ANS EINGEMACHTE > Persistence

Die Sommerferien sind vorbei.
Kein hitziger Freibad-Sommer war das, aber doch eine zähe, unbewegliche, plattgedrückte Zeit; in jedem Jahr verfalle ich in solche Sommerstarre, es ist einfach nicht meine Jahreszeit.
Keine Reise. Viel Wandern, einmal Wattwandern, sonst keine sonderlichen Ausflüge. An den verregneten Tagen erinnerten mich diese trägen Ferien ausgesprochen deutlich an meine eigenen Schulferien – in den 90ern – , was kein Zufall ist, wo ich doch neuerdings mit Kind und Mann in meinem Elternhaus wohne. (Das sollten Sie nicht etwa als einen Rückzug in meine heile Kindheitswelt missverstehen. Hier gibt’s bloß einen Haufen Arbeit.) Neben der räumlichen Nähe besteht auch qualitative Ähnlichkeit: Ferien bedeuteten für mich als Kind, die Zeit totzuschlagen. Mich irgendwie zu beschäftigen. Keine – ich wiederhole: keine – Termine zu haben. In meiner Kindheit ging man, ganz wie in pandemiebewussten Zeiten, auch nicht einfach Leute besuchen, in Restaurants oder Museen, es gab kaum Sport-, keine Unterhaltungsangebote vor Ort, hier in der Provinz, und für mich auch keine Spielbesuche. Es war nichts los. Gar nichts. Und in den Ferien noch weniger als das.
Nie bin ich anfälliger für gemütskranke Schübe als im Sommer.
Meine Jobsuche: keine interessanten Stellen, zwei Absagen.
(Immerhin macht mir, wie gesagt, das Haus zu viel Arbeit, um sagen zu können, ich hätte Langeweile. Aber nicht die Art von Arbeit, um sagen zu können, ich hätte eine Aufgabe.)
Ich bin heilfroh, dass mein Kind nach dem Umzug hierher gut anknüpfen konnte an alte Freundschaften, auch neue dazugewonnen hat und nach den ersten Schultagen als Fünftklässler glücklich über die neue Schule ist. Das ist meine Pandemietaktik: Grundlagen definieren, die gesichert sein müssen – Kind glücklich, Mann gesund – , und allem übrigen einfach seinen Lauf lassen. Dankbar sein. Nicht nölen.
Ich bin tatsächlich dankbar, es könnte uns tatsächlich schlechter gehen. Es ging uns schon schlechter.
Ob der Bläserkurs in der Schule, für den sich mein Sohn eingetragen hatte und den er kaum erwarten kann, einigermaßen stattfinden kann, muss sich zeigen. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir nicht nach den ersten paar Schultagen direkt in die erste Quarantäne wandern.
Anfangs habe ich mich lustig gemacht über solche Leute, die es nicht aushalten können, wenn ihr Alltags-Einerlei ausnahmsweise einmal nicht nach Plan verläuft. Ich selber kann Alltag nicht gut; in kritischen Lagen bin ich viel, sagen wir mal, funktionaler. Aber jetzt, da das Auf und Ab mit der Pandemie zum Alltags-Einerlei geworden ist – da geht es mir reell ans Eingemachte.
Die kleine Stereoanlage in meiner Küche spielt pausenlos Nachrichten, Features und Musik ab, weil Geräusche die Decken davon abhalten, mir auf den Kopf zu fallen. Vor einer Weile habe ich mir mal eine neue CD bestellt (ich gönne mir das selten), die ich inzwischen schlechterdings als mein Pandemie-Album bezeichnen muss; erschienen war es schon 2019, lief für mich aber erst unter Lockdown-Bedingungen zu Idealform auf und schmiert seitdem quasi täglich seine klebrigen Melodien an meine Wände. Bowman Trio, Persistence. Drei Finnen mit Trompete, Bass und Schlagzeug. Das ist sehr hörbarer, dabei aber kein glatter Jazz: zähe, trottende Dynamik, in der es ab und an unrund stolpert. Manchmal versucht die Trompete, ein Stück auf Trab zu bringen, dann aber geht ihr doch die Puste aus und sie legt sich müde hin – allerdings nie endgültig, sie berappelt sich immer wieder. Persistence heißt ja so viel wie Beharrlichkeit, und das passt denn auch zu diesem Album, dessen Ton häufig kurz davor scheint, vor Entkräftung dahinzusiechen, und gleichzeitig einfach nicht totzukriegen ist; bestechend perfekt also auch sein atmosphärischer Einklang mit meinem Alltags-Einerlei.
Besonders das Titelstück ist ein Ohrwurm, der mich seit Monaten verfolgt: ein unauffälliges, aber unerbittliches Stück. Manchmal, wissen Sie, da stelle ich mir schaudernd vor, wie es gespielt vom Bläserorchester meines Kindes klingen würde, in einem oder zwei Jahren, ein jedes Kind mit seiner Trompete oder Posaune zugeschaltet von zuhause via IServ-Videokonferenz.

ANS EINGEMACHTE > Im Park hinter den Augen

Vom nahen Fliegerhorst aus sind vergangene Woche mehrere A400M in Richtung Kabul abgeflogen. Auch die übrigen Maschinen sind ständig in der Luft, der ganze Flugdienst in Bereitschaft.
Früher waren es Transall C-160, deren Tiefflüge über unserem Garten mein Zwerchfell schüttelten – mein Vater kannte ihre Kabelbäume persönlich, und ich liebte die olivgrün-gescheckten Maschinen und den vibrierenden Krach ihrer Übungsflüge sehr. Vor allem mochte ich die Geschichten über ihre Hilfseinsätze; die Bilder der Trall in weißer UN-Lackierung waren besonders erfolgreich als Wohlfühl-PR für die Truppe. Zudem überlagerten sich bei mir natürlich die Wahrnehmung von Vater und Flugmaschine, wodurch das Bild einer irgendwie väterlichen Flugmaschine entstand.
Andere Mädchen striegelten liebevoll ihre Pferde, ich tätschelte taktische Transportflugzeuge. Es war sehr schön, daran zu glauben, dass diese lauten, spartanischen Ungetüme im Dienst der zwei großen F unterwegs waren.
Gegen den Airbus A400M Atlas wirkt die ausgediente Transall in Größe und Ausstattung kläglich. Woran es dem Nachfolger allerdings fehlt, ist deren unerreicht-rosiges Image einer humanitären Rettungsmaschine – das auch mein Vater umso vehementer beschwor, je mulmiger ihm während der Nach-Wende-Jahre auf seinem Fliegerhorst zumute wurde, als nach dem Kalten Krieg nicht etwa endlich, endlich der Weltfrieden, sondern die Golfkriege ausbrachen, eine neue Generation von Kriegen sich anbahnte, das Patriot-Raketensystem in seinem Arbeitsalltag ankam und vor dem Hintergrund üppiger Rüstungsexporte die zwei großen F – Frieden und Freiheit – immer winziger wurden.
Mein Transall-Vater ist lange tot und ich lange kein Grundschulkind mehr – das beides fiel mir ein, als ich Anfang letzter Woche unter einem weiten Himmel voller A400M-Dröhnen stand, in den auf einmal eine weitere Maschine hineinschnitt, die ich wegen ihrer feierlichen Sonderlackierung erst gar nicht erkannte: die Trall, die mit Ablauf dieses Jahres nun endgültig außer Dienst gestellt werden wird, auf dem letzten ihrer Abschiedsflüge.
Ich konnte mir ein Winken nicht verkneifen, ein entgegenkommender Radfahrer grüßte freundlich-irritiert zurück, peinlich, aber Zehnjährigen ist so was ja schnuppe und in diesem Moment war ich kurz wieder zehn. Da flogen viele Arbeitsstunden meines Vaters hin, und viele Besuchstage in Werkstatt und Hangar. Natürlich auch eine Menge CO₂. Und obendrein der Rest einer humanitären Wunschvorstellung, der als Staub aus den 80ern bislang noch in einer versteckten Ecke im Apparat verblieben gewesen war.

Seit meiner Zweitimpfe sind ein paar Tage vergangen und ich schlechterdings noch nicht wieder zu gebrauchen. Auch schön. Der Eindruck, mir gehe universell die Puste aus, ist zur Abwechslung einmal medizinisch legitimiert – der Eindruck, mir würde Substanz abgerieben, weggeschliffen. Dabei ist mein Reflex, in Sachen meiner Dauerträgheit ständig mit guten Begründungen oder notfalls findigen Ausreden zu wedeln, so überflüssig, es ist alles ganz einfach: Ich bin müde, und Sie auch.

Menschen, die sich an Flugzeuge krallen und abstürzen. Menschen, die sich an Schlauchboote krallen und versinken. Menschen, die privat ins All fliegen. Menschen, die von Waldbränden eingekesselt werden. Menschen, die von Flutwellen und Schlammlawinen mitgerissen werden. Menschen, die keine Luft bekommen. Menschen, die schwurbeln. Menschen, die verhaftet, misshandelt, vergiftet werden. Menschen, die –
Katzenvideos.
Sie kennen dieses Karussell, das sich wie ein Mahlwerk dreht.

