DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus. Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten, ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können, bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht, es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche des physischen Postverkehrs benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da sind noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen. Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken. Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts. Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila), erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Spätjuni 1992 ist.


Foto: Grebe


>>Esther Kinsky, Hain. Geländeroman (Suhrkamp) €24,-

>>Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller


 

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DINGE // Über Dinge, Bücher als Dinge und ein Buch über die Dinge


Jérôme war vierundzwanzig Jahre alt, Sylvie zweiundzwanzig. Beide waren Psychosoziologen. Ihre Arbeit, kein Beruf oder Metier im eigentlichen Sinn, bestand darin, Menschen mit Hilfe diverser Methoden über verschiedene Themen zu befragen. Es war eine schwierige Arbeit, die zumindest starke nervliche Konzentration erforderte, aber sie war nicht uninteressant, verhältnismäßig gut bezahlt und ließ ihnen beachtlich viel frei verfügbare Zeit.

Zunächst fällt gar nicht auf, dass es sich hier um Fiktion handelt – alles erweckt ganz den Anschein einer realen soziologischen Bestandsaufnahme. Was nicht von ungefähr kommt. George Perec brach, nicht anders als Sylvie und Jérôme im Roman, erst einmal sein Soziologiestudium ab; anschließend verfasste er mit seinem Erstlingswerk Die Dinge eine Milieustudie, deren Hauptfiguren prototypisch für eine moderne, städtische Mittelschicht stehen, die ihre Erfüllung im Konsum sucht.

Ob sie diese auch findet – das bleibt vielsagend unausgesprochen.

Jung und ungebunden, verleben Sylvie und Jérôme in ihrer kleinen Wohnung in einem nicht noblen, aber charaktervollen Pariser Viertel eine unbekümmerte Zeit. Ihr Leben verlangt ihnen nicht ab, sich sonderlich um irgendetwas zu bemühen oder zu scheren, außer um ihre planvoll betriebene Zerstreuung. Sie lesen vormittags Lifestyle-Magazine, die ihnen die Hochglanzversion ihres eigenen Alltagsumfelds zeigen, und treffen abends Freunde, die sich von ihnen durch nichts unterscheiden. Dabei suchen sie gerade, und zwar permanent, wenn nicht sogar im Schlaf: das SPEZIELLE. Persönlichkeit gilt ihnen als die entscheidende Währung, doch Persönlichkeit ist genau das, woran es den Romanfiguren bitterlich mangelt.
Perec betrachtet Sylvie und Jérôme nicht im Lichte ihrer Herkunftsgeschichten, sondern konzentriert sich streng auf ihre unmittelbaren Lebensumstände und ihr Kaufverhalten – derweil lässt er die beiden im Dienste der Marktforschung ihrerseits Konsumenten zu deren Lebensumständen und Kaufverhalten befragen. Arbeiten die zwei gerade mal nicht, konsumieren sie selbst, soviel ihr Gehalt eben hergibt, und widmen sich geflissentlich der Verfeinerung ihres Stils bezüglich Kleidung, Inneneinrichtung, Lebenswandel. Die Ziele, die ihrem Denken Orientierung geben, sind nicht ideeller, sondern materieller Natur; unzählige Stunden verwenden sie darauf, sich ihren idealen Look für den Ausflug ins ländliche Umland auszumalen, nach dem perfekten Rotwein zu suchen oder sich, bis ins allerkleinste Detail, ihre Traumwohnung zusammenzufantasieren:

Es wäre ein Wohnraum, etwa sieben Meter lang, drei breit. Links, in einer Art Nische, stände ein großes schwarzes, abgewetztes Ledersofa zwischen zwei Bücherschränken aus heller Kirsche, in denen die Bände sich kunterbunt übereinanderstapelten. Über dem Sofa nähme eine alte Seekarte die ganze Länge der Wand ein. Hinter einem kleinen niedrigen Tisch, unter einem seidenen, mit drei breitköpfigen Messingnägeln an der Wand befestigten Gebetsteppich, würde ein anderes, mit hellbraunem Samt bezogenes, rechtwinklig zum ersten aufgestelltes Sofa zu einem kleinen hochbeinigen, dunkelrot lackierten Möbelstück mit drei Fächern führen, in dem sich Nippes befände: Achate und Steineier, Schnupftabakdosen, Bonbonnieren, Jadeaschenbecher, eine Perlmuschel, eine silberne Taschenuhr, ein geschliffenes Glas, eine Kristallpyramide, eine Miniatur in ovalem Rahmen.

Das ist nur ein kurzer Ausschnitt, bei dem ich’s hier bewenden lassen will – Perec zieht das beschreibende Erzählen an dieser und anderer Stelle im Roman indes seitenlang durch. Was ich keineswegs ermüdend finde. Vielmehr erzielen diese stoisch-ausführlichen Aufzählungsstrecken wirksam eine Bloßstellung des Zeitgeistes in seiner totalen, gähnenden Inhaltsleere.

Trotz seines neutralen Tons ist der Roman tatsächlich unterhaltsam. Sein Witz ist jedoch zugleich schmerzhaft: Jeder von uns kennt Sylvie und Jérôme, manche von uns SIND Sylvie und Jérôme, und während man anfangs bereitwillig dem Reflex nachgibt, die beiden für ihre harmlose Konsumsucht, die uns selbst so vertraut ist, zu belächeln, stellt sich nach und nach das bohrende, lastende Gefühl ein, man beobachte hier zwei Junkies während ihrer zunehmenden Verelendung, aus der sie aus eigener Kraft keinen Ausweg mehr finden.

Die Dinge ist ein Roman, der den Nerv der Zeit exakt trifft, um nicht zu sagen: ihn mit der Präpariernadel aufspießt. Der Gag daran: Die Dinge ist keine Novität im Herbstprogramm 2018, sondern erschien 1965 im französischen Original, 1967 dann in deutscher Übersetzung.

Vor über fünfzig Jahren, Herrgott! Was ist bloß dran an den Dingen, dass sie so an uns kleben, und wir an ihnen?


Seit ich Bücher als meine eigenen Bücher begreife (also seit Huckleberry Finn), pflege ich konsequent den Tick, jedem Buch, das als nächstes dran ist, vorab ein Lesezeichen aus meinem Fundus zuzuweisen. Diese Wahl erfolgt zielstrebig, nur manchmal kommt es vor, dass ich den Bucheinband einem suchenden Abgleich mit meinem gesamten Lesezeichensortiment unterziehen muss, um die einzig stimmige, einzig gültige Kombination ausfindig zu machen. Meine Lesezeichen füllen einen großen Schuhkarton und sind nur selten echte Lesezeichen, hauptsächlich Postkarten und Fotos, außerdem Eintrittskarten für Museen und Konzerte, Fahrausweise, Flyer, Bierdeckel, Spielkarten, alte Ausschnitte aus Magazinen oder Zeitungen, Farbmuster-Streifen und so weiter.
Ich neige nicht dazu, mich mit Krempel zu belasten, aber dieser Karton ist mir heilig; zweifelsohne habe ich zu vielen Stücken darin eine nostalgische Verbindung. Doch die tritt während der Auswahl eines Lesezeichens hinter synästhetischen Aspekten zurück, so wie ich auch das betreffende Buch nicht allein einer Thematik oder einer Epoche, sondern einem Empfindungskomplex zuordne – das ergibt sich ganz von selbst aus dem spezifischen Gemisch von Optik und Haptik des Buchs, von Schriftgeruch, klanglicher Dynamik und Temperatur der ersten Textseite etc.
Es gibt weiche oder raue Bücher, es gibt grelle, dumpfe, kühle, grobkörnige, verkohlte, glasige oder katzige oder obstige Bücher, eins verströmt durch die ihm eigene Mixtur von Schriftart, Papierqualität, Kaffeeflecken, kritzeligen Anstreichungen mit Kugelschreiber und, schließlich, den Wörtern für mich den Geruch von Schmieröl, ein anderes den von Meerwasser, im nächsten rollt etwas auf und ab wie ein harter, körperwarmer Lederball, wieder eins vibriert innerlich grünglimmend, und so verhält es sich auch mit den Lesezeichen – und das ist lange nicht alles, aber es tut nicht not, der Menschheit mit Schilderungen quergekoppelter Sinneseindrücke auf die Nerven zu fallen.
Nur so viel: Ich verstehe gut, dass Dinge – völlig unabhängig von ihrer etwaigen Aufgeladenheit mit Konnotationen oder Erinnerungen – durchaus mehr bedeuten können als das, was ihnen in ihrer bloßen Dinghaftigkeit eigentlich zu bedeuten erlaubt ist.

Je nachdem, wie man gestrickt ist, neigt man ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger zu syn- oder ideasthetischen Wahrnehmungen, aber so wirklich fremd ist ihre Einflussnahme wohl niemandem. Freilich spielen Erfahrung, Prägung, Konditionierung, die mindestens durchs unbewusste Hintertürchen Einzug in die Wahrnehmung halten, immer mit hinein – eine Abgrenzung lässt sich auf diesem Gebiet mit seinem wolkigen Grund und Boden oftmals schwer, mitunter gar nicht unternehmen. Dass man seinen Kaffee im Pausenraum deutlich lieber aus der, sagen wir, dunkelblauen bauchigen Tasse trinkt als aus dem zahnweißen zylindrischen Becher, das mag vielleicht auf eine lange, mikrokleinteilige und entsprechend unwichtige Erlebniskette zurückgehen, oder man hat’s einfach mit einem Hirn zu tun, das es mit der getrennten Verarbeitung von visuellen und gustatorischen Reizen nicht ganz so genau nimmt.
Wahrscheinlich gilt oft beides.
Ausdrücke wie „klirrende Kälte“, „Formensprache“, „runder Geschmack“, „schreiendes Gelb“ sind eingängig und eindeutig; sie sind für jeden nachempfindbar, wobei im Grunde keiner weiß, wie das kommt. Es ist selbstverständlich, während es objektiv doch gar keinen Sinn ergibt, dass man bestimmte Eigenschaften an Dingen, eine Ansammlung von Dingen, überhaupt irgendwas Dingliches abstrakt empfindet, etwa einen Stuhl als schön, oder die Einrichtung eines Badezimmers als fröhlich, oder eine bestimmte Architektur als kalt.


Natürlich sind Dinge immer etwas mehr als nur Dinge: Dinge konzentrieren und transportieren Geist.

