehen ist, sondern schon eher wie ein lustiger Clever & Smart Comic. Die Szenen leben von ihrer Bildhaftigkeit, und erzählt wird vorrangig – wir sind hier schließlich in der Medienwelt, und da geht’s um Kommunikation – in Dialogen. Selten leise, oft derb, ist der Roman mitunter schreiend komisch. Innen drin steckt freilich ein Skelett aus beinhartem Ernst, aber seine Motorik ist unverkrampft, seine Bocksprünge und Purzelbäume sind, bei aller Verschwurbelung, ungemein unterhaltend. Komik und Ernst schließen einander ja auch gar nicht aus – im Gegenteil ist gerade Humor ein sehr viel besserer Botschafter für Ernstgemeintes als es Gravität je sein könnte. Aber das sagte ich letztens ja schon, nicht?“

„Wieso jetzt letztens? Also zu mir jedenfalls nicht – wir haben uns ewig nicht gesehen.“ „Doch – gestern!“ „Gestern? Nein, da war ich siebenundzwanzig!“ „Ach, entschuldige – ich fühle mich manchmal selbst schon ganz non-linear. Wo war ich stehengeblieben?

Der Job bei Grafl+Partner, den Bob eingangs ausübt, der fällt in eine Zeit, die an das Ende des Romans anschließt. Aber der Roman ist nicht etwa rückblickend erzählt. Sondern vieldimensional. Einen irgendwie linearen Weg vom Anfang zum Ende sucht man vergebens, wirklich, der reinste Ebenensalat ist das: diverse zeitliche Ebenen, fiktive Ebenen, extra fiktive Ebenen, Roman-im-Roman-Ebenen; alles einmal kräftig durchgemischt. Knapp gefasste Episoden, mitunter isoliert wirkende Miniaturen, wechseln einander hektisch ab – ohne dabei gehetzt zu wirken, denn der ungestelzte, plauderhafte Ton wirkt entspannend dagegen an. Tatsächlich folgt man darum sehr gelassen noch der absurdesten Erzählwendung: ob vom Kaffeeschlürfen im Großraumbüro zum unfreiwilligen Fallschirmsprung aus dem Flieger, oder von einer narrativen Identität Bobs zur nächsten. Oft werden verschiedene mögliche Erscheinungsformen der Figuren und der Story in den Raum gestellt, wo sie niemand abholt – mitunter knüpfen sie dann auf irgendeiner Meta-Ebene woanders an. Der Erzählmodus der Hohlkörper spiegelt mithin das temporeiche Hakenschlagen der Sprengkörper: Eine schillernde narrative Blase folgt der nächsten; manche zerplatzen jäh, andere verbinden sich zu umhertrudelnden Clustern. Letztlich scheint das ganze eine literarische Demonstration dieses medientypischen Mechanismus zu sein: so viele unterschiedliche Versionen, Gesichter von Wahrheit zu produzieren, dass am Ende die Wahrheit unter diesen tatsächlichen Masken verschwindet – zu einem Phantom wird, das so dauerpräsent und doch so ungreifbar für uns ist, wie dieser Danny Schwarz für Bob. Die Geschichte führt nicht auf einen eindeutigen Abschluss hin, sondern immer wieder auf sich selbst zurück; der Autor könnte wahrscheinlich jahrelang an ihr weiterschreiben. Stellt sich also durchaus die Frage, ob das eigentlich überhaupt ein Roman ist – also Hohlkörper jetzt – oder eher ein, weiß nicht, fraktales Textgebilde vielleicht.“

„Wild gewordene Struktur, viel verquere Energie. Das klingt nach Punk – nee, das wäre wieder zu linear. Doch eher Jazz?“, fragt mein Gegenüber. „Viel besser, Liebes: Das ist Captain Beefheart in der Muppet Show!“ Schweigen; Beefheart ist ihr bisher wohl nicht über den Weg gelaufen. „Das Tolle daran ist“, versuche ich mich in ein etwas aussagekräftigeres Fazit zu retten, „dass sich hier ein, na, Buch über eine von Ware dermaßen besessene Welt weigert, selbst bloße Ware zu sein. Ein Buch über Produktions- und Konsumbesessenheit – in dem wiederum ein solcher narrativer Wildwuchs produziert wird, dass es sich dadurch dem schlichten Konsumiertwerden entzieht.“ „Ich dachte, diese Konsumwelt wäre nicht so dein Thema?“ „Aber hallo! Ich arbeite schließlich direkt im Herzen dieser Konsumwelt! Nur sitze ich dabei eben am unteren Ende der Gehaltsskala.“ „Das Leben ist eine Wundertüte, was?“ „Und was für eine!“ „Aber dieses Skurrile, Komische, in sich Verschachtelte – hattest du’s nicht immer eher mit archaischer Strenge? Cormac MacCarthy, Aischylos und so?“ „Quatsch. Ja, auch, aber: Ich habe schließlich genauso einen Narren gefressen an Julio Cortázar, an Dietmar Dath, an, herrje, David Foster Wallace. An Modest Mouse! Weißt du, und je älter ich werde, desto eindeutiger erscheint mir, dass jegliche Kunst diesem völlig skurrilen, komischen, in sich verschachtelten Leben nur gerecht werden kann, indem sie ihm in der Form und im Inhalt entgegenkommt, anstatt sich majestätisch darüber zu erheben.“ „Glaubst du, dass dieser Autor hier seinem eigenen Leben gerecht werden wollte?“ „Ich glaube zumindest, dass eine Menge persönlicher Erfahrung mit seiner Materie aus diesem Roman spricht.“ „Okay. Ein schreibender Werber?“

Wissen Sie, bei aller Fiktion halte ich das ganze tatsächlich für die reine Wahrheit, die sich unter einem Berg von Masken versteckt. Und dass dieser Autor sich selbst im Roman versteckt hält, das ist genauso wahr, wie es eben wahr ist, dass ich eine wie besessen lesende Teilzeitkassiererin in einem Kleindiscounter bin.

„Weiß man’s?“

Meine Begleiterin schaut mich aus lauernden Äuglein an. „Ich denke, dass da wohl einer wahnsinnig besessen ist von seinem Leben als schreibender Werber – so besessen, um obendrein noch einen Werbe-Roman drüber zu schreiben. Ach, weißt du übrigens: Besessenheit und Verrücktheit sind ziemlich verschwistert.“ „Nein, nein, anders: Ich denke, dass da einfach ein Werber wahnsinnig besessen ist vom Schreiben! Obwohl, vielleicht tue ich ihm da unrecht – vielleicht ist er in Wirklichkeit ja auch Journalist oder Theaterdramaturg oder Gott weiß was.“ „Ach Gott, es können doch durchaus mehrere Wirklichkeiten als gleichwahr nebeneinander bestehen, nicht wahr? Ich meine, du sitzt schließlich hier, im öffentlichen Raum, und unterhältst dich gleichzeitig vollkommen selbstverständlich mit deinem 19jährigen Ich. So, wie du hier gestern mit deinem 27jährigen Selbst geplaudert hast. Und so weiter.“ „Das ist wahr.“ „Das ist verrückt. Aber genau deswegen bin ich ja hier. Du hattest eben das Bedürfnis, mich ein bisschen zuzutexten, weil du dich an was erinnert hast – wie wunderbar das war, damals, mit 19, als du die Zeit und den Antrieb dazu hattest, einfach tagelang in obsessivem Schreiben zu versinken.“ „Zu versumpfen, meinst du! Klar war das herrlich! Aber ich war ja so besessen, dass ich alles andere völlig gegen die Wand gefahren habe und beinahe verhungert wär, da oben, ganz einsam, auf meinem Riesenberg Papier – auf diesem Riesenhaufen Murks, der später verdientermaßen ins Altpapier ging -, hätte es da nicht ein paar besorgte Menschen um mich herum gegeben, echte Menschen, die – Na ja. War schön, dich mal wiederzusehen. Aber hier muss ich aussteigen, ich muss jetzt nämlich zur Arbeit!“


>>Robert Mattheis, Hohlkörper (Acabus), €16,90

DIE BESESSENEN // Ein Schauerroman von Witold Gombrowicz

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Oder doch eher: Mimikry eines Schauerromans?

