BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

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19 Jahre. Himmel, war das ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen reell im Griff – und das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s aber getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich, etwa wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird, bremst mich im letzten Moment eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 kennengelernt habe – und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

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KÖTER // Nur bei Midi

Herr Lehmann und der Hund – diese Szene kennt praktisch jeder. Marion Poschmanns Hundenovelle, Rebecca Hunts Mr. Chartwell oder Michael Köhlmeiers Idylle mit ertrinkendem Hund kennen viele. Überhaupt sind Bücher, in denen der Auftritt eines Hundes – insbesondere der eines Churchillschen Schwarzen Hundes – eine bedeutungstragende Funktion erfüllt, schlechterdings keine Seltenheit. Wer danach sucht, wird also finden, und zwar allerhand.
Ebenso gibt es durchaus einige Reportagen, Romane, Erzählungen, die sich der Plastiktristesse der Supermarkt- und Discounterwelt widmen. Etwa die erfolgreich abverkauften Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam. Mir fällt auch Infarkt von Jens Wonneberger ein, wo sich menschliche Lebenswege zwischen Käsetheke und Spirituosenregal kreuzen; Sven Amtsberg erweitert seinen Superbuhei konsequenterweise gleich um eine anhängige Kneipe. Der Kinofilm In den Gängen, angesiedelt in den Regalschluchten eines Großmarkts, basiert auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, die in Die Nacht, die Lichter zu finden ist.
Was diese Stichworte sollen? Später – fürs Erste soll hier nur die Überlegung nachgezeichnet werden, ob es dem Buchmarkt womöglich an Geschichten fehlt, in denen Riesenköter und Kleindiscounter eine Rolle spielen. Nun: Tut es nicht.

Bücher überhaupt – Bücher gibt’s ja generell wie Heu. Bös gesprochen: epidemisch. Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden, was beispielsweise die Halbwertszeit eines aktuell als Taschenbuch veröffentlichten Krimis aus einem bekannten Publikumsverlag anbetrifft, aber: Ich erinnere mich nur allzu gut an Programmfluten, die oftmals kaum voneinander unterscheidbare Titel aus Belletristik und Unterhaltung in Unmengen in den Laden spülten, und ich erinnere mich an die lästige Arbeit, den größten Teil davon, drei bis sechs Monate später, wieder in genau jene Kartons zu stopfen, aus denen die Neuerscheinungen doch eben erst gekrochen kamen, um sie nun als Remittenden an die jeweiligen Auslieferungen zu senden.
Ich weiß nicht recht, wer in der Branche, aus der ich komme, eigentlich je wirklich Geld verdient, je richtig Kohle gescheffelt hat – so jemandem begegnet bin ich dort nämlich nie. Mir bekannt sind lediglich diejenigen, die an dem, was sie schreiben, überhaupt nichts oder nicht ausreichend verdienen, zweitens diejenigen, die dann diese Texte verlegen, ohne damit reich zu werden, und drittens diejenigen, die sich zunehmend auf den Verkauf von Plüschtieren und Schokoladentafeln verlegen, bevor sie den Laden am Ende doch bloß dichtmachen. Irgendwann, lange vor meiner Zeit, war das einmal ganz anders. Sicher. Und dort draußen, sehr vereinzelt, gibt es sie natürlich auch heute noch: diese seltenen Einhörner, die es aus irgendwelchen Gründen auf den Gipfel eines Berges geschafft haben, wo sie, einsam in der Sonne glänzend, herumstehen und vom Tal aus betrachtet sehr hübsch anzuschauen sind.
Multipliziert man die gegebene Menge an Buchtiteln mit der gegebenen Menge an medialen Content-Schleudern, dann ergibt das potenziell eine ungeheuer flächendeckende Präsenz von Literatur – und zwar von Literatur, die als Produkt gedacht wird. So ist das eben, es geht hier ja schließlich nicht um irgendein romantisches Hobby, Ihr Eumel. Und selbst ich trage mit meinem gelegentlichen, kleinen Gepuste dazu bei, die Böen anzufachen, sodass sich die Geschwindigkeit des großen, omnipräsenten Marktwirbelwinds stetig erhöht.
Eigentlich war das nie der Sinn der Sache.

Ich vermisse durchaus meinen kindlichen Ausgangsglauben, ein Buch sei mehr als ein bloßes Produkt – aber da hat der Einzelhandel über die Jahre, und besonders über die Weihnachtszeiten hinweg, ganze Arbeit an mir geleistet.
Genauso vermisse ich, wenn ich mich in der fleißig brodelnden Rezensionssuppe so umschaue, oftmals den sichtbaren Willen, etwas Geschriebenes nicht nur als ein Erzeugnis der Medienproduktionsbranche wahrzunehmen, sondern in erster Linie als den Versuch eines anderen Menschen, sich uns mitzuteilen.
Man kann diesem Versuch nun trauen oder auch nicht. Man kann sich blind darauf einlassen oder lieber skeptische Untersuchungen anstellen. Auf die gleiche Art, wie man, sagen wir, eine Jacke überzieht, kann man die Texte Anderer anprobieren, um zu testen, wie man sich darin fühlt, was wohlgemerkt ein Vorgang ist, den man allein absolviert und dessen Ergebnis dementsprechend ein ziemlich einmaliges ist. Trotzdem neigen wir hartnäckig dazu, etwas, das seinem Wesen nach einer zwischenmenschlichen Begegnung entspricht, mit einer Rezension zu quittieren, die sich an einem Leistungskatalog entlanghangelt, mit Pauschalbetrachtungen und Pauschalurteilen flirtet, und die letztlich ihrem Wesen nach einer Produktbewertung entspricht. Machen wir das denn tatsächlich wegen dieser Neunfünfundneunzig, die wir bezahlt haben? Oder macht uns diese immer etwas selbstgefällige Pose einfach zuviel Spaß?

Ich habe ja nicht die Nase voll vom Literaturkaufen und Literaturlesen, auch nicht vom Lesen und Texten über Literatur, oder dem Lesen und Schreiben generell. Im Gegenteil, wenn es nach mir ginge (tut es nicht, ich weiß), könnte es gar nicht genug Leute geben, die von sich schreiben und von den Anderen lesen; es könnte nicht genug schreibende Krankenschwestern, Busfahrer, Müllmänner und lesende Polizisten, Sparkassenfilialleiter, Senior Sales Managerinnen geben.
Ich meine das absolut ironiefrei ernst, denn ich finde das wirklich wichtig: Alle haben etwas mitzuteilen, und in allem wirklich Gemeinten, was es mitzuteilen gibt, gibt es wiederum für alle etwas zu finden, zu entdecken, zu erfahren.
Die Nase voll habe ich dagegen vom Werbegeklapper, das inzwischen jede noch so private Nische gekapert hat. Und ich habe die Nase voll von diesem Trend zur Überprofessionalisierung, der mittlerweile alle Bereiche erfasst hat, die sich, auf welchem Level auch immer, mit Literatur beschäftigen. Braucht es das denn?

Was es auf keinen Fall bräuchte, wenn es da nach mir ginge (aber das tut es auch hier nicht), sind:
Diese Angst davor, sich lächerlich zu machen, indem man zu viel von sich preisgibt oder den Rahmen des eigenen Könnens derartig überstrapaziert, dass das in einem Ausrutscher endet – warum so dünnhäutig und schisserig?
Diese Bereitwilligkeit, sich über diejenigen lustig zu machen, die zu viel von sich preisgeben oder den Rahmen ihres Könnens derartig überstrapazieren, dass das in einem Ausrutscher endet – wozu immer gleich die Häme und die Nickeligkeiten?

Ich finde eine sicherlich nutzlose, aber trotzdem schöne Zufriedenheit darin, wenn ich Dinge um ihrer selbst willen schreibe, und ich muss ab und an zurück ins analoge Tagebuch wechseln, damit mir das Bewusstsein dafür nicht versehentlich flöten geht. Zuletzt habe ich ein paar geplante Texte und Buchbesprechungen am Ende bleiben lassen, weil mir auf die Frage, was das alles mit mir zu tun habe, nichts Zufriedenstellendes einfiel – und was sollte auch schlimm daran sein, wenn mitunter ein paar Wochen lang kein einziger Beitrag von mir in diesem Internet auftaucht?
Umgekehrt, als Leserin also, mag ich sehr, wenn aus Texten heraus erkennbar wird, dass da jemand beim Schreiben (und vielleicht auch nur dort) ganz bei sich selbst ist. Ob das auf ein Buch zutrifft, dass sich fünfzig Mal verkauft hat, oder auf einen Blog, der fünf Follower hat, spielt keine Rolle, und wenn es auch nur ein einziges Seelchen gibt, das da oder dort im Text etwas für sich gefunden hat, was es brauchte, dann hat sich damit die Frage nach der Daseinsberechtigung einer solchen Literatur von selbst geklärt.