Es gibt da diesen Park, den es nicht gibt. Angelegt auf einer Flussinsel. Lassen Sie mich ein bisschen ausholen, ja?
Über eine neugotische Brücke gelangt man zum Werder hinüber, der dicht mit Bäumen bestanden und von Röhricht umsäumt ist. Eine Pappel-Reihe begleitet den einzigen schnurgeraden und breiten, mit Muschelkies gestreuten Weg, und diese Blickachse öffnet sich zu einer Rotunde hin, die an ein Planetarium, einen Getreidespeicher, vielleicht auch einen Kirchturm ohne Kirchenschiff denken lässt. Zahlreiche schmale Pfade winden sich an Strauchgruppen entlang, zwischen Zierbäumchen und Staudenbeeten hindurch, immer weiter, vorbei an den gewölbten Buckeln großer Findlinge, nie einen Blick freigebend auf den Fluss, das Ufer. Man muss die Pfade gut kennen, um bestimmte Plätze im Park finden zu können. Ich setze mich auf eine Parkbank am versteckten Teich – eine Rundmauer aus Klötzen von Grauwacke umgibt das tiefgrüne, ruhige Wasser. Seerosen, Lilien, Libellen. Weiterschlendernd komme ich zu einer gelinden Anhöhe, wo das Parkcafé liegt. Ein Holzbau mit Sprossenfenstern; von der überdachten Terrasse aus schaut man auf die Kuppen der Sträucher und seitlich auf die Pappelallee. Das vielfarbige Bleiglas der Eingangstür wirft bunte Lichtflecken aufs Parkett im Inneren. Dort stehen, auf einem Tisch in einer Fensternische, wortlos eine weiße Kaffeekanne, eine schwarze Tasse und dazu mal ein Gebäckstück, mal eine Zeitung oder ein Buch, oft ein Blumensträußchen. Mein dritter Verweilort im Park befindet sich unterm Dach der Rotunde, wo durch ein Gaubenfenster viel Licht und etwas Himmel hereinfallen. Der nackte Raum riecht nach dem Holz der Balken, Lehmputz und Staub. Auf den federnden, knarrigen Bodenbrettern hört man seine eigenen Schritte wie eine antike Sprache klingen und versucht sie zu verstehen. Wenn es draußen regnet und weht, ist dieser Platz am schönsten.
Es ist nicht so, dass dieser Park privat oder versperrt wäre – es ist ein ganz gewöhnlicher öffentlicher Park. Trotzdem bin ich hier ausnahmslos allein mit mir selbst. Nie treffe ich auf Menschen, weil ich mich immer in diesem bestimmten Moment dort bewege, wo andere Menschen gerade eben um die nächste Ecke verschwunden oder gerade noch nicht in mein Umfeld eingetreten sind, es ist also immer gerade niemand da, und dieses punktuelle Zeitfenster – gerade – dehnt sich, nur für mich, zu einer Ewigkeit aus. Ich kann deswegen eine Ewigkeit lang ganz für mich allein, selbstversunken, meinen heißen, schwarzen Kaffee am Tisch in der Café-Nische trinken, denn die Bedienung bringt eine Ewigkeit lang gerade ein Tablett mit Geschirr in die Küche. Usw.
Im inwendigen Park finde ich oft genug Rückzug, Rettung, Seelenruhe. Das ist kein Eskapismus – der liegt mir nicht. Wer sich verdrückt, kann nie mit sich selbst ins Reine kommen, und wer das nicht ist, kommt wiederum nie in einen solchen Park hinein. Kinder malen oder basteln vergleichbare Orte, die ein Amalgam empfindungssatter Eindrücke sind – heimelige Baumhäuser, Tiefseestationen, Höhlen, Zwergendörfer, Hausboot-Siedlungen usw. – und es ist sichtbar gesund für sie, warum also je damit aufhören, solche Orte für sich zu erfinden?

Ich stelle fest, dass die Notwendigkeit stetig wächst, mich öfters und zunehmend intensiv von der echten Welt abzukoppeln. Ich arbeite nicht in der Medizin oder für Lieferdienste oder wo zur Zeit sonst so die Post abgeht; Passivität dämpft meinen Alltag, alles verläuft so gebremst und abwartend, auch frustrierend. Würde ich nicht ab und an einen morschen Apfelbaum zerhacken oder Sperrmüll zerkleinern, dass es kracht, wären meine Tage sehr still.
Draußen in der echten Welt geht es ans Eingemachte, und ich habe keine Mittel oder Fähigkeiten, daran etwas zu verändern. Die kindliche Zuversicht ist mir abhanden gekommen. Auch die Geduld mit Leuten. Macht euren Quatsch halt alleine, denke ich oft genug – wenn mich wer sucht, ich bin im Park. Wo mich ja niemand findet, denn egal wann und egal wo ich dort bin, ist doch immer gerade niemand da!
Wie gut, dass ich eine ganze stille Ewigkeit in diesem Park zubringen kann, den es nicht gibt. Und wie bitter.


>Foto: Grebe

VERGANGENWELT > Steinbeck zu, Steinbeck auf

Früher gab es Amerika. Das ist eine Weile her, ich war noch in der Schule. Für meine Eltern, meine fast-pensionierten Lehrer und das Fernsehen – allesamt Zöglinge des Kalten Kriegs – war dieses Amerika der Fixstern in dunkler Nacht. Klingt blumig, war aber poesiebefreiter Polit-Kurs. Amerika bedeutete Freiheit, alles übrige bedeutete anrollende Panzer. Dabei hatte ich diese Panzer-Angst, anders als vorige Generationen, gar nicht im Leib, und doch war auch meine unbewusste Amerika-Bindung absolut, quasi naturgegeben, quasi als wäre ich selbst irgendwie ein kleines bisschen Amerikanerin – das nennt man Prägung, und wenn man kritisch ist, nennt man es Gehirnwäsche, männerklärten mir die Jungs vom Politik-LK. Den Begriff Amerika verwendete man synonym für USA, (Wilder) Westen, Beverly Hills 90210, Demokratie, freiheitliche Gesellschaft, Weltspitze, Utopia, Bill Clinton, militärische Dominanz, Fast Food und Fast-Kultur. Jenes Amerika war seine eigene Showbühne und kam in den unterschiedlichsten, jedoch stets selbsterklärenden Kostümen daher. Es bewegte sich trittsicher im Semiotischen Dreieck. Alle glaubten mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit zu wissen, was ein „echter amerikanischer Patriot“, ein „typischer amerikanischer Arbeiter“, ein „All American Girl“, die „amerikanische Jugend“ oder der „American Way of Life“ sein sollten, und diese Konstrukte sind so mächtig, dass sie nie von der vielschichtigen Realität zerstört wurden, sondern über ihr stehen. Vielmehr orientiert und misst sich die Realität sogar an ihnen, was eine Art Rückkopplungsschleife erzeugt: Der Glaube, alle AmerikanerInnen besäßen eigene Waffen, bewirkt, dass sich viele AmerikanerInnen eigene Waffen zulegen. Der Glaube, alle AmerikanerInnen könnten sich selbstverständlich kein Leben ohne eigenes Auto vorstellen, bewirkt, dass sich viele AmerikanerInnen kein Leben ohne eigenes Auto vorstellen können. Etc. Auch bewirkt der Glaube, alle AmerikanerInnen seien locker und unternehmungslustig, dass man als AusländerIn in Amerika überall diese Lockerheit und Unternehmungslust beobachtet, und der Glaube, alle AmerikanerInnen seien sportbegeistert, bewirkt, dass man die Sportbegeisterten in besonderem Maße wahrnimmt, etc. Jedenfalls – man hätte sich denken können, dass eine Gesellschaft, die mit einer solchen Vehemenz jene vereinfachenden, glorifizierenden Konstrukte wiederkäut, in der Realität eine umso diversere Gesellschaft sein muss, wo der breiten Masse kein einheitlich-einfacher Lebensalltag, geschweige denn Glanz und Gloria beschieden sind, und sicher tat man das auch, doch um in der Englisch-Klausur seine 15 Punkte zu kassieren, leierte man natürlich bloß das Amerikanische Gebet herunter, „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“, und fertig.
Früher also gab es einmal Amerika. Es war gemacht aus Öl und Film, Rock’n Roll und Raumfahrt, Touchdowns, Canyons, Valleys, Airlines und Autos, Tellerwäschern und Millionären, Coke, Doughnuts, Santa Claus, Bankern, Hippies, Kennedys, Backstreet Boys, Gershwin, Army, Navy, FBI, CIA, NY, LA, Rot, Weiß und Blau und unaussprechlich vielen Dingen, die mir augenblicklich vor Augen stehen; auch, und nicht zuletzt, stapelweise Steinbeck-Romane.
Wenn ich nun „Amerika“ denke, bleibt die gesammelte US-Klassik zwar mitgedacht. Nur denke ich heute kaum noch ganzheitlich: „Amerika“. Ich denke viel häufiger „Teile der USA“, „Phasen der USA“, und meine damit ein jeweils spezifisch anmutendes Amerika, das 9/11-Amerika, das Obama-Amerika, das Wirtschaftskrise-Amerika, das Trump-Amerika, das Bibel-Amerika, das Metropol-Amerika, das südliche…
Oder das Literarische-Folklore-Amerika.