In Die Besessenen – 1939 als Fortsetzungsroman parallel in zwei polnischen Zeitungen erschienen – fährt Witold Gombrowicz allerlei einschlägige Subjekte und Motive auf, wie man sie in einem ordentlichen Roman gothique eben erwartet: Da gibt es ein junges, durchaus begehrenswertes Fräulein, das sich in ein Unheil verstrickt; einen jungen Mann, der die volle Tapferkeit seines Herzens aufbieten muss, um jenes Fräulein, aber ebenso sich selbst, vor dem Untergang zu bewahren; einen dem Wahn verfallenen Bösewicht, der wiederum das Verhängnis fleißig vorantreibt; ein altes Schloss in einer abgelegenen, moorigen und nebelverhangenen Gegend, das in seinem fortschreitenden Verfall vor sich hin schmort; dazu dessen Hausherrn, der natürlich ein tatteriger, verrückt gewordener Sonderling ist; und auch der verschrobene Diener an seiner Seite, der wegen der jahrzehntelangen Treue seiner Dienste über alle dunklen Geheimnisse des Hauses im Bilde ist, fehlt nicht. Gombrowicz macht sich also gründlich der Klischeeausreizung schuldig – natürlich vorsätzlich.

Veröffentlicht unter Pseudonym, um ein wenig Abstand zwischen sich selbst und seine Urheberschaft zu bringen, dienten Die Besessenen ihrem Autoren wohl in erster Linie zum Broterwerb. Seine ersten beiden Veröffentlichungen, der Erzählband Memoiren aus der Epoche des Reifens sowie der Roman Ferdydurke, welche in einem kleineren Leserkreis zirkulierten, hatten bislang für wenig Einkünfte, aber einiges Mißverständnis gesorgt; mit der Kritikerschaft zumindest kam Gombrowicz auf keinen grünen Zweig. Mag sein, dass Gombrowicz darum ein Ausflug in die Trivialliteratur, insbesondere ein anständig bezahlter, nun nicht ganz ungelegen kam. Wie dem auch war – in eine Reihe gestellt mit seinem übrigen Werk, das gern groteske Komik versprüht und in Form und Inhalt stets zu Experimenten aufgelegt ist, erscheinen Die Besessenen in ihrem eher konventionellen erzählerischen Kostümchen als Außenseiter. Man soll aber seine Kinder lieben, wie sie eben sind, und so lässt auch Gombrowicz seinen Besessenen durchaus merklich Liebe und Fürsorge angedeihen; keineswegs jedenfalls erweckt dieser Roman den Eindruck, Gombrowicz habe ihn nicht gern geschrieben, obgleich er sich im Nachhinein etwas für ihn zu schämen schien.

Es beginnt mit einer Zugfahrt von Warschau hinaus aufs Land, auf der die baldigen Schicksalsgenossen Walczak, Professor Skolinski, Fräulein Maja Ocholowska, außerdem der alte Fürst Holszanski und sein Sekretär Cholawicki, Verlobter des Fräulein Ocholowska, zusammenkommen. Die restliche Wegstrecke klappert man mit dem Pferdegespann ab und begibt sich damit in eine sehr gestrige, sehr überholte Welt: Die einen lassen sich nach Polyka kutschieren, zum Adelssitz der verarmten Ocholowskis, den Majas Mutter zu halten versucht, indem sie ihn nun als Pension für Sommerfrischler betreibt, die anderen – und hier deutet sich schon die Teamaufstellung der später miteinander ringenden Seiten an – preschen dem heruntergekommenen Schloss Myslocz entgegen. Myslocz, Stammsitz der Holszanskis, besitzt als Gebäude keinen Wert mehr, doch birgt es eine Vielzahl von mutmaßlichen Kunstschätzen, die der gierige und intrigante Cholawicki dem greisen Hausherrn abzuluchsen gedenkt. Auch Skolinski, der Kunsthistoriker, hegt eine fiebrige Neugier auf die möglichen Sensationen, die er in den Beständen des scheuen und zurückgezogen lebenden Fürsten vermutet. Er ist nach Polyka gekommen, um vor Ort einen Plan auszuhecken, der ihm Zugang zum nahe gelegenen Schloss verschaffen soll. Währenddessen ergeht sich Maja auf dem elterlichen Landgut in der Verbesserung ihres Tennisspiels. Verarmt oder nicht, als Fräulein von adeligem Geblüt gilt es, im alltäglichen Lebenswandel eine strenge Exklusivität walten zu lassen, was allerdings nicht nur die Wahl ihrer sportlichen Vergnügungen anbetrifft: Mit Cholawicki hat sich Maja eine vielversprechende Partie geangelt, und sie beide pflegen einen recht offenen Umgang mit der Tatsache, dass ihre Verlobung auf gewinnorientiertem Kalkül beruht; wären nur erst die Mysloczer Schätze erschlichen und versilbert, ließe es sich zusammen auf Polyka schon recht angenehm residieren. Walczak, diesen gewitzten, aber dahergelaufenen Streuner und Überlebenskünstler, den Frau Ocholowska als privaten Tennistrainer für ihre Tochter engagiert hat, behandelt das Fräulein dagegen mit aller Herablassung, wie sie von Majas Seite aus gegenüber einem Sprössling des städtischen Elendsproletariats geboten ist. Und das umso mehr und umso verbissener, da schon am Tag ihrer gemeinsamen Ankunft auf Polyka zwischen Walczak und Maja eine unleugbare und ungewollt innige Verbindung zutage tritt, eine frappierende Wesensähnlichkeit, die in ihrer Deutlichkeit selbst den Gästen der Pension als etwas Unheimliches erscheint. Dieser teuflischen Ähnlichkeit zwischen den eigentlich so Ungleichen entspringt eine heftige Dynamik wechselseitiger Anziehung und Abstoßung, die, neben den beiden Wesenszwillingen selbst, freilich auch Cholawicki nervös werden lässt. Skolinski sieht indes im draufgängerischen Walczak einen idealen Komplizen für sein eigenes Vorhaben in Sachen Myslocz, mit dem er wiederum Cholawicki in die Quere kommt. Als sich die Handlung nach und nach aufs Schloss verlegt, spitzen sich jene individuellen Umtriebe und Hirngespinste zusehends auf regelrechte Besessenheiten zu, wofür eine bösartige Kraft zu sorgen scheint, die auf Myslocz ihren Ursprung hat. Von dort aus treibt sie ihr Unwesen mit den Figuren, verfolgt sie bis in ihre Träume, hält sie fest in unentrinnbarem Griff. Ihr giftiger Einfluss wirkt bis nach Warschau, wohin sich Maja Hals über Kopf flüchtet, wie kurz zuvor auch Walczak dorthin geflohen ist, der inzwischen übrigens Leszczuk heißt – eine Veränderung, die während der vorangeschrittenen Veröffentlichung des Fortsetzungsromans vorgenommen wurde, mit der Begründung, es gäbe einen realen Walczak, der mit der Romanfigur nicht verwechselt werden dürfe; allerdings tritt diese Namensänderung seltsam zufällig zu einem Zeitpunkt ein, an dem sich Walczak und Maja erstmals sehr nah kommen, als werde Walczak dadurch gleichsam neu geboren als ein Anderer. Jene grausame Kraft ist es auch, die den Fürsten in die vollständige Verwahrlosung treibt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt: Permanent faselt er von einem gewissen, aber undeutlich bleibenden Unheil, ist schreckhaft, oft schlaflos und unfähig, seine geistigen Kräfte über längere Strecken zu sammeln. Cholawicki entdeckt, dass es eine entlegene Kemenate im Schlossgewölbe gibt, vor der es Holszanski besonders graust, und verortet dort den Schlüssel zum um sich greifenden Bösen. Grzegorz, der alte Schlossdiener, weigert sich anfangs unter vielmaligen Bekreuzigungen, dem längst selbst in den Irrsinn abgeglittenen Cholawicki Auskunft über die furchtbaren Geschehnisse zu erteilen, welche sich einst in dem als Küche benutzten Raum zugetragen haben. Zwischen Skolinski, der sich dem Schlossherren mittlerweile angenähert hat, und Cholawicki entwickelt sich nun ein Wettrennen um die Aufdeckung des Geheimnisses der Kemenate. Derweil umkreisen Maja und Leszczuk einander in Warschau und geraten dabei immer tiefer in mentale Turbulenzen. Beide rutschen hinab in die halbweltliche Sphäre der Großstadt mit ihren Dieben, Schwerenötern, Escort-Fräuleins; bald wird es brenzlig, blutig, und final bleibt den beiden nur der Entschluss, es um jeden Preis mit der bösartigen Macht aufzunehmen, die sie sonst unaufhaltsam in den Abgrund zerren wird. Gemeinsam mit dem inzwischen ebenfalls verzweifelten Professor und einem tapferen Hellseher begeben sie sich, um ihr Seelenheil zu retten, schließlich ins Herz von Myslocz.