Schreibt halt Gedichte über umgekippte Wassergläser; Romane übers Schnürsenkelbinden; Essays über die Geschmacksunterschiede beim Kauen von Bleistiften und Fingernägeln. Von mir aus.
Aber schreibt!


>> Das hier ist ein Text aus einer meiner anderen Schubladen. Riesenköter, Kleindiscounter,  Mittelmaß – wer insgesamt ca. zwei Stunden seiner Zeit verpulvern mag, der landet via Link direkt im (zwar kein bisschen an den Haaren herbeigezogenen, freilich aber etwas überfrisierten) Midi-Markt in Leefeld: Nur bei Midi


 

KÖTER // Schlüppi

A Giant Dog ist so ein Bandname, bei dem man sofort begreift, wie’s gemeint ist, sobald man die ersten Songs hört. Die Texte handeln nicht unbedingt von Quantenphysik, fröhlich großmäulige Energie treibt das Ganze an, und wer an dieser Art von, was weiß ich, sagen wir Glam-Punk keinen Spaß hat, dem ist wahrscheinlich auch sonst nicht zu helfen.
Schade also, dass das allmählich mich selbst betrifft: Neuerdings tritt Frontbiest Sabrina Ellis eher kraftlos trällernd in Erscheinung, deutlich ausgezehrt, zwar mit vorzeigbarem Sixpack und Make Up, aber eben irgendwie ungesund. Mag sein, dass ich damit etwas dazu beisteuere, den kommerziellen Erfolg schlechtzureden, der die Band inzwischen verändert hat, aber das ist nicht meine Absicht – der ist schließlich verdient.
Tatsächlich steht enorme Arbeit dahinter, Alben über Alben, Tour- und Festivalauftritte am Fließband, und das für Sabrina Ellis nicht nur als singender, shoutender und leitender Kopf von A Giant Dog, sondern parallel und in gleicher Funktion beim noch etwas mehr am 70er Jahre Glam & Glitter orientierten Projekt Sweet Spirit. Da schleift sich die Substanz unweigerlich runter. Und gleichzeitig professionalisiert sich rundum alles, vom Merchandising über das Auftreten in Interviews bis hin zum Look der Frontfrau.
Gerade der hatte es bislang aber so schön in sich: Sabrina Ellis, ungeschminkt, unfrisiert, körperlich proper, die mitunter barfuß, mal in Hotelpagen-Uniform, Bademantel oder Glitzer-Trenchcoat über schlabberigem Top (gern BH-befreit) und im legendären rosa Schlüppi über die Bühne zappelt.
Und nun plötzlich flacher Bauch, Porzellanteint, Helene-Fischer-Outfits, und auch die Songs werden glatter: Ich will nicht oberflächlich sein, aber ich finde, dass hier etwas ins Oberflächliche verschwindet, dem ich richtiggehend traurig hinterherschaue, mit einem Taschentuch winkend.

KÖTER // Dog Content

Wes Anderson beschäftigt mich seit Jahren, da ich einfach nicht durchschaut kriege, was mir an seinen Filmen immer wieder so seltsam gegen den Strich geht. Mit der Zeit hat sich in mir die Theorie verfestigt, dieses Unbehagen beruhe darauf, dass ich Andersons jeweilige Filmwelten einfach lieben müsste, da sie immer irgendeinen nostalgischen Kindheits- und Jugendnerv bei mir zum Klingen bringen (besonders die Cousteau-eske Welt der Tiefseetaucher hat es mir angetan – wie oft hatte ich früher vorm Fernseher die Expeditionsfahrten der Calypso verfolgt, und wie sehr hatte mir dieses Farbspektrum gefallen, vom Korallenriff-Bonbonbunt bis hin zum leuchtenden Wollmützen-Rot), während jedoch ein irgendwie versnobtes Flair, das den Filmen innewohnt, jedem bei mir aufkommenden Gefühl von Vertraulichkeit und Heimeligkeit direkt den Stecker zieht.

Diesmal aber bin ich nicht so sicher, ob es nicht womöglich doch einmal zündet. Das liegt gar nicht primär an der Story – in naher Zukunft werden nach dem Ausbruch einer furchtbaren Hunde-Grippe alle Hunde aus einer japanischen Mega-Stadt auf eine vorgelagerte Müll-Insel verfrachtet, wo sich ein Trupp aus fünf befreundeten Hunden gemeinsam durchschlägt und später einen Jungen begleitet, der sich auf die Insel geschlichen hat, um seinen geliebten Hund Spot aus der Verbannung zu retten. Schließlich leben Andersons Filme nie primär von irgendeiner Story, sondern natürlich von ihrer überintensiven Optik. Und genau die erwischt mich hier: Das farbliche Schema lautet diesmal offenbar Mattweiß-Rostrot-Rußschwarz, dazu kommt dieser ganze dystopische Pseudo-Japan-Schnickschnack, wunderbar.
Und auch die Filmmusik: tiefe Bläser, Flöten, Trommeln und Gedengel – passend ergänzt durch ein bisschen historische Filmmusik aus Kurosawas epischem Die sieben Samurai, und dazu, unverzichtbar, ein paar wiederentdeckte Perlen aus den 60ern.
Zuallererst ist Isle of Dogs (wie der 2009 gedrehte Der fantastische Mr. Fox) natürlich ein Stop-Motion-Film, und auch das stößt bei mir auf einen Haufen Zuneigung. Während es in gefühlt keinem einzigen Film mehr handgemachte Effekte zu sehen gibt und sich von der Kulisse bis zum Hauptdarsteller alles täuschend real computeranimieren lässt, fühlt es sich umso wohlig-wärmer an, einen in mühevollster Handarbeit entstandenen Film mit bewegten Puppen anzuschauen.
Ich weiß bloß noch nicht, wie ich meinem Sohn verklickern soll, dass ich mir einen Animationsfilm mit Hundepuppen im Kino ansehen will, den er aber wirklich nicht mit mir zusammen anschauen darf, weil er, beim besten Willen, wirklich, wirklich kein Kinderfilm ist.

>> Isle of Dogs – Ataris Reise läuft am 10.05. in den deutschen Kinos an

FLUGWESEN // Was vom Himmel fällt

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Wenn es Nacht wird, bin ich zumeist daheim, sortiere das Geschirr, zähle Staubkörnchen oder rühre in Farbtöpfen herum. Es ergibt sich kaum noch, dass ich mal nachts an die Luft komme, noch dazu allein, wobei nachts übrigens das bloße im Dunkeln meint und nicht etwa nach Mitternacht oder gar über Nacht, und ich — Aber mecker nicht, Ilsebill, Zeiten ändern sich halt, und irgendwann ändern sie sich wieder aufs Neue, und was soll überhaupt die Klagerei? Ja ja.

Wenn es Nacht wird, öffnet sich, indem die Bläue des Himmels westwärts davonschiebt, die Schleuse ins unfassbare Schwarz, das sich im Pupillenrund spiegelt. Sobald der Blick ein Körnchen von der sich auftuenden All-Ewigkeit zu fassen kriegt, zischt dieses Körnchen zur Pupille herein und via Sehnerv direkt ins Hirn, boom!, wo es aufkeimt, sternenartige Blüten und ein Gewucher von Galaxien austreibt, und so einen Raum entfaltet, der gefüllt zu werden verlangt. Rasch ringeln sich ganze Schöpfungsketten dahin, und es bildet sich ein Äther, ein Stoffgemisch aus kostbarsten Substanzen: Klarheit, Neugier, Liebe, Sehnsucht, glorreichem Mut zum Blödsinn. Das macht einen Menschen aus: dass sich darin solche Tiefe und Größe und auch Schwärze auftun, wie sie sonst nur dem Weltall gegeben sind. Dass wir in erster Linie Tag-Aktive sind, kommt mir wiederum glatt wie eine gelebte Bitte an die beruhigend blaue bis weißgraue Himmelsdecke vor, sie möge uns doch vor solcher Tiefe und Größe und auch Schwärze behüten.