Stichwort Bücher: Kennen Sie – entschuldigen Sie diese umständlichen Einschübe immer, aber kennen Sie das, wenn ein Buch Ihnen die Tür öffnet? Oft tun Bücher das ja nicht, so geht’s mir dabei jedenfalls, meist bleibt ein Buch ein nicht begehbarer Raum für mich, ich gucke von draußen zu, was darin passiert, welche Leute, Dinge, Stimmungen in dieser durchsichtigen, aber geschlossenen Kapsel einander umwirbeln, und ich denke mir meinen Teil dabei, so als Beobachterin. Ich trete nicht ein. Mit Malerei verhält es sich ähnlich: Da sind viele Bilder, die ich gerne betrachte, sehr viele, aber nur die wenigsten betrete ich.
Es ist mühsam zu erklären, was genau dieses Betreten meint. Am ehesten lässt es sich vielleicht so schildern: Aus einem Buch oder Bild heraus ruft es nach Ihnen, und Sie gehen dem ohne zu zögern nach, denn es ruft wie etwas Vertrautes, und überall darin empfinden Sie, dass sich Ihre seelischen Verhältnisse glatt einfügen in das, was Sie da betreten haben, Sie können sogar alles anfassen, alles riechen, und Sie staunen nicht einmal darüber, es ist wie selbstverständlich.
Interessant ist, wie vollkommen unabhängig vom jeweiligen Inhalt das geschieht: Ich war nie am Mississippi, erst recht nicht um 1840 herum, das macht gar nichts, Huckleberry Finn war der erste Romanmensch, die mich an der Hand packte und zu sich hin zog, durch eine plötzlich geöffnete Tür ins Andere hinein, ich meine, ich las nicht bloß von seiner Floßfahrt, sondern lag selbst tagelang da, auf dem rauen Holz, schwankend, haltlos, trotzdem selig.
Ich hatte nie solchen Zutritt zum TKKG-Internat, zu Hogwarts und Mittelerde, nicht zum Zauberberg, nicht zum Dublin von Leopold Bloom und Stephen Dedalus, nicht zu Ulrichs und Agathes Wohnung in Kakanien. Aber ich wohnte in Krabats Mühle, auf John Kaltenbrunners Farm, in Rock Oldekops Heimatort; ich saß in Murphys Schaukelstuhl und neben Ernst Schnabel im Flugzeug; Julio Cortázars Rayuela-Paris war mir echter als das echte Paris; nach jedem Betreten von Cormac McCarthys neo-alttestamentlicher Westernwelt war ich halb verdurstet; auch Herta Müllers Häuser, Wohnungen, Arbeitsräume im zutiefst lebensfeindlichen Ceaușescu-Rumänien, wo ich kaum Luft bekam, öffneten mir stets sämtliche Türen, warum auch immer.
Solche Türen bleiben indessen nicht zwingend geöffnet. Es gibt Bücher, die ich, weil ich sie betreten habe, fortan wie Talismane mit mir herumschleppe, auf ewig, die überstehen jeden Umzug, und doch schließt sich mitunter einmal einer ihrer Zugänge. Ehe man sich’s versieht, passt man plötzlich nicht mehr durch. Warum auch immer.

In meiner Schulbibliothek damals stand meterweise John Steinbeck auf Englisch herum, in Klassensatzstärke, was andeutete, dass man im LK wohl nicht um den herumkäme. Ich deckte mich achselzuckend damit ein, Of Mice and Men, East of Eden, Cannery Row, The Grapes of Wrath, Tortilla Flat, verlor allerdings in Rekordzeit den Spaß an der Sache.
Einzig Cannery Row verfing bei mir, dafür umso gründlicher.
Ein Millieu-Roman, angesiedelt irgendwann in den 1920ern, im prekären Hafenviertel von Monterey: Doc, der zupackende, hilfsbereite Schöngeist und ewige Junggeselle, führt ein meeresbiologisches Institut im Ein-Mann-Betrieb und wohnt praktischerweise auch gleich im Labor. Macks Clique von abgerissenen Tagelöhnern plant, als Dank für allerlei Hilfe finanzieller und medizinischer Art, für den ehrbaren Doc eine Überraschungsparty zu schmeißen – was leider bös aus dem Ruder läuft. Ein zweiter Anlauf soll Wiedergutmachung leisten. Die Damen aus Doras Bordell helfen mit; Lee Chongs Lebensmittelladen liefert Deko und Getränke. Alle leben sie als Nachbarn auf der Küstenstraße und gleichen sich in ihrer Armut, Zähigkeit, sozialen Randlage.
Es war natürlich seine Warmherzigkeit, damit hatte Steinbeck mich, und dafür liebe ich ihn noch, all seinen Figuren ließ er sie angedeihen und ich fühlte mich wohlig inbegriffen. Ich wohnte also in Monterey, direkt am Hafen, in der Straße der Ölsardinen (so der deutschsprachige Titel), in diesem vergangenen, nostalgischen Bilderbuch-Amerika, ich wohnte in Docs Haus-und-Labor und jobbte bei Bedarf in einer der vielen Fabriken für Fischkonserven. Es war wundervoll. Kalifornien! Der Pazifik! Dieses lockere, gleichzeitig hartgesottene Leben, ach!
Was ein Kitsch!
Heute komme ich nicht mehr in die Cannery Row hinein. Die Grobheit der Dialoge und der Zustände sorgt zwar dafür, dass der Roman nicht ins Rührselige kippt, aber mit meinem jetzigen Gemüt sehe ich die ganze Ansammlung nostalgischen Plunders, die Romantisierung von Armut, Prostitution, Kleinkriminalität, die Verniedlichung von Suff. Was man Steinbeck gar nicht zum Vorwurf machen kann – er hat’s ehrlich gut gemeint. Außerdem war eine große Portion romantische Menschenfreundlichkeit mit Sicherheit etwas, was die Welt im Veröffentlichungsjahr 1945 dringend brauchen konnte.
Ich miste derzeit wieder einmal Bücher aus, aber von der Cannery Row trennen würde ich mich nie. Latentes Heimweh nach meiner abstrakten WG mit Doc. Und immer noch finde ich darin ja Tröstliches, Schlaues, Hübsches:

Als Doc auf der Universität Chikago [so steht’s in meiner deutschen Ausgabe von 1953] studierte, hatte er eine unglückliche Liebe, war außerdem überarbeitet und begab sich daher mit Stock und Rucksack auf Wanderung, lief endlose Wege durch Kentucky, North Carolina, Georgia bis Florida, traf Farmer, Fischer, Gebirgler und Sumpfbewohner, kurz: Menschen aller Art, und alle fragten ihn, warum er so durch die Gegend renne. Als wahrheitsliebender Jüngling erklärte er, er sei nervös und wolle gern das Land sehen, das Gras, die Bäume und Vögel, den Duft der Erde atmen und sich an der Landschaft ergötzen. Da ärgerten sich alle, weil er die Wahrheit sprach. Die einen schimpften, andere tappten sich mit dem Finger vor die Stirn, wieder andere kniffen ein Auge zu, als durchschauten sie ihn. Er wurde für einen Schwindler gehalten. Besorgt um seine Töchter, Schweine oder Hühner, wies ihm so mancher die Tür und riet ihm, sich nie wieder blicken zu lassen. Darauf gab der junge Doc der Wahrheit den Laufpaß und erzählte jedermann, der es wissen wollte, es handle sich um eine Wette: um hundert Dollar! Das glaubten ihm alle, und er war überall, wohin er noch kam, beliebt. Man lud ihn zum Abendbrot und zum Übernachten ein, setzte ihm morgens ein gutes Frühstück vor, wünschte ihm glückliche Reise und fand, er sei ein Prachtmensch. Noch immer liebte er die Wahrheit, aber sie war, das wußte er jetzt, als Geliebte gefährlich.