Wie es kam, dass am Ende ein einzelnes Handtuch diesen ganzen spiritistischen und psychologischen Wahn ausgelöst hat, das muss man schon selbst lesen, denn das lohnt sich.

Mit der abrupten Auflösung des ganzen lässt Gombrowicz seine Leserschaft allerdings fallen wie eine heiße Kartoffel – wirklich, der alberne Irrsinn hatte Tempo, Witz und Leidenschaft, kurz gesagt einen wahnsinnigen Unterhaltungswert, aber der kurze Schlusswink mit dem erhobenen Zeigefinger, der sich im Kontrast zu den zuvor ausgebreiteten heidnischen Spukereien einer deutlich aufklärerischen Haltung befleißigt, macht den diabolischen Spaß auf seiner Zielgeraden beinahe zunichte: Der Ton fällt hier jäh ab, wird hölzern und irgendwie lieblos, als Gombrowicz den Roman plötzlich zurückzerrt auf das Terrain der Vernunft. Wer sich hier jedoch verschaukelt fühlt, sieht nicht, dass er sich 300 Seiten lang selbst verschaukelt hat, indem er allzu bereitwillig in die eigenen Erwartungsfallen getappt ist. So, wie sich die Romanfiguren in ihre scheinbar zwingende Entwicklung fügen und blindlings zu Besessenen in Höchstform auflaufen, fügt man sich lesend in die Annahme, sich hier ungestraft wohlig gruseln zu dürfen. Dafür, sich dem unterhaltenden Schauersog achselzuckend hingegeben zu haben, fängt man sich mit dem abschließenden Satz denn auch einen verdienten Rüffel ein: „Gott sei Dank!“, rief der Hellseher aus. „Endlich habt ihr das verstanden! In dieser Welt voll Unklarheit und Rätsel, Dämmerung und Trübheit, Seltsamkeit und Irrtum gibt es nur eine untrügliche Wahrheit – die Wahrheit des Charakters!“ Vielleicht mochte der Autor mit seinem so betont, ja geradezu aufgesetzt vernünftigen Fazit illustrieren, wie gefährlich verführerisch der Wahn im Vergleich zur Wahrheit auf uns wirkt. Vielleicht, nuschelt ein zweifelnder Gedanke, wollte er damit aber auch heimlich die Romantik des Wahns gegen die Nüchternheit der Wahrheit verteidigen?

Real schauerlich ist zumindest die zeitgenössische Stimmungslage, der Gombrowicz ausgesetzt war, während er Die Besessenen verfasste. Womöglich spiegelt das geschilderte Umsichgreifen einer diffusen, aber klar wahnhaften Besessenheit, der eine furchtbare, destruktive Kraft innewohnt, nicht zuletzt die europaweit spürbaren Vorwehen des Zweiten Weltkrieges. Der letzte Abruck der Besessenen erfolgte am 31. August 1939, dem Vorabend des deutschen Überfalls auf Polen. Gombrowicz selbst war Ende Juli 1939 zu einer Schiffsreise nach Argentinien aufgebrochen. Vom Kriegsausbruch überrascht, blieb er glatt 24 Jahre lang in Buenos Aires, wo er sich als Bankangestellter durchschlug und weiter schrieb. 1963 kehrte er nach Europa zurück, jedoch nie nach Polen, arbeitete kurzzeitig in Westberlin und starb 1969 in Südfrankreich.


>>Witold Gombrowicz, Die Besessenen, lieferbar als Taschenbuch bei Fischer, €9,95; dtv-Ausgabe antiquarisch

DIE BESESSENEN // Rollin‘ just to keep on rollin’*

Mark Lanegan darf das. Und zwar: diesen jauligen Song, der sich durchaus in der Romantik der Selbstzerstörung suhlt, und den zuvor schon Johnny Cash sang, schön elegisch nachbrummeln. Und er darf das deshalb, weil man ihm schlechterdings nicht vorwerfen kann, sich fahrlässig an der Verklärung ruinöser Verhaltensauswüchse zu beteiligen, ohne dabei deren unappetitliche Konsequenzen je selbst kennengelernt zu haben – davon nämlich ist unbedingt auszugehen. Weil er dem smarten Val Kilmer von damals ja längst nicht so ähnlich sieht wie hier, sondern sich eben, höchstmutmaßlich, tatsächlich damit auskennt, wie das so ist: Wenn man von einem biestigen Etwas besessen ist, das einem ab und an die Psyche umkrempelt, so dass man ständig irgendeinen Mist auszubaden hat, den man sich doch gar nicht vorsätzlich hatte einbrocken wollen, bis man, nach und nach, gleichgültig wird, das Bedauern und Wiedergeradebiegen der Dinge schließlich einstellt und fortan das Biest einfach machen lässt.

So ein Biest kann man sich natürlich einfangen, indem man, wie Lanegan das vorgemacht hat, ab und an zu tief ins Glas guckt. Da übersieht man vielleicht eine kleine, unscheinbare Veranlagung oder eine akute, aber eigentlich nicht zwingende Gefährdungslage, denkt sich nichts dabei, und unversehens entfaltet sich schon ein prächtiges Problem zu vollster, grausamster Blüte. Dieser Vorgang verläuft so simpel und doch so komplex – entsprechend gestaltet sich auch die Bewältigung des Rückwegs so scheinbar einfach und doch zum Haareraufen schwierig: Komm, du musst halt einfach aufhören zu saufen, irgendwie. Zurück zu Lanegan: Man kann natürlich versuchen, sich vom Alkohohl zu verabschieden, indem man sich wiederum noch humorloseren Drogen zuwendet. Was erwiesenermaßen eine ganz schlechte Idee ist – die bestenfalls noch in einen *Methamphetamine Blues mündet anstatt direkt in irgendeine Crack-Hölle.

Selbstredend sollte man das lieber alles von Anfang an bleiben lassen, Kinder, und zwar kategorisch.