Unser Verhältnis zu den Dingen ist ebenso vielschichtig wie unser Gehirn, weil es sich parallel zu diesem entwickelt hat und das auch weiterhin tut, eine lange Linie fortschreibend, die irgendwo im Dunkeln ihren Anfang nimmt und dann entlang der ersten Feuersteinklingen verläuft, die weiter zu Pelzkleidung und Knochenflöten und Klumpen von Birkenteer führt, weiter, weiter, zum ersten handgeschnitzten Holzpferdchen, zum ersten Totempfahl, immer weiter, zu Talg-Licht, Pinsel, Tongeschirr, zu Glasperle und Schutzamulett, zu Axt, Schwert und Pflug, zu Pferdesattel und Schiffskiel, Sandale, Krone, Dachziegel, Spinnrad, und immer noch weiter, zu Perücke, Pfefferstreuer, Puddingschüssel, Hosenträger, Zahnbürste, Kartoffel, Brille, Gießkanne, Dampfkessel, Propeller, Kugelschreiber, Stacheldraht, Lichtschalter, Muskatreibe, Fön, Plattenspieler, Schaltknüppel, Lakritzschnecke, Fidget-Spinner, iPad. Und als Mitläufer dieser großen Gesamtlinie erstrecken sich nebenher die ungezählten einzelnen Linien in ihrer winzigen Spannbreite – eine zieht sich vom Strohlager ausgehend über den täglichen Graupeneintopf und stumpfgoldene Weizenfelder bis zur geriffelten braunen Panzerung des schädlichen Kornkäfers, wo sie auch schon wieder endet, eine andere verläuft von gestärkter Leinenbettwäsche zu Matrosenkragen und Schultafel, über Bakelit-Telefon, Bartwichse, Blutwurst, Zaumzeug, die „noch lebende“ Druckerschwärze frisch hergestellter Zeitungen und abschließend zur Torpedorrohrklappe eines U-Boots Typ VII A, und meine führt vom petrolblauen Kinderbettbezug zum Salz-und-Pfeffer-farbenen Polstersofa, weiter über den Werkzeugschrank meines Vaters, die jadegrüne Badewanne, die Armbanduhr meiner Mutter, das Häkelgarn, die Kauri-Muschel, Apfelkompott, die gesprenkelte Murmel, die großväterliche Hustenbonbon-Dose, den Ringelpulli, Krawatten, Flachsteck- und Torpedosicherungen, den abgegriffenen Lack der Dame-Spielsteine, stumpfgoldene Weizenfelder, die polterigen Holzbohlen der Schulweg-Brücke, Runkelrüben, Dahlienknollen, die Sense, Schmieröl, den Schmetterlingskasten, den 1988er Passat Variant in Metallic-Braun, die bekritzelte Tischplatte in der Oberstufe, das silberne Feuerzeug, weiter, über die rußschwarze Fabriklampe und den Wanderrucksack, den gebrochenen Terrazzoboden im EG in der Sauerweinstraße 3, die Elbfähre, das Linolschnitt-Besteck, die Tresortür und die dunkelblaue bauchige Tasse im Pausenraum, noch weiter, über noch viel mehr, den Frottee-Elefanten und den gelben Pfannenwender, das steinerne Eichhörnchen, den anthrazit-grünen Buggy, die Schwanenfedern, das Umzugskarton-Raumschiff, den Kastanienbaum und bis zum glänzend roten Kochtopf mit Polka-Dots, in dem jetzt gerade das Essen köchelt.


Welcher Geist den Dingen innewohnt, und welchen Reiz sie aussenden – eine Zeit, die es einem erlaubt, sich (wie ich heute) tagesfüllend mit solchen Überlegungen zu beschäftigen, muss schlechterdings eine paradiesisch sorglose sein. Anders ausgedrückt: eine höllisch fade.

Was natürlich Blödsinn ist. Existenzielle Themen lauern an jeder Ecke, Autounfälle, Krebsdiagnosen und Konsorten metzeln sich eher still, aber nimmermüde durch den Privatalltag, irgendwo, ob in der Supermarktschlange, im Park, auf dem Elternabend, im Arztwartezimmer oder mitunter beim Blick in den Spiegel, hat man’s täglich unweigerlich mit Menschen zu tun, deren Leben gerade kein bisschen sorglos und fade ist.
Wer die Hölle also sucht, der findet sie garantiert, und wer nicht, den findet sie vielleicht von sich aus.
Das tatsächlich sorglos-fade Leben, in dem sich alles nur um Krempel dreht, ist nicht unbedingt der Mainstream, auch wenn dieser Eindruck medial breitgeschlagen wird. Ob es uns generell zu gut geht, ist eine Frage, die viel geschmacklichen Spielraum bietet. Aber dass wir nicht damit umzugehen wissen, wenn es uns selbst und anderen reell schlecht geht, das glaube ich dagegen sicher – da ist man ganz schnell allein, der Ofen aus und alles im Eimer.

Ist es menschlich da nicht nachvollziehbar, wenn die Flucht vor der lauernden Hölle alias dem echten Leben im IKEA-Showroom endet? Wenn ein Pinterest-tauglicher Alltag zum Ideal verklärt wird? Unser tägliches Zeug gib uns heute, und vergib uns unsere Schulden! Wenn eine Klimaerwärmung um 4°, die das Ende unserer Zivilisation bedeutet, eh unausweichlich ist, in ziemlich naher Zukunft sogar, was haben wir dann noch von Nachhaltigkeit? Von Verzicht? Wenn schon aussterben, dann bitte mit Stil – die Eiswürfelmaschine hilft, die Cocktails zu kühlen, mit denen wir uns schnell noch betrinken, und die schmelzenden Sohlen unserer neuen Sneaker kleben besonders hübsch an der glühenden Erdkruste fest!
Es ist ja völlig wurscht, welche billige Art von Halt und Trost teurer Nippes bietet – die Hölle bietet jedenfalls keinen.


Ich kaufe meine Bücher übrigens gern gebraucht. Hab ich immer schon. Ich mag den Gedanken sehr, dass ein Buch, das bereits durch andere Hände gewandert ist, von diesen Händen je einen Hauch PERSÖNLICHKEIT aufgesaugt und weitergetragen haben könnte – bis zu mir. Ich sehe keine Flecken oder Knicke, ich sehe nur akkumulierten CHARAKTER!

Die Dinge war in dieser Hinsicht ein guter Treffer: Überraschenderweise erwies sich mein antiquarisch gekauftes Exemplar als ein durch viele Hände gewandertes (und dann wahrscheinlich geklautes) Bibliotheksstück! Aus – guck einer an – London! Ist das nicht total SPEZIELL?


>>Georges Perec, Die Dinge ist derzeit bei diaphanes lieferbar bzw. antiquarisch in diversen hübschen Varianten zu kriegen


Fotos: Grebe

DINGE // The Ineradicable Krempel

Geparden haben Probleme. Ich meine welche außer uns Menschen, unabhängig von uns Menschen; ich meine genuine Gepardenprobleme.
Das schnellste Landtier der Welt hat eine ungeheure Jagderfolgsquote. Dank seiner Spitzengeschwindigkeiten. Aber gerade da liegt der Gepardenhaken: Ein 60kg-Tier, das es auf rund 100km/h bringt, verlangt seiner Physis damit freilich das Äußerste ab. Mehr geht nun wirklich nicht. Nach der energieintensiven Jagd muss der Flitzer möglichst sofort fressen – häufig aber wird ihm seine Beute postwendend von den kräftigeren Räubern abgenommen, denn mit seinem auf Schnelligkeit ausgerichteten Körperbau ist gegen, sagen wir, eine wuchtige Hyäne einfach kein Ankommen. Im ohnehin zierlichen Gepardenkopf, dessen Nasengänge dem Atemvolumen entsprechend auch noch übergroß gebaut sind, ist kein Platz für ein konkurrenzfähiges Gebiss – usw. Und nicht zuletzt bedeutet die Sprintorientiertheit der Geparden auch einen natürlichen Deckel für ihre Geburtenrate: Trächtige Tiere erreichen keine Höchstgeschwindigkeiten, die Rate ihrer Jagderfolge sinkt.
Ich könnte mir stundenlang Aufnahmen jagender Geparden anschauen, das wird nie langweilig. Zeitlupengedehnte Muskelkontraktionen, das Zusammenspiel von Sehnen, Gelenken und Hochleistungswirbelsäule, dieser Schub, der in der Schulter-Unterrücken-Achse wurzelt und den die zerbrechlich erscheinenden Gliedmaßen auf unebenem Boden in bombastische, eigentlich unfassbare Beschleunigung übersetzen: von 0 auf 100 in drei Sekunden.
Ein Produkt jahrtausendelanger Anpassung an die Anforderungen, die ihre Umwelt den Geparden stellte, denke ich und blinzle einmal, zweimal andächtig. Gleichzeitig frage ich mich aber doch, ob die Natur sich da nicht irgendwie verrannt hat und das, was ich jetzt bestaune, womöglich bereits ein Auslaufmodell ist – Hyperspezialisierung erschließt selbst die kleinsten Lücken, ja, aber in diesen Lücken ist es eben eng. Und winkt nicht da hinten, am Zielpunkt solcher arg zugespitzten Wege, als Trophäe oft bloß noch das Aussterben?

Im Drogeriemarkt.
Ich stehe ratlos am wöchentlich wechselnd bestückten Angebotsregal und frage mich, warum zum Kuckuck wir tatsächlich diesen Krempel kaufen:
Verstellbare Spülbürste / Gesichtsmassagegerät mit Mikrodermabrasionstechnologie – professionelles Diamantpeeling! / Faltbare Salatschleuder.
Alle wissen reell, dass das niemand braucht. Alle wissen, dass das reine Überflussprodukte sind, die nicht die Welt verschönern oder gar verbessern, sondern sie bloß sukzessive übermüllen, und dazu kosten sie auch noch Geld, in der Herstellung, in der Anschaffung, mitunter auch noch im Verbrauch, und nichts davon täte not. Alle wissen das.
Faltbare.
Salatschleuder.
Natürlich wird nur darum so blindlings produziert, weil gekauft wird. Aber warum wird so blindlings gekauft, nur weil produziert wird?

Warum eigentlich stehe ich hier so am Regal herum?

Im Grunde kenne ich gar keine Langeweile, ich gehe also nicht einkaufen, um mich zu beschäftigen – was ich für eine der wichtigsten Konsum-Triebfedern halte, insbesondere beim Internetkauf.

Ich bin auch keine kompetitive Konsumentin, ich muss nicht „mithalten“. Was Luisa und Anne gekauft haben, brauche ich noch lange nicht. Ich kapiere nicht, was den Spaß an diesem Wettbewerb ausmachen soll, und wie tief dieses Bedürfnis, das zu haben, was alle haben, wohl sitzen muss. Wie eingeprügelt.
Apropos: Ich war längst nicht das einzige Kind, das auf dem Schulhof Kloppe von den Benetton-Pulli-Kindern kriegte, weil meine Sachen von den älteren Schwestern, von C&A oder aus dem Supermarkt waren. Ich kam aber nie heim und schrie, ich wolle endlich auch mal Adidas-Schuhe oder Oilily-Taschen haben – ich drosch stattdessen in der nächsten Pause mit Attacke zurück. Bis heute macht es mich ernsthaft aggressiv, wenn mir jemand Marken-Namen vorflötet. Ebenso gereizt reagiere ich wiederum auf Spielplatz-Eltern, die sich als Fair-Trade- und Nachhaltigkeitskommission betätigen. Himmel noch eins, im Grunde wünschte ich mir doch bloß, dieser ganze Mumpitz spielte in unserem Umgang miteinander keine, und zwar wirklich so gar keine Rolle.
Apropos Kinder: Ich hab ein ganz mulmiges, widerwilliges Gefühl, wann immer ich diese Neusitte beobachte, Geschwister von Geburtstags- oder Einschulungskindern mit Ausgleichsgeschenken, mit eigenen Minischultüten zu versorgen, als wäre das sonst ungerecht. Ich fände viel besser, einem Kind zu vermitteln, dass es der Schwester, dem Bruder, die einmal einen ganzen Tag lang im Mittelpunkt stehen, das auch gönnen darf und das Kind an einem anderen Tag im Jahr schließlich selbst im Mittelpunkt steht, anstatt es darauf zu dressieren, dass es aus den besonderen Erlebnissen Anderer immer auch einen Kompensationsanspruch für sich selbst ableitet. Das Ganze schafft mehr Neid-Leid als es lindert – das glaube ich fest, aber laut sage ich das natürlich selten, denn ich muss schon aufpassen, dafür nicht als herzlose und außerdem geizige Arschlochmama gelyncht zu werden.
Apropos Mama: Warum fühlen wir uns überhaupt ständig gezwungen, unsere (hoffentlich) Liebe (oder was sonst?) in einer Maßeinheit auszudrücken, die „gekaufter Spielkram“ heißt?