Während Steinbecks Ton in Die Straße der Ölsardinen erfolgreich die Waage hält zwischen pastoral und salopp, tönen die Früchte des Zorns vollends biblisch, was mich im ersten Lese-Anlauf, zu Englisch-LK-Zeiten, vollends abgeschreckt hatte. Zuletzt hatte ich den 500-Seiter vor gut drei Jahren in die Hand genommen, in der Erwartung kalten Kaffees, wollte ihn eigentlich nur aussortieren und blieb dann doch dran hängen: Da stand, warum auch immer, die Tür offen.
Oklahoma, 1930er Jahre: Während Farmersfamilien ohnehin nur kümmerlich von ihren Erträgen leben können, verwandelt eine Umweltkrise die Großen Ebenen zur Dust Bowl, Trockenheit und Bodenerosion verursachen vernichtende Staubstürme. Zudem verschärft die Weltwirtschaftskrise die finanzielle Not der Landbevölkerung. Pachtverträge zu erfüllen gestaltet sich für viele unmöglich, es folgt eine Enteignungswelle. Die Existenznot treibt Menschen aus Oklahoma und den angrenzenden Staaten, die der Großen Dürre ausgeliefert sind, in Scharen gen Westen, auf der Suche nach Unterkunft und Arbeit. Unter ihnen die Familie Joad, einfachste Bauern, anständige Leute – dass Sohn Tom gerade im Gefängnis war, ist eher den allgemeinen Umständen geschuldet, sicher nicht seinem Charakter, nein, oder höchstens ein bisschen. Nun, der Familie bleibt nichts als eine Handvoll Habseligkeiten – und (natürlich, der amerikanische Mythos schlechthin) ein Auto. Auf dem Treck, dem Sonnenuntergang entgegen, begleitet Steinbeck sie Woche um Woche, Monat um Monat. Tatsächlich war Steinbeck mit ganz ähnlichen Familien wie den Joads unterwegs auf dem Migrantentreck quer durch die USA, ein guter Teil des Romans hat lupenreinen Reportage-Charakter. Überall schimpft man über die „Okies“, auf offener Straße sind sie ungehemmter Feindlichkeit ausgesetzt, sie beziehen Dresche, sie leiden Hunger, es folgen schlimmere Dresche, schlimmerer Hunger, zunehmende Verzweiflung, Kranke, Tote, leidende Kinder. Als die Joads den Weg in ein Auffanglager finden, wo es Sanitäreinrichtungen und eine Gemeinschaftsküche gibt, schimmert kurzzeitig Hoffnung auf; Tochter Rose, gerade schwanger, bekäme medizinische Unterstützung. Aber auch dort ist kein Bleiben. Ein quälendes Jammertal, wirklich, es verkrampft einem die Seele beim Lesen.
Warum mir das vorher nicht sonderlich zugänglich gewesen war, liegt vielleicht am ehesten darin begründet, dass es hier keine Zentralfigur gibt, die mich Teenagerin hätte Huckepack nehmen können, sondern es ist ein Kollektiv, das da im Mittelpunkt des Erzählens steht: The Grapes of Wrath ist im wahrsten Sinne ein Familienroman. Die Nöte einer Schwangeren, die stumme Angst einer Mutter usw., mit 17 konnte ich mich nicht hineinfinden in dieses Zeug. Heutzutage möchte ich jeden einzelnen Joad umarmen, manchmal auch schütteln, je nachdem – wie das nun eben so ist mit Familienangehörigen.
Noch wichtiger ist die unerschöpfliche Thematik.
Nachdem die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts im Westen die Überwindung jener Zustände versprach, die seine erste Hälfte bestimmt hatten, hätte man sich beinahe einreden können, die Great Depression sei bloß noch eine Schauergeschichte aus der Historie, nichts weiter. Aber spätestens, als im Zuge der Wirtschaftskrise seit 2007 Bilder von amerikanischen Familien durch die Nachrichten kreisten, die ihre Häuser verloren hatten und nun in ihren Autos wohnten, aßen, schliefen, die keine Kranken-versicherung besaßen, von Ort zu Ort tingelten, sich an jeden Strohhalm klammerten, wurde deutlich, wie abrupt Systeme kippen und Notlagen ausbrechen können, auch im Westen.
Diese Bilder hatte ich ständig vor Augen, als ich den Roman dann doch las, und noch wuchtiger schoben sich die Bilder von den Trecks syrischer Familien in den Blick, die ohne Habe, ohne Schutz, ohne Hilfe nach Westen unterwegs waren und sind, immer nach Westen. Die Auffanglager. Der schäbige Umgang mit diesen Menschen.
Als die Jugoslawien-Kriege begannen, war ich klein, aber ich erinnere mich, dass wir auf einen Schlag viele Kinder in unsere Schulklasse bekamen, die „von da“ gekommen waren, in ähnlichen Trecks – wie sind wir damals mit ihnen umgegangen?
Die Joads wollen nach Kalifornien, hoffen, Arbeit in den Obstplantagen zu finden, wo viele der Vertriebenen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften, weil sie eben keine Wahl haben – in Spaniens Obst- und Gemüseindustrie arbeiten heute MigrantInnen, vorwiegend aus Afrika und auf der Suche nach Europa, unter vollkommen unwürdigen Bedingungen.
Sobald sich die „Okies“ organisieren, bessere Arbeits- und Unterkunftsbedingungen erstreiten wollen, kommen die Schlägertrupps, die Polizei, sofort geht es an die Ausrottung „kommunistischer Umtriebe“ – auch dieses Kommunismus-Geraune ist zurückgekehrt, wo unsere bestehenden Systeme doch vermehrt kritisch überdacht, an der Zukunft gemessen, gescholten werden, und Demagogen träumen längst wieder von Hexenjagden auf „die Roten“.
Die nicht vorhandenen Sozialsysteme, die Mechanismen des Wirtschaftssystems werden hier von Steinbeck klar als Ausdruck von Menschenverachtung benannt. Familie Joad schaut zu, wie in den kalifornischen Fruchtplantagen vor der Nase hungerkranker Menschen die Über-Ernte (tadelloses, gesundes Obst) vernichtet wird, um die Obstpreise stabil zu halten – Überproduktion, Verteilungsungerechtigkeit, auch das kennen wir.
Und in Zeiten der Klimakrise versteht man die geschilderten Dust-Bowl-Stürme, die Wüstenbildung infolge von Überbewirtschaftung plötzlich nicht mehr als einen Rückblick auf die primitiven Anfänge der Agrarindustrie, sondern als einen Ausblick auf unsere nahe Agrarzukunft.
Binnen der letzten zwei, drei Jahre jedenfalls hatte ich angesichts unterschiedlichster Nachrichtenlagen kein Buch so häufig im Sinn wie The Grapes of Wrath. Der biblische Ton, die Anklänge an die Große Dürre und den Exodus wirken nun, da die plastikbunten und bewusstlos-spaßigen Loveparade-Jahre lange hinter uns liegen und sich heute vieles um Bewusstwerdung dreht, nicht mehr so sehr aus der Zeit gefallen. Und die zentrale Diskussion von Nächstenliebe als Notwendigkeit des Menschlichen ist neuerlich drängend.
Mal sehen, was dieses Buch im Brexit-Europa, im Biden-Amerika und vielleicht ja einmal im Harris-Amerika so zu sagen haben wird.


>John Steinbeck, Die Straße der Ölsardinen (engl.: Cannery Row)
>John Steinbeck, Früchte des Zorns (engl: The Grapes of Wrath)


>Foto: Grebe

VERGANGENWELT > Should auld acquaintance be forgot?