Das gilt im Übrigen für jedwede Form von Besessenheit. Ganz gleich, ob man sich, sagen wir, in einer allzu heftigen Leidenschaft aufreibt, oder etwa einem pathologischen Karrierewahn unterliegt, oder, meinetwegen, ein krankhaftes, gleichwohl gesundheitsorientiertes Selbstoptimierungsprogramm betreibt, oder aber sich bis zur Besinnungslosigkeit einer ideellen Verblendung hingibt oder einer auf Angst basierenden Raserei und so fort: Der zwingenden Dynamik hat man bitteschön zu widerstehen, unbedingt muss man die Finger davon lassen, solange man noch kann! Denn auch die schönste Besessenheit befördert am Ende freilich gar nichts als immer nur sich selbst – und ihren Träger, der sie an der Leine zu haben glaubt, samt Leine in den Abgrund. Aber das weiß man ja. Nur: Wo bleibt sie denn, die Vernunft, wenn man sie am dringendsten braucht? Macht sie Urlaub? Hat man ihr womöglich irgendwann gekündigt und kann sich bloß nicht mehr so recht daran erinnern?

Andererseits, wie lasch wäre das Leben denn so ganz ohne Raserei und Wahn, ohne manche reizvolle und lehrreiche Grenzberührung mit dem Fatalen, die mitunter den Treibstoff liefern für Enthusiasmus, Empathie, Erfolg?

Fragt sich bloß, wie man so genau wissen soll, ob man einfach anständig brennt oder nicht vielleicht doch längst explodiert?


 

SPRACHMUSIK // Fiston Mwanza Mujila, Tram 83

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Im Schweiße deiner Titten sollst du essen.

Wer sich bereits gegen den Einleitungssatz innerlich sträubt, sollte den Rest des lauten, lüsternen und heftigen Tram 83 vielleicht gar nicht erst lesen. Oder vielleicht ja doch, gerade? Fiston Mwanza Mujila, geboren im kongolesischen Lubumbashi und derzeit ansässig in Graz, schert sich in seinem Debutroman wenig um gegenwärtige mitteleuropäische Empfindlichkeiten. Aber wozu auch, wo man sich umgekehrt in Mitteleuropa und anderswo doch mindestens ebenso wenig ums gegenwärtige zentralafrikanische Befinden schert.

Insbesondere die titelgebende Bar, nächtlicher Lebensraum von Sex-Jobberinnen, Geschäftemachern, Studenten und Minenarbeitern, ist ein Ort, an dem für hiesige Sensibilitäten schlichtweg kein Platz ist. Die allabendlichen, ekstatischen Musikdarbietungen und allerlei leiblichen Exzesse im Tram 83 bilden den Refrain im Alltagsleben von Stadtland, einem verelendeten Millionen-Moloch, der ungefähre Parallelen zu Mujilas Geburtsstadt aufweist. Minderjährige Prostituierte, die Küken, ludern Freier an, um sie in den Unisex-Toiletten ziemlich prompt und wenig diskret zu bedienen. Allerdings werden diese Mädchen nicht etwa als besonders verlorene Seelen porträtiert – Verlorene sind dort schließlich alle, einzig darin herrscht Gleichberechtigung -, sondern stechen aus ihrem Umfeld hervor als kleine Göttinnen des Fleisches, drall, vital, freilich geschunden, gleichwohl von einer unantastbaren Energie. Die scharfzüngigen Single-Mamis, so die Bezeichnung für die älteren Prostituierten, sind ebensolche Zwiegestalten: Elendsfiguren, ja, und doch Regentinnen des Fleisches und die eigentlichen Herrinnen dieses Hauses. Die trotzigen Kellnerinnen, die in der internen Hierarchie deutlich unter den Prostituierten angesiedelt sind, üben auf andere Art Macht über das Fleischliche aus: Sie lassen sich nicht einfach herbeiwedeln, müssen mitunter schon angebettelt werden, damit sie scharf gewürzte Hundespießchen, Katzenragout und das ersehnte Maisbier servieren. Geld stellt derweil die Maßeinheit für maskuline Macht dar, und im Beschaffen und anschließenden Verprassen des Geldes besteht denn auch die Grundtätigkeit des durchschnittlichen Einwohners von Stadtland. Stets ringt dort Geld um Fleisch, und Fleisch wiederum um Geld.

Mujila erzählt die Geschichte des erfolglosen Schriftstellers Lucien, der von außerhalb, aus dem Hinterland genannten Landesteil, nach Stadtland kommt, um bei seinem alten Freund Requiem Unterschlupf zu finden. Lucien, der Poet, und Requiem, der Praktiker – was sie verbindet, ist eine gemeinsame, brutale Vergangenheit, von gegenseitiger Liebe kann indes nicht die Rede sein. Während Requiem als erfolgreicher Ganove und Schürzenjäger durch die Gegend patrouilliert, Lucien bei sich beherbergt und ihn vergeblich für diverse Jobs zu interessieren versucht, schreibt Lucien an einem komplizierten Theaterstück, Das Afrika der Möglichkeiten: Lumumba, der Engelssturz oder die Stößel-Mörser-Jahre, das er über einen losen Kontakt in Paris an internationale Verlage vermitteln will. Eine günstigere Gelegenheit scheint sich ihm zu bieten, als er im Tram einem Schweizer Verleger begegnet, der Lucien unterstützen will. Verlagschef Malingeau zählt zum ausländischen Teil der Kneipenbesetzung, Geschäftsleuten unterschiedlichster Couleur, die man hier als gewinnorientierte Touristen bezeichnet und die auf die eine oder andere Weise Anteil nehmen an der Ausbeutung des Landes durch auswärtige Kräfte. Malingeau, der ursprünglich nach Stadtland kam, um auf kulturellem Gebiet Wilderei zu betreiben, profitiert inzwischen auch als Teilhaber von Requiems Schiebereien mit Bodenschätzen und Waffen. Auf einen Wink des Verlegers hin wird eine Lesung im Tram organisiert, doch Luciens Vortrag endet im Desaster, in Tumult und Dresche. Der geprügelte Lucien versucht sich daraufhin wohl oder übel einmal abseits der Literatur, als Minenplünderer im Gefolge Requiems. Dort bewährt er sich ebenfalls nicht, gerät in die Fänge eines konkurrierenden Draufgängertrupps und entgeht nur um Haaresbreite einer Zukunft im staatlich geförderten Folterkeller. Dann aber, als Luciens Existenz wirklich nichts außer Elend mehr hervorzubringen vermag, kommt die Diva auf ihn zu, eine vergötterte Sängerin, deren Auftritte im Tram legendär sind. Die Diva verfügt als Einzige in Stadtland über etwas, was nicht einmal der abtrünnige General besitzt, der über die Region mit ihren Diamantminen herrscht: Autorität, die nicht auf Gewaltanwendung beruht. In ihren Liedern benennt sie das hoffnungslose Elend der Menschen und spricht die Sehnsucht heilig. Eine gemeinsame Performance, die Luciens Texte und den Gesang der Diva verbindet, stellt das Tram schließlich vollkommen auf den Kopf.

Musik als Träger für Storytelling – das ist nicht nur ein Motiv innerhalb des Romans, sondern die erklärte erzählerische Methode des Autoren. Er komponiere seine Texte wie ein Jazzmusiker, sagt Mujila, und tatsächlich liest man aus dem Roman verschiedene Jazz-Elemente heraus, wie man bei den Beatniks, an deren Stil Mujila durchaus denken lässt, den Bebop herauslesen kann. Tram 83 ist ein Roman auf der Basis von Rhythmus, mit einer Erzählstruktur, die ihre musikalische Entsprechung nicht etwa in der Melodie, sondern in der Improvisation findet.

