VERGANGENWELT > Steinbeck zu, Steinbeck auf

Früher gab es Amerika. Das ist eine Weile her, ich war noch in der Schule. Für meine Eltern, meine fast-pensionierten Lehrer und das Fernsehen – allesamt Zöglinge des Kalten Kriegs – war dieses Amerika der Fixstern in dunkler Nacht. Klingt blumig, war aber poesiebefreiter Polit-Kurs. Amerika bedeutete Freiheit, alles übrige bedeutete anrollende Panzer. Dabei hatte ich diese Panzer-Angst, anders als vorige Generationen, gar nicht im Leib, und doch war auch meine unbewusste Amerika-Bindung absolut, quasi naturgegeben, quasi als wäre ich selbst irgendwie ein kleines bisschen Amerikanerin – das nennt man Prägung, und wenn man kritisch ist, nennt man es Gehirnwäsche, männerklärten mir die Jungs vom Politik-LK. Den Begriff Amerika verwendete man synonym für USA, (Wilder) Westen, Beverly Hills 90210, Demokratie, freiheitliche Gesellschaft, Weltspitze, Utopia, Bill Clinton, militärische Dominanz, Fast Food und Fast-Kultur. Jenes Amerika war seine eigene Showbühne und kam in den unterschiedlichsten, jedoch stets selbsterklärenden Kostümen daher. Es bewegte sich trittsicher im Semiotischen Dreieck. Alle glaubten mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit zu wissen, was ein „echter amerikanischer Patriot“, ein „typischer amerikanischer Arbeiter“, ein „All American Girl“, die „amerikanische Jugend“ oder der „American Way of Life“ sein sollten, und diese Konstrukte sind so mächtig, dass sie nie von der vielschichtigen Realität zerstört wurden, sondern über ihr stehen. Vielmehr orientiert und misst sich die Realität sogar an ihnen, was eine Art Rückkopplungsschleife erzeugt: Der Glaube, alle AmerikanerInnen besäßen eigene Waffen, bewirkt, dass sich viele AmerikanerInnen eigene Waffen zulegen. Der Glaube, alle AmerikanerInnen könnten sich selbstverständlich kein Leben ohne eigenes Auto vorstellen, bewirkt, dass sich viele AmerikanerInnen kein Leben ohne eigenes Auto vorstellen können. Etc. Auch bewirkt der Glaube, alle AmerikanerInnen seien locker und unternehmungslustig, dass man als AusländerIn in Amerika überall diese Lockerheit und Unternehmungslust beobachtet, und der Glaube, alle AmerikanerInnen seien sportbegeistert, bewirkt, dass man die Sportbegeisterten in besonderem Maße wahrnimmt, etc. Jedenfalls – man hätte sich denken können, dass eine Gesellschaft, die mit einer solchen Vehemenz jene vereinfachenden, glorifizierenden Konstrukte wiederkäut, in der Realität eine umso diversere Gesellschaft sein muss, wo der breiten Masse kein einheitlich-einfacher Lebensalltag, geschweige denn Glanz und Gloria beschieden sind, und sicher tat man das auch, doch um in der Englisch-Klausur seine 15 Punkte zu kassieren, leierte man natürlich bloß das Amerikanische Gebet herunter, „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“, und fertig.
Früher also gab es einmal Amerika. Es war gemacht aus Öl und Film, Rock’n Roll und Raumfahrt, Touchdowns, Canyons, Valleys, Airlines und Autos, Tellerwäschern und Millionären, Coke, Doughnuts, Santa Claus, Bankern, Hippies, Kennedys, Backstreet Boys, Gershwin, Army, Navy, FBI, CIA, NY, LA, Rot, Weiß und Blau und unaussprechlich vielen Dingen, die mir augenblicklich vor Augen stehen; auch, und nicht zuletzt, stapelweise Steinbeck-Romane.
Wenn ich nun „Amerika“ denke, bleibt die gesammelte US-Klassik zwar mitgedacht. Nur denke ich heute kaum noch ganzheitlich: „Amerika“. Ich denke viel häufiger „Teile der USA“, „Phasen der USA“, und meine damit ein jeweils spezifisch anmutendes Amerika, das 9/11-Amerika, das Obama-Amerika, das Wirtschaftskrise-Amerika, das Trump-Amerika, das Bibel-Amerika, das Metropol-Amerika, das südliche…
Oder das Literarische-Folklore-Amerika.

Stichwort Bücher: Kennen Sie – entschuldigen Sie diese umständlichen Einschübe immer, aber kennen Sie das, wenn ein Buch Ihnen die Tür öffnet? Oft tun Bücher das ja nicht, so geht’s mir dabei jedenfalls, meist bleibt ein Buch ein nicht begehbarer Raum für mich, ich gucke von draußen zu, was darin passiert, welche Leute, Dinge, Stimmungen in dieser durchsichtigen, aber geschlossenen Kapsel einander umwirbeln, und ich denke mir meinen Teil dabei, so als Beobachterin. Ich trete nicht ein. Mit Malerei verhält es sich ähnlich: Da sind viele Bilder, die ich gerne betrachte, sehr viele, aber nur die wenigsten betrete ich.
Es ist mühsam zu erklären, was genau dieses Betreten meint. Am ehesten lässt es sich vielleicht so schildern: Aus einem Buch oder Bild heraus ruft es nach Ihnen, und Sie gehen dem ohne zu zögern nach, denn es ruft wie etwas Vertrautes, und überall darin empfinden Sie, dass sich Ihre seelischen Verhältnisse glatt einfügen in das, was Sie da betreten haben, Sie können sogar alles anfassen, alles riechen, und Sie staunen nicht einmal darüber, es ist wie selbstverständlich.
Interessant ist, wie vollkommen unabhängig vom jeweiligen Inhalt das geschieht: Ich war nie am Mississippi, erst recht nicht um 1840 herum, das macht gar nichts, Huckleberry Finn war der erste Romanmensch, die mich an der Hand packte und zu sich hin zog, durch eine plötzlich geöffnete Tür ins Andere hinein, ich meine, ich las nicht bloß von seiner Floßfahrt, sondern lag selbst tagelang da, auf dem rauen Holz, schwankend, haltlos, trotzdem selig.
Ich hatte nie solchen Zutritt zum TKKG-Internat, zu Hogwarts und Mittelerde, nicht zum Zauberberg, nicht zum Dublin von Leopold Bloom und Stephen Dedalus, nicht zu Ulrichs und Agathes Wohnung in Kakanien. Aber ich wohnte in Krabats Mühle, auf John Kaltenbrunners Farm, in Rock Oldekops Heimatort; ich saß in Murphys Schaukelstuhl und neben Ernst Schnabel im Flugzeug; Julio Cortázars Rayuela-Paris war mir echter als das echte Paris; nach jedem Betreten von Cormac McCarthys neo-alttestamentlicher Westernwelt war ich halb verdurstet; auch Herta Müllers Häuser, Wohnungen, Arbeitsräume im zutiefst lebensfeindlichen Ceaușescu-Rumänien, wo ich kaum Luft bekam, öffneten mir stets sämtliche Türen, warum auch immer.
Solche Türen bleiben indessen nicht zwingend geöffnet. Es gibt Bücher, die ich, weil ich sie betreten habe, fortan wie Talismane mit mir herumschleppe, auf ewig, die überstehen jeden Umzug, und doch schließt sich mitunter einmal einer ihrer Zugänge. Ehe man sich’s versieht, passt man plötzlich nicht mehr durch. Warum auch immer.

In meiner Schulbibliothek damals stand meterweise John Steinbeck auf Englisch herum, in Klassensatzstärke, was andeutete, dass man im LK wohl nicht um den herumkäme. Ich deckte mich achselzuckend damit ein, Of Mice and Men, East of Eden, Cannery Row, The Grapes of Wrath, Tortilla Flat, verlor allerdings in Rekordzeit den Spaß an der Sache.
Einzig Cannery Row verfing bei mir, dafür umso gründlicher.
Ein Millieu-Roman, angesiedelt irgendwann in den 1920ern, im prekären Hafenviertel von Monterey: Doc, der zupackende, hilfsbereite Schöngeist und ewige Junggeselle, führt ein meeresbiologisches Institut im Ein-Mann-Betrieb und wohnt praktischerweise auch gleich im Labor. Macks Clique von abgerissenen Tagelöhnern plant, als Dank für allerlei Hilfe finanzieller und medizinischer Art, für den ehrbaren Doc eine Überraschungsparty zu schmeißen – was leider bös aus dem Ruder läuft. Ein zweiter Anlauf soll Wiedergutmachung leisten. Die Damen aus Doras Bordell helfen mit; Lee Chongs Lebensmittelladen liefert Deko und Getränke. Alle leben sie als Nachbarn auf der Küstenstraße und gleichen sich in ihrer Armut, Zähigkeit, sozialen Randlage.
Es war natürlich seine Warmherzigkeit, damit hatte Steinbeck mich, und dafür liebe ich ihn noch, all seinen Figuren ließ er sie angedeihen und ich fühlte mich wohlig inbegriffen. Ich wohnte also in Monterey, direkt am Hafen, in der Straße der Ölsardinen (so der deutschsprachige Titel), in diesem vergangenen, nostalgischen Bilderbuch-Amerika, ich wohnte in Docs Haus-und-Labor und jobbte bei Bedarf in einer der vielen Fabriken für Fischkonserven. Es war wundervoll. Kalifornien! Der Pazifik! Dieses lockere, gleichzeitig hartgesottene Leben, ach!
Was ein Kitsch!
Heute komme ich nicht mehr in die Cannery Row hinein. Die Grobheit der Dialoge und der Zustände sorgt zwar dafür, dass der Roman nicht ins Rührselige kippt, aber mit meinem jetzigen Gemüt sehe ich die ganze Ansammlung nostalgischen Plunders, die Romantisierung von Armut, Prostitution, Kleinkriminalität, die Verniedlichung von Suff. Was man Steinbeck gar nicht zum Vorwurf machen kann – er hat’s ehrlich gut gemeint. Außerdem war eine große Portion romantische Menschenfreundlichkeit mit Sicherheit etwas, was die Welt im Veröffentlichungsjahr 1945 dringend brauchen konnte.
Ich miste derzeit wieder einmal Bücher aus, aber von der Cannery Row trennen würde ich mich nie. Latentes Heimweh nach meiner abstrakten WG mit Doc. Und immer noch finde ich darin ja Tröstliches, Schlaues, Hübsches:

Als Doc auf der Universität Chikago [so steht’s in meiner deutschen Ausgabe von 1953] studierte, hatte er eine unglückliche Liebe, war außerdem überarbeitet und begab sich daher mit Stock und Rucksack auf Wanderung, lief endlose Wege durch Kentucky, North Carolina, Georgia bis Florida, traf Farmer, Fischer, Gebirgler und Sumpfbewohner, kurz: Menschen aller Art, und alle fragten ihn, warum er so durch die Gegend renne. Als wahrheitsliebender Jüngling erklärte er, er sei nervös und wolle gern das Land sehen, das Gras, die Bäume und Vögel, den Duft der Erde atmen und sich an der Landschaft ergötzen. Da ärgerten sich alle, weil er die Wahrheit sprach. Die einen schimpften, andere tappten sich mit dem Finger vor die Stirn, wieder andere kniffen ein Auge zu, als durchschauten sie ihn. Er wurde für einen Schwindler gehalten. Besorgt um seine Töchter, Schweine oder Hühner, wies ihm so mancher die Tür und riet ihm, sich nie wieder blicken zu lassen. Darauf gab der junge Doc der Wahrheit den Laufpaß und erzählte jedermann, der es wissen wollte, es handle sich um eine Wette: um hundert Dollar! Das glaubten ihm alle, und er war überall, wohin er noch kam, beliebt. Man lud ihn zum Abendbrot und zum Übernachten ein, setzte ihm morgens ein gutes Frühstück vor, wünschte ihm glückliche Reise und fand, er sei ein Prachtmensch. Noch immer liebte er die Wahrheit, aber sie war, das wußte er jetzt, als Geliebte gefährlich.