Dieses Jahr (schon wieder dieser Texteinstieg) ist es 20 Jahre her, dass mein kleiner, provinzgymnasialer Englisch-LK, angeführt von meinem nun seit 19 Jahren pensionierten Tutor, eine Kursfahrt nach London unternahm. Dieses Mal nicht, wie bei Schulausflügen üblich, mit dem Tourbus des örtlichen Musikzugs und unserem Schulhausmeister (im Privatleben Musikzugsmitglied) als Fahrer, sondern mit modernem Reisebus. Mein Tutor hatte uns im selben Hotel eingebucht, wo er zuvor schon jeden anderen Englisch-LK untergebracht hatte, schaffte uns schlafwandlerisch dorthin und absolvierte in den folgenden Tagen, mit derselben Routine, das unveränderte, weil bewährte Programm aller zuvor schon absolvierten Kursfahrten. British Museum, Stadtführung, Hyde Park, Theaterbesuch, dazwischen festgelegte Zeiten für selbst organisierte Gruppenaktivitäten der SchülerInnen (Freizeit).
London gefiel mir wirklich: Liebe auf den ersten Blick. Es war das Licht, es war dieser Himmel. Ich wollte nie wieder weg. Es war die Art, wie die Kassiererinnen einen grüßten – wenn ich ihnen das Kleingeld passend gab, sagten sie „Lovely!“ („Luwwleh!“). Und wie die Leute, die man in der unruhigen Tube versehentlich anrempelte, von sich aus „Pardon me“ sagten, um den ganzen Vorgang völlig gleichgültig zu beenden. Es war der Singsang all dieser Stimmen. Die Geschäftigkeit, die so viel größer als in Hamburg oder Berlin war und mir doch so viel weniger kochend als hierzulande vorkam – nicht freundlicher natürlich, denn Großstadt ist per se nie freundlich, aber nüchterner, gedämpfter, beherrschter. Es waren die Ziegel der Häuser, die rußfarbenen Schattierungen im Gefieder der Tauben, das ölig-ruhige Fließen der Themse. Die bellenden und predigenden Schreihälse der Speaker’s Corner im Hyde Park. Das Miteinander von Schrulligkeit und Strenge, so eine durchaus hanseatische Städte-Eigenart. Es war – und das war schon immer das einzige, also entscheidende Kriterium für mich, um Leute einzuschätzen – dieses spezifische Spektrum von Lachen, was sich hier abzeichnete und von mir für angenehm befunden wurde. Ich beguckte mir London so verknallt, wie zuvor und danach eigentlich keine andere Stadt, höchstens Delft.
Am Abreisetag gab es noch etwas Freizeit; das große Gepäck war schon im Reisebus verstaut, an dem wir uns gegen Nachmittag zum verabredeten Zeitpunkt einfinden sollten. Drei Stunden vor Abfahrt wurde mir in der Tube, aus dem Rucksack heraus, mein Portmonee samt Personalausweis und Führerschein geklaut. Auch mein U-Bahn-Ticket war damit futsch, also musste ich zunächst über die Drehkreuze in der Oxford Circus Station klettern – meine Freundin, die mit mir unterwegs war, musste Schmiere stehen – und mich danach zur nächsten Wache des MPS durchfragen, das war die West End Central Police Station. Dort herrschte Vollbetrieb: Bunte Figuren wurden in verschiedene Räume begleitet, kreischende Damen, deren asiatische Reisegruppe von einem Taschendieb kollektiv beklaut worden war, belagerten die Anmeldung, unzählige Officers in diesen geschniegelten Uniformen bzw. Kostümchen, auf den Köpfen diese schwarzen Caps mit karierter Borte, düsten hin und her. Wir verbrachten ein bisschen Zeit in einem Befragungsraum – hier musste meine Freundin als Zeugin für meine Identität herhalten -, während ein ausgesucht höflicher, freundlicher, gut gelaunter Officer Formulare mit mir durchging und herumtelefonierte, um Ausweisersatzpapiere für mich fertigzustellen. Er bemühte sich, meinen Mädchennamen auszusprechen, entschuldigte sich, als es ihm auch im dritten Anlauf nicht recht gelang, mich korrekt und verständlich (mit diesem Zungenbrecher) anzureden, es sei ihm peinlich, nun: ob ich es ihm verzeihe, wenn er die Anrede auf Miss verkürze? Er erklärte mir dann, falls ich unerwartet, aber immerhin möglicherweise länger bleiben müsse, bekäme ich miesen Kaffee, aber gute Kekse und die schönste Arrestzelle Londons. Ich antwortete, mir gefiele die Vorstellung in London zu bleiben durchaus, und ich bedankte mich für seine Bemühungen. Der Officer rückte seine Brille zurecht, faltete seine Hände überm Gemütlichkeitsbäuchlein, sagte: selbstverständlich, und: sehr freundlich, Miss. Abschließend bekam ich einen förmlichen Schrieb mit vielen hübschen Stempeln. „If you get through with this, you owe me a drink. Eh, just kiddin‘! BTP [British Transport Police] guys will prefer to let you pass through, otherwise they’d have to look after you. Well, it’s been a pleasure to help you, Miss.“ Mein schöner Schrieb blieb aber unbegutachtet, bei unserer Abreise machte sich niemand am Fährterminal die Mühe einer Kontrolle.
Ich räume zur Zeit viel auf, und ich höre dabei viel Radio. Briten, Brexit, Barnier – irgendwann wird’s nach langen Jahren auch einmal wieder Radioprogramm ohne diesen Dreiklang geben. Seltsam, nicht? Beim Aufräumen also und unter leichtem Brexit-Weh ist mir dieses Papier wieder in die Finger gekommen. Mit meinem Mädchennamen drauf, du liebe Zeit, wie seltsam das heute zu lesen ist. Und mit Kursfahrt-Erinnerungen dran. Da war so ein Freizeit-Tag gewesen, an dem meine Freundin und ich mit der Tube einfach mal Richtungen abklapperten – mal hier aussteigen, mal da, verschiedene Stadtteile in den Zentral- und Randlagen erschnüffeln, stichprobenartig natürlich, viel zu groß diese Stadt, natürlich. Wunderbar. So viel Glanz und Schrott, so viele Menschen, so viel Ruhe und Krach, Rost, Farbe, Nippes, Kunst, Gerüche, Essen, Dreck, Enge, Futurismus, Nostalgie, Menschen, Industrie, Verkehr, Menschen, Technik, Edelholz, Backstein, Beton, Menschen, Filigranes, Grobes, Menschen, Bilderbuch-Kolorit, Spielfilm-Chic, Postkarten-Prunk, Menschen, ach! In meinem Kopf sieht London unverändert so aus, ist es noch immer dieses London, Oktober 2000, nichts zu machen. Ich war nur einmal dort. Heute ist dieses London in einigen Teilen verschwunden, im Gesamtbild verändert, denn 20 Jahre Immobilienboom, Stilwandel, Branchenumbrüche usw. gehen an keiner Stadt der Welt vorbei, ohne sie umzupflügen. Damals hätte ich mehr fotografieren müssen, es ist wirklich schade drum, und ich hätte ja wirklich mehr fotografieren wollen, nur, wissen Sie, leider war mein Farbfilm alle. There, there.


>Fotos: Grebe, 2000

VERGANGENWELT > Reisen, gestern und vorgestern

Dieses Jahr (und wenn Beiträge hiermit beginnen, folgt zunächst einmal Ermüdendes, Sie kennen das, ich auch, es tut mir leid) wurde in der weitgefächerten Berichterstattung über allerlei Pandemie-Begleiterscheinungen eine Personengruppe freilich nicht übergangen: mitteleuropäische Menschen, die unter Reise-Entzug litten. Keine Billigflieger und All-Inclusive-Angebote mehr, keine Übersee- und Städte-Trips, kein – na, usw.
Wie vielstimmig man insbesondere zur Sommerzeit über gestrichene Reisen jammerte, war für mich nur einer von vielen Augenöffnern, die mir 2020 beschert hat. Welche Vehemenz, mitunter auch Arroganz da den Ton bestimmte – man konnte glatt glauben, ein Leben ohne ein bis drei Urlaubsreisen pro Jahr sei kein menschenwürdiges.
Ich wäre zuvor nicht darauf gekommen, in welchem Ausmaß es offenbar ganz normal ist, regelmäßige Urlaubsflüge, Hotelaufenthalte, Wellness- oder Shopping-Wochenenden, Erlebnisreisen, na, usw., zu unternehmen; d.h. ich wäre zuvor nicht darauf gekommen, wie primitiv mein eigenes Urlaubsverhalten wohl zu nennen ist. Wenn man in Jahren, wo es zeitlich und finanziell mal möglich ist, die Familie für ein paar schöne Tage ins Mittelgebirge oder an die Nordsee karrt, z.B. um sich von einer OP zu erholen – auf welcher Stufe steht so etwas eigentlich in der Hierarchie unser aller Urlaube?

Was heutzutage so alles Urlaub ist, war bis ins vergangene Jahrhundert hinein freilich undenkbar. Es gab die Sommerfrische der Adligen. Kuraufenthalte. Die charakterförderliche Grand Tour für junge Herren von Welt. Die gutbürgerliche Bildungsreise. Massentourismus war kein Begriff; was ehedem Massen von Menschen dazu brachte, die weite Welt zu sehen, waren eher der Beruf oder die Not: kaufmännische Unternehmungen, Seefahrt, Wanderarbeit, Heer, Marine, Auswanderung.
Die Demokratisierung des Erholungs- oder Erlebnis-Urlaubs ist ja gar nicht so alt – und doch lässt sich bereits sagen, dass dieses Modell nicht eben in Würde altert: Auf die mitunter überdüngten Blüten, die unser Urlaub-für-alle getrieben hat, schaut man zunehmend kritisch. Nicht nur, dass der Ausstoß unserer Reise-Vehikel die Erderwärmung kräftig mitbefeuert. Es ist auch nicht falsch, sich angesichts offenbarer Übersättigungseffekte so einige Gedanken zu machen: Haben viele Gastgeber-Orte, obgleich sie davon leben, die Touristenschwemme samt deren lokalen Nebenwirkungen auf Natur, Immobilienmarkt etc. inzwischen nicht satt? Und gewinnt man nicht auch häufig den Eindruck, die Urlaubsgäste selbst hätten ihre überlaufenen Ferienorte bzw. den Wettbewerb ums avantgardistischste Urlaubsziel abseits uncool-überlaufener Ferienorte inzwischen ebenso satt?