Wenn es Nacht wird, kommen die Minusgrade besonders zur Geltung, es ist, als speiste sich die Kraft der hiesigen Winterkälte direkt aus dem sperrangelweit offenstehenden All, wo ihre große Schwester herrscht – ungleich brutaler, als es die mickrige Erdlingin je könnte, versteht sich. Die Luft ist lupenrein und ohne jede Regung, sie ist leergefroren, Nebel und Wind und alles müssen vor Kälte einfach zu Boden gefallen sein. Das leise Bersten mikroskopisch kleiner Türme und Brücken aus Eiskristall unter meinen Stiefelsohlen wächst sich in der Stille zu etwas Großem aus, das sich stachelig ins Ohr drückt. Überhaupt wird nun so allerlei hörbar, was sonst unter Alltagsklang verborgen liegt, wie das rauschende Blutgestöber, das den Körper durchläuft. Außerdem rätselhafter Schall – vielleicht das Restbrausen entfernter Städte und Stürme, oder eine akustische Ahnung von den Schwingungen, die durch das Glühen und Quirlen des äußeren Erdkerns verursacht werden, weit, weit unter uns, ganz tief, so tief, tief… un…….ten…………….. Auch die Stille an sich ist ein besonderer Klang.

Wenn es Nacht wird, beginnen irrationale Versuchungen zu zirpen – ganz verschiedenartige, je nachdem, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land und in welchem Alter man sich befindet. Ich stehe gerade am Ackerrand, Weg und Siedlung im Rücken, vor mir nichts als Flachland. Die Horizontlinie erstreckt sich ungebrochen von einem Ende meines Gesichtsfeldes zum anderen, sie ist ein massiv anmutender Balken und tiefschwarz – die Entfernung verdichtet das Dunkel, und der Querbalken markiert dessen höchsten Sättigungsgrad. Der Raum, dessen Grundfläche von der platten Ebene gebildet wird und der sich aufspannt bis weit hinter die mir bekannten Sternbilder, liegt still und klar und wie aus Glas gegossen da. Es kommt selten vor, dass er bequem begehbar ist, nur wenn eine solche trockene Kälte länger andauert und der Oberboden steinhart gefroren ist wie jetzt, lässt es sich quer über die Ackerflächen spazieren. Noch im Dezember wäre man dort in knietiefem Schlamm stecken geblieben, da Temperaturen und Niederschlagsmengen diesen Winter lange Zeit so hoch gewesen sind. Später wird das Frühjahrshochwasser kommen und aus den Agrarflächen eine Seenplatte machen, die wiederum eine einzige Morastlandschaft hinterlassen wird. Das Jahr über ist die rohe Ackerkrume ohnehin zu weich, es wird gepflügt, geeggt, gedrillt und gesät, außerdem Jauche gefahren, und dann schießen die Rüben und Kartoffeln, der Weizen und der Raps. Nun aber ist die ganze Ebene verwaist, und sie ist durchgehend trittfest. Der ferne schwarze Streifen zieht an mir – ich stapfe los. Ich laufe schnurgerade auf seine Mitte zu, ich wünsche mir unsinnigerweise nichts anderes, als mich in dieses dicke Schwarz hinein aufzulösen, worin sich alles auflöst, indem es sich in- und übereinander verdichtet. Ich marschiere quer zur Pflugrichtung, trete auf die verharschten Rücken der Trallien und meide ihre Täler, die von Frost und Flugschnee marmoriert sind – flüchtige Ebenbilder des Gesprenksels, das da über mir gleißt. Meine Wangen brennen, meine Schritte haben in einen runden Rhythmus gefunden, rattern über den linierten Boden hin und machen Strecke, es ist herrlich. Da löst sich etwas aus dem schwarzen Horizontbalken, tropft daraus hervor, ein Klecks, der allmählich, indem ich ihm näherkomme, die Form eines Vogelkörpers annimmt. Eine tote Krähe. Es ist nichts Sonderbares, auf verendete Tiere zu stoßen, und die Witterung tut ihr übriges dazu. Allerdings frage ich mich, gerade angesichts der Kälte, weshalb so ein Kadaver noch keinen winterhungrigen Verwerter gefunden hat. Fuchs, Marder, Bussard und die Rabenverwandten verputzen für gewöhnlich in Windeseile alles, was sich nicht mehr rührt. Ich bleibe ein Weilchen bei der Krähe stehen und betrachte sie, im kaltweißen Mond- und Schneeschimmer glänzen Schnabel und Gefieder metallisch, sie liegt hier wohl noch nicht allzu lang. Man darf totes Getier nicht anfassen, ja ja, ich weiß, aber ich ziehe einen Handschuh aus und streiche einmal über den Vogelkopf. Hart, glatt und kalt wie ein Flusskiesel. Das Ziehen verschwindet augenblicklich – indem ich den Vogelkopf loslasse, lässt mich der Horizont los. Ich habe etwas gefunden, und wer etwas gefunden hat, der kann nach Hause gehen. Wird auch Zeit, der Elternabend ist schon lange vorbei, und allmählich denken die zuhause noch, ich wär auf dem Heimweg verfroren.

FLUGWESEN // Flugraum-Notizen

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Frühsommer. Morgens wabert das Brummen der Hornissen zum Fenster herein. Ich koche Kaffee, das Radio läuft. Wird der Hornissenton lauter als die Stimme des Nachrichtensprechers, weiß ich, dass es eine von ihnen über die Fensterschwelle in die Küche verschlagen hat. Manchmal sind es gleich drei oder vier, die in unterschiedlichen Winkeln herumstöbern. Ich denke anfangs, dass sie hier nach Fressbarem suchen, doch in die Obstschale werfen sie nicht einmal einen Blick, unternehmen lediglich eine Orientierungsrunde durch den Raum; sie drehen sich im Flug wie Kompassnadeln und suchen ganz von selbst wieder ihren Weg nach draußen. Nur in der Früh machen sie diese Ausflüge in meine Wohnung, nachmittags und abends sind sie im Garten und anderswo beschäftigt.
Ich kann die Rotrücken gut leiden, was wohl vor allem darauf beruht, dass sie mich noch nie gestochen haben. Ihr Flugdröhnen ist kein unangenehmes Geräusch, es erinnert an Handwerkergerät und Landmaschinen, und auch ihre Geschäftigkeit gleicht der von Bauern und Bauarbeitern: Sie sind umtriebig, aber unaufgeregt, nie hektisch. (Die häufigen Rinderbremsen sind sehr viel aggressivere Hausgäste, und ihre Flugraserei ist, bei gleicher Körpergröße, ein ungleich bedrohlicheres Spektakel als das eher unwilde Schwärmen der Hornissen.)
Als eine der Verirrten nicht so recht hinausfinden kann, reiße ich das Fenster weit auf – sonores Chorsummen schlägt mir von draußen entgegen. Die Morgensonne fällt wärmend auf die Fachwerkfassade, und auf den Balken sitzt eine beachtliche Rotte von Hornissen. Ihre Kieferwerkzeuge tragen Holz ab. Mir geht auf, dass nicht nur Niederschlag, Wind und Frost, sondern auch Hornissenfraß eine Verwitterungskraft ist, und ich frage mich, wie viel Holzsubstanz diese kräftigen, aber tatsächlich ja doch winzigen Mandibeln wohl im Laufe eines einzelnen Vormittags abnagen. Und im Laufe eines ganzen Jahres?
An diesen Balken arbeiten sie seit mittlerweile 150 Jahren.