Während Steinbecks Ton in Die Straße der Ölsardinen erfolgreich die Waage hält zwischen pastoral und salopp, tönen die Früchte des Zorns vollends biblisch, was mich im ersten Lese-Anlauf, zu Englisch-LK-Zeiten, vollends abgeschreckt hatte. Zuletzt hatte ich den 500-Seiter vor gut drei Jahren in die Hand genommen, in der Erwartung kalten Kaffees, wollte ihn eigentlich nur aussortieren und blieb dann doch dran hängen: Da stand, warum auch immer, die Tür offen.
Oklahoma, 1930er Jahre: Während Farmersfamilien ohnehin nur kümmerlich von ihren Erträgen leben können, verwandelt eine Umweltkrise die Großen Ebenen zur Dust Bowl, Trockenheit und Bodenerosion verursachen vernichtende Staubstürme. Zudem verschärft die Weltwirtschaftskrise die finanzielle Not der Landbevölkerung. Pachtverträge zu erfüllen gestaltet sich für viele unmöglich, es folgt eine Enteignungswelle. Die Existenznot treibt Menschen aus Oklahoma und den angrenzenden Staaten, die der Großen Dürre ausgeliefert sind, in Scharen gen Westen, auf der Suche nach Unterkunft und Arbeit. Unter ihnen die Familie Joad, einfachste Bauern, anständige Leute – dass Sohn Tom gerade im Gefängnis war, ist eher den allgemeinen Umständen geschuldet, sicher nicht seinem Charakter, nein, oder höchstens ein bisschen. Nun, der Familie bleibt nichts als eine Handvoll Habseligkeiten – und (natürlich, der amerikanische Mythos schlechthin) ein Auto. Auf dem Treck, dem Sonnenuntergang entgegen, begleitet Steinbeck sie Woche um Woche, Monat um Monat. Tatsächlich war Steinbeck mit ganz ähnlichen Familien wie den Joads unterwegs auf dem Migrantentreck quer durch die USA, ein guter Teil des Romans hat lupenreinen Reportage-Charakter. Überall schimpft man über die „Okies“, auf offener Straße sind sie ungehemmter Feindlichkeit ausgesetzt, sie beziehen Dresche, sie leiden Hunger, es folgen schlimmere Dresche, schlimmerer Hunger, zunehmende Verzweiflung, Kranke, Tote, leidende Kinder. Als die Joads den Weg in ein Auffanglager finden, wo es Sanitäreinrichtungen und eine Gemeinschaftsküche gibt, schimmert kurzzeitig Hoffnung auf; Tochter Rose, gerade schwanger, bekäme medizinische Unterstützung. Aber auch dort ist kein Bleiben. Ein quälendes Jammertal, wirklich, es verkrampft einem die Seele beim Lesen.
Warum mir das vorher nicht sonderlich zugänglich gewesen war, liegt vielleicht am ehesten darin begründet, dass es hier keine Zentralfigur gibt, die mich Teenagerin hätte Huckepack nehmen können, sondern es ist ein Kollektiv, das da im Mittelpunkt des Erzählens steht: The Grapes of Wrath ist im wahrsten Sinne ein Familienroman. Die Nöte einer Schwangeren, die stumme Angst einer Mutter usw., mit 17 konnte ich mich nicht hineinfinden in dieses Zeug. Heutzutage möchte ich jeden einzelnen Joad umarmen, manchmal auch schütteln, je nachdem – wie das nun eben so ist mit Familienangehörigen.
Noch wichtiger ist die unerschöpfliche Thematik.
Nachdem die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts im Westen die Überwindung jener Zustände versprach, die seine erste Hälfte bestimmt hatten, hätte man sich beinahe einreden können, die Great Depression sei bloß noch eine Schauergeschichte aus der Historie, nichts weiter. Aber spätestens, als im Zuge der Wirtschaftskrise seit 2007 Bilder von amerikanischen Familien durch die Nachrichten kreisten, die ihre Häuser verloren hatten und nun in ihren Autos wohnten, aßen, schliefen, die keine Kranken-versicherung besaßen, von Ort zu Ort tingelten, sich an jeden Strohhalm klammerten, wurde deutlich, wie abrupt Systeme kippen und Notlagen ausbrechen können, auch im Westen.
Diese Bilder hatte ich ständig vor Augen, als ich den Roman dann doch las, und noch wuchtiger schoben sich die Bilder von den Trecks syrischer Familien in den Blick, die ohne Habe, ohne Schutz, ohne Hilfe nach Westen unterwegs waren und sind, immer nach Westen. Die Auffanglager. Der schäbige Umgang mit diesen Menschen.
Als die Jugoslawien-Kriege begannen, war ich klein, aber ich erinnere mich, dass wir auf einen Schlag viele Kinder in unsere Schulklasse bekamen, die „von da“ gekommen waren, in ähnlichen Trecks – wie sind wir damals mit ihnen umgegangen?
Die Joads wollen nach Kalifornien, hoffen, Arbeit in den Obstplantagen zu finden, wo viele der Vertriebenen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften, weil sie eben keine Wahl haben – in Spaniens Obst- und Gemüseindustrie arbeiten heute MigrantInnen, vorwiegend aus Afrika und auf der Suche nach Europa, unter vollkommen unwürdigen Bedingungen.
Sobald sich die „Okies“ organisieren, bessere Arbeits- und Unterkunftsbedingungen erstreiten wollen, kommen die Schlägertrupps, die Polizei, sofort geht es an die Ausrottung „kommunistischer Umtriebe“ – auch dieses Kommunismus-Geraune ist zurückgekehrt, wo unsere bestehenden Systeme doch vermehrt kritisch überdacht, an der Zukunft gemessen, gescholten werden, und Demagogen träumen längst wieder von Hexenjagden auf „die Roten“.
Die nicht vorhandenen Sozialsysteme, die Mechanismen des Wirtschaftssystems werden hier von Steinbeck klar als Ausdruck von Menschenverachtung benannt. Familie Joad schaut zu, wie in den kalifornischen Fruchtplantagen vor der Nase hungerkranker Menschen die Über-Ernte (tadelloses, gesundes Obst) vernichtet wird, um die Obstpreise stabil zu halten – Überproduktion, Verteilungsungerechtigkeit, auch das kennen wir.
Und in Zeiten der Klimakrise versteht man die geschilderten Dust-Bowl-Stürme, die Wüstenbildung infolge von Überbewirtschaftung plötzlich nicht mehr als einen Rückblick auf die primitiven Anfänge der Agrarindustrie, sondern als einen Ausblick auf unsere nahe Agrarzukunft.
Binnen der letzten zwei, drei Jahre jedenfalls hatte ich angesichts unterschiedlichster Nachrichtenlagen kein Buch so häufig im Sinn wie The Grapes of Wrath. Der biblische Ton, die Anklänge an die Große Dürre und den Exodus wirken nun, da die plastikbunten und bewusstlos-spaßigen Loveparade-Jahre lange hinter uns liegen und sich heute vieles um Bewusstwerdung dreht, nicht mehr so sehr aus der Zeit gefallen. Und die zentrale Diskussion von Nächstenliebe als Notwendigkeit des Menschlichen ist neuerlich drängend.
Mal sehen, was dieses Buch im Brexit-Europa, im Biden-Amerika und vielleicht ja einmal im Harris-Amerika so zu sagen haben wird.


>John Steinbeck, Die Straße der Ölsardinen (engl.: Cannery Row)
>John Steinbeck, Früchte des Zorns (engl: The Grapes of Wrath)


>Foto: Grebe

VERGANGENWELT > Should auld acquaintance be forgot?

Dieses Jahr (schon wieder dieser Texteinstieg) ist es 20 Jahre her, dass mein kleiner, provinzgymnasialer Englisch-LK, angeführt von meinem nun seit 19 Jahren pensionierten Tutor, eine Kursfahrt nach London unternahm. Dieses Mal nicht, wie bei Schulausflügen üblich, mit dem Tourbus des örtlichen Musikzugs und unserem Schulhausmeister (im Privatleben Musikzugsmitglied) als Fahrer, sondern mit modernem Reisebus. Mein Tutor hatte uns im selben Hotel eingebucht, wo er zuvor schon jeden anderen Englisch-LK untergebracht hatte, schaffte uns schlafwandlerisch dorthin und absolvierte in den folgenden Tagen, mit derselben Routine, das unveränderte, weil bewährte Programm aller zuvor schon absolvierten Kursfahrten. British Museum, Stadtführung, Hyde Park, Theaterbesuch, dazwischen festgelegte Zeiten für selbst organisierte Gruppenaktivitäten der SchülerInnen (Freizeit).
London gefiel mir wirklich: Liebe auf den ersten Blick. Es war das Licht, es war dieser Himmel. Ich wollte nie wieder weg. Es war die Art, wie die Kassiererinnen einen grüßten – wenn ich ihnen das Kleingeld passend gab, sagten sie „Lovely!“ („Luwwleh!“). Und wie die Leute, die man in der unruhigen Tube versehentlich anrempelte, von sich aus „Pardon me“ sagten, um den ganzen Vorgang völlig gleichgültig zu beenden. Es war der Singsang all dieser Stimmen. Die Geschäftigkeit, die so viel größer als in Hamburg oder Berlin war und mir doch so viel weniger kochend als hierzulande vorkam – nicht freundlicher natürlich, denn Großstadt ist per se nie freundlich, aber nüchterner, gedämpfter, beherrschter. Es waren die Ziegel der Häuser, die rußfarbenen Schattierungen im Gefieder der Tauben, das ölig-ruhige Fließen der Themse. Die bellenden und predigenden Schreihälse der Speaker’s Corner im Hyde Park. Das Miteinander von Schrulligkeit und Strenge, so eine durchaus hanseatische Städte-Eigenart. Es war – und das war schon immer das einzige, also entscheidende Kriterium für mich, um Leute einzuschätzen – dieses spezifische Spektrum von Lachen, was sich hier abzeichnete und von mir für angenehm befunden wurde. Ich beguckte mir London so verknallt, wie zuvor und danach eigentlich keine andere Stadt, höchstens Delft.
Am Abreisetag gab es noch etwas Freizeit; das große Gepäck war schon im Reisebus verstaut, an dem wir uns gegen Nachmittag zum verabredeten Zeitpunkt einfinden sollten. Drei Stunden vor Abfahrt wurde mir in der Tube, aus dem Rucksack heraus, mein Portmonee samt Personalausweis und Führerschein geklaut. Auch mein U-Bahn-Ticket war damit futsch, also musste ich zunächst über die Drehkreuze in der Oxford Circus Station klettern – meine Freundin, die mit mir unterwegs war, musste Schmiere stehen – und mich danach zur nächsten Wache des MPS durchfragen, das war die West End Central Police Station. Dort herrschte Vollbetrieb: Bunte Figuren wurden in verschiedene Räume begleitet, kreischende Damen, deren asiatische Reisegruppe von einem Taschendieb kollektiv beklaut worden war, belagerten die Anmeldung, unzählige Officers in diesen geschniegelten Uniformen bzw. Kostümchen, auf den Köpfen diese schwarzen Caps mit karierter Borte, düsten hin und her. Wir verbrachten ein bisschen Zeit in einem Befragungsraum – hier musste meine Freundin als Zeugin für meine Identität herhalten -, während ein ausgesucht höflicher, freundlicher, gut gelaunter Officer Formulare mit mir durchging und herumtelefonierte, um Ausweisersatzpapiere für mich fertigzustellen. Er bemühte sich, meinen Mädchennamen auszusprechen, entschuldigte sich, als es ihm auch im dritten Anlauf nicht recht gelang, mich korrekt und verständlich (mit diesem Zungenbrecher) anzureden, es sei ihm peinlich, nun: ob ich es ihm verzeihe, wenn er die Anrede auf Miss verkürze? Er erklärte mir dann, falls ich unerwartet, aber immerhin möglicherweise länger bleiben müsse, bekäme ich miesen Kaffee, aber gute Kekse und die schönste Arrestzelle Londons. Ich antwortete, mir gefiele die Vorstellung in London zu bleiben durchaus, und ich bedankte mich für seine Bemühungen. Der Officer rückte seine Brille zurecht, faltete seine Hände überm Gemütlichkeitsbäuchlein, sagte: selbstverständlich, und: sehr freundlich, Miss. Abschließend bekam ich einen förmlichen Schrieb mit vielen hübschen Stempeln. „If you get through with this, you owe me a drink. Eh, just kiddin‘! BTP [British Transport Police] guys will prefer to let you pass through, otherwise they’d have to look after you. Well, it’s been a pleasure to help you, Miss.“ Mein schöner Schrieb blieb aber unbegutachtet, bei unserer Abreise machte sich niemand am Fährterminal die Mühe einer Kontrolle.
Ich räume zur Zeit viel auf, und ich höre dabei viel Radio. Briten, Brexit, Barnier – irgendwann wird’s nach langen Jahren auch einmal wieder Radioprogramm ohne diesen Dreiklang geben. Seltsam, nicht? Beim Aufräumen also und unter leichtem Brexit-Weh ist mir dieses Papier wieder in die Finger gekommen. Mit meinem Mädchennamen drauf, du liebe Zeit, wie seltsam das heute zu lesen ist. Und mit Kursfahrt-Erinnerungen dran. Da war so ein Freizeit-Tag gewesen, an dem meine Freundin und ich mit der Tube einfach mal Richtungen abklapperten – mal hier aussteigen, mal da, verschiedene Stadtteile in den Zentral- und Randlagen erschnüffeln, stichprobenartig natürlich, viel zu groß diese Stadt, natürlich. Wunderbar. So viel Glanz und Schrott, so viele Menschen, so viel Ruhe und Krach, Rost, Farbe, Nippes, Kunst, Gerüche, Essen, Dreck, Enge, Futurismus, Nostalgie, Menschen, Industrie, Verkehr, Menschen, Technik, Edelholz, Backstein, Beton, Menschen, Filigranes, Grobes, Menschen, Bilderbuch-Kolorit, Spielfilm-Chic, Postkarten-Prunk, Menschen, ach! In meinem Kopf sieht London unverändert so aus, ist es noch immer dieses London, Oktober 2000, nichts zu machen. Ich war nur einmal dort. Heute ist dieses London in einigen Teilen verschwunden, im Gesamtbild verändert, denn 20 Jahre Immobilienboom, Stilwandel, Branchenumbrüche usw. gehen an keiner Stadt der Welt vorbei, ohne sie umzupflügen. Damals hätte ich mehr fotografieren müssen, es ist wirklich schade drum, und ich hätte ja wirklich mehr fotografieren wollen, nur, wissen Sie, leider war mein Farbfilm alle. There, there.