Aus lauter Herbst-und-Wintermüdigkeit habe ich mich zwischendurch auf einen Reisebericht gestürzt, der nach Nordafrika führt. Lesend reisen, das funktioniert ja nach wie vor. Auf dem Papier stehen einem die unzugänglichsten oder unerschwinglichsten Reiseziele offen, noch dazu vermag man sich nicht bloß räumlich, sondern auch zeitlich in beliebige Richtungen zu bewegen.
Ich, Buchtouristin, wollte Ferne – im Sinne von Süden, und im Sinne von Abstand. Mal an was anderes denken. „Der Charme von Marokko“ lautet der ortsverliebte Titel der Reise-Eindrücke (der Verlag Kupido wählte hierfür den etwas deutlicher literarisch angehauchten Ausdruck „Travelogue“) der 22jährigen Sofia Yablonska: Die alleinreisende Ukrainerin zog es 1929 ins französische Protektorat Marokko, um dort für längere Zeit zu bleiben, ausgerüstet mit eigener Kamera, Schreibzeug und haufenweise Lebenslust. Nachdem sie im Paris der 20er eine Weile lang als Model selbst vor Kameras gestanden hatte, startete sie von Marseille aus ihre Überfahrt nach Nordafrika und erreichte schließlich Marrakesch, wo sie besondere Erlebnisse in episodischen Schilderungen niederschrieb und Menschen und Alltagsszenen fotografierte.
Diesen Fotografien gönnt der Verlag viel Platz, und sie schmücken das Buch ungemein, während die Textblöcke mit ihren dezent verzierten Kapitelüberschriften und ornamental gemusterte Trennblätter das ihrige zur hübschen Gesamtgestaltung beitragen. Dabei erscheint mir die elegante Optik fast zu gezügelt, denn inhaltlich und sprachlich sucht Yablonska stets das Euphorische, Überbordende, Romantische. Nein, um Sachlichkeit geht’s hier wenig. Das macht gleichermaßen den Reiz wie den Mangel dieser Texte aus. Einerseits sprüht aus ihnen die ansteckende Lebendigkeit ihrer Verfasserin, andererseits gerät der Schauplatz, dieses vergangene Marokko, das mir durch manche der Fotos näher kommt, insgesamt zu einer eher ins Märchenhafte entrückten Kulisse, deren historische Verlässlichkeit auf mich unklar wirkt. Zum Reise-Auftakt, in Marseille, beschreibt Yablonska bettelnde Kinder, nörgelnde Touristen und das eigene Reisefieber. Mit der Überfahrt kommt noch größerer Überschwang. Streunergänge durch die Altstadt, Marktszenen, Feuerschlucker, Schlangenfresser. Ein Kaid (ein maghrebinischer Würdenträger) lädt Yablonska zu Gesprächen in sein Haus ein, wodurch sie Einblicke ins privatere lokale Alltagsleben gewinnt. Anders als ihre männlichen Zeitgenossen darf sie sogar einen Harem betreten, der abgeschotteten Gruppe von Ehefrauen einen Besuch abstatten, um ein wenig zu plaudern. Mit Auto und Fahrer unternimmt sie eine Spritztour über die Protektoraktsgrenzen hinaus, wo die Araber und Berber ihre Gebiete verteidigen und das Auto schon bald durch einen Kugelhagel rast.
Menschen, Tiere, Sensationen. Nun mag sachliche Reportage das erklärte Nicht-Ziel Yablonskas gewesen sein und Abenteuerlichkeit eben der Kern ihrer 22jährigen Sehnsucht, warum auch nicht?
Und sonst so? Yablonska kritisiert offen die Arroganz ihrer französischen Kontakte gegenüber den Einheimischen, und sie lästert ausgiebig über die Herden von westlichen Bildungstouristen – sich selbst erhebt sie allzu großzügig über dieses Niveau und erliegt unterdessen einer Versuchung, wie es seither unter Generationen von Individualreisenden nach ihr vorgekommen ist: Aus lauter Liebe verklärt sie, die Auswärtige, ihren Reise-Ort, stellt das Erleben übers Hinterfragen, schmiegt sich unkritisch ans Fremdland an und tanzt ihm dabei doch manchmal mit ihren westlichen Marotten auf der Nase herum, sodass sie, unbedacht, ungewollt, die eine oder andere Unruhe stiftet.
Gemessen an den Maßstäben ihrer Zeit ist Yablonskas Reise natürlich etwas besonderes und mithin als geschichtlicher Splitter interessant. Eine junge Frau, deren Aktivitäten meinen sämtlichen Urgroßmüttern unfassbar fremdartig erschienen wären: Sie schaut, fotografiert, genießt, staunt, sie lebt und schreibt in den Tag hinein – ein sehr freies Dasein.

Der Maghreb liegt für niemanden mehr in einer verzaubert-fremden Welt. Er liegt vor unserer Haustür.
Was ist heute noch fern und unbekannt?
Wussten Sie, dass es auf Antarktika ca. 160 touristische Anlegeplätze gibt, wo jährlich mehrere 10.000 BesucherInnen an Land gehen, um diese, nun ja, diese unberührte Eiswelt zu bestaunen?

In der ARD-Mediathek bin ich letztens über eine Doku über Astronauten gestolpert, die an den Apollo-Missionen beteiligt gewesen sind. Zwölf Amerikaner haben im Rahmen dieser Missionen den Mond betreten. Den Mond. Wie war das dort, am fernsten Ort? Jenseits der Welt? Wie könnte das je einer beschreiben, und wie könnte das je einer verstehen?
Auf die eine oder andere Art hat sich jeder der Mondreisenden einen Bruch an dieser Erfahrung gehoben. An der Wucht ihrer Intensität. An dem Kraftaufwand, eine solche Grenzerfahrung verarbeiten und danach bitteschön in ein recht gewöhnliches Privatleben zurückfinden zu müssen. In den Folgejahren bekam der eine seinen Alkoholismus nicht in den Griff, der andere klammerte sich an die Bibel, dieser wurde zum Aliengläubigen, und jener malte mit manischer Energie nur noch Mondbilder, unzählige Mondbilder.

Ferne war immer ein dehnbarer Begriff – in der Moderne ist er ein schrumpfbarer geworden. In der Nach-Moderne gibt es bereits Weltraum-Touristen, irgendwann wird es touristische Anlegeplätze für Mondreisen geben, klar, aber könnten das je solche Mondreisen sein, wie Apollo-11 sie erlebte?


>Sofia Yablonska, Der Charme von Marokko (Kupido)
Mit herzlichem Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

WILDHEIT > Jana Volkmann, Auwald

Routine lauert im Leben überall: eingespielter Arbeitsalltag, etablierte Beziehung, feste Einkaufsadressen und Spazierwege. Auch in Judiths Leben haben sich allmählich die Strukturen verfestigt: Die Möbeltischlerin lebt mit Freundin Lin in angenehmer Lage in Wien, sie fühlt sich wohl mit ihrem Handwerk, ihrem Chef, ihrer Werkstatt, und sie bewegt sich auf gewohnten Wegen durch die Stadt. Das klingt, wenn Sie mich fragen, alles ganz gesund.
Und wenn Sie Judith fragen?
Die Antwort ist tänzelnd. Hier und da drücken sich Zufriedenheit, Gelassenheit aus. Im Hintergrund aber wispert die Leere. Judith ist eine, die sich damit arrangiert hat, sich immer ein bisschen fehl am Platz zu fühlen, eine, die immer eher passiv durchs Leben schlurft. Keine Leidensfigur, da ist nicht genügend negative Energie. Aber auch nicht genügend positive, dass Judith mal als mutige Umgestalterin aktiv würde – kleinkrämerische Ausgestalterin, das ist eher ihre Kragenweite. Bei der Arbeit ist sie die Fachfrau für filigrane Detailarbeiten. Akribie ist ihr Lieblingswort.
Dementsprechend wird ihr vom Chef ein eher spezieller Kundenauftrag zugewiesen, eine Frickelarbeit: die Restaurierung eines Puppenhauses.

An einem gewöhnlichen Puppenhaus hätte Judith nie Gefallen gefunden, dieses hier zog sie dagegen sofort in seinen Bann. Ein kleines, leeres Universum, in dem sie sich zuhause fühlte, ohne Teil von ihm zu sein.

Es handelt sich dabei um das Modell eines Hauses, worin die Arbeitszimmer berühmter SchriftstellerInnen untergebracht sind. Judiths Aufgabe lautet, sowohl den Kasten im Ganzen als auch das kleinteilige Inventar, die Schreibtische, Telefontischchen, Sessel, Stühle, Regale von Susan Sontag, Adolfo Bioy Casares, Ingeborg Bachmann und vielen anderen, wieder in Schuss zu bringen. Macht sie auch, penibel, mit Herzblut. Wie besessen.

 […] sie blieb noch länger als sonst in der Werkstatt, sparte sich die Mittagspause und hing daheim ihren Gedanken an die kleinen Möbelstücke nach. […]  Jeden Winkel des Hauses nahm sie unter die Lupe, ölte, schliff und leimte, schnitzte und sägte und fluchte und freute sich. Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen, immer fielen ihr neue Details auf, derer sie sich annehmen konnte. Dass die Wählscheibentelefone keine Kabel hatten, konnte sie nicht auf sich beruhen lassen. Und wo ein Kabel war, musste auch eine Steckdose sein.

Selig verschwindet Judith im Mini-Kosmos – bis ihr Chef sie abrupt an den Ohren herauszerrt: Nein, Nacht- und Wochenendarbeit dulde er nicht, und ihre Überstunden müsse sie gefälligst abbummeln, ab sofort.
Konfrontiert mit drohender mehrtägiger Langeweile, entscheidet Judith, einem Zufall folgend, mal einen Ausflug nach Bratislava zu unternehmen. Warum auch nicht? Sie kauft eine Fahrkahrte für ein Donauschiff und vertraut sich dem Fluss (des Lebens, versteht sich) an. Ihr puppenhaushaft starres Leben mit Lin, ihr puppenhaushaft ausstaffiertes Wien, ihr Puppenhaus in der Werkstatt lässt sie hinter sich – für die Dauer eines Kurztrips, glaubt sie.
Doch Judith hat dem Zufall die Tür geöffnet. Und nun macht er sich breit, erweist sich als ziemlich herrisch und wirft am Ende glatt seine Gastgeberin aus ihrem so akribisch durchstrukturierten Häuschen. Es geht was schief in Bratislava. Und es passiert etwas Unerklärliches mit dem Donauschiff, das Judith nach Wien hätte zurückbringen sollen. Und überhaupt ist nach nur einem, eigentlich gewöhnlichen Vormittag plötzlich nichts mehr wie zuvor.
Judith findet sich im Auwald wieder, im wilden, naturbelassenen Grün entlang der Donau, inmitten von Gesträuch, auf sumpfigem, halbfestem Boden. Die Ordnung der Dinge setzt aus.
Sogar der Roman bricht an dieser Stelle entzwei: Volkmann, die in der ersten Hälfte in der Vergangenheitsform über sie, Judith, schreibt, lässt diese in der zweiten Hälfte aus der Ich-Perspektive weitererzählen, im Präsens. Da hat eine Figur ihr Puppenhaus verlassen, will nicht mehr Objekt sein, beginnt eigenständig zu existieren, indem sie aus ihrem geordneten Mief heraustritt, sich den frischen und furchtbaren Wind der Katastrophe um die Ohren wehen lässt.
Sinnbild dieser Metamorphose ist eine Art Tunnel im Donau-Ufer, vielleicht ein trockengefallener Düker oder eine Hochwasserdrainage, was auch immer; hier erlangt dieses Tunnelrohr jedenfalls die Funktion eines, sozusagen, Wiedergeburtskanals.