Ich rede übrigens gern mit meinem Mann und meinem Kind, auch mit Freunden, sogar mit meiner Mutter, meistens; jedenfalls: Ich glaube nicht, dass ich übermäßig oft Dinge anschaffe, nur um künstlich für Ablenkung bzw. für Gesprächsthemen zu sorgen. Ich frage immer „Wie geht’s dir?“, weil mich das immer interessiert – „Wo hast du das gekauft?“ frage ich dagegen selten. Mein Sohn fragt viel öfter „Wollen wir was basteln?“ als „Kann ich das Tablet haben?“, noch zumindest. Als Pärchen kann man, entweder aus lauter Langeweile aneinander oder schlicht aus Angst, sich ansonsten ernsthaft unterhalten zu müssen, natürlich ersatzweise, sagen wir, neues Essgeschirr auswählen, kaufen, gemeinsam ausprobieren, diskutieren, rezensieren etc. Ich finde allerdings sinnvoller, sich erst dann einen neuen Satz Teller anzuschaffen, wenn man sich zuvor kräftig klirrend gestritten hat. Bloß, wer kommt denn überhaupt noch dazu, sich ordentlich zu streiten, wo man einander doch so wunderbar aus dem Weg gehen kann, indem man, jeder für sich, das Internet nach Sneakern, formschönen Thermosflaschen, Edelsteinstaub zur Trinkwasser-Energetisierung, handgenähten Wimpelgirlanden, Sonnenbrillen, Nasendilatatoren, aus Skateboard-Holz gedrechselten Ohrringen, japanischen Rennrädern usw. durchforstet?

Krempel fragt nicht, Krempel versteht.

Leider kann ich mich für praktische / liebenswerte Überflüssigkeiten einfach nicht begeistern. Ich horte, das gebe ich zu, ein bisschen Erinnerungsschnickschnack, aber das Bedürfnis, regelmäßig zusätzlichen Schnickschnack anzuschaffen, geht mir komplett ab. Ich misstraue diesem Zeug zutiefst, denn es verlangt mir meistens auch noch ab, dass ich irgendwas Überflüssiges damit anstelle, was den Rahmen meiner Verhaltensweisen vollends ins ungesund Blödsinnige hinein verschieben würde. Kostbare Zeit verplempern, das kann ich hervorragend im Internet, das genügt mir schon, danke – wozu mich also auch noch mit Produkten eindecken, deren einziger Zweck darin besteht, dass ich meine Zeit mit ihnen noch besser verschwenden kann? Saisonal wechselnde Dekorationsartikel, die ich stundenlang hin und her arrangieren kann. Die Staub sammeln, damit ich diesem wiederum mit diversen Haushaltsutensilien zu Leibe rücken kann. Dinge, die mich beschäftigt halten, damit ich nicht stattdessen über, du liebe Güte!, mich selbst nachdenken muss.
Es gab Zeiten, da galt man als Hausfrau und Mutter tatsächlich nur als das: als Frau, die im Haus festhing und sich dort um Haushalt und Kinder zu kümmern hatte. Welche Nöte und dementsprechende Bedürfnispalette sich daraus ergaben, und wie sich diese im Sortiment der Warenhäuser und Drogerien niederschlugen, ist nur logisch. Die Kaffeekranzkultur der Wirtschaftswunderzeit zum Beispiel, mit ihren Sammeltassen, Tassendeckchen zur Schonung der Untertassen, bunten Kaffeekannenwärmern, Tropfenfängern aus Schaumstoff mit schmetterling- oder blümchenförmigem Dekor, Spitzendeckchen usw., hat nicht umsonst jahrzehntelang überdauert, bis sich der Lebensalltag irgendwann doch einmal wandelte.
Als notwendiges Element, um den Alltag erträglich gestalten zu können, sind inzwischen einfach modernere, aber genauso hochgezüchtete, bis zum Gehtnichtmehr ausdifferenzierte Trostproduktwelten an ihre Stelle getreten. Immer noch kauft man – in haarsträubender Masse – Zeug, das den Geist häuslicher Geborgenheit heraufbeschwören soll, um, ich weiß auch nicht, unsere Angst vorm nackten, kalten Alltag darunter zu ersticken? Man google an dieser Stelle bitte einfach die Begriffe „Grillbedarf“ oder auch „Hygge“: Wer Oma damals für ihre penible Gardinenpflege belächelt hat, kann angesichts 18teiliger Grillsets in frischer Farbgestaltung inklusive Silikonhandschuhen, Rauchwedel, BBQ Meat Claws für Pulled Pork, kupferbeschichteter Antihaft-Grillmatte etc. bei Bedarf nun gerne sich selbst auslachen oder sich das cosy Kaschmir-Grobstrick-Plaid bis über die schamroten Ohren ziehen.

Nichts von all diesem unsinnig spezialisierten Gedöns braucht es wirklich auf der Welt, die dadurch ja nicht das kleinste bisschen weniger schlecht, weniger gleichgültig gemacht wird, nicht wahr?
Nur, wenn ich mich schon frage, was zum Henker das eigentlich alles soll – müsste ich mich da nicht auch fragen: Wozu überhaupt braucht die Welt nun unbedingt ihre Geparden?
Und wozu braucht sie eigentlich unbedingt solche Leute wie –
Wozu braucht sie, bitteschön, mich?

Warum stehe ich hier am Regal herum?
Um mir etwas scheinbar Harmloses anzuschauen: eine Sache von höchster Dinglichkeit, die, ich wette mal, uns alle überdauern wird.


Foto: Grebe

BERG+WERK // Was bitte will Peter Handke damit – das ist MEIN Berg!

Ihr seid das Salz der Erde – heißt es in der (Obacht:) Bergpredigt.
Damit wird nicht etwa den Gläubigen erklärt, sie würden den Boden schmackhaft machen. Gehen wir davon aus, Erde meint hier die Welt. Und Salz? Steht für Reinheit, denn es konserviert, es verhindert Fäulnis.
Soviel zum Ethos des Salzes.

Wir holen das Beste für die Erde aus der Erde, heißt es auf der Homepage der K+S, der weltweit größten Salzproduzentin. Auch das Kalibergwerk Sigmundshall in Bokeloh gehört ihr an.
Salz ist freilich nicht bloß zum Streuen da, sondern in Landwirtschaft, Industrie, Forschung, Medizin als Roh- und Hilfsstoff elementar wichtig.
Kaliumchlorid, wie es hier aus dem Rohsalz gewonnen wird, findet traditionell in Düngemitteln seinen Einsatz. Des Weiteren nutzt es die Industrie als Härtesalz, Schwebemittel und in allerlei sonstigen Verwendungsformen.
In hochdosiertem Zustand verabschiedet sich Kaliumchlorid von seinem guten Händchen für Fruchtbarkeit & Produktivität – es führt zu Herzstillstand. Bei Einschläferungen wird es dem Tier per Spritze verabreicht. Ebenso bildet es die letale Komponente bei Hinrichtungen mittels Giftinjektion.
Soviel zur Salz-Praxis.

Seitwärtsschritt, hinüber in die indische Mythologie: Göttin Kali ist unter anderem Beschützerin und Erlöserin, insbesondere aber grauenerregende Todbringerin. Die Poeten fürchten sie und suchen doch inbrünstig ihre Nähe.
Vielleicht klingt das ja in diesen ein, zwei Sätzen an, mit denen Peter Handke das schmale Bändchen Kali – Eine Vorwintergeschichte eröffnet – ganz beiläufig, wie um eine Unterhaltung fortzuführen:

Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen.

Über sie wird noch zu reden sein. Aber ich sag’s gleich, es ist das Kalibergwerk in dieser Geschichte, worüber ich hier am meisten – viel zu viel! – rede und weswegen ich Kali überhaupt gelesen habe. Es ist „mein“ Kali.

Der Buchumschlag und der Blick aus meiner Haustür zeigen ein- und denselben Haufen Rohsalz – rund 120m hoch, die einzige Erhebung im platten Umland, früher reinweiß, heute, je nach Wetterlage, mitunter sogar pechschwarz -, und ich habe erst gar nicht versucht, hier die unbefangene Leserin zu spielen.
Was aber, wenn auf einem Buch außerdem noch Handke draufsteht, eh wurscht ist, denn da ist es mit der Neutralität sowieso vorbei: Entweder man verehrt Handke, und zwar schwelgend – oder man schimpft über ihn, mit Geifer und Genuss.
Mich braucht man allerdings weder unter seinen Schwärmerinnen und Schwärmern zu suchen, noch unter denjenigen Hatern, die das Handke-Bashing mit dermaßener Akribie und so hohem emotionalen Einsatz betreiben, dass sie, bezüglich der Intensität ihrer Beschäftigung mit Handke, ja gar nichts anders machen als die Schwärmenden.
Was das angeht, hat mich Kali nun auch nicht radikalisieren können. Ich empfinde es als ein wenig relevantes Rotwein-Buch, und das mit dem Rotwein und mir — es ist einfach unerquicklich, lassen wir das. Tatsächlich ist es der erste Handke, den ich bis zum Schluss lese. Im Normalfall nehme ich Handke bloß zur Hand, um mir einen notdürftigen Einblick in etwas zu verschaffen, das überwiegend als poetisches Spitzenprodukt gewertet wird, und dann lege ich ihn auch schon wieder weg. Pathos-Allergie.
Kali lese ich über weite Strecken mit Gleichgültigkeit. In manchen Passagen werde ich ärgerlich, insbesondere während der Schlusspredigt. Die Erzählform wiederum, und wie Handke deren Spielräume auslotet, gefällt mir, ja, aber ich bete ganz gewiss nicht das Handke Unser.

Welche Position Kali im Handke-Katalog einnimmt, dazu kann ich wenig sagen, ich kann keine Querbezüge zu seinen anderen Werken herstellen, keine Charakteristika benennen. Die Erlösungssuche, oder die Wanderung – sind das nicht typische Motive? Mir ist so, als hätte ich das mal so aufgeschnappt.

In diesem Fall nimmt die Wanderung ihren Anfang in einer namenlosen, trubeligen Großstadt; eine namenlose, gefeierte Sängerin beendet hier just ihre Sommer-Tournee. Den Winter will sie in einem Landstrich verbringen, der als Toter Winkel bezeichnet wird – für sie ist es die Gegend hinter dem Kindheitsfluß, hinter dem Kindheitssee, hinter dem Kindheitshügel.
Mit ihrer Wanderung folgt die Sängerin einer – ja was? Eingebung? Im laufenden Fernsehprogramm hat sie einen Mann gesehen und als den ihr bestimmten erkannt, und so macht sie sich nun entschieden auf den Weg zu ihm.
Und sie wird ihn finden, denn auch das ist ihre Bestimmung: eine Finderin zu sein. Da ist durchaus eine gewisse Portion Soft-Zauber am Werke. Einen verlorenen Ring im Kies, eine Kontaktlinse im Flokati – alles, was nahezu unmöglich wiederzufinden ist, fischt sie mit einem einzigen, zielsicheren Griff wieder hervor, und spricht dabei eine Warnung aus: Was einmal wiedergefunden worden sei, dürfe kein zweites Mal verloren gehen, denn es würde dann auf ewig verloren sein.
Der ihr bestimmte Mann ist, wie sie intuitiv weiß, der leitende Ingenieur des Kalibergwerks im Toten Winkel. Wo ein Abraumberg von schneeweißem Rohsalz monolithisch aus der Ebene aufragt und ein Areal der Reinheit markiert, in einer Welt, die andwerswo keine Gewissheiten mehr, nur noch Verwirrung bietet. Wo sich unter Tage eine weiß-glitzernde Gegenwelt erstreckt, die mit jedem neuen Stollen, den die Vertriebenen dieser Erde, welche hier als Knappen Arbeit fanden, weiter wächst und wächst. Wo im Übrigen derzeit ein Kind vermisst wird – wie praktisch also, dass eine esoterisch zertifizierte Finderin gerade auf ihrem Weg dorthin ist.
Und wie tragisch zugleich, trägt doch die Sängerin mit ihrer Ankunft Gefahr ins Kali-Land. Sobald sie und der Salzherr, wie der Ingenieur oftmals genannt wird, zusammenkommen, sind nämlich beide – warten Sie, lassen Sie mich einmal tief Luft holen: des Todes!