>Fotos: Grebe, 2000

VERGANGENWELT > Reisen, gestern und vorgestern

Dieses Jahr (und wenn Beiträge hiermit beginnen, folgt zunächst einmal Ermüdendes, Sie kennen das, ich auch, es tut mir leid) wurde in der weitgefächerten Berichterstattung über allerlei Pandemie-Begleiterscheinungen eine Personengruppe freilich nicht übergangen: mitteleuropäische Menschen, die unter Reise-Entzug litten. Keine Billigflieger und All-Inclusive-Angebote mehr, keine Übersee- und Städte-Trips, kein – na, usw.
Wie vielstimmig man insbesondere zur Sommerzeit über gestrichene Reisen jammerte, war für mich nur einer von vielen Augenöffnern, die mir 2020 beschert hat. Welche Vehemenz, mitunter auch Arroganz da den Ton bestimmte – man konnte glatt glauben, ein Leben ohne ein bis drei Urlaubsreisen pro Jahr sei kein menschenwürdiges.
Ich wäre zuvor nicht darauf gekommen, in welchem Ausmaß es offenbar ganz normal ist, regelmäßige Urlaubsflüge, Hotelaufenthalte, Wellness- oder Shopping-Wochenenden, Erlebnisreisen, na, usw., zu unternehmen; d.h. ich wäre zuvor nicht darauf gekommen, wie primitiv mein eigenes Urlaubsverhalten wohl zu nennen ist. Wenn man in Jahren, wo es zeitlich und finanziell mal möglich ist, die Familie für ein paar schöne Tage ins Mittelgebirge oder an die Nordsee karrt, z.B. um sich von einer OP zu erholen – auf welcher Stufe steht so etwas eigentlich in der Hierarchie unser aller Urlaube?

Was heutzutage so alles Urlaub ist, war bis ins vergangene Jahrhundert hinein freilich undenkbar. Es gab die Sommerfrische der Adligen. Kuraufenthalte. Die charakterförderliche Grand Tour für junge Herren von Welt. Die gutbürgerliche Bildungsreise. Massentourismus war kein Begriff; was ehedem Massen von Menschen dazu brachte, die weite Welt zu sehen, waren eher der Beruf oder die Not: kaufmännische Unternehmungen, Seefahrt, Wanderarbeit, Heer, Marine, Auswanderung.
Die Demokratisierung des Erholungs- oder Erlebnis-Urlaubs ist ja gar nicht so alt – und doch lässt sich bereits sagen, dass dieses Modell nicht eben in Würde altert: Auf die mitunter überdüngten Blüten, die unser Urlaub-für-alle getrieben hat, schaut man zunehmend kritisch. Nicht nur, dass der Ausstoß unserer Reise-Vehikel die Erderwärmung kräftig mitbefeuert. Es ist auch nicht falsch, sich angesichts offenbarer Übersättigungseffekte so einige Gedanken zu machen: Haben viele Gastgeber-Orte, obgleich sie davon leben, die Touristenschwemme samt deren lokalen Nebenwirkungen auf Natur, Immobilienmarkt etc. inzwischen nicht satt? Und gewinnt man nicht auch häufig den Eindruck, die Urlaubsgäste selbst hätten ihre überlaufenen Ferienorte bzw. den Wettbewerb ums avantgardistischste Urlaubsziel abseits uncool-überlaufener Ferienorte inzwischen ebenso satt?

Aus lauter Herbst-und-Wintermüdigkeit habe ich mich zwischendurch auf einen Reisebericht gestürzt, der nach Nordafrika führt. Lesend reisen, das funktioniert ja nach wie vor. Auf dem Papier stehen einem die unzugänglichsten oder unerschwinglichsten Reiseziele offen, noch dazu vermag man sich nicht bloß räumlich, sondern auch zeitlich in beliebige Richtungen zu bewegen.
Ich, Buchtouristin, wollte Ferne – im Sinne von Süden, und im Sinne von Abstand. Mal an was anderes denken. „Der Charme von Marokko“ lautet der ortsverliebte Titel der Reise-Eindrücke (der Verlag Kupido wählte hierfür den etwas deutlicher literarisch angehauchten Ausdruck „Travelogue“) der 22jährigen Sofia Yablonska: Die alleinreisende Ukrainerin zog es 1929 ins französische Protektorat Marokko, um dort für längere Zeit zu bleiben, ausgerüstet mit eigener Kamera, Schreibzeug und haufenweise Lebenslust. Nachdem sie im Paris der 20er eine Weile lang als Model selbst vor Kameras gestanden hatte, startete sie von Marseille aus ihre Überfahrt nach Nordafrika und erreichte schließlich Marrakesch, wo sie besondere Erlebnisse in episodischen Schilderungen niederschrieb und Menschen und Alltagsszenen fotografierte.
Diesen Fotografien gönnt der Verlag viel Platz, und sie schmücken das Buch ungemein, während die Textblöcke mit ihren dezent verzierten Kapitelüberschriften und ornamental gemusterte Trennblätter das ihrige zur hübschen Gesamtgestaltung beitragen. Dabei erscheint mir die elegante Optik fast zu gezügelt, denn inhaltlich und sprachlich sucht Yablonska stets das Euphorische, Überbordende, Romantische. Nein, um Sachlichkeit geht’s hier wenig. Das macht gleichermaßen den Reiz wie den Mangel dieser Texte aus. Einerseits sprüht aus ihnen die ansteckende Lebendigkeit ihrer Verfasserin, andererseits gerät der Schauplatz, dieses vergangene Marokko, das mir durch manche der Fotos näher kommt, insgesamt zu einer eher ins Märchenhafte entrückten Kulisse, deren historische Verlässlichkeit auf mich unklar wirkt. Zum Reise-Auftakt, in Marseille, beschreibt Yablonska bettelnde Kinder, nörgelnde Touristen und das eigene Reisefieber. Mit der Überfahrt kommt noch größerer Überschwang. Streunergänge durch die Altstadt, Marktszenen, Feuerschlucker, Schlangenfresser. Ein Kaid (ein maghrebinischer Würdenträger) lädt Yablonska zu Gesprächen in sein Haus ein, wodurch sie Einblicke ins privatere lokale Alltagsleben gewinnt. Anders als ihre männlichen Zeitgenossen darf sie sogar einen Harem betreten, der abgeschotteten Gruppe von Ehefrauen einen Besuch abstatten, um ein wenig zu plaudern. Mit Auto und Fahrer unternimmt sie eine Spritztour über die Protektoraktsgrenzen hinaus, wo die Araber und Berber ihre Gebiete verteidigen und das Auto schon bald durch einen Kugelhagel rast.
Menschen, Tiere, Sensationen. Nun mag sachliche Reportage das erklärte Nicht-Ziel Yablonskas gewesen sein und Abenteuerlichkeit eben der Kern ihrer 22jährigen Sehnsucht, warum auch nicht?
Und sonst so? Yablonska kritisiert offen die Arroganz ihrer französischen Kontakte gegenüber den Einheimischen, und sie lästert ausgiebig über die Herden von westlichen Bildungstouristen – sich selbst erhebt sie allzu großzügig über dieses Niveau und erliegt unterdessen einer Versuchung, wie es seither unter Generationen von Individualreisenden nach ihr vorgekommen ist: Aus lauter Liebe verklärt sie, die Auswärtige, ihren Reise-Ort, stellt das Erleben übers Hinterfragen, schmiegt sich unkritisch ans Fremdland an und tanzt ihm dabei doch manchmal mit ihren westlichen Marotten auf der Nase herum, sodass sie, unbedacht, ungewollt, die eine oder andere Unruhe stiftet.
Gemessen an den Maßstäben ihrer Zeit ist Yablonskas Reise natürlich etwas besonderes und mithin als geschichtlicher Splitter interessant. Eine junge Frau, deren Aktivitäten meinen sämtlichen Urgroßmüttern unfassbar fremdartig erschienen wären: Sie schaut, fotografiert, genießt, staunt, sie lebt und schreibt in den Tag hinein – ein sehr freies Dasein.

Der Maghreb liegt für niemanden mehr in einer verzaubert-fremden Welt. Er liegt vor unserer Haustür.
Was ist heute noch fern und unbekannt?
Wussten Sie, dass es auf Antarktika ca. 160 touristische Anlegeplätze gibt, wo jährlich mehrere 10.000 BesucherInnen an Land gehen, um diese, nun ja, diese unberührte Eiswelt zu bestaunen?

In der ARD-Mediathek bin ich letztens über eine Doku über Astronauten gestolpert, die an den Apollo-Missionen beteiligt gewesen sind. Zwölf Amerikaner haben im Rahmen dieser Missionen den Mond betreten. Den Mond. Wie war das dort, am fernsten Ort? Jenseits der Welt? Wie könnte das je einer beschreiben, und wie könnte das je einer verstehen?
Auf die eine oder andere Art hat sich jeder der Mondreisenden einen Bruch an dieser Erfahrung gehoben. An der Wucht ihrer Intensität. An dem Kraftaufwand, eine solche Grenzerfahrung verarbeiten und danach bitteschön in ein recht gewöhnliches Privatleben zurückfinden zu müssen. In den Folgejahren bekam der eine seinen Alkoholismus nicht in den Griff, der andere klammerte sich an die Bibel, dieser wurde zum Aliengläubigen, und jener malte mit manischer Energie nur noch Mondbilder, unzählige Mondbilder.

Ferne war immer ein dehnbarer Begriff – in der Moderne ist er ein schrumpfbarer geworden. In der Nach-Moderne gibt es bereits Weltraum-Touristen, irgendwann wird es touristische Anlegeplätze für Mondreisen geben, klar, aber könnten das je solche Mondreisen sein, wie Apollo-11 sie erlebte?


>Sofia Yablonska, Der Charme von Marokko (Kupido)
Mit herzlichem Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

WILDHEIT > Jana Volkmann, Auwald

Routine lauert im Leben überall: eingespielter Arbeitsalltag, etablierte Beziehung, feste Einkaufsadressen und Spazierwege. Auch in Judiths Leben haben sich allmählich die Strukturen verfestigt: Die Möbeltischlerin lebt mit Freundin Lin in angenehmer Lage in Wien, sie fühlt sich wohl mit ihrem Handwerk, ihrem Chef, ihrer Werkstatt, und sie bewegt sich auf gewohnten Wegen durch die Stadt. Das klingt, wenn Sie mich fragen, alles ganz gesund.
Und wenn Sie Judith fragen?
Die Antwort ist tänzelnd. Hier und da drücken sich Zufriedenheit, Gelassenheit aus. Im Hintergrund aber wispert die Leere. Judith ist eine, die sich damit arrangiert hat, sich immer ein bisschen fehl am Platz zu fühlen, eine, die immer eher passiv durchs Leben schlurft. Keine Leidensfigur, da ist nicht genügend negative Energie. Aber auch nicht genügend positive, dass Judith mal als mutige Umgestalterin aktiv würde – kleinkrämerische Ausgestalterin, das ist eher ihre Kragenweite. Bei der Arbeit ist sie die Fachfrau für filigrane Detailarbeiten. Akribie ist ihr Lieblingswort.
Dementsprechend wird ihr vom Chef ein eher spezieller Kundenauftrag zugewiesen, eine Frickelarbeit: die Restaurierung eines Puppenhauses.

An einem gewöhnlichen Puppenhaus hätte Judith nie Gefallen gefunden, dieses hier zog sie dagegen sofort in seinen Bann. Ein kleines, leeres Universum, in dem sie sich zuhause fühlte, ohne Teil von ihm zu sein.

Es handelt sich dabei um das Modell eines Hauses, worin die Arbeitszimmer berühmter SchriftstellerInnen untergebracht sind. Judiths Aufgabe lautet, sowohl den Kasten im Ganzen als auch das kleinteilige Inventar, die Schreibtische, Telefontischchen, Sessel, Stühle, Regale von Susan Sontag, Adolfo Bioy Casares, Ingeborg Bachmann und vielen anderen, wieder in Schuss zu bringen. Macht sie auch, penibel, mit Herzblut. Wie besessen.

 […] sie blieb noch länger als sonst in der Werkstatt, sparte sich die Mittagspause und hing daheim ihren Gedanken an die kleinen Möbelstücke nach. […]  Jeden Winkel des Hauses nahm sie unter die Lupe, ölte, schliff und leimte, schnitzte und sägte und fluchte und freute sich. Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen, immer fielen ihr neue Details auf, derer sie sich annehmen konnte. Dass die Wählscheibentelefone keine Kabel hatten, konnte sie nicht auf sich beruhen lassen. Und wo ein Kabel war, musste auch eine Steckdose sein.