Sie hörte es tropfen und trappeln, als wäre der Tunnel selbst zum Leben erwacht. Die eine Hand tastete sich am moosigen Boden entlang, die andere streckte Judith in mutiger Zuversicht immer wieder voraus und unterdrückte den Impuls, etwas in die Leere zu rufen, ihren Namen oder einfach irgendetwas, um ihr Echo zu hören oder ein paar Tiere aufzuschrecken, die hier unten schon auf sie warteten.  […]  Sie kroch und kroch. 

Bis zu einem Sperrgitter:

„Erle, Eibe, Douglastanne“, beschwor sie das Gitter. Das Echo ihrer Stimme trollte sich in die Höhle zurück. Mit einem fügsamen Knirschen ließ das Gitter sich öffnen und gewährte ihr den Weg nach draußen. Erstaunlich, wie schnell manche Gefängnisse einen gehen lassen. Sie kroch noch ein paar Meter, ehe ihr einfiel, dass sie sich jetzt wieder in die Länge strecken konnte. Sie lief in die offene Wiese hinein, dann ließ sie sich sinken, wärmte sich den Rücken am Boden und das Gesicht in der Sonne.

Wozu dieses Simsala-Baum, diese Zauberformel? Sind wir im Märchen gelandet? Oder ist es womöglich ganz normal, dass einem ein bisschen schamanisch zu Mute wird, sobald man der Zivilisation gründlich den Rücken gekehrt hat, so wie Judith?

Ich habe meinen Namen in eine feuchte Ritze geschoben, im Vorübergehen, und dort bleibt er nun. Ich würde ihn nicht einmal wiederfinden, wenn ich ihn suchen würde.

Die Möbeltischlerin, die abgelagertes Holz in allen Varianten bearbeitet, bekommt es jetzt mit Holz in wachsender, blühender, gedeihender Form zu tun. Dieses Holz gehorcht ihr nicht. Während sie sich durchs wilde Dickicht bis nach Hause, nach Wien durchschlagen will, erweist sich die Natur nicht als ihre Verbündete. Sie ist unbequem, die Natur.

Das Gras streift mir um die Knöchel. Ich gehe auf Samt.  […]  So lebt es sich halbwegs angenehm, denke ich noch, als ich auf einen dornigen Ast trete, der mir ein Loch in die weiche Haut zwischen dem kleinsten und dem zweitkleinsten Zeh reißt. Danke, Wald, danke, Natur. Ich ziehe meine Schuhe an und blute ein wenig auf die Innensohle.

Aus einem magischen Eingehen in die Wildnis, einer Abkehr vom Menschlichen wird für die Abenteurerin-aus-Zufall also eher nichts. Auch nach Tagen nicht. Oder sind es Wochen? Hunger und Durst machen Judith ständig zu schaffen; genauso das Gefühl, in diesem Umfeld eben doch ein Fremdkörper zu bleiben.
Und ich, die ich mitlese, fühle mich ebenso fremd in dieser Geschichte. Ich stolpere so durchs Erzählte, stupse den einen oder anderen Gedanken an wie einen Pilz, unsicher, ob der nun genießbar ist oder nicht, vertraue dem unterspülten Boden nicht so recht, frage mich, wo’s lang geht.
Am Ende bin ich unentschlossen, ob die Rätselhaftigkeit der weiteren Geschehnisse Programm ist und ich darin den Wegfall von Arbeit und Struktur, den Rückfall in sperrige Wildheit gespiegelt sehen möchte – oder ob diese Rätselhaftigkeit eher dem Umstand geschuldet ist, dass hier wieder einmal eine Idee, die prima Substanz für eine mittellange Erzählung hergegeben hätte, mit Ach und Krach auf rund 180 Seiten ausgedehnt wurde, um Roman draufschreiben zu können. Geschmackssache, vielleicht.


>Jana Volkmann, Auwald (Verbrecher Verlag)


Foto: Grebe, 2020

WILDHEIT > In den Nischen, zwischen den Fugen, im Andersort

Draußen reihen sich geordnete Vorgärten aneinander. Mehr oder minder sorglose Leute führen ihre Hunde Gassi. Der Supermarkt ums Eck ist voll. Niemand da, um mich in ein Geheimgefängnis zu verschleppen, in so ein Kellergewölbe, worin knöchelhoch Blut und Exkremente stehen; auch keine Raubtiere, die Appetit auf mich hätten. Geräuschlose Ruhe. Drinnen fließend Strom, Wasser, Wärme und W-Lan; kein Ungeziefer, keine Schläger, keine Sterbenden. Meine Instinkte dürfen faulenzen, ich brauche nicht zu kämpfen und zu jagen, um zu überleben.

Gebäude, Verkehrsmittel, Bekleidung, Kosmetik: so viel Verpackungsmaterial, damit das Wilde da draußen nicht zu uns hineindrängt, und das Wilde da drinnen nicht aus uns heraus.

Wenn ich in Wald oder Feldmark unterwegs bin, höre ich es manchmal schnaufen, grunzen, quieken. Trotzdem kann ich die Schweine nicht sehen, weiß nicht, wo genau die Rotte gerade steckt, geschweige denn, wie viele Tiere es wohl sind. Ich mache unauffällig, dass ich wegkomme.
Wie oft ich zu nah an Wildschweinen dran war, kann ich nicht abschätzen, sie verraten sich nicht immer, aber ihre Wühlspuren um alte Baumstümpfe herum, ihre Trittsiegel, ihre Fraßspuren am Rübenacker oder Maisfeld markieren doch deutlich, in wessen Reich ich mich da herumtreibe.
Selten kann ich mal einen Fuchs am Knick entlangschnüren sehen. Rehe stelzen durchs Unterholz oder auf freiem Feld herum. Hin und wieder stoße ich auf die rundlichen Fußstapfen der Dachse.
Wenn mir mal jemand begegnet, dann die mehr oder minder sorglosen paar Leute, die ihre Hunde etwas weiter draußen Gassi führen. Tierärztlich gepflegte, täglich vollwertig gefütterte Hunde, die weder durch Jagd, Nachtkälte oder Revierkämpfe, noch durch Arbeit in der Tierhege Energie verbrauchen würden. Hier macht man sie dann von der Leine los, schickt sie ihre übervollen Batterien entladen, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Heute früh habe ich eine Doku über Gurus und Eso-Trends geschaut; neueste Wundermedizin, außerirdisches Heilwissen, spirituelle Reinigung usw. Neben hundert Methoden, seinen Körper zu vergiften und zugleich sein letztes Geld an irgendwelche schlauen Scharlatane zu verlieren, ging es da auch um ein bombastisches New-Age-Festival in Kalifornien, wo abertausende Menschen hinpilgern, um Liebe und Erleuchtung zu erleben. An jeder Ecke vermitteln Workshops den Zugang zum sakralen Inneren/ extraterrestrischen Wissen/ Jenseits/ Inneren Kind/ Heiligen Bimbam, es wird getanzt, getrancet, gesungen und sich nackig gemacht, bunte Lichter und Duftrauch hängen in der Luft.
Ich bin kein Mensch für so was. Massenveranstaltungen kann ich nicht leiden, Rauschhaftigkeit und betonte Blumigkeit sind mir suspekt. Überraschend kommt mir dennoch der Gedanke, ich müsse so was mal mitmachen, wirklich nur ein Mal – nicht aus Überzeugung oder Interesse, sondern aus Jux natürlich. Um des heillosen Spektakels willen. Um sich mal richtig auszutoben beim freien Anti-Selbstkontrolle-Tanz, um mitzumachen beim Urschrei-Orchester, um ungewaschen, ohne Schlaf, ohne Zeitplan von Feuer zu Feuer zu tingeln und mal hier, mal dort bei haarsträubenden Aktionen mitzumachen. Ich, Undercover-Nichtesoterikerin, könnte mich da reinschleichen und zwei, drei Tage lang mithüpfen, mittanzen, mitschreien, die Farben und das Feuer einfach schön finden, den ganzen spiritistischen Blödsinn einfach nicht ernst nehmen, vielleicht selber das Alien, die Hexe oder die Erleuchtete spielen, so wie man als Kind Meerjungfrau oder Polarforscherin spielte (wann hat man bloß dieses Spielen verlernt?), kurz: einfach einen Heidenspaß haben.
Erwachsene, in der Zivilisation lebende Menschen – junge und ältere, gesunde, gebildete, etablierte, durchaus wohlhabende – kommen dort in bunten Schwärmen zusammen. Sie machen sich von der Leine los, lassen ihren Energien freien Lauf, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Zum Glück sind wir in Wirklichkeit ja keine wilden Geschöpfe mehr. Zum Glück besitzen wir diese wertige Zusatzausstattung: Sprache, Ich-Bewusstsein, abstraktes Denken, Feuer machen, Werkzeug, Kunst, Technik, Religion, Wirtschaft, Hygiene, Wissenschaft, Katzenvideos. Sie wissen schon: Kultur.