„Ja, wenn wir beide, unser beider Körper, einander lieben, müssen wir sterben, Sie mit mir, und ich mit Ihnen. Jetzt ist es gesagt. Und da es gesagt ist, hat es zu geschehen.“

Treffen sich zwei – beide tot. Welch Jammer, welch Tragödie; welch wohlig-todesromantischer Schauer! Wie nimmt jetzt der Ingenieur auf, was die Sängerin da gesagt hat?

Der Gastgeber hat ihr reglos zugehört, und ist dann mit einem Ruck aufgestanden, wobei der Sessel umfällt. Hat er ihn absichtllich umgeworfen? Für einen Augenblick erscheint sein Gesicht wutverzerrt. Und beißt er sich jetzt nicht in die geballte Faust?

(Entschuldigung, genau so steht das da, so was denke ich mir ja nicht aus!)
Nun: Soll es mit den beiden denn wirklich dieses Ende, dieses bittere, nehmen? Gibt es denn wirklich keine Hoffnung auf Erlösung?
Muss womöglich zunächst das verschwundene Kind (das vielleicht ein ganz konkretes ist, vielleicht aber doch auch ein ganz abstraktes?) aufgefunden werden; muss diese eine Rettung jeder weiteren Rettung vorausgehen?
Falls aber wirklich niemand sonst mehr retten kann – könnte da nicht, ausnahmsweise, der Erzähler, sagen wir, ein bisschen mogeln vielleicht?

Der Erzähler, mit dem man es hier zu tun hat, ist nämlich durchaus ein sich beteiligender Erzähler, einer, der immer wieder selbst in den Roman eintritt, suchend und fragend durch die Landschaft streift, den Figuren nacheilt oder wie im Rüttelflug über ihnen stehend sie fixiert. Umgekehrt ist den Romanfiguren stets bewusst, dass sie ziemlich eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und dass es eine mehr als nur abstrakte lenkende Hand über ihnen gibt, und nichts davon scheint sie zu verwundern.
Ich neige die ganze Zeit über dazu, den Erzähler als Erträumer dieser Geschichte zu verstehen.
Zumal innerhalb seines Erzählens eine somnolente Willkür waltet. Der feste Boden konkreter Orts-, Zeit- und Namensangaben wird nie betreten. Alles schwimmt stets im Dehnbaren und Veränderlichen, beispielsweise sehen wir, mitten in der eindeutig vorwinterlichen Szenerie, die Sängerin plötzlich von munteren Libellen umschwirrt und von Sommerschilf umgeben. Im Toten Winkel ist, so liest man, seit Jahren kein Kind geboren worden. Das letzte war das jetzt vermißte, aber das ist nun schon ein Jahrzehnt her – und doch säumen, je länger die Sängerin dort verweilt, mehr und mehr Kinder die Szenen in der Knappensiedlung, als wüchsen diese einfach in die Erzählung hinein wie die Pilze. Die Figuren liefern sich Dialoge, wie sie sonst eher in Wachträumen oder symbolistischen Filmen stattfinden, bleiben, bis auf mickrige Ausnahmen, namenlos und auf ihre Funktionsbeschreibung reduziert (die Sängerin, der Fahrer, die Pastorin, der Maler usf.) und würden sich alles in allem auch gut zu Märchenfiguren eignen, kurz: Sie erinnern an alles mögliche, nur freilich nicht an wirkliche Menschen.

Im Grunde liest sich Kali wie ein Kunstmärchen der Romantik, dessen Autor leider 1942 geboren wurde anstatt 1772. (So was kommt vor, solche Fehler unterlaufen der Welt schon mal.)
Obwohl – ein Romantik-Stück, in dem ein Jeep durch Rohsalzstollen brettert, vorbei an Baggern und anderem montanem Großgerät? Das steckt schließlich alles drin. Und doch tut es dem Eindruck vorindustrieller Verwunschenheit, den Handkes Kali-Land erweckt, seltsamerweise keinen Abbruch. Den vorhandenen technischen Elementen zum Trotz, spricht Kali eine Sprache, die ich genauso aus romantischen Tiefenexpeditionen wie Die Bergwerke zu Falun von E.T.A. Hoffmann und Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen kenne.

Novalis‘ Vater war übrigens von Beruf Salinendirektor.
Aber wie kam Handke wohl auf den Trichter mit dem Salzbergbau?

Katja Flint: Ungefähr fünf Jahre lang waren Flint und Handke miteinander verbandelt. 2007, nicht lange nach der Trennung, erschien Kali.
Da unser Dorf, das Kalidorf, nun mal ein kleines Dorf ist, geht hier niemals auch nur ein Körnchen lokalen Tratsches verloren, und eine der unausrottbaren Ortslegenden besagt, Katja Flint habe früher mal auf dem Tienberg gewohnt. Womit die Werkssiedlung von Sigmundshall gemeint ist, das Dorf im Dorf. La Flint wurde hier geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre wohl tatsächlich auf dem Tienberg, machte dann aber schnell anderswo mit dem Aufwachsen weiter. Vom Kalibergchen im niedersächsischen Niemandsland ging es, noch als Kind, nach Amerika, zu den großen Salzseen. Vater Flint soll Ingenieur gewesen sein, aber allzu genau wusste und weiß man’s nun auch wieder nicht. Und interessant war das eigentlich auch bloß solange, wie Flint und Lauterbach noch täglich die BILD, die Bunte und Sat1 beschäftigten.
(Was ich von diesem Teil-Wissen habe? Hauptsächlich, dass ich mir die Sängerin, wie sie so im Ingenieurshaus oberhalb der Knappensiedlung mit dem Salzherrn gemeinsam nachtmahlt – ach, nicht bloß da, sondern: dass ich mir sie permanent als rothaarige Katja Flint vorstelle.)

Einen Teil seines Vorlasses hat Peter Handke ans Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek gegeben. Darunter auch Materialien, die seine Arbeit an Kali begleiteten.
Irgendjemand von hier muss ihm ein Exemplar des Bildbands zum 100jährigen Jubiläum von Werk Sigmundshall gegeben haben, den Handke sich kopierte, denn der war nur in winziger Auflage, bloß zum regionalen Eigenbedarf gedruckt worden; natürlich hatten auch meine Eltern damals einen gekauft.
Und Handke war zum Knipsen im Nachbarort Steinhude – es gibt Fotos vom Steinhuder Meer, von der Badeinsel, von den Booten, die übers Meer und auch durch Handkes Erzählung segeln, und ein sicherlich vom Wilhelmsstein, der Festungsinsel im Meer, aufgenommenes Bild, das die knallweiß überm Wasserspiegel schwebende Kali-Nordseite zeigt (die allerdings längst ganz anders aussieht, als Handke sie noch fotografierte: Der rohe Abraum verwittert mit den Jahren zu grauem Steinsalz, außerdem wird der Berg inzwischen mit dunkler Schlacke überzogen, auf der sich Pflanzenbewuchs ansiedeln soll).

Das „Meer“ scheint freilich eher ein See, in der Ferne das Gegenufer? Dann der Bootssteg mit einem nun doch zu einer Meerespassage passenden Schiff; Name: DER AUSWANDERER.

Das Steinhuder Meer ist tatsächlich ein Binnengewässer. Mittendurch verlief früher die schwimmende Grenze zwischen Preußen-Hannover und Schaumburg-Lippe. Die besagten Auswandererboote dienen allein der Personenschifffahrt, und sie bekamen diesen Namen, weil sie, indem sie über den See setzten, Landesgrenzen überschritten. (Angepasst ans seichte Heimatgewässer, ist dieser Bootstyp übrigens nirgendwo sonst zu finden.) Die größte Tiefe des Meeres beträgt keine drei Meter, und meine Oma erzählte, wenn man die Untiefen-Linien finde, wo das Wasser nie mehr als knietief sei, könne man von einem Ufer bis zum anderen quer übern See gehen. (Ich war zu feige, das je selbst auszuprobieren, aber ich weiß auch, dass sich diese Feigheit nie so ganz ohne Grund einschaltet – sie meint’s gut mit mir.)

Handke lässt seine Sängerin ebenfalls eine Überfahrt im Auswanderer machen, dem großen Salzrücken entgegen, und nimmt dabei die Bootsbezeichnung wörtlich: Ihre Mitpassagiere sind Migranten aus aller Welt, Hoffnungslose, Versprengte, die von den Auswanderer-Booten zum Toten Winkel gebracht werden, wo sie Zuflucht und Arbeit suchen. Entsprechend mischen sich in der Werkssiedlung alle erdenklichen Religionen und Ethnien und es herrscht ein wildes Gewirr von Schriftarten und Vokabeln.
Der Salzherr erzählt:

Seit jeher war das hier eine Flüchtlingsgegend. Lange, bis nach dem letzten Krieg, und noch in den Jahrzehnten danach, kamen wir Flüchtlinge ausnahmslos aus dem Osten. Und bis Ende des vergangenen Jahrhunderts sind die meisten von uns hier heimisch geworden, fast – haben jedenfalls Arbeit gefunden im Salz, haben sich in der Gegend eingekauft. Aber die Flüchtlinge dieses neuen Jahrtausends werden ganz und gar nicht mehr heimisch. Und sie kommen inzwischen aus sämtlichen Erdgegenden.