Selig verschwindet Judith im Mini-Kosmos – bis ihr Chef sie abrupt an den Ohren herauszerrt: Nein, Nacht- und Wochenendarbeit dulde er nicht, und ihre Überstunden müsse sie gefälligst abbummeln, ab sofort.
Konfrontiert mit drohender mehrtägiger Langeweile, entscheidet Judith, einem Zufall folgend, mal einen Ausflug nach Bratislava zu unternehmen. Warum auch nicht? Sie kauft eine Fahrkahrte für ein Donauschiff und vertraut sich dem Fluss (des Lebens, versteht sich) an. Ihr puppenhaushaft starres Leben mit Lin, ihr puppenhaushaft ausstaffiertes Wien, ihr Puppenhaus in der Werkstatt lässt sie hinter sich – für die Dauer eines Kurztrips, glaubt sie.
Doch Judith hat dem Zufall die Tür geöffnet. Und nun macht er sich breit, erweist sich als ziemlich herrisch und wirft am Ende glatt seine Gastgeberin aus ihrem so akribisch durchstrukturierten Häuschen. Es geht was schief in Bratislava. Und es passiert etwas Unerklärliches mit dem Donauschiff, das Judith nach Wien hätte zurückbringen sollen. Und überhaupt ist nach nur einem, eigentlich gewöhnlichen Vormittag plötzlich nichts mehr wie zuvor.
Judith findet sich im Auwald wieder, im wilden, naturbelassenen Grün entlang der Donau, inmitten von Gesträuch, auf sumpfigem, halbfestem Boden. Die Ordnung der Dinge setzt aus.
Sogar der Roman bricht an dieser Stelle entzwei: Volkmann, die in der ersten Hälfte in der Vergangenheitsform über sie, Judith, schreibt, lässt diese in der zweiten Hälfte aus der Ich-Perspektive weitererzählen, im Präsens. Da hat eine Figur ihr Puppenhaus verlassen, will nicht mehr Objekt sein, beginnt eigenständig zu existieren, indem sie aus ihrem geordneten Mief heraustritt, sich den frischen und furchtbaren Wind der Katastrophe um die Ohren wehen lässt.
Sinnbild dieser Metamorphose ist eine Art Tunnel im Donau-Ufer, vielleicht ein trockengefallener Düker oder eine Hochwasserdrainage, was auch immer; hier erlangt dieses Tunnelrohr jedenfalls die Funktion eines, sozusagen, Wiedergeburtskanals.

Sie hörte es tropfen und trappeln, als wäre der Tunnel selbst zum Leben erwacht. Die eine Hand tastete sich am moosigen Boden entlang, die andere streckte Judith in mutiger Zuversicht immer wieder voraus und unterdrückte den Impuls, etwas in die Leere zu rufen, ihren Namen oder einfach irgendetwas, um ihr Echo zu hören oder ein paar Tiere aufzuschrecken, die hier unten schon auf sie warteten.  […]  Sie kroch und kroch. 

Bis zu einem Sperrgitter:

„Erle, Eibe, Douglastanne“, beschwor sie das Gitter. Das Echo ihrer Stimme trollte sich in die Höhle zurück. Mit einem fügsamen Knirschen ließ das Gitter sich öffnen und gewährte ihr den Weg nach draußen. Erstaunlich, wie schnell manche Gefängnisse einen gehen lassen. Sie kroch noch ein paar Meter, ehe ihr einfiel, dass sie sich jetzt wieder in die Länge strecken konnte. Sie lief in die offene Wiese hinein, dann ließ sie sich sinken, wärmte sich den Rücken am Boden und das Gesicht in der Sonne.

Wozu dieses Simsala-Baum, diese Zauberformel? Sind wir im Märchen gelandet? Oder ist es womöglich ganz normal, dass einem ein bisschen schamanisch zu Mute wird, sobald man der Zivilisation gründlich den Rücken gekehrt hat, so wie Judith?

Ich habe meinen Namen in eine feuchte Ritze geschoben, im Vorübergehen, und dort bleibt er nun. Ich würde ihn nicht einmal wiederfinden, wenn ich ihn suchen würde.

Die Möbeltischlerin, die abgelagertes Holz in allen Varianten bearbeitet, bekommt es jetzt mit Holz in wachsender, blühender, gedeihender Form zu tun. Dieses Holz gehorcht ihr nicht. Während sie sich durchs wilde Dickicht bis nach Hause, nach Wien durchschlagen will, erweist sich die Natur nicht als ihre Verbündete. Sie ist unbequem, die Natur.

Das Gras streift mir um die Knöchel. Ich gehe auf Samt.  […]  So lebt es sich halbwegs angenehm, denke ich noch, als ich auf einen dornigen Ast trete, der mir ein Loch in die weiche Haut zwischen dem kleinsten und dem zweitkleinsten Zeh reißt. Danke, Wald, danke, Natur. Ich ziehe meine Schuhe an und blute ein wenig auf die Innensohle.

Aus einem magischen Eingehen in die Wildnis, einer Abkehr vom Menschlichen wird für die Abenteurerin-aus-Zufall also eher nichts. Auch nach Tagen nicht. Oder sind es Wochen? Hunger und Durst machen Judith ständig zu schaffen; genauso das Gefühl, in diesem Umfeld eben doch ein Fremdkörper zu bleiben.
Und ich, die ich mitlese, fühle mich ebenso fremd in dieser Geschichte. Ich stolpere so durchs Erzählte, stupse den einen oder anderen Gedanken an wie einen Pilz, unsicher, ob der nun genießbar ist oder nicht, vertraue dem unterspülten Boden nicht so recht, frage mich, wo’s lang geht.
Am Ende bin ich unentschlossen, ob die Rätselhaftigkeit der weiteren Geschehnisse Programm ist und ich darin den Wegfall von Arbeit und Struktur, den Rückfall in sperrige Wildheit gespiegelt sehen möchte – oder ob diese Rätselhaftigkeit eher dem Umstand geschuldet ist, dass hier wieder einmal eine Idee, die prima Substanz für eine mittellange Erzählung hergegeben hätte, mit Ach und Krach auf rund 180 Seiten ausgedehnt wurde, um Roman draufschreiben zu können. Geschmackssache, vielleicht.


>Jana Volkmann, Auwald (Verbrecher Verlag)


Foto: Grebe, 2020

WILDHEIT > In den Nischen, zwischen den Fugen, im Andersort

Draußen reihen sich geordnete Vorgärten aneinander. Mehr oder minder sorglose Leute führen ihre Hunde Gassi. Der Supermarkt ums Eck ist voll. Niemand da, um mich in ein Geheimgefängnis zu verschleppen, in so ein Kellergewölbe, worin knöchelhoch Blut und Exkremente stehen; auch keine Raubtiere, die Appetit auf mich hätten. Geräuschlose Ruhe. Drinnen fließend Strom, Wasser, Wärme und W-Lan; kein Ungeziefer, keine Schläger, keine Sterbenden. Meine Instinkte dürfen faulenzen, ich brauche nicht zu kämpfen und zu jagen, um zu überleben.

Gebäude, Verkehrsmittel, Bekleidung, Kosmetik: so viel Verpackungsmaterial, damit das Wilde da draußen nicht zu uns hineindrängt, und das Wilde da drinnen nicht aus uns heraus.

Wenn ich in Wald oder Feldmark unterwegs bin, höre ich es manchmal schnaufen, grunzen, quieken. Trotzdem kann ich die Schweine nicht sehen, weiß nicht, wo genau die Rotte gerade steckt, geschweige denn, wie viele Tiere es wohl sind. Ich mache unauffällig, dass ich wegkomme.
Wie oft ich zu nah an Wildschweinen dran war, kann ich nicht abschätzen, sie verraten sich nicht immer, aber ihre Wühlspuren um alte Baumstümpfe herum, ihre Trittsiegel, ihre Fraßspuren am Rübenacker oder Maisfeld markieren doch deutlich, in wessen Reich ich mich da herumtreibe.
Selten kann ich mal einen Fuchs am Knick entlangschnüren sehen. Rehe stelzen durchs Unterholz oder auf freiem Feld herum. Hin und wieder stoße ich auf die rundlichen Fußstapfen der Dachse.
Wenn mir mal jemand begegnet, dann die mehr oder minder sorglosen paar Leute, die ihre Hunde etwas weiter draußen Gassi führen. Tierärztlich gepflegte, täglich vollwertig gefütterte Hunde, die weder durch Jagd, Nachtkälte oder Revierkämpfe, noch durch Arbeit in der Tierhege Energie verbrauchen würden. Hier macht man sie dann von der Leine los, schickt sie ihre übervollen Batterien entladen, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Heute früh habe ich eine Doku über Gurus und Eso-Trends geschaut; neueste Wundermedizin, außerirdisches Heilwissen, spirituelle Reinigung usw. Neben hundert Methoden, seinen Körper zu vergiften und zugleich sein letztes Geld an irgendwelche schlauen Scharlatane zu verlieren, ging es da auch um ein bombastisches New-Age-Festival in Kalifornien, wo abertausende Menschen hinpilgern, um Liebe und Erleuchtung zu erleben. An jeder Ecke vermitteln Workshops den Zugang zum sakralen Inneren/ extraterrestrischen Wissen/ Jenseits/ Inneren Kind/ Heiligen Bimbam, es wird getanzt, getrancet, gesungen und sich nackig gemacht, bunte Lichter und Duftrauch hängen in der Luft.
Ich bin kein Mensch für so was. Massenveranstaltungen kann ich nicht leiden, Rauschhaftigkeit und betonte Blumigkeit sind mir suspekt. Überraschend kommt mir dennoch der Gedanke, ich müsse so was mal mitmachen, wirklich nur ein Mal – nicht aus Überzeugung oder Interesse, sondern aus Jux natürlich. Um des heillosen Spektakels willen. Um sich mal richtig auszutoben beim freien Anti-Selbstkontrolle-Tanz, um mitzumachen beim Urschrei-Orchester, um ungewaschen, ohne Schlaf, ohne Zeitplan von Feuer zu Feuer zu tingeln und mal hier, mal dort bei haarsträubenden Aktionen mitzumachen. Ich, Undercover-Nichtesoterikerin, könnte mich da reinschleichen und zwei, drei Tage lang mithüpfen, mittanzen, mitschreien, die Farben und das Feuer einfach schön finden, den ganzen spiritistischen Blödsinn einfach nicht ernst nehmen, vielleicht selber das Alien, die Hexe oder die Erleuchtete spielen, so wie man als Kind Meerjungfrau oder Polarforscherin spielte (wann hat man bloß dieses Spielen verlernt?), kurz: einfach einen Heidenspaß haben.
Erwachsene, in der Zivilisation lebende Menschen – junge und ältere, gesunde, gebildete, etablierte, durchaus wohlhabende – kommen dort in bunten Schwärmen zusammen. Sie machen sich von der Leine los, lassen ihren Energien freien Lauf, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Zum Glück sind wir in Wirklichkeit ja keine wilden Geschöpfe mehr. Zum Glück besitzen wir diese wertige Zusatzausstattung: Sprache, Ich-Bewusstsein, abstraktes Denken, Feuer machen, Werkzeug, Kunst, Technik, Religion, Wirtschaft, Hygiene, Wissenschaft, Katzenvideos. Sie wissen schon: Kultur.

Ein Turmfalke hat sich damals mal in den Wintergarten meines Elternhauses verflogen, ein großes Weibchen, es trudelte gegen die Scheiben und Deckenplatten, ließ Federn, hechelte panisch. Mein Bruder und ich – Kinder – standen großäugig davor und wussten nicht weiter. Der Vogel wurde immer wilder, immer kopfloser. Als mein Opa mitbekam, welches Spektakel wir da beobachteten, ging er ohne Zaudern in den Wintergarten, nahm sich die Mütze vom Kopf und warf sie dem Falken über. Opa war auf dem Land aufgewachsen, Kleinbauern, neun Geschwister, gespielt wurde draußen, geschlachtet zu Hause – es gab praktisch nichts Organisches, demgegenüber mein Opa je Berührungsängste gehabt hätte. In einer flüssigen Bewegung fasste er das überrumpelte Tier an den Beinen oberhalb der Krallen und warf es, noch ehe es mit dem Schabel nach ihm hacken konnte, direkt in die Luft. Die Flügel griffen in die Luft hinein, fanden Halt in der Luft, weg war der Falke; die Mütze landete nicht weit entfernt im Garten. Ich träumte tagelang von diesem wilden Fächer, diesem wilden Wind.

Das Wilde ist etwas, das uns Angst macht und doch Kräfte verleiht, etwas von ziemlicher Ambiguität. Die Natur um uns, das Rohe in uns sind fürchterlich, aber doch so anders energiereich, mächtig, und wer weiß, vielleicht hat in unserem Reptilienhirn über die Jahrtausende ein Anti-Prometheus überdauert, einer, der auf Abruf bereit ist, das menschliche Feuer wieder auszupusten, sobald ein archaischer Trigger ihn weckt?