Der alte Hof ist hufeisenförmig angelegt. In diesem Rund ziehen, solange es hell ist, die Rauchschwalben ihre Hochgeschwindigkeitskreise, und in der Dunkelheit die Fledermäuse. Meine Fenster stehen ständig offen – unterm Dach wird es schnell heiß. Außerdem riecht die Luft jeden Tag gut und immer ein bisschen anders. Nur wenn es stürmt oder die umliegenden Bauern Gülle fahren, bleiben die Schotten dicht.
Tagsüber verfliegt sich gelegentlich eine der Schwalben ins Wohnzimmer, vielleicht, weil sie einer Wespe nachgejagt ist, vielleicht auch nur, um sich mal umzuschauen. Ich bestaune, wie sie selbst in kleinen Räumen umgebremst fliegen. Wie sie ins Wohnzimmer, in die Küche stürzen, in Haarnadelkurven durch enge Winkel und um Lampen und Möbel herum schießen. Sie halten dabei einfach nie inne, berechnen nicht voraus. Schneidet eine Schwalbe durch den Raum, sehe ich für zwei, drei Sekunden nur einen schwarzen Pfeil, der genauso plötzlich wieder durchs Fenster verschwindet, wie er hereingekommen ist – in denselben zwei, drei Sekunden sieht die Schwalbe: Fenster, Decke, Boden, Bügelbrett, Kugellampe, Tisch, grau, grün, schwarz, Türzarge, Regal, Kalender, Radio, weiß, rot, Kaffeemaschine, Dachschräge, Einbauschrank, Küchenuhr, Türzarge, Stuhllehne, Mensch, Stifte, Blumenvase, Fenster.
Nachdem sich die Schwalben abends in ihre Nester in den Ställen zurückgezogen haben, kommen die Fledermäuse aus den Scheunen. Einmal wache ich nachts auf – es ist nach drei, ich bin mit Buch auf dem Sofa eingeschlafen – und erschrecke fast zu Tode, als mich in meinem Dämmerzustand eine fremde Hand am Kopf zu streifen scheint. Was aber bloß der nahe Flügel einer Fledermaus gewesen ist, die nun in Ellipsen um den Lampenschirm fegt; ihr unwirklich großer Schatten rast im Kreis über die Wände wie ein Karusselltier. Kommen Fledermäuse herein, fliegen auch sie mit ungeheurer Geschwindigkeit auf engstem Raum die erstaunlichsten Manöver, ohne dabei ein einziges Mal zu verlangsamen. Fünf, zehn, auch mal zwanzig Minuten lang ziehen sie horizontale Achten oder tasten in scharfwinkligem Flug die Wände ab, brettern frontal auf Hängeschränke und Fliesenspiegel zu und berühren, wie magnetisch abgestoßen, doch nie etwas. Wenn sie dann noch immer nicht nach draußen gefunden haben, hilft es, das Licht zu löschen. Der Flatterflug ihrer Hautschwingen ist geradezu gespenstisch lautlos, nur das leise Gewisper, das dem der Schwalben übrigens nicht unähnlich ist, ist ab und an zu hören. Ich stehe lauschend im dunklen Raum, kann die Besucherin weder auf mich zukommen hören noch sehen, aber in zyklischen Abständen ist an einem deutlichen Lufthauch – als würde man aus nächster Nähe von einem Menschen angepustet – zu erfühlen, dass sie gerade dicht an meinem Ohr, an meinem Gesicht vorbeischießt. Kehrt das Pusten nicht mehr zurück, ist das Fledertier draußen. Am nächsten Morgen finden sich mitunter die abgetrennten Flügelpaare von Roten Ordensbändern oder anderen Eulenfaltern auf dem Zimmerfußboden.


Tagfalter und Bienen schwirren unfassbar selten umher, man muss sie tatsächlich suchen gehen, wird aber selbst an Distelgestrüpp kaum fündig. Im großen Wintergarten, der zu meinem Elternhaus in der Nähe gehört, fanden sich bis vor ein paar Jahren allsommerlich Dutzende von Flugtieren, die es nach draußen zu bugsieren galt: Schmetterlinge, Käfer, Hautflügler, Zweiflügler; darunter ulkige Exemplare, die in keinem Kosmos-Naturführer auftauchten. Als Kind wurde dort Regenwald-Expedition gespielt – der Wintergarten funktionierte im Großen ja nicht viel anders als die Insektenfallen, die in Tierfilmen über tropische Fauna so oft eine Rolle spielten. In den blühenden Hinter-Glas-Dschungel von Orchideen, Kakteen, Zitruspflanzen und Paradiesvogelblumen verirren sich heute nur noch vereinzelte Bienen anstatt, wie früher, halbe Völker, und die Schmetterlinge bleiben, bis auf den einen oder anderen Kohlweißling, gleich ganz aus. (Die meisten Schmetterlinge entdeckte ich dieses Jahr stattdessen auf dem Elternhaus-Dachboden, aufbewahrt in einer alten Seifenschachtel.)


Libellen gedeihen dagegen gut. Wir schlurren die Uferböschung zum Fluss hinab, und kaum treten wir ins Röhricht, flirrt schon eine Wolke von Prachtlibellen empor wie Metallic-Konfetti – dunkeltürkis, grün-golden, kupferglänzend, azurblau – die eine schillernde Ewigkeit lang braucht, bis sie sich wieder einigermaßen gelegt hat. In Hausnähe sind Großlibellen häufig: Schüttele ich drinnen die im Garten getrocknete Wäsche aus, plumpst oftmals eine leicht zerknautsche Edellibelle hervor, deren Knisterflügel zum Glück robuster sind, als sie zunächst aussehen.


Das Kind steht im Garten und schreit. Nicht vor Angst; trotzdem vermittelt diese bestimmte Geschrei-Frequenz eine besondere Dringlichkeit, und ich frage mich, ob vielleicht eine Kuh ausgebüxt ist oder was. Wie ich die Diele herunterkomme, sehe ich, dass die Rasenfläche, auf der mein Kind wild gestikulierend herumhüpft, von dahinziehenden Flecken übersät ist. Im kräftigen Juli-Licht zeichen sich die einzelnen Schlagschatten eines Luftgeschwaders auf dem Boden ab: Über uns sind Störche. Im Tiefflug erzeugen sie ein Geräusch, das man sonst nur aus Filmen kennt – wenn fiktive Drachen oder Raumschiffe an fiktiven Mikrofonen vorbeisausen, oder wenn kolossale Trümmerteile vom Himmel herniederstürzen: Ffffwwwuuuch.
Es gibt in der Region fast 60 Nester und eigens einen Weißstorch-Beauftragten, der über die Population, ihre Verteilung und Entwicklung Buch führt. Im Dorf nisten drei Paare; durchs Schlafzimmerfenster kann ich, bequem vom Bett aus, ins Nest auf dem Nachbardach hineingucken; auf unserem Dachfirst hocken häufig Fremdstörche, bis sie von den Nestinhabern nebenan verscheucht werden; man muss öfters das Auto waschen, weil Storchenmist aggressiv auf den Lack wirkt; den ganzen Tag über herrscht Geklapper. Allerdings ist es ungewöhnlich, dass sich die Störche zu einer solchen Schar zusammentun, wie sie nun über uns dahinzieht. Selbst, wenn sie gerade gesammelt aus ihrem Winterquartier hierher zurückkehren, oder im Herbst, wenn sie sich vor dem Aufbruch nach Süden gruppieren, sieht man die Störche in eher kleineren Einheiten über den Dächern kreiseln oder durch die Wiesen staksen.
Nach den heftigen Regenfällen von Juni bis Juli stehen bei uns weite Auflächen und die umliegenden Viehweiden unter Wasser, wie man es sonst nur von der üblichen Frühjahrsüberschwemmung her kennt; viele Feldwege sind abgesoffen, die Suppe staut sich auf dem gesättigten Boden zu knöchel- bis knietiefen Tümpeln. Es gibt Frösche, Fische, ertrunkene und strampelnde Heuschrecken, Schermäuse, Maulwürfe im Überfluss. Das zieht die Störche an. Sie kommen plötzlich geballt, auch von weit her – wie Horden von Touristen fallen sie in riesigen Schwärmen hier ein.
Wir stehen also im Garten, und fast eine Minute lang flackern die gewaltigen Schatten über uns hinweg. Die Störche landen auf der Pferdekoppel neben unserem Grundstück. In den flachen Pfuhlen ist kaum Platz für alle, aber die Störche drängeln nicht. Grüppchenweise stochern sie im Wasser herum, und die übrigen hocken unterdessen auf dem Zaun wie die Hühner auf der Stange.
Wir zählen 49 Störche. Es kommt einem glatt so vor, als wäre eine biblische Plage hereingebrochen – nur schöner, natürlich.


Im Zuge der Überschwemmungen nehmen nicht bloß die Störche, sondern besonders die Mücken bald überhand. Draußen tanzen dichte, Salz-und-Pfeffer-farbene Schleier in der Luft, immer etwa eine Menschenlänge überm Boden. Die Fenster kann ich abends und nachts unmöglich noch offenstehen lassen, binnen Minuten schwärzt sich sonst die Zimmerdecke, und es sirrt rundumklingend. Als läge man in einer Badewanne voll Sirren. August-Geräusch. Ihre Stiche nehme ich den Mücken im Vergleich weit weniger übel als dieses Geräusch, dieses seltsam jaulige und wimmerige, absolut unerträgliche, quälende, verrückt machende Geräusch. Der Staubsauger steht immer griffbereit, einem Feuerlöscher ähnelnd.