Was dieses vergangene Jahrhundert anbetrifft, ist das keine Fiktion: Das Bergwerk zog stets die Verlorenen an.
Zunächst bot es in der extrem strukturschwachen Region den wirklich Unterprivilegierten geregelte und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit. In der traditionell kleinbäuerlichen Gegend waren Tagelöhnerei und das, was man heute Arbeitsmigration nennt, ganz normal. Meine Urgroßväter (väterlicherseits) arbeiteten saisonweise als Reetschneider in Holland oder als Heringsfischer in der Nordsee; ihre Reisewege bewältigten sie – es hieß nicht umsonst Wanderarbeit – zu Fuß. Die Höfe, die notdürftig die Selbstversorgung der Familien sicherten, wurden unterdessen von den Frauen und Kindern allein unterhalten. Noch in der Nachkriegszeit war es üblich, sich Kühe und Schweine zum Eigenbedarf zu halten.
Mein Bokeloher Urgroßvater (mütterlicherseits) schuftete als dreizehnjährige Vollwaise in einer Weberei, bevor er auf Sigmundshall Arbeit fand. Für viele, die wie er dort ihren Hauerschein machten, war dieses Papier das erste Zeugnis, das sie je erhielten.
Zwar wurde der Förderbetrieb in Bokeloh Ende der 1920er pausiert, um nicht durch Überförderung die Rohstoffpreise ungewollt abzusenken, doch blieb mein Urgroßvater als Teil einer kleinen Wach- und Instandhaltungsmannschaft am Berg. Im Krieg wurden in Sigmundshall, anders als in den südlicher gelegenen Werken der Kali-Gesellschaft, keine Zwangsarbeiter eingesetzt, sondern die Stollen als Lagerstätte für die zentrale Lebensmittelnotversorgung genutzt. Ein Ali-Baba-Schatz aus Getreide, Margarine und Rübenzucker. Aber ob das wohl wirklich alles war, was da lagerte?
Mein Urgroßvater und sein Schäferhund liefen vor den Stollenzugängen Streife. Solche Schäferhunde wie diesen – einen Berger Blanc Suisse – hatten wir immer wieder in der Familie. Ihr Fell ist dick wie gehechelter Flachs und mattweiß wie Rohsalz.
Natürlich krempelte der Weltkrieg, der Zweite, selbst in abseitig-ländlichen Gebieten sämtliche Innereien um, schäumte Tollwut auf, schlug die Ordnung der Dinge zu Klump.
Der in erster Linie jüdisch besetzte Landhandel in seiner uralten, bewährten Form wurde ausgelöscht. Wem die obligatorischen Kriegerdenkmäler in Dörfern nicht fremd sind, weiß, dass jeder darauf verzeichnete Name, über einen persönlichen Verlust hinaus, eine stillstehende Viehzucht, einen un- oder mangelbewirtschafteten Hof, einen ungeführten Handwerksbetrieb bedeutete. Neue, dringend benötigte und doch von den Einheimischen oftmals nur zähneknirschend begrüßte Arbeitskräfte kamen in den Ort: Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose. Darunter mein Großvater aus Posen, der zupackend und zäh genug war, um praktisch jeden Job zu machen.
Aber es gefiel den Leuten eben nicht, dass Fremde sich hier niederließen. Dass Fremde anrührten und weiterführten, was verstorbenen Vertrauten gehört hatte. Dass fremde Gesichter die vermissten ersetzten. Zudem sprach man hier Calenberger Platt und konnte sich mit den ungeliebten Eindringlingen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und sonstwo nicht mal verständlich streiten! Allein, es nutzte alles nichts – man brauchte sie. Murrenden Herzens schraubte man die Garstigkeiten etwas zurück. Man stürzte sich probeweise gemeinsam ins Vorankommen. Man staunte, wie gut das ging, und heiratete, siehe da, alsbald fleißig untereinander.
Nach Wiederaufnahme des Förderbetriebs wurden Hammer und Schlegel durch Schlagbohrmaschinen ersetzt, modernes Fuhrgerät angeschafft, und die werkseigene Rohstoffverarbeitung reifte immer weiter aus. Die Fördermenge erhöhte sich radikal.
Urgroß- und Großvater arbeiteten lange gemeinsam im Werk und verstanden sich prächtig. Später war auch mein Vater einer von denen, die auf Sigmundshall anfingen, weil sie nicht wussten, wohin sonst, aber er blieb nur für ein paar Jahre; unter Tage hielt er’s nicht aus.
Einen weiteren schlagartigen Bevölkerungszuwachs, wenn auch keinen vergleichbar großen, erlebte der Ort erst wieder im Zuge des Mauerfalls, und auch hier wieder bloß wegen des Berges. Die vormals staatlich geführten ostdeutschen Kali- und Salzunternehmen gingen in Treuhand-Verwaltung über und später schließlich in der K+S auf. Während im Osten zusammengestrichen und verscherbelt wurde, zogen scharenweise Bergmänner samt Familien aus dem Südharz-Kalirevier weg, und sie gingen auch und gerade in den Norddeutschen Kali-Bezirk. Etwa in der dritten Grundschulklasse kamen mein Dorfkinderjahrgang und ich mit etwas in Berührung, was wir mehrheitlich so gar nicht kannten: mit Kindern von anderswo, Kindern, die einen Dialekt sprachen, den wir nicht einordnen konnten und mitunter auch nur schwer verstanden, Kindern, die gerade einen weiten Umzug hingelegt hatten und uns damit ein Gefühl dafür einimpften, dass es außer Bremen und Hamburg, wo vielleicht ein paar Tanten wohnten, und Mallorca und Holland, wo man Urlaub machte, auch noch andere Orte gab, von denen wir gar nichts wussten. Wir waren ziemlich unschlüssig, ob wir sie verprügeln sollten, weil sie „Glasse trey“ anstatt „Klasse drei“ sagten, oder ob wir uns nicht vielmehr um ihre Freundschaft prügeln sollten, weil sie aus ihrer ehemaligen DDR so viele coole Dinge zu zeigen und zu erzählen hatten: Sie kannten sich mit gigantischen LPG-Landmaschinen aus, während manche Bauern hier immer noch mit dem kleinen roten Traktor vom Großvater durch den Ort pöttelten, oder sie hatten schon als Dreijährige mit professionellem Kunstturnen angefangen und machten mühelos serielle Flickflacks. Jedenfalls: Sie beschäftigten uns ungemein – aber leicht hatten sie’s mit uns nicht.

Handke spinnt diesen Faden in seinem Kali-Land weiter: Hier bildet die Arbeiterschaft ein noch internationaleres, heterogeneres Vielvölkergemisch, das über Tage, bei Licht besehen, seine Mängel nicht verbergen kann. Doch sind unter Tage sämtliche Querelen und Sprachbarrieren wie von Zauberhand aufgehoben, und es wird klar, dass Handke den in schwindelnde Tiefen wachsenden Bau – siehe Sigmundshall, das inzwischen eine, wie man sagt, Teufe von 1400m erreicht hat – als einen gespiegelten, einen geglückten Turmbau zu Babel skizziert.
Womöglich kann man in dieser Konstruktion sogar einen Fingerzeig auf die Geburt der EU aus dem Geiste der Montanunion erkennen. Wem das nicht poetisch genug ist, der kann sich aber auch den seiger (senkrecht) in die Tiefe verlaufenden Salzstock als eine unterirdische Variante des Elfenbeinturms vorstellen, in dem die Knappen, jeder für sich wie auch alle gemeinsam, einer Ästhetik des Tätigseins frönen; ein abgeschiedener Ort der Reinheit, der ergiebigen Arbeit, durchzogen von Stollengängen, die an sakrale Gewölbe erinnern und die man sich meinetwegen von diesen klassischen Salz-Lampen aus rötlichem Sylvinit beleuchtet denken kann, wenn’s gefällt.

Dass es nicht weit von Sigmundshall einen Fliegerhorst gibt, ist Handke wohl auch nicht entgangen. Früher kreiste die Transall auf Übungsflügen über den hiesigen Dächern, heute der A400M – in Kali tragen Kampfflugzeuge vom Militärflugplatz in der Nähe durch jähes, gleich wieder abflauendes Vorbeidröhnen zum Szenario einer latenten Bedrohung bei, die den Kali-Ort stets belauert: Handke lässt den Begriff Dritter Weltkrieg fallen, meint damit offenbar aber keinen heißen Krieg, sondern einen voranschreitenden Untergang, einen Zerfall der gewohnten Konstellationen und Fundamente.
Es ist die übliche Wehklage vom mangelnden Miteinander in der Welt, vom Mangel auch an Freude, Spiel und Unverfälschtheit, wie wir sie bei Bedarf täglich aus unserem medialen Input herauslesen können, die auch in Kali als ideeller Faden zu finden ist.
Dort kommt sie im letzten Drittel so richtig in Schwung. Der Ton plustert sich zu anklagendem Zetern auf, das sich gegen die Verwirrten und das Gesindel usf. richtet, um von dort aus direkt zum salbungsvollen Visionieren zu werden, wenn Handke seinen Erlösungskitsch entfaltet, den er dem Untergangsdrall entgegenstellt. Und wie er da nun völlig überreizt zwischen Suada und Hymnus hin- und herhechtet, das gibt mir einfach den Rest.
Zusätzlich greift Handke tief in die Kostümkiste, lässt die Arbeiter bzw. Flüchtlinge ein Fest feiern, das selbst für einen UFA-Heimatfilm zu süßlich gewesen wäre, und lässt sein Wort zum Sonntag, seine finale Predigt, direkt von einer, ja, Pastorin in einer altehrwürdigen Kirche besorgen.
Wie gut, dass das Ende der Geschichte nun aber auch erreicht ist.

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Jene Kirche im Feld, sicher die Sigwardskirche in Idensen (wieder ein Nachbarort), muss Handke ebenfalls besucht haben, denn es stimmt, dass sie keine Kanzel hat, dass man sich den Schlüssel, wenn die Kirche außerhalb der Sommerzeit geschlossen steht, im Pfarrhaus holen kann, um die Fresken zu besichtigen, dass in der Vorwinterzeit, in der Kali ja angesiedelt ist, der Blick zum Berg hin über brache Agrarflächen ohne Vieh geht, dass die Kirche umringt ist von schiefen, moosigen Grabsteinen, wie eine Landkirche in England.
Es ist schon eine besondere Kirche, eine Kleinkirche von großem historischem Wert, denn neben ihrer eigentümlichen Architektur sind ihre originalen Wandbemalungen aus der Romanik erhalten geblieben; außerdem schlägt im Sigwardsturm die älteste Glocke Niedersachsens.
Ein religiöser Mensch bin ich nicht, nur: Ich mag es sehr, in alten Kirchen zu sitzen. Die Sigwardskirche habe ich besonders gern, weil sie so klein und so ursprünglich ist. Und weil ich dort immer unterschlüpfen konnte: Wenn ich zu Fuß durch die Gegend stromerte und in den Regen kam, oder wenn ich blindwütig davonradelte, um meine Ruhe zu haben, fand ich die Kirche zumeist leer und blieb einfach eine Weile da, unter den Fresken sitzend, die den Augen wegen der niedrigen Raumhöhe so nah sind, dass ich mir vorkam, als wäre ich soeben nicht einfach in die Kirche hineingetrampelt und auf eine Bank geplumpst, sondern vielmehr behutsam, wie ein kostbares Andenken oder ähnliches, in eine bemalte Schachtel gebettet worden.
Die Kaninchenbau-Sicherheit, der kühl-mehlige Steingeruch, das Storchengeklapper vom gewaltigen Nest auf dem Turm.
Die Wandmalereien bilden unter anderem den Turmbau zu Babel ab, und da sind wir wieder bei Handke und seinem Babel-Motiv. Außerdem beschäftigt mich im Zusammenhang mit Kali, dass meine Urgroßmutter die Kirche noch hartnäckig de Witte Kaark, die Weiße Kirche nannte, denn das war die Sigwardskirche zuvor wirklich: so weiß wie der Salzberg. Damit die Fresken die Kirchgängler nicht vom Beten ablenkten, waren die üppigen Malereien von den Bilderstürmern mit weißem Kalk übertüncht worden, was zufällig die Bilder über die Jahrhunderte hinweg hervorragend konservierte. Erst in den 1930ern wurde begonnen, die Malereien wieder freizulegen und zu restaurieren. Genauso wie es auf den Faltblättern zur Kirchengeschichte steht, erklärt es auch Handkes Pastorin.

Die frustierte Pastorin ist für mich der Prüfstein, an dem sich entscheidet, dass ich in Handkes Kali-Welt nichts verloren habe. Eine Ortsgeistliche, die ihre Schäflein verachtet, die ihre Kirchenräume als von ihnen beschmutzt empfindet, die während des Gottesdienstes zur Gemeinde spricht:

Nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch. (…) Schämt euch, zu leben. Aber nein, ihr schämt euch nicht, könnt euch nicht mehr schämen. Es ist die Zeit der Schamlosigkeit, des Sichnichtmehrschämenkönnens.

usf.

Wer sich eigentlich schämen sollte, das sind natürlich immer diejenigen, die aller Welt Schamlosigkeit vorwerfen und unterdessen höchstselbst – ohne sich zu schämen – solche Sätze klopfen wie: Vernichtet gehört ihr.
Wenn sich auch der Zorn der Pastorin später legt und sogar ins große Lobpreisen umkippt, so spricht doch überwiegend ein herrschsüchtiges, menschenfeindliches, durchaus narzisstisch gekränktes Wesen aus ihr. Und nicht nur aus ihr allein, sondern dieses Unwesen durchzieht die Geschichte kreuz und quer – da habe ich die Untiefen-Linien gefunden, auf denen es sich von einem Ufer der Erzählung bis zum andern spazieren lässt. Die Pastorin übersetzt lediglich jenen diffus herumnebelnden und doch bestimmenden Geist – und der Heilige ist das nicht – in geschwollen formulierten Hate Speech.
Und eigentlich wundert mich nun gar nicht mehr, welch üppiges Schreibpensum Handke doch hat, denn für jemanden, der sein literarisches Personal sowohl solche Hassreden (wie die Pastorin), als auch solche gezierten Tänzchen (wie die Sängerin mit ihrem Salzherrn oder die Flüchtlinge zum Fest) aufführen lässt, müssen diese profanen Realmenschen, die sich ja leider immens von den eigenen, streng an den Strippen geführten Figuren unterscheiden, die reinste Zumutung sein, also bitte, also dann lieber in Abgeschiedenheit leben und gedanklich die eigenen Romanwelten bewohnen, wo man spricht: „Mein Wille geschehe!“, und siehe da, er geschieht!