Ist das reiner Blödsinn und die Wildheit etwas, was wir der Welt und uns selbst längst gründlich ausgetrieben haben? Etwas, das es auf der Erde nirgends mehr in purer Form gibt, sodass wir schlechterdings auf den Mars fliegen müssen, um uns davon noch einmalig überwältigen lassen zu können?
Oder ist Wildheit doch etwas, das immer war, immer sein wird, um uns und in uns, und das nur halbherzig in die Dunkelkammern verbannt worden ist, wo wir Kulturwesen es ab und an ein bisschen füttern und begaffen?
Ich meine: Machen Sie das Internet weit auf und Sie finden, schon ganz niederschwellig, das wildeste, viehischte, bestialischste Zeug, Menschenfresserei, Sadismus, Missbrauch, Folter usw., Blut, Blut, Blut und Geschrei. Viel Gespieltes, Fantasiertes – und viel Echtes. Das Internet ist einfach nichts für schwache Seelen; vom Darknet, wo ich bitte niemals landen will, rede ich da noch nicht einmal.
Ist Wildheit nicht auch etwas, was wir Kulturwesen generieren, in unseren Anderswelten, Träumen, verbotenen Zimmern? Und was dort lebt – wieviel davon lebt auch auf der anderen Seite, auf dieser Seite, schon seit Langem, oder seit gestern, oder bald, vielleicht ab morgen?

Draußen hat’s ein Igelchen erwischt, platt ziehen sich Stachelpelz und Gliedmaßen und Innereien lang hin auf dem Asphalt. Sofort kommen die Verwerter aus ihren abseitigen Nischen hervor, die Krähen, Elstern, Eichelhäher, nachts dann sicher die Marder, unsichtbar die Kleinstlebewesen. Ein Kind kommt vorbei und bleibt stehen, erschrocken-angeekelt-interessiert.


Foto: Grebe 2020

WILDHEIT > „Pisse und Verderbnis!“

Die Unschuldigen von Michael Crummey ist nicht unbedingt was für Leute, denen Schilderungen von allerlei Körperlichkeiten und allerlei Tiertod auf den Magen schlagen. Eher ein Roman für Leute, die Trost in der Schroffheit finden können.
Neufundlands Küste vor rund 200 Jahren, eine abgelegene Bucht, ein Fischer, seine Frau, die Kinder – daraus hätte man einen hübsch-naturkitschigen Roman machen können, aber der Autor hatte andere Pläne. Es ist kein Spoiler, wenn ich vorwegnehme, dass Vater, Mutter und das jüngste Schwesterchen kläglich sterben, denn das tun sie direkt auf der ersten und zweiten Seite; von hier an bestreiten der elfjährige Evered und seine jüngere Schwester Ada dieses Leben, diesen Roman im Alleingang. Schon den Eltern fiel es schwer, die Familie durchzubringen, und umso unmöglicher erscheint es da, dass die Waisenkinder, einsam wie Adam und Eva, sich gegen Hunger, Kälte, Krankheiten behaupten könnten. Die beiden wissen nichts von irgendwelchen Anverwandten oder Paten, sie lebten mit den Eltern stets auf isoliertem Posten, die nächste Küstenstadt liegt eine Tagesreise entfernt und ist ihnen nur vom Hörensagen bekannt. Sie wissen nicht, was Lesen ist; sie mutmaßen, es sei etwas, womit manche Menschen geboren werden und manche nicht. Das ideelle Erbe der Eltern beläuft sich auf einen bezeichnenden Ausruf der Mutter, den Ada für sich übernimmt: „Pisse und Verderbnis!“ Das übrige Erbe besteht aus der Fischerhütte, dem Hausacker, Vaters Fischerboot und einem Stück vom Meer. Indem die Familie verschwindet, verkleinert sich Adas und Evereds Welt zunächst drastisch, wird in der Folge jedoch größer, mit jedem Schritt, den die Geschwister aus Hunger oder Neugier ins bislang Unbekannte hinausgehen. Sie begegnen der Besatzung eines Handelsschiffs, einem Schreiber und Priester, toten Ureinwohnern, Tieren, sonderbaren Phänomenen, einem Lebemann und Abenteurer, einer gutherzigen Frau, einem kaputten Schiff und seiner wilden Mannschaft, einem toten Schiff.
Die Natur ist dabei ein humorloser Gastgeber. Und Ada und Evered sind keine idealisierten Naturkinder. Die zähen Survivalkids mögen Robben, weil man sie essen kann, interessieren sich für Pflanzen, wenn man sie essen kann, und sie schauen bloß aufs Meer hinaus, um abzuschätzen, wann endlich der Fisch kommt, den es zu fangen gilt – oder das Schiff mit dem bezeichnenden Namen Hope, denn es bringt Vorräte. Der Glanz des Wintereises schmerzt in den Augen, Stürme und Kälte sind lebensgefährlich. Das Jagen ist eine manchmal grausame Sache. Die Schönheit der Wildnis spendet an keiner Stelle Kraft oder innere Ruhe, das ist eher die Aufgabe von Alkohol. Jedenfalls: Jeder lauernden Verklärung des rustikalen, eremitischen Lebens inmitten unberührter Natur geht der Autor entschieden aus dem Wege. Crummey, selbst Neufundländer, romantisiert hier gar nichts, nicht die malerische Küstenlandschaft, nicht die majestätischen Wälder, er liefert keine schwärmerischen Naturschilderungen, würdigt die Natur keines Detailblicks und zeichnet nirgends Bilder eines innigen Einklangs zwischen Mensch und Natur.
Genauso wie der umliegenden Natur stehen die heranwachsenden Kinder auch ihrer inneren Natur, ihren Stimmungen, Gefühlen, Trieben, gegenüber: autodidaktisch und allzu oft am Rande der Überforderung. Den Roman-Titel (im englischsprachigen Original The Innocents) hat Crummey in vorauseilender Verteidigung seiner Hauptfiguren schlau gewählt, auf dass Sie, werte Leserschaft, diese Kinder (bzw. den Autor höchstselbst) bitte nicht vorschnell in die Hölle wünschen mögen. Bedenken Sie: Was darf ein Mensch, wenn da kein anderer Mensch ist, der ihm erklärt, was man nicht darf? Crummey macht kein voyeuristisches Spektakel daraus, wenn die Waisenkinder, bald im Teenageralter, bald als junge Erwachsene, sich körperlich ausagieren. Eine nüchterne, aber keinesfalls grobe Sachlichkeit bestimmt durchgehend den Erzählton und nivelliert alle Geschehnisse. Urteile werden nicht gefällt – die Moral wird, tja, ganz Ihnen überlassen, liebe Lesende.
Und es gibt so einige Moralfragen, die sich stellen. Das Verhältnis zwischen den Geschwistern – kippt das in den Missbrauch? Oder nicht? Die Hope macht jeden Herbst an der Waisenbucht Halt, weil der Vater alljährlich seinen getrockneten Fisch an Bord brachte, als Bezahlung für Vorräte und notwendige Gerätschaften; der Bordschreiber erklärt das dem frisch verwaisten Evered bei seinem ersten Besuch auf dem Schiff, er erklärt ihm auch, dass die Schulden seines Vaters für größere Vorräte auf ihn und Ada übergegangen seien, und er lässt sich von Evered überzeugen, dass die Kinder von jetzt an, wie zuvor die Eltern, das Vertragsverhältnis weiterführen und alljährlich ihren Trockenfisch abliefern wollen. Darf der Beamte das – die Kinder einfach sich selbst überlassen, nach dem Verlust ihrer Eltern, in diesem lebensfeindlichen Nirgendwo? Und sogar Schulden von ihnen einfordern? Wohlgemerkt, um 1800 herum galt ein Elfjähriger durchaus als erwerbsfähig. Dürfen die Seeleute dem Jungen ihren Alkohol andrehen? Der galt schlechterdings ja nicht als Suchtmittel, sondern Lebensmittel und Medizin, nicht wahr? Eines Tages erspähen die Geschwister in Küstennähe ein im Packeis havariertes Schiff, begeben sich auf Schatzjagd und finden an Bord wertvolle Kleidung – aber auch die Belege für einen furchtbaren Überlebenskampf. Was darf der Mensch in höchster Not? Ada und Evered leisten die schwere Versorgungsarbeit, um überleben zu können, Hand in Hand, und sie erbringen diese Leistung zu gleichen Teilen. Weswegen steht es nur Evered zu, über ihre gemeinsame Zukunft zu entscheiden, und Ada nicht? Für alle Frauen, die im Roman Erwähnung finden – allesamt Exemplare von zäher Natur, aber ungewissem Seelenfrieden -, gilt der Imperativ der Versorgung. Was heißt das für die Moral? „Pisse und Verderbnis!“ – warum wohl ist dieser Fluch hier das Erbe der Mütter an ihre Töchter? Wo liegen die Unterschiede, wo die Deckungsgleichheiten zwischen Christentum und Moral? Besitzt der Mensch eine Art Ur-Moral, gewissermaßen naturgegeben? Auch das Durchphilosophieren solcher Fragen überlässt der Autor Ihnen allein.
Erzählt ist das Ganze recht konventionell, und gäbe es da nicht diese mitunter etwas haarigen Moralfragen, sähe man beim Lesen schon direkt eine Netflix-Verfilmung vor sich. Ein Schmöker – der aber seine Dornen hat. Von der archaischen Härte eines, sagen wir, Cormac McCarthy ist Michael Crummey unterdessen ein ziemliches Stück entfernt: Vielerorts, wo die Geschichte leicht ins Bitterschwarze kippen könnte, rettet Crummey seine Kinder dann doch lieber in ein etwas glimpflicheres Schicksal hinüber. Mit Beschönigung hat das weniger zu tun, vielmehr ließe sich schlecht 350 Seiten lang über das Leben zweier Waisenkinder in der kanadischen Wildnis schreiben, wenn die nicht wenigstens ab und an auch mal Glück hätten.
Was genau „Glück haben“ bedeuten soll, das gehört übrigens auch zu diesem Katalog von Fragen, mit denen man hier kinderseelenallein bleibt.


>Michael Crummey, Die Unschuldigen (Eichborn)
Ich bedanke mich herzlich beim Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


Foto: Grebe, 2019

LEBEN AM FLUSS > Ich gehe manchmal dorthin, um dem Fluss beim Fliegen zuzuschauen