Ich komme nicht umhin, über die Ähnlichkeit nachzudenken, die zwischen Stubenfliege und Mensch besteht. In der Küche hängt eine Schirmlampe von der Decke, und am unteren Schirmrand spaziert eine Fliege kopfüber immer im Kreis herum, immer linksdrehend. Das fällt mir nur deswegen auf, weil der rundlaufende Schatten, den sie wirft, mir bald auf den Geist geht. Groß wie eine Katze, huscht der Schatten in stetiger Wiederholung über die Arbeitsplatte hinweg. Eine Runde, zwei Runden, immer weiter, drei Runden; ich zähle bis acht. Dann kommt eine zweiter Großschatten hinzu. Noch eine Fliege, die den unteren Schirmrand entlangspaziert, kopfüber, fast im Kreis herum – rechtsdrehend nämlich, also steht sie der linksdrehenden Fliege zwangsläufig bald gegenüber. Sie prügeln sich. Die Linksdrehende gewinnt. Und spaziert weiter. Vielleicht war’s aber auch die Rechtsdrehende, die gewonnen und nun das Linksdrehen für sich entdeckt hat.
Ich lasse die Finger vom Laptop, um hier nicht ernsthaft über Stubenfliegen zu schreiben – so weit kommt’s noch. Die Fliege, der das offenbar nicht entgangen ist, düst sofort vom Lampenschirm herab und lässt sich auf der Tastatur nieder. Sie fliegt drei Buchstaben gezielt an: das M, dann das Y, danach das W: Mmmyyywww. Ich finde, das deckt sich sehr viel besser mit dem tatsächlichen Flugton der Stubenfliege als dessen gängige Umschrift Bssss.


Foto: Grebe


 

FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, (beide hielten sich hier strikt ans Schritttempo), in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die Autos, bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge aber musste ich garstige, hornissenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Erzähl-Erinnerung

Brodkey

Mein Vater verfolgt mich. Mein Gott, ich fühle es die Wirbelsäule rauf und runter, wie er über den Rasen stapft, wie sich seine Hände nähern, seine riesigen Hände, das mächtige, pochende Anschwellen seines Atems, wenn er sich an mich heranmacht: er versucht, sich auszudehnen. […] Daddy ist so flink: wer hätte je von solcher Flinkheit gehört? Genau wie im Märchen… […] Ich werde in die Luft gehoben – und während ich benommen keuche und glotze, erscheint eine Landkarte, eine Karte der dunklen Erde, auf der ich eben noch lief: ich hänge schlaff, und trotzdem erhebe ich mich auf diesem gemästeten Balken, dem Arm meines Vaters, und ich sehe: da unten ist Gras, da ist der Weg, da ist ein Blumenbeet. Ich richte mich auf. Da sind die erleuchteten Fenster unseres Hauses, ziemlich weit weg. Das Gesicht meines Vaters ist nah und mit Geräusch erfüllt: undeutlich ragt es auf: sein verborgenes Gesicht: bist du das, alter Geldverdiener? Mein Hintern kerbt sich auf dem Trapez seines Arms. Mein Vater ist so groß wie ein Auto.

Aus Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben von Harold Brodkey.

Jemand, der vielleicht noch Junge oder auch längst Mann sein könnte, ruft sich seinen Vater, welcher vielleicht nur verschwunden oder auch längst verstorben sein könnte, ins Gedächtnis, indem er das Erinnern auf die körperlichen Größen- und Kräfteverhältnisse konzentriert, die zwischen Kleinkind und Vater bestanden. Auf rein physische Relationen also – aber natürlich ist dem Ganzen, sobald es sich dabei um die menschliche Physis handelt, automatisch ein ganzer Batzen Psychologie anhängig.

Es ist so eine Eigenart von Brodkeys Prosa, das Körperliche und seine Bewegungen, Positionsbestimmungen, sensorischen Erlebnisse als Prisma zu nutzen, worin sich das schwärende Unerzählte bricht, um doch zutage zu treten und vielfarbig sichtbar zu werden. Nicht anders verhält es sich in dieser Kurzgeschichte.

[…] ich brauche zwei Augen, um eins seiner Augen zu sehen – und dann sehe ich meistens in mein eigenes Auge: von hier aus ist er sogar noch unsichtbarer, dieser Umarmer: mein Kopf sinkt gegen seinen Hals.

Um das Kind zu trösten, das sich gerade eben traurig verkrümelt hat, hebt es der Vater über den Rand seiner kindlichen Begrenzung hinaus, hinauf auf die Schwelle zu Welt und Weitblick, Glück und Gold – aber Obacht, das hier ist ein Höhenflug im Angesicht eines Untergangs:

Da war ein Gesicht; es war so groß wie mein Brustkorb; da waren Augen, unmenschlich groß, feucht – was mochten sie bedeuten? Wie konnte ich in ihnen lesen? […] Er sagte: „Das gefällt dir doch“, und er stellte mich auf den Rand der Mauer, die den Park säumte, den Rand eines Steilufers, eine Mauer, zu hoch für mich, hinüberzusehen, eine Mauer, die ich nicht überklettern durfte: er stellte mich auf die stoppeligen Steinberge und auf den Mörtelbewurf auf der Mauer. Er schlang die Arme um meine Mitte: ich lehnte mich an ihn: und wagte einen Ausblick, hinaus, dem Salz der Gefahr entgegen, des Anblicks (hundertfünzig Fuß hoch befanden wir uns mindestens, aber mindestens! Hunderte Fuß hoch in der Luft); dünne, reißende Windgirlanden schlugen mir ins Gesicht, Abendwind, von der frischen Sonne des Sonnenuntergangs geädert, schon stark von Kälte angeweht. […] Am Fuß der Senkung waren Bäche, Eisenbahnschienen, Landstraßen, Autobahnen, Häuser, Silos, Brücken, Bäume, Felder […]: es war Panorama als persönliches Privileg. Die Sonne am Ende des weiten, vom Sonnenuntergang geschwollenen Himmels war von einem glühenden und dringlichen Orange, eingefaßt von sich ausdehnenden Knospen aus Rosa und stratosphärischem Gold. […] Ich begriff, daß er mir Vergessen plus Genuß anbot […]. „Vertrau mir doch – laß du dich nur weiter aufheitern – sieh dir den Sonnenuntergang an – ein toller Sonnenuntergang, findest du nicht? – alles wird gut – glaub mir – wirst schon sehen – nur die Ruhe…“

War er absichtlich ein Schwindler?

So eng sich Brodkey nämlich, was dieses Vater-Sohn-Verhältnis anbetrifft, auch an der somatischen Ebene orientiert und damit eine Rekonstruktion des unmittelbaren, kindlich-sinnlichen Zugangs zu den Dingen unternimmt, so sehr unterliegt all das gleichzeitig einem analytischen, Rückschau haltenden Blick.

Unsere Verbundenheit äußert sich in überfallartiger, zupackender und einschmeichelnder Zuwendung, darin, daß einer sich vom anderen unterhalten läßt, für den Augenblick.

Ich frage Sie, wie soll so etwas andauern?

Manchmal, wenn wir uns voneinander unterhalten fühlen, werden wir dreist, aber genauso oft, genauso oft sind wir befremdet, und wir wenden den Blick ab.

Das ist freilich Storytelling, das im Wesentlichen auf Story verzichtet; stattdessen irrt das Erzählen in einem dunklen Erinnerungsstollen herum, rennt einsam flirrenden Leuchtpunkten nach, plumpst durch Löcher von einer Tiefenschicht zur nächsten. Passagenweise funktionieren der erzählerische Ablauf und die darin geschilderten Wahrnehmungen nach Art eines Traums oder auch Märchens: Raum und Zeit sind ausgehebelte Dimensionen; der Junge sieht sich als Zwerg, oder schwebend, oder als von Fressfeinden bedrohtes Tier, das sich wieder in einen Jungen zurückverwandelt, indem der Vater es auf seine magischen Arme nimmt, es emporhebt. Mitunter kippt, vor lauter Gegenwärtigkeit des erinnerten Gefühls, das Tempus plötzlich ins Präsens – um ebenso abrupt wieder ins Präteritum zu fallen. Ähnlich willkürlich, wie starke Erinnerungsschübe aus dem Nichts heraus das ganze Gehirn, das ganze Dasein überspülen, bevor sie schlagartig wieder auf Normalnull absickern.