2018 stellt Sigmundshall übrigens, nach 120 Jahren, seinen Förderbetrieb endgültig ein. Der vertikale Abbau verschlingt inzwischen mehr an Aufwendungen als er an Ertrag wieder einfährt. Wie seltsam, wenn die täglichen Abbausprengungen ausbleiben – abends, pünktlich um 20.50 Uhr, donnerte es unterirdisch, dass die feinen Gläser im Küchenschrank singend erzitterten, schon damals, schon immer.
Die meisten Bergmänner ziehen mit ihren Familien von hier weg, wechseln das Bundesland, haben Anschlussbeschäftigung in noch aktiven Kaliwerken gefunden. Der Tienberg leert sich, und die Grundschulklassen werden kleiner. Der Bruder einer Bekannten ist bereits kurzentschlossen zum jüngsten K+S-Projekt gewechselt, zu der auf gigantischen Ertrag ausgerichteten Werksanlage Bethune, die letztes Jahr die Förderung aufgenommen hat – ganz abgelegen in der kanadischen Wildnis.
Die Abraumhalde von Sigmundshall, der weiße Salzberg, wird seit Jahren kontinuierlich begrünt. Das ist mühsam, aber dieser Oberflächenschutz ist notwendig, da die vom Regenwasser ausgewaschene Lauge trotz der Drainagen die umliegenden Gewässer schädigt. Die Südseite ist längst mit vulkanisch anmutender, mattschwarzer Schlacke überzogen. Teils ist sie schon von Kraut und zähem Gesträuch bewachsen; es heißt, dass bereits die Rehe gelegentlich auf dem Berg herumkraxeln. Vielleicht entsteht so, oberhalb des einstigen Meeres, das heute in Form einer fossilen Salzschicht vertikal im Berg steckt, mit der Zeit ja ein vertikaler Wald.
Typisch reinweiß strahlt inzwischen nur noch die zuletzt aufgeschüttete Nordhalde, aber auch das nicht mehr lang, nicht mehr ewig jedenfalls, und irgendwann ist es dann ganz und gar aus mit dem Leuchten hier.

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>>Peter Handke, Kali – Ein Vorwintergeschichte (Suhrkamp) €7,-


Alle Fotos: Grebe


Zitate aus dem Buch sind hier durch Kursivschrift gekennzeichnet.

BERG+WERK // Marie Gamillscheg, Alles was glänzt

Ich fand Schneekugeln als Kind total faszinierend. Musste gar nichts Besonderes an ihnen dran sein (mit Glück gab’s mal eine als Werbegeschenk von der Sparkasse oder als Bonus, wenn man den Kleinen Tierfreund abonnierte); allein dass ich so eine Himmelssphäre samt Häuschen und Bewohnerschaft (en miniature) in Händen halten und ordentlich durchrütteln konnte, dass es darin gluckerte und der weiße bzw. glitzernde Flitter nur so brauste, bis er sich irgendwann entspannte, sich legte, die Sphäre sich klärte, das war schon Zauber genug.
Ich liebte auch unser Aquarium: Drückte ich mir an der Scheibe ein bisschen die Nase platt, schwamm ich direkt mit den Fischen im Amazonas. Und Buddelschiffe, ach! Wir hatten sogar ein rein gläsernes: eine mundgeblasene Viermastbark (nach Muster der Pamir oder Sedov) unter vollen Segeln, mit aus Glas gezogenem Takelwerk, schützend umschlossen von einer dickwandigen Flasche.
Miniaturwelten haben ja immer ihren speziellen Reiz.

Allerdings lag der Trudeltanz in einer Schneekugel unter meinen Lieblingsguckedingen wohl doch mit hauchzartem Vorsprung in Führung.
Dabei machte die Geschlossenheit der Schneekugelwelt für mich gleichermaßen ihren heimeligen Reiz wie auch ihre grauselige Tragik aus – wahrscheinlich erinnere ich das bloß deswegen so deutlich, weil man sich als Kind am Begreifen von Ambivalenz nun einmal besonders abarbeitet. Wie schön das war, dass nichts Äußeres je in diese Innenwelt hineindringen konnte, und wie bitter zugleich! Immer dieselben Plastikkrümel, die sich im Gewirbel um und mit einander drehten und sich immer an derselben durchsichtigen Wandung stießen, bevor sie schließlich auf dem immerselben Boden niedergingen.
Hm.

Ab und an gerate ich an Bücher, die mir das Gefühl verpassen, lesend mitten in einer Schneekugel gelandet zu sein.
So isoliert, wie Schneekugelwelten eben sind, finde ich mich darin als Eindringling wieder, nicht als Gast, und schlage mich mit dem Gedanken herum, dass meine Einblicknahme hiermit zu weit geht, meine teilnehmende Anwesenheit unerwünscht ist; dass was auch immer ich im Wirbelschnee womöglich finde keinesfalls für mich bestimmt gewesen ist.
Man könnte meinen, es ginge mir da etwa um Die Wand von Marlen Haushofer oder, allein schon des Titels wegen, um Die Glasglocke von Sylvia Plath. Oder vielleicht um Thomas Manns Zauberberg, dessen entrückte Gipfel-Welt (dieser menschlich-klägliche Olymp) freilich einen hochgradig veredelten Schneekugel-Esprit versprüht. Oder um solche mikrokosmischen Streifzüge, solche konzentrierten Betrachtungen des Partikelgeflirrs, wie sie Esther Kinsky in ihren Büchern unternimmt. (Nach Am Fluss und Banatsko lese ich gerade Hain, und es ist wunderbar. Alles von Esther Kinsky ist wunderbar.) Aber in diesen Romanen lässt es sich jeweils tief und ausgiebig atmen.
Was ich stattdessen im Sinn habe, ist jene Art Literatur, in der mehr kalte Plörre als Atemluft steckt. Solche Bücher, die offenbar nur geschrieben werden, um zu zeigen, dass man ein Buch schreiben kann, aber bloß nicht, um zu zeigen, wer man ist. Gucken darf man, soll man, aber darüber hinaus bleibt’s unpersönlich; invasiven LeserInnen wird kein Riss geboten, durch den es sich in Innenwelten hineinluschern ließe. Labor-Literatur: Form und Inhalt, die großen Bögen und die kleinen Details, jedes Wort, jede Tönung unter kontrollierten Bedingungen arrangiert, in steriles Fluidum eingelegt, in den Doppelbuchdeckel-Druckbehälter verpackt, Projekt abgeschlossen.
Alles was glänzt von Marie Gamillscheg war da verdammt nah dran.

Schriebe ich einen Roman, bestünde mein größtes Problem darin, dass ich in dessen Innenwelt ganz und gar verschwände. (Übrigens ein Problem, an dem ich garantiert einen Heidenspaß hätte.) Davon erzählen – das könnte ich bestimmt, klar. Aber kein Stück mehr erkennen, wie sich das Ganze schließlich lesen ließe. Würde irgendjemand überhaupt nachvollziehen können, was hiermit und damit gemeint wäre? Würde, darauf aufbauend, irgendjemand ein Interesse dafür oder gar Spaß daran entwickeln können?
Und würden mich solche Überlegungen auch nur minimal kümmern? Nein – weil ich doch auch als Leserin bereitwillig dem verkrautetsten Zeug folge, solange sich nur der Weg, den mein Kopf machen muss, um dahinter oder wenigstens hinterher zu kommen, als ein ergiebiger erweist, und ganz egal, ob am Ende nun die Ergiebigkeit oder die Verkrautetheit überwiegen, ist mir das immer, immer lieber, als mir einfach einen hübschen Präsentierteller vor die Nase setzen zu lassen.
Wer schreibend ganz und gar nach innen verschwindet, verliert gewissermaßen den Blick eines Diesseitigen; man flutscht hinfort, und damit reißt dieser Blick einfach ab. Und was man dann mit inwendigem Blick so zu fassen kriegt, das schüttet man später (sofern man’s erfolgreich zurückgeschafft hat) auf dem Tisch aus wie einen Sack voll Ernte, Beute und Beifang.
Und eben nicht: wie ausgewählte Requisiten. Wirkt das Sammelsurium penibel kuratiert, regt es nichts mehr an, kann man Sog und Zauber von vorn herein vergessen, und so wird das auch nichts mit der Ergiebigkeit – zumindest nicht mit mir als Leserin.

Marie Gamillscheg erzählt von einem Berg, der einen Riss bekommt. Nein, sie erzählt von einem Bergdorf, das einen Riss bekommt. Genau genommen erzählt sie von Menschen, die jeweils einen ganz ähnlichen, tragischen Riss bekommen wie der Berg, an dessen Hang sie leben.
Bis vor kurzem wurde hier traditionsreicher Bergbau betrieben, heißt es. Es geht wohl um Kupfererz, und wir befinden uns wohl irgendwo in Österreich, aber Raum, Zeit und Ort spielen keine relevante Rolle und werden daher kaum bis gar nicht benannt. Nach Einstellung des Werksbetriebes, wohl wegen Unrentabilität, befindet sich das bewusste Bergdorf ohnehin mitten im Strukturwandel-Alptraum, aber das ist noch nicht alles. Ob wohl die Stollen instabil wurden, oder die Abraumhalde – der Berg jedenfalls zerbricht. Das weiß alle Welt, nachdem es einmal von einem Journalisten verkündet wurde, dem man seither böse ist, weil man nun einmal besser auf einen Menschen böse sein kann als auf die Geologie. Den noch verbliebenen Dorfbewohnern, denen überwiegend die Ortstreue so tief im Mark steckt wie das Erz im Berge, soll der Gedanke an Umsiedlung schmackhaft gemacht werden – die Region sendet eigens einen Regionalmanager aus, der das managen soll.

Es gibt einen Autounfall. Es gibt zwei Schwestern, von denen eine von einer Karriere als Pianistin träumt; Teresa bekommt neben der Schule Klavierunterricht und will es mittels Talent ganz weit weg schaffen, in die Stadt. Es gibt die verwitwete Kneipen-Betreiberin Susa, die als heimliche Autorität des Dorfs alle kennt und alles weiß. Es gibt Wenisch, den allein lebenden Bergmann in Rente, dessen Tochter kaum noch aus der Stadt herkommt, um ihn zu besuchen, und der durch das Alter und die Einsamkeit zusehends erodiert; Berg und Mann verfallen hier parallel. Es gibt Merih: Der kommt von außen in diese Miniaturwelt hinein, um in ihr irgendwas zu verbessern, dabei steht es doch um seine private Miniaturwelt, die nicht von ungefähr eine musterhaft städtisch-akademische ist, mindestens genauso mau, öde, hoffnungslos.
(Es gibt sogar ein Chamäleon – ein Exot als Symboltier scheint im zeitgenössischen Provinz-Roman nicht fehlen zu dürfen: In Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing rennt ein ausbebüxter Emu durch die norddeutsche Agrarlandschaft, in Hool von Phillip Winkler gibt’s einen Tiger, und hier ist es eben ein Chamäleon, das mitten im ach so trostlosen Dorf seine Aufgabe als Totemtier für Unangepasstheit erfüllt.)
Es gibt eine enge Verbindung zwischen diesem Ort und seinen Menschen. Und auch zwischen den Menschen und den Dingen ist alles irgendwie miteinander verknüpft und verschwistert. Weil das immer so ist, an solchen Orten.