Scharnebeck

Es gibt so Momente, da springt einen der Geist eines bestimmten Zeitalters an, legt sich um die Schultern, den Brustkorb wie ein Mantel – kennen Sie das?
Als ich zum Beispiel letztens so eines der verbliebenen Karstadthäuser in Innenstadtlage besuchte, spukte mir dort, im Auf und Ab der Rolltreppenkaskaden, der ideelle Helmut Kohl in Freizeitjacke entgegen. Beinahe hätte ich mich für ein Teeservice interessiert.
Oder als ich dann doch mal „The Irishman“ schaute, durchaus angeödet. Ein dreieinhalbstündiger Abschiedsgruß. Scorsese, De Niro und Pacino – einerseits wurde dieses Dreigestirn hier, für posthume Zeiten, in einem großen, whiskeyfarbenen Klumpen Bernstein fixiert. Andererseits war es so etwas wie das finale relevante Aufglimmen des Norman-Rockwell-Amerika, dieser scheinbar in klare Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ unterteilbaren und zutiefst mit sich selbst beschäftigten, kleinen Welt. Männer in Anzügen, Männer mit Hüten, Frauen in Pumps, Lockenwicklern und Schürzen, Kinder beim Murmelspiel – ein Butterkuchenidyll, gezuckert mit Arbeiterethos, aber düster umrahmt von Ganovenromantik, Kriegsheldenkitsch, Gewalt. Alles an diesem Film – die Story, der Erzählmodus, Licht, Farbe, Kostüme, Szenenbilder, das gesamte Kolorit – alles lieferte diese aus Funk und Fernsehen, in Bild und Ton so vertraute Essenz des 20th Century, die ich bis weit in die 2010er hinein als etwas noch immer Lebendiges, Bestimmendes, Präsentes empfand, wenn auch auf irgendwie großelterliche Art, aber dennoch. Indem ich nun den Fernseher (sic) ausknipste und dieses spezifische Amerika von der Bildfläche verschwand, ging mir erst auf, wie obsolet es wirklich ist – sein Übertritt aus der Realität heraus und hinein in die Sagenwelt der Weltgeschichte ist längst abgeschlossen, und dieser Film ist nur eines seiner unzähligen Denkmäler.
Oder in diesem kleinen Laden am Marktplatz, wo ich neulich die Batterie einer Armbanduhr wechseln ließ. Kein „Juwelier“, sondern „Schmuck- und Uhren-Service“ – klang vielleicht modern, damals. Während sich ein freundlicher Herr am Uhrgehäuse zu schaffen machte, verfolgte ich das Ticken einer Wanduhr im Verkaufsraum, deren Zeiger zwar im Uhrzeigersinn vorangingen, nur zählte das Ziffernblatt dabei die Uhrzeit rückwärts, und diese spielerische Rückwärtsgewandtheit beschrieb einfach alles. In meiner Gegenwart, die von einer Armee von Smartwatches gemessen, vermessen und ausgewertet wird, wirkt jede analoge Uhr wie ein Fossil; ebenso prähistorisch wirkte das Ladengeschäft an sich, mit seiner salz- und pfefferfarbenen Auslegeware, der Raufasertapete und der Neonröhrenbeleuchtung. Reine Vorjahrtausendwende-Luft, Marke Kleinstadt. Mir war, als hörte ich ein Radio, sehr leise, gedämpft, aus einem Hinterzimmer vielleicht, und ich meinte, es spielte „Spending My Time“ von Roxette.
Oder beim Spaziergang entlang des Schiffshebewerks des Elbe-Seitenkanals in Scharnebeck – ab und zu komme ich dort vorbei.
Der Elbe-Seitenkanal verläuft durchs östliche Niedersachsen und verbindet Mittellandkanal und Elbe. Nördlich hinter Lüneburg fällt die Landschaft abrupt ab, der Geestrücken endet hier und der „Heide-Suez“ (regionale Wahrzeichen erhalten unvermeidbar ihre Spitznamen) muss an dieser Stelle einen Sprung von 38 Höhenmetern überwinden. Der Kanal mitsamt Schleusen, Sicherheitstoren und Schiffshebewerk wurde Mitte der Siebziger nach achtjähriger Bauzeit eröffnet – ein brachiales Mega-Projekt aus der goldenen Ära brachialer Mega-Projekte des Westens. Bei seiner Eröffnung war das Doppelsenkrechthebewerk in Scharnebeck das größte Schiffshebewerk weltweit.
Natürlich ist dieser Kanal keine Schönheit. Er ist ein funktionales Monster, eine Wasser-Autobahn. Ein über 100km langes Elend, und zur Breite der Wasserstraße kommt, insbesondere im Elbe-verbundenen Teil, noch eine wuchtige, sehr hohe Eindeichung hinzu, sodass der bauliche Einschnitt also lang und breit die Landschaft dominiert. Ohne Frage ist das Schiffshebewerk für sich genommen ein ebenso monumentaler und nicht eben lieblicher Anblick.
Ich stehe seltsam gern mitten im Hebewerk, im Durchgang unterhalb des oberen Einfahrtbeckens, über mir tausende Tonnen Stahlbeton und Wasser, hinter mir die glatte Schnittkante quer durch die Landschaft und die unterm Hebewerk hindurchführende Straße, und schaue durch die vertikale Flucht zwischen den betongrauen und roten Türmen hinaus ins Blaue. Von diesem Punkt aus kann man dem Schiffsfahrstuhl aus nächster Nähe bei der Arbeit zusehen. Innerhalb der vier Reihen von Führungstürmen transportieren zwei gigantische Tröge die Schiffe hinauf oder hinab. Das mag für Sie womöglich nicht nach Nervenkitzel klingen, aber wissen Sie: Wenn man in einen der 100m langen Tröge hinabschaut und verfolgt, wie ein großes Kanalschiff einfährt und sich im Wasserbecken zurechtmanövriert, die Schiffsmotoren irgendwann verstummen, das Einfahrtstor sich schließt und damit ein wirklich gewaltiges Stück Fluss abtrennt, und wie sich nun die Elektromotoren in Gang setzen und, überraschend geschmeidig und gar nicht dröhnend laut, dieses Stück Fluss sich einfach hebt, nach oben schwebt, direkt vor Ihrer Nase emporfliegt (ein bisschen Wasser schwappt immer über, die Gischt sprüht Ihnen ins Gesicht), 10 Meter hinauf (die stählerne Stirnwand des Trogs ist langsam an Ihnen vorübergeglitten, sie schauen jetzt unterm Trogboden hindurch in die plötzlich blendend blaue Landschaft hinaus), 15 Meter, 20 Meter – jedenfalls: Wenn einen dieses Bombastikum nicht erschlägt, dann weiß ich’s auch nicht.
Das universalmörderische 20. Jahrhundert: erschlagende Technik, erstickender Beton. Alles beherrscht von Kriegslogik. Beide Weltkriege stets im Hinterkopf, wollte man nun den Krieg der Systeme auf dem Schlachtfeld Technik-Infrastruktur-Wirtschaftswachstum entscheiden. Der Bau des Elbe-Seitenkanals wurde notwendig, weil der früher genutzte Wasserweg zwischen Mittellandkanal und Elbe, über Magdeburg verlaufend, leider bald hinter einer Mauer lag; Ausgleich musste her, und bitte gleich mit Renommierpotenzial. Das Bauprojekt schwang jedoch nicht allein die ökonomische Keule in Richtung der DDR, sondern auch die militärische: Man plante den Kanal als Teil der Westverteidigung, als strategische Barriere. Die Kanalböschungen wurden so angelegt, dass sie in bestimmten Abschnitten für Panzerverbände in West-Ost-Richtung querbar wären, in Ost-West-Richtung jedoch nicht; die zivile Wasserstraße ist teils noch heute ausgestattet mit Sprengschächten und Panzersperren.
Was durch diese Anlage fließt, ist der pure Geist des Atomzeitalters. Ein alles andere als milder Geist. Sie wissen schon. Strahlend, hungrig, rigide, getrieben, befehlshaberisch, visionär, gefährlich, verheißungsprall, drastisch, prometheisch, fortschrittssüchtig, gut-und-böse.
Zugleich empfinde ich dieses Ungetüm im Ganzen und den Abschnitt Schiffshebewerk im Speziellen als etwas Erdendes, tatsächlich, ja. Ein sehr großes Fossil aus einer im Grunde sehr kleinen Welt – verglichen mit der heutigen, nicht wahr?
Diese nur-analoge Welt, wo ich meine Kindheit verbrachte (2000 wurde ich volljährig) und die mir lieb war, steht mir heute halb traulich, halb entfremdet vor Augen. Um hinter diese Entfremdung durchs eigene Älterwerden und das allgemeine Anderswerden der Welt zurückschauen, zurückfühlen zu können, muss ich nicht unbedingt Familienfotos von 1987 durchstöbern, sondern meinetwegen eben so ein Schiffshebewerk besuchen. Dieses Ungetüm hier wurde auf Papier entworfen, geplant und kalkuliert. Die Leute setzten sich an ihre Arbeitstische und zeichneten Pläne, berechneten Massen und Kräfte, schrieben Anträge und Aufträge. Mag sein, dass die eine oder andere Schreibtischschublade ein Herrenmagazin, einen Flachmann oder eine Schachtel Weinbrand-Pralinées beinhaltete, aber zwischendurch getwittert wurde hier nicht. Das soll keine Spitze gegen die heutige Bürowelt sein. Man lebte eben im Konkreten.
Die ehedem stets mitgedachte Welt war aus Vergangenheit, gesellschaftlichem und individuellem Erfahrungsvolumen gemacht. Fotografie, Radio und Fernsehen waren bloße Vorboten einer viel tiefgreifender veränderten Weltwahrnehmung: Die stets mitgedachte Welt heute ist das Internet, diese uferlose, ubiquitäre Welterweiterung, dieses im Grunde unbegreifliche Multiversum.
Das 20.Jahrhundert – mir kam das früher vor wie eine Schulstunde, die es einfach abzusitzen galt, zwei Tage vor Ferienbeginn. Ich bin ein Kind der 80er, für mich war dieses Jahrhundert gelaufen, ich könnte da, so auf den letzten Drücker, gefühlt eh nichts mehr gestalten. Gewissermaßen verbrachte ich meine Jugend damit, mich von meinem analogen, meinem westlich orientierten, von Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ bestimmten, in Zigarettenrauch gehüllten Jahrhundert zu verabschieden. Das 21.Jahrhundert aber steht mir immer deutlicher bevor wie eine Matheklausur, die über meine Zulassung zum Abitur entscheidet, d.h. über mein weiteres Existieren auf einem rundum nicht wiederzuerkennenden Erdball, und wissen Sie, ich fürchte mich wirklich sehr vor Mathematik. Bis hierhin ist dieses Jahrhundert eine schon längst viel zu komplexe Gleichung für mich, die mit Termen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klima, China, Konzern-gesteuerter Politik, Pandemie, veränderter Kommunikation, veränderter Kognition, weißen Turnschuhen, Swag und Populismus, Gentechnik und A.I., und die Liste geht beliebig weiter, arbeitet. Als Erwachsene des 21.Jahrhunderts denke ich in einem permanenten, sehr lauten Strudel von Satzfetzen, Fragen, Aussagesätzen, Ausrufesätzen, Tönen und Bildern, denke stets die konkrete und die erweiterte Welt zugleich, und aus diesem Strudel heraus bilden sich immer neue Gedanken, ganz ähnlich also, wie sich auch Träume bilden, als ein Nebenprodukt, wenn das Gehirn rauschhaft seine sämtlichen Datenbestände auf einmal verarbeitet – ich meine, mein Gehirn selbst funktioniert nicht mehr wie das 20., sondern vielmehr wie das 21.Jahrhundert.
Ich verstehe gut, woher solche Sehnsucht nach einem Aufgehobensein im Konkreten, im Kleinweltlichen kommt, wie sie besonders dort, wo sie am wenigsten erfüllt wird, epidemisch zu Tage tritt: im Internet. Ich verstehe das so gut, dass es mich umso persönlicher ärgert, wenn sich jemand auf einen Baseballschläger oder das Alte Testament oder welche stumpf-plakative Lösung auch immer stützt, um diese Sehnsucht zu bedienen. Dieser Selbstbeschiss – auf Kosten anderer, auf Kosten aller.
Das Schiffshebewerk, wissen Sie, ist längst eingerüstet, seine Sanierung ist im Gange. Derzeit ist nur einer der beiden Tröge noch fahrbar; die Bauträger zerbrechen sich die Köpfe, mit welchen Lösungen sich das Ungetüm, das an Betonkrebs leidet, retten ließe. Ich bin gelernte Buchhändlerin, bin dem smarten Digitalkram meiner Zeit nicht gewachsen und besitze durchaus noch weitere fossile Qualitäten; ich stehe oft da und beobachte, wie dieses mächtige Ungetüm einerseits einen Fluss fliegen lässt und zugleich doch im Sterben liegt, was winzige Menschenhände mit mühsamen, akribischen Eingriffen verborgen hinter Bauplanen verzögern, und denke dabei: Du und ich, Ungetüm.
Der Bundesverkehrswegeplan 2030 sieht den Neubau einer Schleuse vor, direkt neben dem Schiffshebewerk. Noch größeres Volumen soll bewegt werden, noch effizienter, dabei so umweltverträglich wie möglich, und bitte ohne verheerende Kostenexplosion; hier wird entworfen, geplant und kalkuliert, dass die Heide wackelt.
Auch ich muss mich ans Rechnen machen. Es nützt nichts. Egal ob man sie nun fürchtet oder nicht – es geht kein Weg vorbei an der komplexen Mathematik der Gegenwart und Zukunft, für niemanden.


Foto: Grebe, 2020

LEBEN AM FLUSS > Roland Schimmelpfennig, Die Sprache des Regens

„Petja hatte sich den Fluss hinuntertreiben lassen, allein, in der Dunkelheit. […] Er war ans Ufer geschwommen, unten bei der Mündung des Flusses. Diese Stelle nannte man den Blinden Mund. Es war eine warme Nacht. Petja kletterte hinaus ans Ufer und verschwand im Dickicht.“
Es gehört sich so in dieser kargen, deprimierenden Anderswelt, die Schimmelpfennig da entworfen hat, dass Jugendliche am Vorabend ihres 15. Geburtstages von der großen Eisenbrücke hinab in den Fluss springen. Ein bisschen so, als tauften sie sich selbst. Nach ihrem Sprung ins kalte Wasser, schwimmen sie, nun als Erwachsene, an Land zurück, um zu feiern. Auf Petja allerdings warten die Freunde nach dem Sprung vergebens.
„Sie hatten in die Tiefe gesehen, über Stunden, sie hatten nach ihm gerufen, aber er war nicht zurückgekommen.“
Ich verstehe das gut, Petja.
Die Gegend-am-Fluss ist eine abseitige, beschädigte, feindselige Lebenswelt. Law und Order liegen in den Händen einer Polizeieinheit, die zu Recht gefürchtet wird. Offenbar herrscht strenge Gesinnungspolitik. Die genaueren Umstände belässt Schimmelpfennig jedoch im Dunkeln, im Abstrakten, und so müssen, na, dürfen Sie sich Ihre eigene Deutung der Dinge zusammenstricken: Ist das hier eine Dystopie, eine Geschichte à la „Was wäre, wenn der Zweite Weltkrieg (…)“, eine Parallelwelt usw.? Auch die Figuren wollen es Ihnen nicht zu einfach machen und halten mit ihren Identitäten hinterm Berge. Obwohl immerhin ihr Bindungsgeflecht nach und nach klar wird, bleiben sie für sich genommen doch Gestalten, denen man nie so recht unter die Haut schauen kann, Spielfiguren, Symbolträger, Märchenmenschen. Jedenfalls: Sie befinden sich hier an einem Ort, wo Sie, da wette ich drauf, in irgendeinem Traum schon einmal gewesen sind.
„Die Stadt auf dem Meer war schwarz und turmhoch, ein Gebilde aus Eisen und Stahl, aus Schrauben und aus Nieten, ein Berg aus Rohren, Gängen und Treppen, und die Stadt hinterließ, nachdem sie an ihnen vorbeigezogen war, auf dem Wasser einen Film aus Öl. Die junge Frau und der Mann saßen auf den Felsen am Meer, nicht weit von der Flussmündung, und sahen der Stadt nach, bis sie in der Ferne verschwunden war. Hinter den beiden Gestrüpp, Grün, eine leichte Anhöhe und dann zugewachsenes, kaum zu durchdringendes, flaches Land. Dazwischen ein paar kleine Brachen. Die Hitze. Eine Straße. Der Fluss. Weit entfernt: einzelne Häuser, Wohnblöcke und dahinter die Felder, die Fabriken, die Raffinerie und das Stahlwerk in der Ebene.“
Adam und Eva sind es nicht, die da sitzen, sondern Isabel und ihr Freund Philipp. Sie sind auf dem langen Weg in Isabels Heimatstadt, zwecks Familienbesuch. Nicht, dass sie uns dabei an die Hand nehmen und in der Stadt-am-Fluss herumführen würden, aber sie bringen uns hin, setzen uns dort ab, und ab hier bewegen sich die städtischen Schauplätze und unterschiedlichen Zeitebenen munter hin und her. Toni, wie er eine Leiter baut, eine lange Leiter, eine sehr, sehr lange Leiter, nur wozu? Philipp, wie er sich in den Wohntürmen einer Hochhaussiedlung verirrt, einem senkrecht stehenden Labyrinth, auf der Suche nach einem bestimmten Zimmer. Julia, die Kanarienvögel hütet und außerdem eine Schildkröte, einen Schlittenhund und einen zugeflogenen Pelikan. Die Straßenschlacht nach der Schließung des Kinos. Die Vertriebene in ihrer Hütte am Fluss.
Fragen Sie nicht – projizieren Sie frei drauflos, das braucht dieser Roman. Der will Ihnen nichts Staatstragendes vermitteln, sondern ein bisschen herumtricksen in Ihrem Kopf, Sie ins Träumen versetzen; er produziert die nötigen Bilder, und die müssen Sie nur noch auf die Beine stellen und zum Laufen bringen. Oder zum Schwimmen. Eintauchen, treiben lassen, mehr müssen Sie gar nicht machen. Wissen Sie, Sie sind hier am Fluss.