Damals, mitten in der Nacht, hob er mich […] auf, wickelte mich in eine Decke, drückte mich an sich, trug mich im Dunkeln die Treppe hinunter; wir gingen hinaus in die Nacht; es war dunkel und kühl,  aber es gab einen Mond – ich dachte, er würde mich zur Mauer bringen, aber er blieb auf unserem Hinterhof stehen. Es wurde ihm lästig, mich zu lieben; er war abgelenkt und vergaß mich: die Liebe, die eben noch so nachdrücklich und fest an mir herumgeklammert und -gedrückt hatte, entfernte sich, und ich war entlassen, in die kühle Nachtluft, die fließende Feuchtigkeit, die Stille, und um uns die verdunkelten Häuser. Ich sah den silbernen Mond, hörte den Atem meines Vaters, fühlte, wie kratzig die Wolldecke auf meinen Händen war, bemerkte ihren Geruch nach Wolle. Ich hatte diese Empfindungen allein, und ich wartete. Dann, als er nicht zurückkam, wurde ich schläfrig und legte meinen Kopf gegen seinen Hals: er war nirgends in meiner Nähe. Ich schlief, in seinen Armen, allein.

Dass Brodkey bis zum Anschlag auf Intensität abzielt, zahlt sich zumeist aus, sorgt gelegentlich aber auch für Bruchlandungen – da kommen dann Wortverbindungen wie Häkelfehler zustande, da verpufft die Energie eines bestimmten Gedankengangs in einer übermütig abgehobenen, aber nicht mehr tragfähigen Konstruktion. Etwa so:

Durch die gestreichelte Verwirrung meiner inneren Luft macht sich linderndes Zwielicht bemerkbar […].

Himmel… Soll das so? Mit ein bisschen Fantasie und viel gutem Willen könnte man annehmen, dergleichen solle illustrieren, welch harter Kampf um den treffenden Ton hier gegen das schwer zu bändigende Gestrüpp der Erinnerung geführt und mitunter eben auch verloren wird. Oder man könnte es natürlich auch einfach als verquastes Geschwafel bezeichnen. Sei’s drum. Sicher ist jedenfalls, dass Brodkey in dieser Kurzgeschichte keine Spur nostalgischer Leichtigkeit zulässt, sondern Erinnern als Schwerstarbeit, Erinnerung als Stressfaktor zeigt – und zwar nicht allein ihrer Inhalte wegen, sondern gleichermaßen deswegen, weil es nun einmal quälend ist, einer flatterigen Erinnerung, die einen bedrängt, einfach nicht habhaft werden zu können, sie einfach nicht am Schlafittchen gepackt zu kriegen, geschweige denn sie auf eine ästhetisch adäquate Weise in Literatur übersetzt zu bekommen.

Sehr ausdauernd, und anhaltend fiebrig, spielt Brodkey unterschiedliche Qualitäten von Erinnerung durch: Speziell die Gattung Kindheitserinnerung wird aufgespalten in die kindliche Erinnerung und die adulte Erinnerung an die Kindheit; allgemein wird Erinnern aufgedröselt in konkretes, diffuses oder abstraktes Erinnern, welches mal blühend intuitiv, mal streng deskriptiv erfolgt. Das Bemühen, dem vielfältigen Wesen der Erinnerung auf die Schliche zu kommen, wird von Brodkey umgesetzt in reiche, ungestüme, bisweilen heillos überbordende Prosa – einem hitzigen Impetus entspringend, der sinnliche Wucht erzeugen will und sich dabei weder um Sauberkeit schert, noch um niederschwellige Zugänglichkeit bemüht.

Das eigentlich Interessante an dieser Kurzgeschichte liegt für mich jedoch in etwas Anderem, was zunächst nicht so recht ins Auge stechen kann, da das Auge erst einmal zu sehr mit Brodkeys Sprachkunsteleien beschäftigt ist, die sich um den Vater drehen:

Sein Sohn in seinen Armen ist eine Familiengeschichte – neben Daddy sind da auch Momma und eine Schwester. Sie gehören zum Geschehen dazu, sorgen für Unterhaltung, Geschäker und Plänkeleien. Doch im Zentrum der Erinnerung des Jungen steht, in epischer Größe und neben sich keinen Platz lassend, Daddy. Gut, Beziehungen zwischen Vater und Sohn sind eben an sich etwas speziell, und so erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass der Junge dem Vater eine große Bühne gibt und ihn dort mittels aufwändiger Lichttechnik (Suchscheinwerfer, Lasershow, Stroboskop, UV-Lampen, etc.) von allen Seiten ausleuchtet – während Mutter und Schwester lediglich im indirekten Licht dieses Spektakels stehen. Als Randfiguren, denke ich. Aber etwas an diesem Lichtspektakel ist faul:

Also barg ich mein Gesicht vor der Sonne – so, daß es gegen den Hals meines Vaters gepreßt war -, und dann wußte ich, […] merkte es an der Hitze (seines Halses, seines Hemdkragens), wußte es aus kindischer Beweisableitung heraus, daß sein Gesicht vor der Helligkeit um uns völlig ungeschützt war: und ich sah hin; und es war so: sein Gesicht […] war in diesem Licht gefangen. In einer zufälligen Glorie.

Diese Glorie – das ist kein erleuchtetes Erkennen, sondern es ist Verklärung. Die bitter-romantische Faszination, die von den Verschwundenen ausgeht. An Daddy selbst ist kein Herankommen. Es gibt keinen anderen Daddy, als lediglich den gefühlten Daddy für den Jungen; keine handfeste Daddy-Substanz, nur ein Daddy-Fluid, das der Junge aus einem kleinen Ball aus zusammengeknüllten Erinnerungen, den er in seinen Fäustchen zerdrückt, hervorpresst.

Und die Frauen? Während der Junge von Vaters Schuhgröße über Vaters Bartstoppeln bis hin zum atmosphärischen Ton, den Vaters Gegenwart bewirkt, alles vehement erinnert und in seiner eigenen Gefühlssprache beschreibt, bleiben die Frauen schlicht vollkommen unbeschrieben, und der Erzählton, der für die beiden reserviert ist, ist konventionell.

Anfangs halte ich das für einen Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber der Mutter, der Schwester. Dann aber finde ich, dass gerade dieses Nicht-Spektakel, das der Junge um sie macht, ganz einfach dafür spricht, was für vertraute, präsente, gesicherte Figuren sie für ihn sein müssen.

Im Umkehrschluss erscheint mir der dem Vater gewidmete, kräftezehrende Erinnerungsaufwand, den der Junge so ausschweifend betreibt, dass es ans Fanatische grenzt, als Zeichen dafür, dass der Vater all dies nicht ist: vertraut, präsent, gesichert. Gerade dieses heftige, geistige Suchen nach Daddy weist ihn aus als einen Familienunangehörigen – als ein Phantom.


Harold Brodkey wurde 1930 in Illinois geboren und starb 1996 in New York, wo er sich in den 50er Jahren niedergelassen hatte und dort bald zu den exzentrischen Lieblingen der Kultur-Szene zählte. Er sorgte als Autor vielbeachteter Kurzgeschichten und Essays für Aufsehen und wurde berühmt für einen Roman, an dem er dreißig Jahre lang schrieb, der von der literarischen Welt dreißig Jahre lang herbeigesehnt wurde und über den sich Feuilletonisten dreißig Jahre lang in vorauseilender Kritik die Finger wundschrieben, bis sich das, was da am Ende tatsächlich erschien, als blasser, aufs Rudimentäre zusammengekürzter Schatten des epochalen Werks entpuppte, als das er angekündigt gewesen war. In den 80ern noch als amerikanischer Marcel Proust gefeiert, spielt Brodkey heute kaum noch eine populäre Rolle. Damals wurde mitunter entnervt beanstandet, seine Prosa, die stark autobiografisch orientiert ist, sei scheußlich Ich-süchtig – heutzutage lesen wir alle fleißig unseren Knausgård.


>>Die Kurzgeschichte Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben ist hier zu finden: Harold Brodkey, Unschuld – Nahezu klassische Stories (Rowohlt), €11,99

 

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Sven Amtsberg, Superbuhei

Langenhagen

Kennen Sie zufällig Langenhagen? Nicht nur den Flughafen, meine ich? Ich schon. Das ist eine dieser Vorstädte, die den Tellerrand Hannovers bilden, und der Tellerrand ist nun einmal nicht dort, wo das Schnitzel platziert wird, sondern wo sich ein schlaffes Salatblatt und die Pommes befinden, die als erste auskühlen. Dort, wo die letzten, müdesten Ausläufer des großstädtischen Gebiets auf die ländliche Region treffen. Das ist Ödnis für Fortgeschrittene. Dort wohnt Jesse Bronske.