Der Glaskugel-Schneesturm, der diesen Roman nun ausmacht, indem er um dessen Zentrum, den Berg, herumtrudelt, besteht aus je ein paar Flöckchen Milieustudie, Sozialdrama, Bergbau-Kolorit, Familienschmerz, Coming-of-Age, auch etwas Millennial-Ennui fehlt nicht; das wirbelt alles so vor sich hin, und mal blitzt dies auf, mal das. Kurz gehaltene Kapitel reihen sich überleitungsfrei aneinander. Gamillschegs Schreibe ist Szenen- und Dialog-orientiert und lässt sich nie dazu hinreißen, deskriptiv überzuschäumen, sie bleibt durchgängig knapp, streng, sparsam. Das Romanpersonal tritt gewissermaßen unter stroboskopischer Beleuchtung in Erscheinung, die zwar das Wesentliche einfangen will, dabei aber bloß Schattenrisse zu fassen kriegt.

So viele Stollen, und so wenig Tiefe, nörgle ich ein bisschen vor mich hin. Alles mit Bedacht arrangiert, klar, formal alles richtig gemacht, alles ordentlich – aber das ist eben auch alles, ein menschlicher Hauch jedenfalls weht mich von dorther nicht an. Ich denke: Alles steife, isolierte Schneekugelfiguren im Plastikhabitat. Einmal aber, da kracht blindwütig ein Klavierdeckel auf ein paar Finger herab, und ich denke: Was war das denn?
Das Plastikmädchen! Heidewitzka, hat sich das etwa gerade bewegt?


>>Marie Gamillscheg, Alles was glänzt (Luchterhand) €18,-

BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

19 Jahre. Himmel, war das ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen reell im Griff – und das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s aber getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich, etwa wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird, bremst mich im letzten Moment eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 kennengelernt habe – und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

KÖTER // Nur bei Midi

Herr Lehmann und der Hund – diese Szene kennt praktisch jeder. Marion Poschmanns Hundenovelle, Rebecca Hunts Mr. Chartwell oder Michael Köhlmeiers Idylle mit ertrinkendem Hund kennen viele. Überhaupt sind Bücher, in denen der Auftritt eines Hundes – insbesondere der eines Churchillschen Schwarzen Hundes – eine bedeutungstragende Funktion erfüllt, schlechterdings keine Seltenheit. Wer danach sucht, wird also finden, und zwar allerhand.
Ebenso gibt es durchaus einige Reportagen, Romane, Erzählungen, die sich der Plastiktristesse der Supermarkt- und Discounterwelt widmen. Etwa die erfolgreich abverkauften Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam. Mir fällt auch Infarkt von Jens Wonneberger ein, wo sich menschliche Lebenswege zwischen Käsetheke und Spirituosenregal kreuzen; Sven Amtsberg erweitert seinen Superbuhei konsequenterweise gleich um eine anhängige Kneipe. Der Kinofilm In den Gängen, angesiedelt in den Regalschluchten eines Großmarkts, basiert auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, die in Die Nacht, die Lichter zu finden ist.
Was diese Stichworte sollen? Später – fürs Erste soll hier nur die Überlegung nachgezeichnet werden, ob es dem Buchmarkt womöglich an Geschichten fehlt, in denen Riesenköter und Kleindiscounter eine Rolle spielen. Nun: Tut es nicht.

Bücher überhaupt – Bücher gibt’s ja generell wie Heu. Bös gesprochen: epidemisch. Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden, was beispielsweise die Halbwertszeit eines aktuell als Taschenbuch veröffentlichten Krimis aus einem bekannten Publikumsverlag anbetrifft, aber: Ich erinnere mich nur allzu gut an Programmfluten, die oftmals kaum voneinander unterscheidbare Titel aus Belletristik und Unterhaltung in Unmengen in den Laden spülten, und ich erinnere mich an die lästige Arbeit, den größten Teil davon, drei bis sechs Monate später, wieder in genau jene Kartons zu stopfen, aus denen die Neuerscheinungen doch eben erst gekrochen kamen, um sie nun als Remittenden an die jeweiligen Auslieferungen zu senden.
Ich weiß nicht recht, wer in der Branche, aus der ich komme, eigentlich je wirklich Geld verdient, je richtig Kohle gescheffelt hat – so jemandem begegnet bin ich dort nämlich nie. Mir bekannt sind lediglich diejenigen, die an dem, was sie schreiben, überhaupt nichts oder nicht ausreichend verdienen, zweitens diejenigen, die dann diese Texte verlegen, ohne damit reich zu werden, und drittens diejenigen, die sich zunehmend auf den Verkauf von Plüschtieren und Schokoladentafeln verlegen, bevor sie den Laden am Ende doch bloß dichtmachen. Irgendwann, lange vor meiner Zeit, war das einmal ganz anders. Sicher. Und dort draußen, sehr vereinzelt, gibt es sie natürlich auch heute noch: diese seltenen Einhörner, die es aus irgendwelchen Gründen auf den Gipfel eines Berges geschafft haben, wo sie, einsam in der Sonne glänzend, herumstehen und vom Tal aus betrachtet sehr hübsch anzuschauen sind.
Multipliziert man die gegebene Menge an Buchtiteln mit der gegebenen Menge an medialen Content-Schleudern, dann ergibt das potenziell eine ungeheuer flächendeckende Präsenz von Literatur – und zwar von Literatur, die als Produkt gedacht wird. So ist das eben, es geht hier ja schließlich nicht um irgendein romantisches Hobby, Ihr Eumel. Und selbst ich trage mit meinem gelegentlichen, kleinen Gepuste dazu bei, die Böen anzufachen, sodass sich die Geschwindigkeit des großen, omnipräsenten Marktwirbelwinds stetig erhöht.
Eigentlich war das nie der Sinn der Sache.

Ich vermisse durchaus meinen kindlichen Ausgangsglauben, ein Buch sei mehr als ein bloßes Produkt – aber da hat der Einzelhandel über die Jahre, und besonders über die Weihnachtszeiten hinweg, ganze Arbeit an mir geleistet.
Genauso vermisse ich, wenn ich mich in der fleißig brodelnden Rezensionssuppe so umschaue, oftmals den sichtbaren Willen, etwas Geschriebenes nicht nur als ein Erzeugnis der Medienproduktionsbranche wahrzunehmen, sondern in erster Linie als den Versuch eines anderen Menschen, sich uns mitzuteilen.
Man kann diesem Versuch nun trauen oder auch nicht. Man kann sich blind darauf einlassen oder lieber skeptische Untersuchungen anstellen. Auf die gleiche Art, wie man, sagen wir, eine Jacke überzieht, kann man die Texte Anderer anprobieren, um zu testen, wie man sich darin fühlt, was wohlgemerkt ein Vorgang ist, den man allein absolviert und dessen Ergebnis dementsprechend ein ziemlich einmaliges ist. Trotzdem neigen wir hartnäckig dazu, etwas, das seinem Wesen nach einer zwischenmenschlichen Begegnung entspricht, mit einer Rezension zu quittieren, die sich an einem Leistungskatalog entlanghangelt, mit Pauschalbetrachtungen und Pauschalurteilen flirtet, und die letztlich ihrem Wesen nach einer Produktbewertung entspricht. Machen wir das denn tatsächlich wegen dieser Neunfünfundneunzig, die wir bezahlt haben? Oder macht uns diese immer etwas selbstgefällige Pose einfach zuviel Spaß?

Ich habe ja nicht die Nase voll vom Literaturkaufen und Literaturlesen, auch nicht vom Lesen und Texten über Literatur, oder dem Lesen und Schreiben generell. Im Gegenteil, wenn es nach mir ginge (tut es nicht, ich weiß), könnte es gar nicht genug Leute geben, die von sich schreiben und von den Anderen lesen; es könnte nicht genug schreibende Krankenschwestern, Busfahrer, Müllmänner und lesende Polizisten, Sparkassenfilialleiter, Senior Sales Managerinnen geben.
Ich meine das absolut ironiefrei ernst, denn ich finde das wirklich wichtig: Alle haben etwas mitzuteilen, und in allem wirklich Gemeinten, was es mitzuteilen gibt, gibt es wiederum für alle etwas zu finden, zu entdecken, zu erfahren.
Die Nase voll habe ich dagegen vom Werbegeklapper, das inzwischen jede noch so private Nische gekapert hat. Und ich habe die Nase voll von diesem Trend zur Überprofessionalisierung, der mittlerweile alle Bereiche erfasst hat, die sich, auf welchem Level auch immer, mit Literatur beschäftigen. Braucht es das denn?

Was es auf keinen Fall bräuchte, wenn es da nach mir ginge (aber das tut es auch hier nicht), sind:
Diese Angst davor, sich lächerlich zu machen, indem man zu viel von sich preisgibt oder den Rahmen des eigenen Könnens derartig überstrapaziert, dass das in einem Ausrutscher endet – warum so dünnhäutig und schisserig?
Diese Bereitwilligkeit, sich über diejenigen lustig zu machen, die zu viel von sich preisgeben oder den Rahmen ihres Könnens derartig überstrapazieren, dass das in einem Ausrutscher endet – wozu immer gleich die Häme und die Nickeligkeiten?

Ich finde eine sicherlich nutzlose, aber trotzdem schöne Zufriedenheit darin, wenn ich Dinge um ihrer selbst willen schreibe, und ich muss ab und an zurück ins analoge Tagebuch wechseln, damit mir das Bewusstsein dafür nicht versehentlich flöten geht. Zuletzt habe ich ein paar geplante Texte und Buchbesprechungen am Ende bleiben lassen, weil mir auf die Frage, was das alles mit mir zu tun habe, nichts Zufriedenstellendes einfiel – und was sollte auch schlimm daran sein, wenn mitunter ein paar Wochen lang kein einziger Beitrag von mir in diesem Internet auftaucht?
Umgekehrt, als Leserin also, mag ich sehr, wenn aus Texten heraus erkennbar wird, dass da jemand beim Schreiben (und vielleicht auch nur dort) ganz bei sich selbst ist. Ob das auf ein Buch zutrifft, dass sich fünfzig Mal verkauft hat, oder auf einen Blog, der fünf Follower hat, spielt keine Rolle, und wenn es auch nur ein einziges Seelchen gibt, das da oder dort im Text etwas für sich gefunden hat, was es brauchte, dann hat sich damit die Frage nach der Daseinsberechtigung einer solchen Literatur von selbst geklärt.

Schreibt halt Gedichte über umgekippte Wassergläser; Romane übers Schnürsenkelbinden; Essays über die Geschmacksunterschiede beim Kauen von Bleistiften und Fingernägeln. Von mir aus.
Aber schreibt!