Der Nordbahnhof, der als zentraler Ort des Lebens in Stadtland für tausendfaches Ankommen und Abreisen steht, bildet zugleich den Ein- und Ausstiegspunkt des Romans: Luciens Ankunft dort stellt das Intro des Stückes dar, und es endet mit seinem Gang zum Bahnhof, um den nächsten Zug zurück nach Hinterland zu nehmen. Innerhalb dieser Klammer führt der literarisch-musikalische Weg durch meist fiebrig, mal auch pastoral vorgetragene Soli, die jeweils von kleinen Zwischenspielen eingeleitet werden und in die wiederkehrende Themen eingearbeitet sind. Der Nordbahnhof zum Beispiel, eingangs beschrieben als ein halbfertiges, von Granateinschlägen zerschundenes Metallgerüst mit ein paar Gleisen und Lokomotiven […], billigen Hotels, Spelunken, Bordellen, Erweckungskirchen, Bäckereien und dem Getöse von Menschen aller Generationen und Nationalitäten, wird im Verlauf des Romans unzählige Male angesprochen, indem diese Beschreibung zitiert und dabei immer variiert wird. Mitunter wird das Nordbahnhof-Thema üppig verlängert, sozusagen intensiv ausgespielt, meist aber wird es wortwörtlich bis aufs Gerüst, auf seinen Anklang also, reduziert: Währenddessen blieb Lucien ein wenig abseits stehen, um trotz der üblichen Staus rund um den Bahnhof, dessen Metallgerüst, etwas aufzuschreiben. Neben variierten Themen treten auch reine Wiederholungen auf. Der ewige Anbaggersatz der Küken etwa – Was sagt die Uhr? – drängt in regelmäßigen Abständen gleich einem Hintergrundgeräusch in ganz andere Gespräche und Betrachtungen hinein und verselbstständigt sich so zum Rhythmuselement, zum Taktgeber. Andere Sätze werden wiederholt, um sie zu betonen, wie Requiems Jeder für sich, Scheiße für alle. 

Nirgendwo im Roman herrscht ein mitleidiger oder selbstmitleidiger Ton. Selbst in den düstersten Abschnitten dominiert eine lakonische Abgebrühtheit, die mit Gejammer nichts zu tun haben will – lieber unternimmt der Ton stattdessen Ausflüge ins Schwärmerische. Die Coolness einerseits, die Hingabe an den wilden Sog andererseits: auch darin findet sich wieder der Jazz. Der Verlag und diverse Buchbesprechungen ordnen diesen Ton ein, indem sie als Orientierungsgröße den Namen Coltrane fallen lassen, und was die Struktur des Romans anbelangt,  lassen sich sicher Vergleiche zu Coltrane-Stücken ziehen. Von mir aus. Genauso hätte man beliebig Monk oder Davis nennen können, aber Mujila selbst liebt eben zufällig das Saxophon. Die Energie allerdings, die in dem ganzen steckt, dieser saftige, ausdauernde Lebensübermut mit seiner abgründigen Wildheit – wenn das nicht Fela Kuti ist, dann weiß ich’s auch nicht: Im Afrobeat vereinen sich Jazz, Funk, Ekstase, afrikanische Identität und eine politische Kampfhaltung, und all das ist in Tram 83 massiv hörbar.

Musikalische Querbezüge also erkennt man überall, aber auch an literarischen und politischen mangelt es nicht. In Luciens Theaterstück tritt Patrice Lumumba auf – Kämpfer für die Unabhängigkeit des Kongo und, nach dessen Loslösung von der belgischen Kolonialherrschaft, erster Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Der Sozialist Lumumba wurde zur Symbolfigur der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung und spätestens mit seiner Ermordung 1961 zu einer politischen Ikone. Könnte sein, dass der musikverrückte Mujila die zweitwichtigste Figur seines Romans eingedenk eines Stückes benannt hat, das Paul Dessau 1963 komponierte: Requiem für Lumumba. Das Theaterstück jedenfalls, das mag auf Aimé Césaire verweisen, Mitbegründer der Négritude-Strömung, einer frankophonen, philosophisch-politischen Bewegung, die von den 1930er Jahren an Kolonialismuskritik übte und eine eigenständige afrikanische Identität befördern wollte; 1966 veröffentlichte Césaire Im Kongo. Ein Stück über Patrice Lumumba. Mit alten Helden und alten Konzepten ist in Stadtland aber niemandem zu helfen, sie allein erreichen niemanden mehr, das hat Lucien nach seinem ersten Vortrag deutlich zu spüren bekommen. Der stolze Unabhängigkeitsgedanke von einst ist angesichts des zerrütteten Zustands der Demokratischen Republik Kongo, der Ausbeutung der Bodenschätze bei gleichzeitiger Verarmung der Bevölkerung, langwieriger bewaffneter Konflikte und schwerster Menschenrechtsverletzungen zur Absurdität verkommen. Mujila vermittelt das beiläufig, aber prägnant in der Szene, in der Lucien den Minenbanditen in die Finger gerät. Die bringen ihn nur deswegen nicht gleich aus Spaß um, weil sie bei der örtlichen Polizeistation ein Päckchen Zigaretten als Belohnung für die Überstellung eines Diebes einstreichen können. Zuvor aber quälen sie ihn dann doch mit Schlägen und Demütigungen. Lucien erwartet schon das Schlimmste: Sie kamen näher, zogen ihre Dolche, Messer, Bajonette, Steinschleudern, Schraubenzieher. Er machte sich in die Hose. Stattdessen muss er sich nackt ausziehen und einen Text aufsagen: Die Hunde kicherten. -„Bitte…“ – „Sag Herrn Seguins Ziege auf.“ Er sagte die erste Hälfte von Herrn Seguins Ziege auf. Sie brachen in schallendes Gelächter aus. Im französischsprachigen Raum sind die Briefe aus meiner Mühle, eine Sammlung von Erzählungen Alphonse Daudets, in der sich auch Die Ziege des Herrn Seguin findet, sehr populär. In dieser Lehrgeschichte kümmert sich Herr Seguin geradezu liebevoll um seine Ziege, die verschmäht aber ihre sichere Hege und büxt lieber aus, in die Freiheit, ins nahe Gebirge, genießt einen Tag lang ihre Ungebundenheit, bis dann am Abend der Wolf vor ihr steht, dem das harmlose Nutztier nichts entgegenzusetzen hat, und sie frisst. So viel zur Romantik der Unabhängigkeit. Während Luciens Textauszüge seinem lokalen Publikum nicht gefallen, weil sie dessen Lebensrealität nicht berühren, ist sein Theaterstück für seine Interessenten in Europa wiederum zu kompliziert. Der Freund aus Paris, Porte de Clignancourt, gibt ab und an per Telefon Anweisungen zur Überarbeitung des Manuskriptes durch. Erst soll Lucien seine zwanzig Figuren auf die Hälfte reduzieren, dann auf eine Handvoll – am Ende bleibt von Luciens ursprünglichem Stück nichts übrig. In den wohlständigen Industrienationen hat man eben keine Lust, afrikanische Themen in ihrer Komplexität wahrzunehmen, und besteht auf einer vereinfachenden Sichtweise, gleichwohl diese nicht funktioniert. Damit teilt Lucien als kleiner Autor das große Dilemma vieler afrikanischer Staaten: Eine Anbiederung an die internationalen Wirtschaftsmächte bringt nichts Produktives hervor, eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln führt aber auch zu nichts.