Was macht man so in Langenhagen? Nicht viel. Aber nicht zuletzt: viel saufen. Einigen lokalen Gewohnheitstrinkern ist Jesses Kneipe ein Zuhause geworden. Das Klaus Meine liegt, wie anderswo Bäckereifilialen oder Blumenläden, im Eingangsbereich eines Supermarktes – dem örtlichen Superbuhei. Vom Tresen aus hat Jesse einen guten Blick auf seine Freundin Mona, sonnenbankgebräunte Kassiererin und, wie Jesse sagt, „eine Sitzschönheit“. Erfreulichere Ausblicke bieten sich nirgends, nach Abwechslung sucht man hier vergebens. Im Klaus Meine – das Jesse zwar aus juristischen Gründen umbenennen musste, der Einfachheit halber in Kleine Maus, was aber von ihm wie von der Stammtrinkerschaft konsequent ignoriert wird – laufen pausenlos die Songs der Scorpions, allmorgendlich eingeleitet von Wind of Change; das illustriert schön das Ausmaß der Tristesse des Bronske’schen Alltags, sowie das ironische Gemüt des Sven Amtsberg.

Während Musik und Trinkergefasel Déjà-vu-Ketten produzieren, spielt sich Jesses Leben im Ganzen ebenso als Wiederholungsschleife ab: Aus „dem brackigen Becken der Gewöhnlichkeit“ nämlich, worin Jesse sich abstrampelt, schafften es schon seine Eltern nicht heraus. Die Parallelen zu Jesses eigenem Lebenslauf sind so deutlich, dass er zu der Überzeugung gefunden hat, die Durchschnittlichkeit seiner Eltern, an und unter der sie so sehr litten, sei eine auf ihn übergegangene Erbkrankheit. Statt einer Kneipe in einem Supermarkt, betrieben die beiden einen Imbiss auf einem Supermarktparkplatz. Und ganz ähnlich, wie Jesse vertrauliche Briefe an Klaus Meine schreibt, zwängte sich Vater Bronske seinerzeit in einen weißen Glitzeranzug, um sich seinem Idol nahe zu fühlen, und brachte es als „Elvis von Rahlstedt“ zu kläglicher Berühmtheit. Dort nämlich, in Rahlstedt, Hamburger Nordost-Tellerrand, lebten sie damals: Vater, Mutter, Jesse – und Aaron. Solange jedenfalls, bis erst Mutter, dann Vater verschwand, und es für Jesse bald mit Aaron nicht mehr auszuhalten war.

Was Jesse rückblickend über seine Kindheit und Jugend, seine Eltern und den Bruder vor sich hin sinniert, lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner herunterkürzen: das erfolglose, sich in Oberflächlichkeiten erschöpfende Ringen um Größe, Sichtbarkeit, Liebe. Und wenn das, in Zeiten von Selfie und Clickbait, von filtergeschönter Selbstpräsentation und der Marktschreierei der Egos, kein hohes Identifikationspotential besitzt, dann weiß ich’s auch nicht – heutzutage sind wir schließlich alle ein bisschen Bronske, manche vielleicht mehr, manche vielleicht weniger. Mutter trat erfolglos im Laientheater auf, klapperte regionale Schönheitswettbewerbe ab und bekam das Heulen über den Grillfettgeruch, der so hartnäckig von ihrer Haut Besitz ergriffen hatte, dass er sich schließlich nicht einmal mehr durch ausgiebiges Baden beseitigen ließ. Vater versuchte sich, bevor er vollends Elvis wurde, als fiebriger Erfinder, außerdem als Salzteigkünstler. Die Bronske-Brüder probierten es mit einer Metal-Band, von der sie beide als Metal-Duo übrig blieben, bis sie das mit der Musik am Ende einfach ganz an den Nagel hängten.

Für Jesse folgte der Abgang nach Langenhagen – aber wie ging’s mit Aaron weiter? Und warum verschanzt sich Jesse allabendlich im gemeinsam mit Mona bewohnten Haus, hat sich eine Schusswaffe organisiert und starrt beunruhigt ins wogende Maisfeld, das direkt hinter der Grundstücksgrenze beginnt?

Wem von klein auf ein erbittertes Streben nach Besonderheit vorgelebt, wem eingetrichtert worden ist, dass allein individuelles Hervorstechen – und sei es auf dem banalsten oder albernsten Gebiet – die Basis liefert, um geliebt zu werden, um zu überleben gar, der verteidigt jegliche Einzigartigkeit, die er für sich zu beanspruchen vermag, mit allen Mitteln. Und gegen jede Konkurrenz. Angesichts der elterlichen Vorarbeit, die im Hause Bronske diesbezüglich geleistet wurde, verwundert es nicht, welche Abgründe sich da zwischen Jesse und Aaron, den eineiigen Zwillingsbrüdern, auftun.

Je härter Jesse sich gegen Aaron verteidigt, desto mehr kommt ihm abhanden, was noch zu verteidigen wert ist, und das ist ohnehin schon herzlich wenig. Vor allem droht Mona sich zu verabschieden. Langsam bekommt sie es nämlich mit der Angst zu tun – aber nicht wegen Aaron. Sondern wegen Jesse selbst. Denn Mona, die Aaron noch nie begegnet ist und seltsam findet, dass es keine Fotos gibt, die beide Brüder zusammen zeigen würden, glaubt nicht daran, dass Aaron überhaupt existiert. Schließlich wäre Jesse nicht der Erste, dessen Psyche in Reaktion auf die Unerträglichkeit der eigenen Alltagstristesse eine Persönlichkeitsstörung ausbrütet. Sicher, denkt man altklug, Jesse tickt nicht ganz sauber. Nur kommt man nach und nach ins Schwanken: Indem Amtsberg das Normalwesen dermaßen grotesk überzeichnet, dass hier eine bis auf die Knochen gestörte Kollektiv-Psyche offenbar wird, zeigt sich, dass es vielmehr die Anderen sind, die ganz und gar nicht sauber ticken, und so fragt man sich, ob es nicht eher ausgerechnet Jesse ist, dessen Urteil man trauen sollte.

Wäre dieser Roman ein Zimmer, dann wär’s wohl das eines mittel-uncoolen Teenagers anno 1995, das, ganz ironisch, flächendeckend mit Scorps- und Elvis-Postern plakatiert wäre – aus der Stereoanlage aber käme rund um die Uhr das Geschrammel der Hamburger Schule. Zu nicht unerheblichen Teilen hatte ja auch die ihre Wurzeln in der Provinz. Ähnlich, wie deren später auf den Plan getretene Dunstkreisgenossen: der musikalische Klüngel ums Grand Hotel van Cleef etwa, oder das Entertainmentkunstprojekt namens Studio Braun. Und genauso, wie Amtsberg selbst, der gebürtiger Langenhagener, seit den Neunzigern in der Hansestadt ansässig und dort prima vernetzt ist. Jedenfalls: In Superbuhei quält sich Jesse so hilflos mit der Bitterkeit des Gewöhnlichen herum, dass er glatt einem Song von Tocotronic oder Die Sterne entstiegen sein könnte. So distinguiert, wie man das vom Diskursrock her kennt, kommt Amtsbergs Romandebüt aber nicht daher – der Ton erinnert mitunter eher an den eines Rocko-Schamoni-alias-Georgie-Snyder-Telefonstreichs. Wer’s mag; nur käme der Roman, der durchaus mit Thriller-Elementen hantiert, im Ganzen sicherlich etwas zugkräftiger voran, hätte Amtsberg auf die ein oder andere Szene verzichtet, deren Skurrilität mehr dem Selbstzweck als der Story dient. Klar ist es witzig, dem Marktleiter des Superbuhei den Namen Stanislawski zu verpassen – kleine Anspielung auf den Sankt-Pauli-Kulttrainer, der seinen Trainerjob irgendwann aufgab und stattdessen überraschenderweise einen Rewe in Winterhude als Marktleiter übernahm. Klar auch, dass man in einem Roman, der ein bisschen Milleustudie unter Trinkern und Proleten betreibt, um ein paar eingestreute Kalauer nicht herumkommt – und die Sprache der Hauptfiguren, die bis zum Hals in jenem Millieu stecken, dem herrschenden Umgangston ein Stück weit angleichen muss. Dass Amtsberg streckenweise etwas zu ausgiebig in derlei Kleinkram und Kolorit badet, lässt allerdings eine Grundfrage, die vom Plot transportiert wird und in der es um Abgrenzung und Eigenständigkeit geht, aus dem Fokus geraten: Wo hören die Anderen auf und fängt das Ich an?