>> Das hier ist ein Text aus einer meiner anderen Schubladen. Riesenköter, Kleindiscounter,  Mittelmaß – wer insgesamt ca. zwei Stunden seiner Zeit verpulvern mag, der landet via Link direkt im (zwar kein bisschen an den Haaren herbeigezogenen, freilich aber etwas überfrisierten) Midi-Markt in Leefeld: Nur bei Midi


 

KÖTER // Schlüppi

A Giant Dog ist so ein Bandname, bei dem man sofort begreift, wie’s gemeint ist, sobald man die ersten Songs hört. Die Texte handeln nicht unbedingt von Quantenphysik, fröhlich großmäulige Energie treibt das Ganze an, und wer an dieser Art von, was weiß ich, sagen wir Glam-Punk keinen Spaß hat, dem ist wahrscheinlich auch sonst nicht zu helfen.
Schade also, dass das allmählich mich selbst betrifft: Neuerdings tritt Frontbiest Sabrina Ellis eher kraftlos trällernd in Erscheinung, deutlich ausgezehrt, zwar mit vorzeigbarem Sixpack und Make Up, aber eben irgendwie ungesund. Mag sein, dass ich damit etwas dazu beisteuere, den kommerziellen Erfolg schlechtzureden, der die Band inzwischen verändert hat, aber das ist nicht meine Absicht – der ist schließlich verdient.
Tatsächlich steht enorme Arbeit dahinter, Alben über Alben, Tour- und Festivalauftritte am Fließband, und das für Sabrina Ellis nicht nur als singender, shoutender und leitender Kopf von A Giant Dog, sondern parallel und in gleicher Funktion beim noch etwas mehr am 70er Jahre Glam & Glitter orientierten Projekt Sweet Spirit. Da schleift sich die Substanz unweigerlich runter. Und gleichzeitig professionalisiert sich rundum alles, vom Merchandising über das Auftreten in Interviews bis hin zum Look der Frontfrau.
Gerade der hatte es bislang aber so schön in sich: Sabrina Ellis, ungeschminkt, unfrisiert, körperlich proper, die mitunter barfuß, mal in Hotelpagen-Uniform, Bademantel oder Glitzer-Trenchcoat über schlabberigem Top (gern BH-befreit) und im legendären rosa Schlüppi über die Bühne zappelt.
Und nun plötzlich flacher Bauch, Porzellanteint, Helene-Fischer-Outfits, und auch die Songs werden glatter: Ich will nicht oberflächlich sein, aber ich finde, dass hier etwas ins Oberflächliche verschwindet, dem ich richtiggehend traurig hinterherschaue, mit einem Taschentuch winkend.

KÖTER // Dog Content

Wes Anderson beschäftigt mich seit Jahren, da ich einfach nicht durchschaut kriege, was mir an seinen Filmen immer wieder so seltsam gegen den Strich geht. Mit der Zeit hat sich in mir die Theorie verfestigt, dieses Unbehagen beruhe darauf, dass ich Andersons jeweilige Filmwelten einfach lieben müsste, da sie immer irgendeinen nostalgischen Kindheits- und Jugendnerv bei mir zum Klingen bringen (besonders die Cousteau-eske Welt der Tiefseetaucher hat es mir angetan – wie oft hatte ich früher vorm Fernseher die Expeditionsfahrten der Calypso verfolgt, und wie sehr hatte mir dieses Farbspektrum gefallen, vom Korallenriff-Bonbonbunt bis hin zum leuchtenden Wollmützen-Rot), während jedoch ein irgendwie versnobtes Flair, das den Filmen innewohnt, jedem bei mir aufkommenden Gefühl von Vertraulichkeit und Heimeligkeit direkt den Stecker zieht.

Diesmal aber bin ich nicht so sicher, ob es nicht womöglich doch einmal zündet. Das liegt gar nicht primär an der Story – in naher Zukunft werden nach dem Ausbruch einer furchtbaren Hunde-Grippe alle Hunde aus einer japanischen Mega-Stadt auf eine vorgelagerte Müll-Insel verfrachtet, wo sich ein Trupp aus fünf befreundeten Hunden gemeinsam durchschlägt und später einen Jungen begleitet, der sich auf die Insel geschlichen hat, um seinen geliebten Hund Spot aus der Verbannung zu retten. Schließlich leben Andersons Filme nie primär von irgendeiner Story, sondern natürlich von ihrer überintensiven Optik. Und genau die erwischt mich hier: Das farbliche Schema lautet diesmal offenbar Mattweiß-Rostrot-Rußschwarz, dazu kommt dieser ganze dystopische Pseudo-Japan-Schnickschnack, wunderbar.
Und auch die Filmmusik: tiefe Bläser, Flöten, Trommeln und Gedengel – passend ergänzt durch ein bisschen historische Filmmusik aus Kurosawas epischem Die sieben Samurai, und dazu, unverzichtbar, ein paar wiederentdeckte Perlen aus den 60ern.
Zuallererst ist Isle of Dogs (wie der 2009 gedrehte Der fantastische Mr. Fox) natürlich ein Stop-Motion-Film, und auch das stößt bei mir auf einen Haufen Zuneigung. Während es in gefühlt keinem einzigen Film mehr handgemachte Effekte zu sehen gibt und sich von der Kulisse bis zum Hauptdarsteller alles täuschend real computeranimieren lässt, fühlt es sich umso wohlig-wärmer an, einen in mühevollster Handarbeit entstandenen Film mit bewegten Puppen anzuschauen.
Ich weiß bloß noch nicht, wie ich meinem Sohn verklickern soll, dass ich mir einen Animationsfilm mit Hundepuppen im Kino ansehen will, den er aber wirklich nicht mit mir zusammen anschauen darf, weil er, beim besten Willen, wirklich, wirklich kein Kinderfilm ist.

>> Isle of Dogs – Ataris Reise läuft am 10.05. in den deutschen Kinos an

FLUGWESEN // Was vom Himmel fällt

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Wenn es Nacht wird, bin ich zumeist daheim, sortiere das Geschirr, zähle Staubkörnchen oder rühre in Farbtöpfen herum. Es ergibt sich kaum noch, dass ich mal nachts an die Luft komme, noch dazu allein, wobei nachts übrigens das bloße im Dunkeln meint und nicht etwa nach Mitternacht oder gar über Nacht, und ich — Aber mecker nicht, Ilsebill, Zeiten ändern sich halt, und irgendwann ändern sie sich wieder aufs Neue, und was soll überhaupt die Klagerei? Ja ja.

Wenn es Nacht wird, öffnet sich, indem die Bläue des Himmels westwärts davonschiebt, die Schleuse ins unfassbare Schwarz, das sich im Pupillenrund spiegelt. Sobald der Blick ein Körnchen von der sich auftuenden All-Ewigkeit zu fassen kriegt, zischt dieses Körnchen zur Pupille herein und via Sehnerv direkt ins Hirn, boom!, wo es aufkeimt, sternenartige Blüten und ein Gewucher von Galaxien austreibt, und so einen Raum entfaltet, der gefüllt zu werden verlangt. Rasch ringeln sich ganze Schöpfungsketten dahin, und es bildet sich ein Äther, ein Stoffgemisch aus kostbarsten Substanzen: Klarheit, Neugier, Liebe, Sehnsucht, glorreichem Mut zum Blödsinn. Das macht einen Menschen aus: dass sich darin solche Tiefe und Größe und auch Schwärze auftun, wie sie sonst nur dem Weltall gegeben sind. Dass wir in erster Linie Tag-Aktive sind, kommt mir wiederum glatt wie eine gelebte Bitte an die beruhigend blaue bis weißgraue Himmelsdecke vor, sie möge uns doch vor solcher Tiefe und Größe und auch Schwärze behüten.

Wenn es Nacht wird, kommen die Minusgrade besonders zur Geltung, es ist, als speiste sich die Kraft der hiesigen Winterkälte direkt aus dem sperrangelweit offenstehenden All, wo ihre große Schwester herrscht – ungleich brutaler, als es die mickrige Erdlingin je könnte, versteht sich. Die Luft ist lupenrein und ohne jede Regung, sie ist leergefroren, Nebel und Wind und alles müssen vor Kälte einfach zu Boden gefallen sein. Das leise Bersten mikroskopisch kleiner Türme und Brücken aus Eiskristall unter meinen Stiefelsohlen wächst sich in der Stille zu etwas Großem aus, das sich stachelig ins Ohr drückt. Überhaupt wird nun so allerlei hörbar, was sonst unter Alltagsklang verborgen liegt, wie das rauschende Blutgestöber, das den Körper durchläuft. Außerdem rätselhafter Schall – vielleicht das Restbrausen entfernter Städte und Stürme, oder eine akustische Ahnung von den Schwingungen, die durch das Glühen und Quirlen des äußeren Erdkerns verursacht werden, weit, weit unter uns, ganz tief, so tief, tief… un…….ten…………….. Auch die Stille an sich ist ein besonderer Klang.

Wenn es Nacht wird, beginnen irrationale Versuchungen zu zirpen – ganz verschiedenartige, je nachdem, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land und in welchem Alter man sich befindet. Ich stehe gerade am Ackerrand, Weg und Siedlung im Rücken, vor mir nichts als Flachland. Die Horizontlinie erstreckt sich ungebrochen von einem Ende meines Gesichtsfeldes zum anderen, sie ist ein massiv anmutender Balken und tiefschwarz – die Entfernung verdichtet das Dunkel, und der Querbalken markiert dessen höchsten Sättigungsgrad. Der Raum, dessen Grundfläche von der platten Ebene gebildet wird und der sich aufspannt bis weit hinter die mir bekannten Sternbilder, liegt still und klar und wie aus Glas gegossen da. Es kommt selten vor, dass er bequem begehbar ist, nur wenn eine solche trockene Kälte länger andauert und der Oberboden steinhart gefroren ist wie jetzt, lässt es sich quer über die Ackerflächen spazieren. Noch im Dezember wäre man dort in knietiefem Schlamm stecken geblieben, da Temperaturen und Niederschlagsmengen diesen Winter lange Zeit so hoch gewesen sind. Später wird das Frühjahrshochwasser kommen und aus den Agrarflächen eine Seenplatte machen, die wiederum eine einzige Morastlandschaft hinterlassen wird. Das Jahr über ist die rohe Ackerkrume zu weich, es wird gepflügt, geeggt, gedrillt, gesät, außerdem Jauche gefahren, und dann schießen die Rüben und Kartoffeln, der Weizen und der Raps.
Nun aber ist die ganze Ebene verwaist und außerdem durchgehend trittfest. Der ferne schwarze Streifen zieht an mir – ich stapfe los. Ich laufe schnurgerade auf seine Mitte zu, ich wünsche mir unsinnigerweise nichts anderes, als mich in dieses dicke Schwarz hinein aufzulösen, worin sich alles auflöst, indem es sich in- und übereinander verdichtet. Ich marschiere quer zur Pflugrichtung, trete auf die verharschten Rücken der Traljen und meide ihre Täler, die von Frost und Flugschnee marmoriert sind – flüchtige Ebenbilder des Gesprenksels, das da über mir gleißt. Meine Wangen brennen, meine Schritte haben in einen runden Rhythmus gefunden, rattern über den linierten Boden hin und machen Strecke, es ist herrlich.
Da löst sich etwas aus dem schwarzen Horizontbalken, tropft daraus hervor, ein Klecks, der allmählich, indem ich ihm näherkomme, die Form eines Vogelkörpers annimmt. Eine tote Krähe. Es ist nichts Sonderbares, auf verendete Tiere zu stoßen, und die Witterung tut ihr übriges dazu. Allerdings frage ich mich, gerade angesichts der Kälte, weshalb so ein Kadaver noch keinen winterhungrigen Verwerter gefunden hat. Fuchs, Marder, Bussard und die Rabenverwandten verputzen für gewöhnlich in Windeseile alles, was sich nicht mehr rührt. Ich bleibe ein Weilchen bei der Krähe stehen und betrachte sie, im kaltweißen Mond- und Schneeschimmer glänzen Schnabel und Gefieder metallisch, sie liegt hier wohl noch nicht allzu lang. Man darf totes Getier nicht anfassen, ja ja, ich weiß, aber ich ziehe einen Handschuh aus und streiche einmal über den Vogelkopf. Hart, glatt und kalt wie ein Flusskiesel.
Das Ziehen verschwindet augenblicklich – indem ich den Vogelkopf loslasse, lässt mich der Horizont los. Ich habe etwas gefunden, und wer etwas gefunden hat, der kann nach Hause gehen. Wird auch Zeit, der Elternabend ist schon lange vorbei, und allmählich denken die zu Hause noch, ich wär auf dem Heimweg verfroren.