Dass Luciens Texte am Ende doch noch zünden, liegt daran, dass er sie gemeinsam mit der Diva zu etwas Neuem verarbeitet. Dadurch vollzieht er seine eigene Loslösung von seiner Fixierung auf die Historie, die Theorie und die fernen Industrieländer und bindet sich selbst in den Kontext der Gegenwart, der Gemeinschaft unmittelbar um ihn herum ein. Und während die ewigen Verbindungen von Geld und Fleisch, die auf den Unisex-Toiletten des Tram stattfinden, nur ewig neues Elend zeugen, bringt die Verbindung von Gesang und Text, diese Verschmelzung von Gefühl und Begriff, die von der Bühne aus auf das ganze Tram übergreift, einen wahrhaftigen Traum hervor – wenigstens einen ganzen Abend lang.


>>Fiston Mwanza Mujila, Tram 83 (Zsolnay), €20,00; aus dem Französischen übersetzten Katharina Meyer und Lena Müller mit viel Rhythmusgespür und Mut zur sprachlichen Lebendigkeit


Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.

SPRACHMUSIK // „I speak that acient tounge / There lies a language in the noise and the hum“*

So mit vierzehn, fünfzehn ließ ich, wie sich das damals gehörte, unter anderem natürlich Rage Against the Machine, House of Pain, Wu-Tang Clan, Tool, Nine Inch Nails, The Prodigy und Tricky aus meinem Kinderzimmer dröhnen, bis der Rest der Familie das Jaulen kriegte. Höre ich gedanklich zurück, vermischen sich diese jeweiligen Klangrichtungen zu einer einzigen Industrial-Rap-Elektro-TripHop-Wall of Sound. Derartig konditioniert, komme ich nicht umhin, Dälek, die genau so klingen, eben großartig zu finden – obwohl inzwischen deutlich über vierzehn, und nach wie vor im Grunde ahnungslos im Sektor Hip Hop. Während der Nullerjahre hat das mal Trio, mal Duo aus New Jersey fünf Alben rausgehauen, darunter ein Gemeinschaftsalbum mit den Hamburger Krautrockern Faust -wie auch immer diese Verbindung zustande gekommen sein mag -, außerdem eine Handvoll weiterer Kollaborationen nebenher betrieben, etwa mit den Elektrokrachkombos Techno Animal und Kid606; dazu tourten sie nebenher als Support für die Melvins und die Post-Metaller ISIS. Vom hypnotischen, zehnminütigen Kopfnicker-Stück bis zum Noise-Ragnarök gibt das Dälek-Spektrum eigentlich alles her. Nach längerer Pause war 2016 mit Asphalt for Eden (Profound Lore Rec.) auch endlich wieder ein neues Album drin. (*From Mole Hills)

Young Fathers könnten nun, obwohl sich ihr 2015er Album White Men Are Black Men Too (Big Dada Rec.) noch längst nicht ausgelutscht anhört, eigentlich auch mal was nachlegen. Das Schotten-Trio entzieht sich mit seiner Vielseitigkeit so gewollt wie gekonnt einer entschiedenen Einordnung in die Hip Hop-Sparte, hat dort jedoch seine Wurzeln und kommt gern auf sie zurück. Im Ganzen aber ist das mehr als bloß Soul hier, Hip Hop zwischendurch und Indiepop da, sondern eine quecksilbrige Legierung diverser urbaner Stile, aus denen ihr archaischter gemeinsamer Nenner hervorgegraben wird: Trommeln, Beschwörungsformeln, Trance.

SPRACHMUSIK // London Speaking

Da hat nun ein Musiker den Literaturnobelpreis erhalten, und irgendwie kann man sich immer noch nicht recht einigen, wie man das finden soll. Mich zumindest interessiert dieser Preis nicht ausreichend, um in aller Breite über das Für und Wider dieser Vergabe mitzudiskutieren. Mich interessieren Texte, und je vielfältiger die Erscheinungsformen von Text sind, desto besser. Den Einordnungsfeldern schadet es dabei nicht, wenn zwischen ihnen rege Osmose stattfindet – im Gegenteil.

Lyrik, Hip Hop, Spoken Word, Predigt: Sprache und Rhythmus. Kate Tempest kann das mit oder ohne Buchdeckel, Kojey Radical auch ohne Beatbox, Bitches und Bling Bling.

GLOBAL THINKING // Nir Baram, Weltschatten

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Als Israeli im Allgemeinen und als Sprössling einer israelischen Politikerfamilie im Besonderen kommt man wohl nicht umhin, die Themen Gesellschaft und  Politik irgendwie sehr persönlich zu nehmen. Nir Baram, dessen Vater und Großvater beide in der Arbeitspartei, beide Minister unter Rabin waren, hat sich der linkspolitischen Familienlinie als Autor, Herausgeber, Journalist und Aktivist verschrieben und sich in seiner Heimat als Gesellschaftskritiker profiliert. Baram setzt sich umtriebig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein, lehnt dabei die Zwei-Staaten-Lösung ab und fordert stattdessen das Ende der Segregation, gemeinsamen Alltag, gemeinsame Schulen, gleiche Bürgerrechte für beide Seiten. (Anfang des Jahres erschien bei Hanser unter dem Titel Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete eine Sammlung von Reportagen, in denen Baram von seinen Besuchen und Gesprächen jenseits der Grünen Linie berichtet.) In seinem fünften Roman widmet sich Baram nun dem Thema Globalisierung und zieht dafür ein ganz ähnliches Betrachtungsmuster heran, wie es auch seinen Beiträgen zur israelisch-palästinensischen Frage zugrunde liegt: Solange die Mächtigen den Unterdrückten das Recht auf Beteiligung verweigern, verstärkt sich der Strudel aus schwelenden und offenen Konflikten immer weiter, bis am Ende die Mächtigen selbst davon erfasst und zerstört werden. Aus dem Weltschatten entspringt hier eine Flamme des Aufstands, die den Globus in Brand setzt – wer sich nun aufgerufen fühlt, kann direkt Die Internationale vor sich hin schmettern, in der es heißt: Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Beinahe schade, dass es bei Buchkauf kein rotes Fähnchen gratis gab. Aber ist Weltschatten denn wirklich ein kämpferischer Roman?

Drei verschiedene Ebenen, die sich selbst als geschlossene Sphären verstehen und doch unmittelbar miteinander korrelieren, lässt Baram in Weltschatten kollidieren: Es sind erstens die Strippenzieher, zweitens die Profiteure, drittens die Verlierer der Globalisierung. Jedem dieser drei Lager ist eine eigene bestimmte Erzählperspektive zugeordnet. Das erleichtert der Leserschaft die Orientierung im Figuren- und Ereignisspektrum; gleichzeitig erzählt bereits die gewählte Perspektive etwas über den jeweiligen Grundcharakter der Gruppen.