>>Sven Amtsberg, Superbuhei (Frankfurter Verlagsanstalt), gebunden, €24,-


Foto:Grebe

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Muttilein

Fluss3 (2)

Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen. Was Faulkner so schön schrieb (in Requiem für eine Nonne), lässt sich durch einen leichten Umbau so spezifizieren und zuspitzen, dass es perfekt als einleitende Vorwarnung zu Mariana Enriquez‘ Kurzgeschichte Correntiner Schauerstück verwendet werden könnte: Die Toten sind nie vergangen. Sie sind nicht einmal tot.

Gustavo, aufgewachsen als Halbwaise, inzwischen Mittdreißiger und argentinischer Hauptstädter, wird hier von der Vergangenheit heimgesucht – zunächst via Telefon: Die schrullige Verwandtschaft aus dem ländlichen Corrientes verlangt seinen unverzüglichen Besuch.

Als Lidia sagte „[…] wir können einfach keine Entscheidung allein treffen“, stellte sich Gustavo vor, wie sie alle um das Telefontischchen herumsaßen, […] und wie alle den Atem anhielten, eingeweiht und feige zugleich, allein deswegen, weil sie Lidia auserkoren hatten, also die, die am wenigsten Skrupel von allen hatte, diesen Anruf zu erledigen. Er sah Walter vor sich, der immer einen Hammer mit sich herumschleppte oder irgendwelche Nägel im Mund stecken hatte, ohne Unterlass am Reparieren der Möbel im Haus, es war beinahe das Einzige, was er tat, seit er Witwer geworden war. Er sah Julio vor sich, diesen eingebildeten Chauffeur, der Polizeibosse herumkutschiert hatte, die in Corrientes und im Chaco der Folterei nachgingen; ein jovialer, bezaubernder Typ, es sei denn, er begann, seine ehemaligen Arbeitgeber in Schutz zu nehmen. Und dann war da noch die Mechi mit ihren Selbstgesprächen, die sich mit Sicherheit weiterhin ihr Bierchen vor dem Schlafengehen genehmigte, Trapax hin oder her. Das waren die vier Geschwister seiner toten Mutter, also die Geschwister von Margarita […].

Womit noch längst nicht die ganze Verwandtschaft aufgezählt ist – zum Corrienter Clan gehören außerdem Cousins, Cousinen, Cousinenkinder usw., die allesamt das chaotisch bebaute Familienareal am Ufer des Paraná bevölkern. Gustavo und seinen Vater hat es als Einzige nach anderswo verschlagen, weg vom Paraná; schließlich war in diesem Fluss die Mutter ertrunken, damals, vor dreißig Jahren, als Gustavito noch ganz klein war, sodass er heute keine einzige Erinnerung an das „Muttilein“, wie Tante Lidia sich ausdrückt, besitzt.

Nach dreißig Jahren aber, so lautet die Corrienter Friedhofsordnung, läuft die Liegefrist für ein Grab aus. Mamas Umbettung steht an. Warum Gustavo bloß deswegen nun dringend persönlich in Corrientes anreisen soll, erfährt er erst, als er dort ist.

„Mechi, bring dem Jungen was Erfrischendes zu trinken, aber spül die Gläser einmal durch, sie sind völlig verdreckt“, bat Lidia und hielt Gustavo eine Zigarette hin. „Ich werde dir jetzt alles erzählen, Kleiner. Es ist nämlich so, dass ich einen Anruf vom Friedhof erhalten habe und man mir unterbreitet hat, deine Mama müsse aus ihrer Grabnische raus und in eine Urne. […] Ich sage den Friedhofsangestellten also, sie sollen sie einfach umsetzen. Schön und gut, Doña, kriege ich zur Antwort, also munter umgebettet. Zwei Stunden später rufen sie wieder an und sagen: Doña, Sie müssen vorbeikommen, wir haben das Grab geöffnet, um die Überreste in die Urne umzufüllen, Ihre Schwester ist aber unversehrt. Das waren ihre Worte. Ich stoße vier Schreie aus, was soll das heißen, unversehrt, kreische ich, meine Schwester ist vor dreißig Jahren gestorben, was reden Sie da, Sie Ferkel. […] Ich mache mich also auf die Beine, steige ins Auto und fahre los. Und dann deine Mutter, Gustavito, jawohl, da war sie, oder besser gesagt, da ist sie, völlig unversehrt.“ „Wie, unversehrt?“ […] „Unversehrt, kapier doch, mein Süßer. Deine Mami ist nicht vermodert. […] Sie sieht sogar besser aus als damals, um ehrlich zu sein, sie ist nämlich nicht mehr so aufgeschwemmt.“ […] „Wann ist das alles passiert?“ „Vor einer Woche. Wir haben abgewartet, ob sie ranzig werden würde…“ „Tante, es reicht.“ „Jetzt tu nicht so erschrocken, es mag ja deine Mutter sein, aber gekannt hast du sie nicht […].“

Nein, nicht gekannt. Und auch später hat er im Grunde nichts über die Mutter in Erfahrung bringen können, weder durch den Vater, dessen Gram ihn verschwiegen gemacht hatte, noch durch die Tanten und Onkel, deren Reaktion auf den tragischen Tod Margaritas darin bestand, noch verrückter zu werden, als sie es ohnehin seit jeher waren. Für Gustavo war die Mutter also nie mehr gewesen als ein bloßes Phantom, aber damit nicht genug: Jetzt, da sie, wie von Geisterhand wohlerhalten, plötzlich wieder ans Licht kommt, bringt ihm das der Mutter auch nicht näher, hat er es nach wie vor mit einem Fremdwesen zu tun – stattdessen muss er sich damit herumschlagen, dass die Mutter, die sich weigerte zu vergehen, diese seltsame Laune der Natur, zu einer regionalen Attraktion zu werden droht:

In San Luis wussten die Leute bereits von dem Wunder. (Das ist kein Wunder!, schrie Gustavo in sich hinein, lauschte jedoch weiter.) „…und sie sind bereits auf dem besten Wege, sie anzubeten. Sie soll nach Jasmin duften. Wie Heilige eben so riechen.“ „Um Gottes Willen!“ Gustavo fand wieder Worte. „Sie muss eingeäschert werden und damit basta!“

Das sieht man in Teilen der Familie allerdings anders, man ist sich uneins. Gemeinsam mit dem Jasminduft nämlich sind dem geöffneten Muttergrab allerhand Hoffnungen, Ernüchterungen, Visionen und Einsichten entstiegen, von welchen sich die einen ganz berauscht fühlen, während die anderen davon Kopfschmerzen bekommen. Und so geben sich in Corrientes nun die diversen Muster unseres Umgangs mit dem Tod und seine vielfältigen Auswirkungen auf die Lebenden die Klinke in die Hand.

Enriquez setzt in ihrem Erzählstück lediglich ein paar treffsichere Pinselstriche, und schon ist alles da: das subtropisch gelegene Corrientes mit seiner Sommerschwüle; der mächtige Paraná, der dunkel und trügerisch ruhig vor sich hin strömt, wie eben das Leben selbst; das Wispern der kleinen Fledermäuse, die im Dahinsausen das Wasser küssen, um zu trinken; die Familie, jenes wundersame Gebilde, das sich vor Gustavo gleichsam auftürmt wie die ineinander verschachtelten Wohnbauten der kollektiven Verwandtschaft auf dem weitläufigen Ufergrundstück. Es hätte getrost noch weiter und weiter gehen, ein ordentlicher Roman daraus werden dürfen.

Das Corrienter Schauerstück eröffnet die kleine, aber großartige Anthologie Asado Verbal – Junge argentinische Literatur (Wagenbach, €9,90), herausgegeben von Timo Berger und Rike Bolte, die selbst für einige der Texte die Übersetzung lieferten. In fünfzehn Kurzerzählungen – darunter ein paar bombastische Geschichten, kein einziger Lückenfüller -, versammeln sich Geister der Vergangenheit und Menschen der Gegenwart, von zeitgenössischen argentinischen Autorinnen und Autoren so geschrieben, wie man sich ein Asado eben vorstellt: deftig, üppig, ungezwungen; überdies angereichert mit doppelten Böden und viel Hintersinn.


Bild: Grebe 2017