>Roland Schimmelpfennig, Die Sprache des Regens (S.Fischer)


Foto: Grebe, 2020

LEBEN AM FLUSS > Flusstausch

Habe zuletzt Aue und Beeke eingetauscht…

…gegen Elbe und Ilmenau.

Die dörflichen Fließgewässer sind natürlich viel vertrauter, jeder Brückenpfeiler persönlich bekannt, jeder Stichling quasi Familienmitglied. Dagegen lassen sich die größeren Flüsse hier im Umland nicht so einfach lückenlos ausforschen. Das ist natürlich ein bisschen traurig. Aber genauso gut kann man darin ja gerade den Reiz an der Sache sehen und drauflos stromern.

Ganz unabhängig davon, welche Wasserströme und Stromergewässer Ihnen nun am liebsten sind, kann ich nur empfehlen, sich nicht zu sehr an einen bestimmten Fluss zu klammern – er wartet nie, er zieht unaufhörlich weiter, er bleibt ewig ein anderer. Wenn Sie „Ihrem“ Fluss nahe kommen, gewissermaßen seinem Wesen auf die Pelle rücken wollen, dann machen Sie keine Fotos. Machen Sie’s wie er, warten Sie nie, seien Sie so ein Ziehen und veränderliches Bleiben, und schon kommen Sie damit seinem, aber nicht nur seinem Wesen an sich, in sich fürchterlich nah.