Als Weltlenker treten die Mitglieder einer Consulting-Firma auf, die den Mächtigen zu gewünschten Erfolgen verhilft. MSV – Mayo, Steinbeck, Vanderslice, so die Namen der Gründungspartner – erarbeitet und führt Kampagnen für Präsidenten und solche, die es werden wollen, für Mega-Konzerne und mitunter für ganze Staaten. Die erfahrenen Campaigner liefern maßgeschneiderte Image-Lösungen und bilden darüber hinaus einen einzigartigen Kontakt-Knotenpunkt zwischen Medien, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Finanzwelt. Wer so erfolgreich darin ist, die öffentliche Wahrnehmung zu analysieren und zu steuern, dessen eigener Ruf ist freilich lupenrein: MSV pflegt eine Außendarstellung, die den Beraterstab ins Licht der guten Sache stellt, seine Mitglieder gar zu Fackelträgern demokratischer Werte stilisiert. Das MSV-Grundlagenpapier betont, man vertrete nur Klienten, deren Werteverständnis mit dem der Firma übereinstimme, was bedeutet: Nicht für aufsteigende Diktatoren, sondern für Hoffnungsträger, die für eine gerechte und freiheitliche Grundordnung stehen, setzt man sich laut Eigenbekunden ein. Diese Schicht am oberen Ende der Machtskala, bevölkert mit Entscheidungsträgern, die globales Gewicht besitzen, ist ein enger und wirkungsvoll abgeschirmter Raum, zu dem man sich von unten her nur schwer Zugang verschaffen kann. Baram beleuchtet ihn daher von innen und zeichnet die Abgeschlossenheit dieses Zirkels nach, indem er die Ereignisse auf MSV-Ebene in Form eines E-Mail-Verkehrs zwischen den Beratern erzählt, der private und politische Konstellationen, Firmenstrategien und globale Verflechtungen offenlegt. Zunächst zwischen den Zeilen, nach und nach dann auch direkter, liest man aus diesen Nachrichten heraus, dass die Verantwortlichen von MSV sich im Verlauf ihrer glanzvollen Karrieren nicht nur um linke Politik, sondern auch um ein paar schwerwiegende linke Dinger gekümmert haben. Zwar wird den einzelnen Beratern durchaus ein idealistischer Grundantrieb zugestanden, von dem sie sich während ihrer geschäftlichen Praxis jedoch schleichend entfremdet haben, der gute Zweck heiligt mitunter die schlechtesten Mittel, und so verkommen die hehren Ziele des MSV zum Mäntelchen, das allerlei verdorbene Geschäfte verdeckt. Was würde man auch sonst über mächtige Saubermänner zu lesen erwarten, als dass ihre Hände mächtig schmutzig sind? So weit, so na gut.

In der Allerweltszone zwischen den großen einzelnen Entscheidern und der großen Masse der Machtlosen, im Finanzwirtschaftssektor des kleinen Israel, bewegt sich Gavriel Manzur, über den ein auktorialer Erzähler in nüchternem Ton berichtet. Als sich in den Achtzigerjahren zunehmend ausländische Investoren an Israel heranwagen, um sich neue Märkte zu erschließen, kommt auch der jüdische New Yorker Geschäftsmann Michael Brookman auf den noch jungen Gavriel zu: Man müsse sich gemeinsam dafür einsetzen, den Zusammenhalt des amerikanischen und israelischen Judentums zu stärken. So beginnt Gavriel, in Israel eine Stiftung aufzubauen, die den jüdisch-kulturellen Austausch zwischen den Ländern fördern soll, wofür Michael zu Beginn die finanziellen Mittel stellt. Dass diese Stiftung in erster Linie dazu dient, die US-amerikanische Wirtschaft auf israelischem Boden zu verwurzeln, ist offensichtlich – für den naiven Gavriel allerdings wird der rein ökonomische Zweck seiner Unternehmung erst deutlich, als bei einem der ersten transkontinentalen Treffen nur über die Interessen von US-Exporteuren, insbesondere der Obstbauern, und die zu hohen israelischen Einfuhrzölle, insbesondere für Äpfel, gesprochen wird. Nachdem hier für Gavriel sprichwörtlich der Apfel der Erkenntnis gefallen ist, entwickelt er sich in den Folgejahren zu einem geschickten Vermittler für US-Wirtschaftsinteressen, steigt, als Günstling Michaels, schnell in die höheren gesellschaftlichen Kreise Israels auf, wodurch seine Stiftung floriert und bald auch in großem Stil über Geldmittel verfügt. Beträchtliche Summen daraus fließen wiederum in Michaels Unternehmungen in aller Welt. Dass er sich somit daran beteiligt, leichtfertig mit Millionensummen zu spekulieren, geht bei Gavriel nicht einmal auf Größenwahn zurück, eher weiß er einfach nie so recht, was er eigentlich tut und eigentlich will – ein Mangel, der ihm selbst durchaus bewusst ist und den er zu kompensieren versucht, indem er sich allzu bereitwillig von anderen leiten lässt. Gavriel ist ein Opportunist aus Mangel an eigenem Können; was er verkörpert, ist die Banalität des Skrupellosen. Privat bleibt Gavriel ein fader Charakter, man lobt ihn stets als guten Zuhörer, nie als mutigen Macher, er heiratet eine anständige Frau und tut sich nicht sonderlich als Mitgestalter dieser Ehe hervor, er trifft Geschäftspartner, aber keine Freunde, denn es gibt keine, er verfolgt Projekte, aber keine wirklich eigenen Interessen. Ein erfolgreicher, und doch so langweiliger Mensch – dass sich die Kapitel über Gavriel Manzur ohne viel Drall voran schleppen, mag sogar erzählerisch beabsichtigt sein. Schwierig nur, Interesse für einen Charakter zu entwickeln, an dem selbst der Autor anscheinend keinen Spaß hat. Er wahrt einen distanzierten Blick auf ihn, und er gönnt Gavriel, dem Gewinnler ohne eigene Ideen und Ideale, keine Größe. Umso mehr gönnt er ihm dafür die große Katastrophe zum Schluss. Das ist nachvollziehbar, verliert durch seine Plakativität aber an Reiz.

Schließlich der Blick nach unten: Im gegenwärtigen Liverpool, seit dem Niedergang seiner Schwerindustrie und Hafenwirtschaft eine der zehn ärmsten Städte Großbritanniens, entwickelt eine Clique aus orientierungslosen Unterschichtskids die Idee von einem weltweiten Protest – wogegen genau, das können sie selbst kaum definieren, mit Sicherheit allerdings gegen ihre eigene lausige Lebensrealität. Hier erzählt ein Ich, ein Wir – eine Stimme, die anonym bleibt und dadurch für alle spricht, für die Liverpooler Gruppe, für die, die sich ihr später anschließen werden, am Ende auch für die Toten des großen Aufstands; im Roman ist es die einzige Stimme einer restlosen Identifizierung mit einer Sache, einer Gemeinschaft. Die Ausreißer, die ihr Headquarter mal im schimmligen Hinterraum einer Schlachterei, mal in einer leeren Garage aufstellen, haben anfangs keinen Plan, aber eine Menge Wut, und sie haben Facebook. Was mit kleinen Sachbeschädigungen eines Einzeltrupps beginnt, nimmt bald die Form einer globalen Bewegung an, als mit Julian eine ehrgeizige kleine Assange-Figur das Ruder an sich reißt, der Gruppe eine Struktur, einen Fokus, eine Onlinepräsenz gibt und ein Ziel feststeckt: 11.11., eine Milliarde Streikende. Plötzlich folgen ihnen zigtausende Anhänger im Internet, gründen sich auf allen Kontinenten Mitstreitergruppen, die mit ihnen an diesem Datum den Totalkollaps der globalen Ordnung herbeiführen wollen. Baram baut das Liverpooler Kollektiv um Julian zu einem MSV-Gegenstück auf: Auch die Aktivisten der Verzweiflung erweisen sich als gute Campaigner für die eigene Sache, lernen, wie sich mediale Ströme beeinflussen lassen, professionalisieren ihr Informationsmanagement, bauen Netzwerke auf und erarbeiten gemeinsame Strategien; ebenso treten, parallel zum MSV, bei den Aufständlern interne Konflikte auf, wird die Integritätsfrage immer häufiger gestellt, was sich bis zur Paranoia steigert. Die Bewegung im Ganzen entwickelt sich unterdessen zu einem kaum noch steuerbaren Flächenbrand. In Vorbereitung auf den 11.11. werden von allen Gruppen Manöver durchgeführt, die einen Vorgeschmack auf die Wucht des kommenden Untergangs liefern sollen; der Ursprungszelle sind längst die Kontrolle und die Übersicht über diese Zerstörungsaktionen entglitten. Gemeinsamer Nenner bleibt, dass diese sich nicht etwa gegen die gewohnten Ziele von Globalisierungsgegnern richten, sondern diesmal gegen Kunstgüter und kulturelle Einrichtungen – erst hier wird der Roman endlich einmal wirklich böse:

Nicht Banken, Konzerne oder Regierungen waren unser erstes Ziel […]. Wir wollten den Gleichmut der westlichen Kultur erschüttern, die abgeklärte Gelassenheit aller Liebhaber der Kultur […] und an erster Stelle derjenigen, die arbeiteten, um ihre persönlichen Ziele voranzutreiben, und gleichzeitig die Illusion pflegten, diese Welt, so wie sie ist, könne ungestört funktionieren, während andere untergepflügt werden. Wir wollten diese ehrbaren Institutionen erschüttern, in ihren alten, prächtigen Gebäuden mit den ziselierten Säulen, den hohen Decken und Kronleuchtern […] und Cocktailempfängen zu Ehren irgendeines Künstlers, der es wagte, das Selbstverständliche auszusprechen, oder eines Autors, der Kritik am Kapitalismus oder am Kolonialismus oder an irgendwelchen bescheuerten Fernsehshows geübt hatte. Wir wollten die Seelenruhe dieser Heuchler stören, die in ihren gediegenen Altbauwohnungen leben und mit Taschen voller Geld auf Demonstrationen gegen die Banken gehen, die mit Kulturgütern spekulieren und gleichzeitig die Illusion einer Vielfalt bedienen: Sicher gibt es Millionen, die nichts haben, aber es gibt auch eine Gegenkultur der Schönheit und Katharsis, vielleicht ändern wir diese Welt noch, vielleicht engagieren wir uns noch mal, um der Labour Party zu helfen oder der SPD in Deutschland oder den Sozialisten in Spanien […]. Gar nicht zu reden von den […] Petitionen und Protesten dieser Heuchler, die ihre Arbeiten an Diamanten- oder Sklavenhändler verschachern, welche sich mit den erworbenen Kunstwerken den Dreck und das Blut aus der Fresse wischen […]. Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen, keine Katharsis, während Milliarden von Menschen nicht wissen, wovon sie im nächsten Monat oder am nächsten Tag leben sollen, und es darf auch kein Gequatsche über Gleichheit und Sozialismus geben auf Veranstaltungen für Privilegierte […]. Wir wollten, dass sie den Abgrund zu sehen bekommen, genau so, wie wir ihn täglich sehen, nicht den Marmorboden, auf dem sie im Theaterfoyer stehen, […] anstelle der Institutionen, die sie kannten, würden zerstörte, ausgebrannte Gebäude aufragen, würde es nichts mehr geben, an das man sich klammern konnte, genau so, wie wir nichts hatten, was uns Halt gab.

Nichts darf einen höheren Wert besitzen als ein menschliches Leben. Und alles, was jenes Werteverständnis zuungunsten des menschlichen Lebens verzerrt, verdient es unterzugehen – auch Kultur, wenn sie nur noch als Geldanlage dient, oder als Alibi für die Privilegierten, um sich nicht direkt, also: aktiv, ungefiltert und ohne künstlichen Sicherheitsabstand, mit dem übrigen Leben, mit den übrigen Menschen beschäftigen zu müssen. Da ich dieser Logik durchaus etwas abgewinnen kann, müsste ich nun konsequenterweise und mit sofortiger Wirkung das Bloggen einstellen. Ebenso hätte Baram, dessen Schreibe merklich an Fahrt wie an Empathie gewinnt, als er sich mit den verwahrlosten, hoffnungslosen Jugendlichen und den Zielen ihres Furors befasst, und der wiederum selbst zur Kategorie gefeierter Autor, der Kritik am Kapitalismus übt gehört, an dieser Stelle augenblicklich der Stift aus der Hand fallen müssen, bzw. das Notebook, das übrigens vielleicht so eins mit einem kleinen Apfel drauf sein könnte, um erneut auf dieses Erkenntnisobst zurück zu kommen. Offensichtlich blogge ich immer noch, tippe dieses selbstgefällige Zeug hier, während ein IKEA-Buchregal mit viel nichtssagendem Inhalt und ein Obstkorb in meinem Blickfeld liegen, und kann dafür nur ein Argument vorbringen: Je radikaler eine Ansicht, eine Parole, eine Ideologie ist, umso größer ist ihre Verführungskraft – und umso aufmerksamer wiederum gilt es daher, ihr zu misstrauen, bevor man ihr vielleicht nachrennt. Auch Weltschatten findet dort, wo es unsere teuerste wie unsere billigste Kulturschafferei den Aufständischen als ihren rechtmäßigen Fraß vorwirft, noch nicht seinen Schlusspunkt. Baram ist mit seiner Liverpooler Zelle noch nicht fertig, sondern lässt sie erst einmal in ihrer plötzlichen Berühmtheit und Bedeutsamkeit schmoren, lässt es dann so richtig brennen, um am Ende in der Asche danach zu graben, was sich nach der ganzen Geschichte wohl als reell Widerständiges bewähren könnte. Viele der Widersprüchlichkeiten, die Baram dabei aufwirft, sind von stichelndem Charakter, wie zum Beispiel der Umstand, dass Julian ausgerechnet zu einem abtrünnigen MSV-Mitarbeiter Kontakt pflegt – gemessen an der geringen Tragweite wie der übertriebenen Symbolik dieser Verbindung eher ein überflüssiges dramaturgisches Gimmick. Ganz entscheidend dagegen ist die Frage, was eigentlich kommen soll, sobald das Alte in Ruinen liegen wird: Diese Gruppe katalysiert die destruktive Energie der halben Erdbevölkerung, aber eine Utopie für den Tag nach dem 11.11. kennt sie nicht.

Den Gedankengängen Barams merkt man an, dass er gewohnt ist, sich mit verstrickten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu befassen. Der Handlungsbogen ist hübsch ordentlich aufgebaut, da wackelt nichts. Baram verknüpft die verschiedenen Ebenen sorgfältig miteinander, verheddert sich dabei nie, greift dafür höchstens auf allzu einschlägige Beispiele für schmutzige Globalisierungseffekte zurück, wie etwa die Verwicklungen der Industrienationen in Waffengeschäfte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Charaktere dagegen hat Baram ein nur mäßig gutes Händchen. Er bricht den Komplex Globalisierung auf seine kleinsten Elemente herunter, auf menschliche Einzelschicksale also; gerade diese wirken allerdings oft, als seien sie eher einem Musterkatalog als der eigenen Vorstellung des Autoren entsprungen, die Figuren sind allzu sehr Standardbesetzung für die ihnen zugewiesenen Rollen, und darin besteht denn auch das leichte Humpeln des Romans. Denkwürdiger als die Einzelfiguren selbst ist die zwingende Dynamik, die sie in bestimmte Positionen treibt. Aus ihrer Konstellation im Roman lässt sich, grob formuliert, diese Prognose für die Realität ziehen:

Die Einen haben uns nichts zu bieten außer einer Illusion und einer Aufrechterhaltung der kranken Ordnung. Die Anderen haben uns nichts zu bieten außer einer Gegenillusion und einer gewaltigen Betriebsstörung der kranken Ordnung. Geliefert sind wir alle, denn wie eine gesunde Ordnung überhaupt aussehen sollte, geschweige denn, wie eine solche Ordnung real funktionieren könnte, fällt einfach niemandem von uns ein.

Wir brauchen ganz neue Fähnchen, dringend.


>>Nir Baram, Weltschatten (Hanser), gebunden, €26,-