Fotos: Grebe

PUBERTÄT REVISITED > Mittelmaß, Riesenspaß

Flattery

Nicole Flattery, Show Them a Good Time. Acht Stories zwischen Job, Partnerschaft, Kindheit, Einsamkeit, Erwachsenwerden und Dating, zwischen flapsig und schmerzlich, zwischen sprühender Vitalität und Depression. Ich lese das jetzt zum zweiten Mal und stelle mir allerhand Fragen. Auch: Warum gab es dieses Buch 1997 noch nicht? Das ist eine ungültige Frage – Nicole Flattery ist Jahrgang 1990. Aber das macht es ja nicht weniger bitter!
Ich hätte diesen Tonfall gebraucht, so mit 15. Ich hätte mich schlagartig ermutigt gefühlt. Ehe jetzt Missverständnisse auftreten: Show Them a Good Time ist keine Erbauungsliteratur. Und es fällt auch ganz und gar nicht unter Coming of Age; in dieser Kurzgeschichtensammlung trifft man auf Mädchen und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, die sich ihrerseits nicht sonderlich mit Altersfragen beschäftigen. Nebenbei bemerkt fand ich es, als ich 15 war, unfassbar langweilig, Coming of Age zu lesen, ausgenommen den Fänger im Roggen, klar. Was ich mit 15 an diesem Buch hätte gebrauchen können, das ist sein unbedingter Mut, das banale, alltägliche Unbehagen zu erforschen. Den hatte ich nicht. Den hätte ich nötig gehabt.
Losgelöst von ihren vollkommen verschiedenen Settings und Figuren, befassen sich die Stories im Kern allesamt mit Misstönen, die unseren Alltag zieren wie Wespen den Apfelkuchen. Dabei halten sich die Stories nicht mit Gejammer auf – nirgendwo Genöle oder Befindlichkeitsduselei. Es sind Alltagsgeschichten, mal aus dem Alltag glanzloser Gestalten, mal aus dem Alltag etablierter Erfolgsfrauen (und in Anklängen möglicherweise Flatterys Biographie entlehnt: Die gebürtige Irin hat Film und Theater studiert, wie auch Natasha in Abortion, A Love Story, hat selbst Erfahrung im prekären Jobben, wie viele der Protagonistinnen, hatte mal als Assistentin einer Top-Literaturagentur in New York den großen Senkrechtstart vor Augen, nur um sich nach ein paar Monaten, senkrecht gefeuert und restlos pleite, zurück in die Heimat zu verkrümeln, was sie vielleicht mit dem geschundenen New Yorker Bürofräulein in Track oder dem Ex-Showbiz-Girl in Show Them a Good Time verbindet). Und gleichzeitig sind es Traumgeschichten, denn diese Alltage sind stets durchzogen von einer Spur Irrealität.
Die Titel- und Eröffnungsgeschichte, Show Them a Good Time, konfrontiert Sie direkt mit dieser speziellen Art der Realität, die bei Flattery herrscht, und wenn Sie sich in dieser merkwürdigen Garage, dem Schauplatz der Geschichte, nicht zuhause fühlen können, brauchen Sie das Buch eigentlich auch gar nicht weiterzulesen. Diese Garage ist so etwas wie ein Tankstellenshop oder Minisupermarkt, ein kläglicher Raum jedenfalls, wo zwei Menschen im Rahmen eines diffus bleibenden Projekts arbeiten, das an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erinnert – eine gescheiterte Schauspielerin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, und ein 19jähriger ohne Potenzial. Mag sein, dass das mit der Schauspielerei eine reichlich geschönte Geschichte ist, aber egal, die Erzählerin hat jedenfalls eine wilde Zeit in der großen Stadt hinter sich gebracht und ist, nachdem irgendwann die Träume und das Geld versiegt waren, zurückgekommen in die Heimat, in die Kleinstadt, zu den Eltern.
‚My parents had a fierce bond I admired. They had refined the habits of the long-married – saying nothing an then saying everything twice. […] There was a strange, daily pattern: amble down the street; go to the supermarket; wave at a slight acquaintance; glance at the same patch of sky; come back home. They had seen boredom, stared it straight down, and survived.‘
In den Regalen der Garage befindet sich nichts als drei Dosen ungewissen Inhalts und eine Zimmerpflanze.
‚ „Stop cuddling the plant,“ Kevin often suggested. „I’m just holding it,“ I lied.‘
Ein arbeitsloser Kühlschrank summt vor sich hin, die seltenen Kunden, die etwas kaufen möchten, werden freundlich begrüßt, nur um dann entschuldigend weggeschickt zu werden. Reine Kulisse. Die gewünschte soziale und berufliche Eingliederung: reines Theaterspiel. Die Erzählerin, schauspiel- und enttäuschungserfahren, durchschaut das natürlich instinktiv. Kollege Kevin dagegen legt sich leidenschaftlich für Kundenzufriedenheit und Umsatzsteigerung ins Zeug, aus echter Überzeugung. Privat widmet sich Kevin übrigens mit demselben Furor dem Fernsehen, den Filmen, Soaps, Sitcoms… Naive Jugend. Während das ominöse Job-Projekt ohne Aussicht auf gutes Ende vor sich hin läuft, plaudert die Erzählerin über ihr Leben in der Großstadt als Freundin eines mittelmäßigen Regisseurs, was sich bedenklich nach einem Leben als wandelnde Anzieh- und Gummipuppe anhört. Oder über die Projektmanagerin, sozusagen die Chefin der Garage, eine Figur irgendwo zwischen Personalwesen und Inquisition, wie sich bereits im Bewerbungsgespräch fürs Garagenprojekt zeigt:
‚Management interviewed me – bizarre questions through an inch of plexiglass: How long, in hours, have you been unemployed? Did you misspend your youth throwing stones at passing cars? […] The interview was an all-nighter, designed to break my spirit and ensure I pledged organisation and responsibility for the rest of my days.‘
Oder über ihre alten Freundinnen in der Kleinstadt:
‚My friends, what remained of them, were sweet girls – transparent, tame – but likeable. I assembled us together in a bar for one sorry night. Since we grew up with mothers who sat, dour, over their annual wine, we all drank like our fathers. It was our great generational decision.‘
Alles in dieser Story scheint banal, alles an dieser Story scheint vorhersehbar. Nichts da. Ich verbringe sehr viel mehr Zeit damit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen als erwartet. Ich plumpse in Abgründe – fast unbemerkt, weil sie mit so unterhaltsamer Zuckerwatte gepolstert sind. Es geht um dumme Sehnsüchte, die nichtsdestotrotz herzzerfressend in uns kochen. Um den seelisch schmerzhaften Abgleich der Realität mit Idealbildern. Um körperlich schmerzhafte Langeweile. Den unbeholfenen Umgang mit Enttäuschungen. Um Figuren, die ihre Scham – so ein generalisiertes Schamgefühl, das emotionale Hintergrundsummen der Ewig-Mittelmäßigen – mit mir teilen.
Flatterys übrigen Figuren ergeht es anders, aber nicht rosiger. So bemüht sich etwa die tapfer lächelnde Hauptfigur in Parrot – frisch verheiratet, gut situiert, gerade auf Auslandsjahr in Paris – um ein harmonisches Auskommen mit dem Kind ihres Mannes aus erster Ehe und kriegt es doch nicht zustande. Genauso schief und kläglich verbiegt sich die Erzählerin in Hump. Ausgehend von der Beerdigung ihres Vaters, breitet sie das schmale Panorama ihres Alltags aus – Büro, Restaurant, Zuhause, Büro, Restaurant, Büro, Zuhause, Zuhause, Büro.
‚My career had taken a sinister turn and I had started to keep an eye out, like you do for a new lover, for other things I could try. There weren’t many. All jobs seemed to contain one small thing I just could not do. It was maddening.‘ (Dieses hirnzerfressende Auf-der-Stelle-rudern, oh, ich kenne das.)
Beziehungen oder Liebschaften bringen auch kein Licht ins Dunkel, nein. In dieser wie in allen übrigen Geschichten sparken die männlichen Figuren leider nie wirklichen Joy:
‚He looked like a small town I might live in and die.‘
Eine Beerdigung markiert einen Abschied, oft auch Abschied von einem vertrauten Gefüge, einer gewohnten Ordnung. Was sich im Leben der Erzählerin nun verändert, ist erst einmal sie selbst: Sie verformt sich, verkrümmt sich; ihr wächst unerklärlicherweise ein Buckel, was aber niemand zu registrieren scheint. (Dieses Gefühl von Deformation im Stillen, in Umbruchsphasen, die keinen im Umfeld interessieren oder beeindrucken, oh, ich kenne das.)
Alle acht Stories funktionieren auf dieselbe Art: Sie drücken zielsicher auf Schmerzpunkte und sind zugleich ungemein witzig. Rohes Fleisch, paniert mit Humor.
Anders als es mir die 90er, die Blüte des Ironie-Zeitalters, von Jugend an eingetrichtert hatten, ist der staubtrockene Witz hier nicht dazu da, um Emotionen zu entwerten, einfach jegliche Gefühlsregungen bloßzustellen und sich arschcool von ihnen zu distanzieren – sondern, im Gegenteil, um jede Gefühlsregung bloßzulegen, auf dass ihr Wert nicht länger unter den Ironie-Teppich gekehrt werde.
Witz kann dabei helfen, wichtige Dinge auszusprechen, die ansonsten im Halse steckenbleiben würden. Den Witz hingegen zu nutzen, um die Dinge lächerlich zu machen, pauschal und unterschiedslos, und sich somit ihre Wichtigkeit vom Hals zu halten, war und ist ein typischer Reflex meiner Loveparade-Generation. Wenn ich alles gleichermaßen auslachen kann, dann besitzt nichts mehr Bedeutung, und wenn es keinerlei Bedeutung mehr gibt, kann ich endlich ungestört das einzige pflegen, was überhaupt noch existiert: meinen Spaß. Meine Unterhaltungselektronik, meine Turnschuhe, Beauty und Wellness, Essen und Trinken, Stars und Sternchen, mein Haus, mein Auto, meine Frau; Sie wissen schon. Nach den 68ern, den Hippies, Theoretikern und Ideologen, dem Deutschen Herbst, der Neuen Subjektivität, den friedens- und umweltbewegten 80ern und schließlich dem Umbruch der allgemeinen Weltordnung war der spaßige Nihilismus der 90er wohl ganz einfach die logische Gegenbewegung. Ein großes Ausatmen nach so viel Kampf und Krampf. Ein Rückfall in infantilen Hedonismus nach so viel Selbstermächtigung, Mündigwerdung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe. Sisyphos, der den Stein einfach kullern lässt – keinen Bock mehr.
Ironischerweise war Spaß während meiner Gymnasialzeit, in der sich vordergründig alles ständig ums Spaßhaben drehte, echte Mangelware. Unter uns SchülerInnen herrschte ein trockener, ironischer bis sarkastischer Ton, der alles planierte, was echt an uns war. Lachen war verpönt, aber auslachen ging immer. Mitunter frage ich mich, ob ich den 90ern da eventuell unrecht tue: So lieblos, gehässig, gekünstelt kommt mir das rückblickend vielleicht vor, aber sicher gehe ich da bloß einer Art umgekehrter Nostalgie auf den Leim, anstatt zu einer positiven Verklärung der Vergangenheit neige ich einfach zu einer negativen, nicht wahr? Generell sind Jugendliche untereinander ja nicht unbedingt gnädig, egal in welchem Jahrzehnt, und auch mein Zuhause, das Hannoveraner Umland, war halt nie berühmt als Hort von Frohsinn und Herzlichkeit. Doch ab und an stolpere ich über, sagen wir, eine alte Folge TV-Total oder Filme wie Pulp Fiction, Mission Impossible 1 oder Matrix, über Zeitdokumente also, und ich empfinde jedes Mal, während ich mir das so anschaue, diese zwanghafte, manierierte Coolness, diese Steifheit, Plastikhaftigkeit, Schablonenhaftigkeit, Oberflächlichkeit, Überreiztheit, Pseudolustigkeit tatsächlich als Kerneigenschaften der 90er.
Entsprechend verkniffen gestaltete sich der allgemeine Habitus meiner Jahrgangsstufe, der Dress-Code wurde penibel kuratiert, Worte landeten grundsätzlich auf der Goldwaage, Empathie war was für Muttis, alles, was irgendwie lebendig war, war automatisch albern, lächerlich, peinlich. Moral: Steh lässig rum, Mädchen, zeige niemandem, was du gern hast oder fürchtest, spuck auf die Uncoolen, sei selbst keine von den Uncoolen, sei smart und schön, sei um jeden Preis unter den Smarten und Schönen, sie spucken sonst auf dich.
Wenn es für smart und schön aber nicht reichte, war ja immerhin noch intellektuell eine halbwegs rettende Option. Für diejenigen, die damals wie ich nachts MTV schauten: Ich war Daria Morgendorffer. Und Jane Lane. Ich malte, ich zeichnete, ich las, ich notierte, ich weltschmerzte mich durchs Gymnasium. Ich pilgerte in Kunstmuseen, ich las mich systematisch durch die Literaturnobelpreisliste, konnte aus der Orestie zitieren, schrieb meine Englisch-Facharbeit über Ulysses, und ich dachte, ich täte diesen ganzen Quatsch, weil es mir Spaß machte. Natürlich tat ich das, weil es mir eben lag und damit einen praktikablen Weg darstellte, um nicht blöd auszusehen, bloß nicht der Bauerntrampel zu sein, mich bloß auf einer Höhe halten zu können, von wo aus es sich gut auf Blödere spucken ließe. Und schließlich war es eine bildungsbürgerlich anerkannte, eine schulischerseits sogar begrüßte Realitätsflucht – ab in den Elfenbeinturm!
Ich hatte damit meine Rolle an der Schule gefunden und war in dieser Rolle ziemlich unangreifbar. Ich machte mich prima als klugscheißendes Unikum, das den Deutsch-LK im Alleingang gestaltete UND alle Jungs unter den Tisch trank. Zu Hause, in meinem Kämmerlein, schrieb ich Texte, die im Ton mal Hermann Hesse, mal Quentin Tarantino nachahmten.
Was ich eigentlich hätte schreiben müssen, das wären Texte über meine Mutter gewesen, Texte über das schale Gefühl, wenn man Menschen anlog, die man liebte, Texte über die Scham, wenn man wieder einmal Spucke abgekriegt hatte (wörtlich gemeint), Texte über die seltsame Angst, dass irgendwie gar nichts wirklich zählte, und über den Schock, wenn es dann wirklich einmal um etwas ging, was zählte, Texte über Kittelschürzen und Kaninchenbraten, über ABBA und Queen, über Katheter und Dekubitus, Texte über Freunde, die nichts taugten, und über die Erkenntnis, selber auch nicht besser zu sein, Texte über UNS und MICH.
Rainer Dorner, Dozent an meiner Berufsschule, sagte über die formal strengen und inhaltlich irgendwie toten, diese sterilen Gedichte Stefan Georges immer sehr schön: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Wenn ich später in eine hübsch-ästhetische, hochtrabende Doku über Hermann Hesse oder in einen Tarantino-Film hinein zappte, oder wenn ich DJ Bobo im Radio mal wieder „There Is a Party“ singen hörte, oder wenn ich Party-Fotos aus meiner Oberstufenzeit in die Finger bekam, oder wenn ich schon wieder einen Stapel Christian Kracht für den nächsten Deutsch-LK ans Lager bestellte, dachte ich mir öfters: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Meine 90er, diese zügellosen Spaß-Jahre, das waren für mich die gefrorenen Jahre (Sie dürfen bitte Kafkas Axt an dieser Stelle einmal im Schrank lassen).
Zeig ihnen, wie man Spaß hat lautet der deutschsprachige Titel von Flatterys Erzählband. Ein Imperativ, der wie die Faust aufs Auge auf meine Schulzeit in der Epoche von Marusha, Scooter und den Spice Girls passen würde. Ach, die Girlies und Boygroups, die Models und Formel-1-Fahrer! Die Fertiggerichte voller Lebensmittelfarbe, das ewige Dosen-Gelächter in den ewigen Sitcoms, die neonfarbenen Markenklamotten! Fernseh-Talk und Mini Playback Show! Was waren das bloß für Good Times! Hilfe!
Wozu Flatterys Texte eigentlich ermutigen, ist freilich das Gegenteil: Zeig ihnen, wo’s weh tut! Kafka in Ehren – aber ich hätte mit 15 eine Menge darum gegeben, so ein Buch wie das hier in die Finger zu kriegen. Von einer Autorin, die haarsträubend klug UND witzig ist. Stories aus einem weiblichen Kosmos, besiedelt von Mädchen, Frauen, besetzt von Mädchenthemen, Frauenthemen, erzählt aus Mädchen-, Frauenperspektive. Geschichten über das Nicht-gut-genug-sein, die Orientierungslosigkeit, das So-tun-als-ob, das Schlappmachen, übers Sich-ausnutzen-lassen, Sich-blöd-anstellen, Sich-unwohl-fühlen.
Der Humor und die surreale Ebene helfen der Autorin indessen aus einer Klemme, in der man unweigerlich landet, sobald man vorhat, dieses Unspektakuläre zu erzählen: Das seichte, aber zähe Alltagsunglück ist ja nicht wegzudenken aus der durchschnittlichen Lebensrealität – darüber aber realitätsgetreu zu schreiben, OHNE die Leserschaft dabei ins Koma zu langweilen (und wahrscheinlich auch sich selbst, als AutorIn), ist ein eigentlich hoffnungsloses Unterfangen.
Erst durch die humorige und surreale Überzeichnung wird das Unbehagliche, bedrückend Oberflächliche, bedrängend Langweilige erzählbar. Was David Foster Wallace mit Unendlicher Spaß und Der Bleiche König vorgemacht hat – Flattery holt es aus dem Literatur-Schaukasten heraus und wendet es auf das peinlich Private an.
In Sweet Talk schildert eine irische Farmerstochter das Jahr, in dem sie 14 wird. Unter den Farmhelfern dieser Saison ist ein eigentlich nicht besonders interessanter Australier, dem sie ein bisschen auf die Pelle rückt, die Zeitungen berichten von spurlos verschwundenen Mädchen, die Nonnen in der Provinzschule bemängeln nachlassende Leistungen, der Exorzist und Freddy Krueger spuken durchs nächtliche Fernsehprogramm. Himmel und Hölle, Realität und Fernsehen, brave Kindheit und Sexualität, Langeweile und Horror – Flattery verschränkt auf wenigen Seiten einen ganzen Haufen Gegenpole ineinander, und was dabei herauskommt, ist so eine Brühe, zugleich kalt und zu heiß, lasch und zu scharf, intensiv und ungenießbar, also genauso wie 14 sein.
Hätte ich das als Achtklässlerin gelesen, hätte ich mich kaputtgeschämt und kaputtgelacht. Und ich hätte von da an genauso schreiben wollen. Vielleicht hätte mir das geholfen.
Ganz sicher hätte es, verdammt.
Sehr mitgenommen hätte – und hat – mich auch Abortion, A Love Story, wo die engstirnige, passiv veranlagte College-Studentin Natasha auf ihre Spiegelfigur trifft, die abenteuerliche Lucy. Natasha packt das College nicht, fühlt sich fehl am Platz, zieht das aussichtslose Ding aber stur durch. Gerade hat sie eine erste vergurkte Beziehung hinter sich:
‚When Natasha first entered college, at eighteen, a boy called Patrick, stick-thin, raised Catholic, had attached himself to her. He was her first boyfriend. They were a good pairing because she was a strange person pretending to be a normal person, and he was a normal, well-raised person desperately pretending to be strange.‘
Danach schlittert sie in eine Verlegenheits-Liaison mit einem ihrer Professoren – auch nicht besser. Unterdessen erhält sie geradezu gespenstische Mails von jemandem, der sie offenbar kennt, gut kennt, dabei gibt es wirklich niemanden, der das täte, weder an der Uni noch sonstwo. Und dann tritt Lucy auf. Die hat gespenstisch viel mit Natasha gemeinsam und ist doch eine völlig andere Figur, eine, die bei Natasha im ersten Moment entschiedene Ablehnung hervorruft. Die Ablehnung entpuppt sich als Neid, der Neid outet sich als Bewunderung.
In den meisten ähnlichen Geschichten entwickelt sich das ganze dann wie folgt: Das wilde Mädchen nimmt die gehemmte Loserin an der Hand, verhilft ihr zu Abenteuern und lässt sie aufblühen, doch in einem Moment, wo es drauf ankommt, kehrt die Wilde sich achselzuckend ab und überlässt die Loserin ihrem Schicksal, wodurch diese sich erst ihrer eigenen, echten Werte bewusst wird. Moral: Erliege nie den falschen Verführungen eines allzu unabhängigen, selbstbestimmten Lebensstils, Mädchen!
Hier aber verlaufen die Dinge anders: Natasha und Lucy sind schon bald eng verschwistert, wie eine Einheit, die lange zerrissen war und nun endlich wieder zusammengefügt worden ist (Sie ahnen sicher, was hier gespielt wird). Als Duo überarbeiten und inszenieren sie schließlich ein Theaterstück von Natasha, das an Aussagewut wahrscheinlich alles in den Schatten stellt, was das verbiederte College je erlebt hat.
‚ „Lucy,“ Natasha said, holding up a page covered in red marks, „let’s make this a comedy.“ „Abortion, A Love Story?“ Natasha nodded. „But it’s about these two girls, sisters in misery.“ „I know.“ „They don’t have anything.“ „Of course.“ „It’s a bad time.“ „It’s a woeful time.“ „And it gets worse.“ […] Lucy took a sip of her drink. „Who could find all that funny?“ „Not me.“ „And the pain and suffering of the women,“ Lucy said, shaking her head. „The violence of what they have endured. That’s what the audience will want.“ „Yeah,“ Natasha said, „and let’s not give it to them.“ Lucy was silent. „Comedy is tragedy sped up.“ Lucy tapped two fingers on her can. „That’s Ionesco.“ „I thought it was my dad,“ Natasha said. „You know we’re risking our reputations.“ „We don’t have reputations to risk.“ ‚
Daria und Jane waren witzig, zeitgeistig – Natasha und Lucy aber machen Ernst: Friss Zuckerwatte, Publikum! Ein ernsthafter, abgründiger Spaß. Abortion, A Love Story ist die umfangreichste Geschichte in diesem Band, und es ist die einzige, in der sich eine Figur ein Stück weit aus ihrem kläglichen, unbehaglichen Alltag lösen kann. Moral: Suche Freundschaft, Mädchen, sogar mit dir selbst, VOR ALLEM mit dir selbst – und dann ran an die quälenden Dinge!


Foto: Grebe


>Nicole Flattery, Show Them a Good Time (Bloomsbury Circus)