Ein Turmfalke hat sich damals mal in den Wintergarten meines Elternhauses verflogen, ein großes Weibchen, es trudelte gegen die Scheiben und Deckenplatten, ließ Federn, hechelte panisch. Mein Bruder und ich – Kinder – standen großäugig davor und wussten nicht weiter. Der Vogel wurde immer wilder, immer kopfloser. Als mein Opa mitbekam, welches Spektakel wir da beobachteten, ging er ohne Zaudern in den Wintergarten, nahm sich die Mütze vom Kopf und warf sie dem Falken über. Opa war auf dem Land aufgewachsen, Kleinbauern, neun Geschwister, gespielt wurde draußen, geschlachtet zu Hause – es gab praktisch nichts Organisches, demgegenüber mein Opa je Berührungsängste gehabt hätte. In einer flüssigen Bewegung fasste er das überrumpelte Tier an den Beinen oberhalb der Krallen und warf es, noch ehe es mit dem Schabel nach ihm hacken konnte, direkt in die Luft. Die Flügel griffen in die Luft hinein, fanden Halt in der Luft, weg war der Falke; die Mütze landete nicht weit entfernt im Garten. Ich träumte tagelang von diesem wilden Fächer, diesem wilden Wind.

Das Wilde ist etwas, das uns Angst macht und doch Kräfte verleiht, etwas von ziemlicher Ambiguität. Die Natur um uns, das Rohe in uns sind fürchterlich, aber doch so anders energiereich, mächtig, und wer weiß, vielleicht hat in unserem Reptilienhirn über die Jahrtausende ein Anti-Prometheus überdauert, einer, der auf Abruf bereit ist, das menschliche Feuer wieder auszupusten, sobald ein archaischer Trigger ihn weckt?

Ist das reiner Blödsinn und die Wildheit etwas, was wir der Welt und uns selbst längst gründlich ausgetrieben haben? Etwas, das es auf der Erde nirgends mehr in purer Form gibt, sodass wir schlechterdings auf den Mars fliegen müssen, um uns davon noch einmalig überwältigen lassen zu können?
Oder ist Wildheit doch etwas, das immer war, immer sein wird, um uns und in uns, und das nur halbherzig in die Dunkelkammern verbannt worden ist, wo wir Kulturwesen es ab und an ein bisschen füttern und begaffen?
Ich meine: Machen Sie das Internet weit auf und Sie finden, schon ganz niederschwellig, das wildeste, viehischte, bestialischste Zeug, Menschenfresserei, Sadismus, Missbrauch, Folter usw., Blut, Blut, Blut und Geschrei. Viel Gespieltes, Fantasiertes – und viel Echtes. Das Internet ist einfach nichts für schwache Seelen; vom Darknet, wo ich bitte niemals landen will, rede ich da noch nicht einmal.
Ist Wildheit nicht auch etwas, was wir Kulturwesen generieren, in unseren Anderswelten, Träumen, verbotenen Zimmern? Und was dort lebt – wieviel davon lebt auch auf der anderen Seite, auf dieser Seite, schon seit Langem, oder seit gestern, oder bald, vielleicht ab morgen?

Draußen hat’s ein Igelchen erwischt, platt ziehen sich Stachelpelz und Gliedmaßen und Innereien lang hin auf dem Asphalt. Sofort kommen die Verwerter aus ihren abseitigen Nischen hervor, die Krähen, Elstern, Eichelhäher, nachts dann sicher die Marder, unsichtbar die Kleinstlebewesen. Ein Kind kommt vorbei und bleibt stehen, erschrocken-angeekelt-interessiert.


Foto: Grebe 2020

WILDHEIT > „Pisse und Verderbnis!“

Die Unschuldigen von Michael Crummey ist nicht unbedingt was für Leute, denen Schilderungen von allerlei Körperlichkeiten und allerlei Tiertod auf den Magen schlagen. Eher ein Roman für Leute, die Trost in der Schroffheit finden können.
Neufundlands Küste vor rund 200 Jahren, eine abgelegene Bucht, ein Fischer, seine Frau, die Kinder – daraus hätte man einen hübsch-naturkitschigen Roman machen können, aber der Autor hatte andere Pläne. Es ist kein Spoiler, wenn ich vorwegnehme, dass Vater, Mutter und das jüngste Schwesterchen kläglich sterben, denn das tun sie direkt auf der ersten und zweiten Seite; von hier an bestreiten der elfjährige Evered und seine jüngere Schwester Ada dieses Leben, diesen Roman im Alleingang. Schon den Eltern fiel es schwer, die Familie durchzubringen, und umso unmöglicher erscheint es da, dass die Waisenkinder, einsam wie Adam und Eva, sich gegen Hunger, Kälte, Krankheiten behaupten könnten. Die beiden wissen nichts von irgendwelchen Anverwandten oder Paten, sie lebten mit den Eltern stets auf isoliertem Posten, die nächste Küstenstadt liegt eine Tagesreise entfernt und ist ihnen nur vom Hörensagen bekannt. Sie wissen nicht, was Lesen ist; sie mutmaßen, es sei etwas, womit manche Menschen geboren werden und manche nicht. Das ideelle Erbe der Eltern beläuft sich auf einen bezeichnenden Ausruf der Mutter, den Ada für sich übernimmt: „Pisse und Verderbnis!“ Das übrige Erbe besteht aus der Fischerhütte, dem Hausacker, Vaters Fischerboot und einem Stück vom Meer. Indem die Familie verschwindet, verkleinert sich Adas und Evereds Welt zunächst drastisch, wird in der Folge jedoch größer, mit jedem Schritt, den die Geschwister aus Hunger oder Neugier ins bislang Unbekannte hinausgehen. Sie begegnen der Besatzung eines Handelsschiffs, einem Schreiber und Priester, toten Ureinwohnern, Tieren, sonderbaren Phänomenen, einem Lebemann und Abenteurer, einer gutherzigen Frau, einem kaputten Schiff und seiner wilden Mannschaft, einem toten Schiff.
Die Natur ist dabei ein humorloser Gastgeber. Und Ada und Evered sind keine idealisierten Naturkinder. Die zähen Survivalkids mögen Robben, weil man sie essen kann, interessieren sich für Pflanzen, wenn man sie essen kann, und sie schauen bloß aufs Meer hinaus, um abzuschätzen, wann endlich der Fisch kommt, den es zu fangen gilt – oder das Schiff mit dem bezeichnenden Namen Hope, denn es bringt Vorräte. Der Glanz des Wintereises schmerzt in den Augen, Stürme und Kälte sind lebensgefährlich. Das Jagen ist eine manchmal grausame Sache. Die Schönheit der Wildnis spendet an keiner Stelle Kraft oder innere Ruhe, das ist eher die Aufgabe von Alkohol. Jedenfalls: Jeder lauernden Verklärung des rustikalen, eremitischen Lebens inmitten unberührter Natur geht der Autor entschieden aus dem Wege. Crummey, selbst Neufundländer, romantisiert hier gar nichts, nicht die malerische Küstenlandschaft, nicht die majestätischen Wälder, er liefert keine schwärmerischen Naturschilderungen, würdigt die Natur keines Detailblicks und zeichnet nirgends Bilder eines innigen Einklangs zwischen Mensch und Natur.
Genauso wie der umliegenden Natur stehen die heranwachsenden Kinder auch ihrer inneren Natur, ihren Stimmungen, Gefühlen, Trieben, gegenüber: autodidaktisch und allzu oft am Rande der Überforderung. Den Roman-Titel (im englischsprachigen Original The Innocents) hat Crummey in vorauseilender Verteidigung seiner Hauptfiguren schlau gewählt, auf dass Sie, werte Leserschaft, diese Kinder (bzw. den Autor höchstselbst) bitte nicht vorschnell in die Hölle wünschen mögen. Bedenken Sie: Was darf ein Mensch, wenn da kein anderer Mensch ist, der ihm erklärt, was man nicht darf? Crummey macht kein voyeuristisches Spektakel daraus, wenn die Waisenkinder, bald im Teenageralter, bald als junge Erwachsene, sich körperlich ausagieren. Eine nüchterne, aber keinesfalls grobe Sachlichkeit bestimmt durchgehend den Erzählton und nivelliert alle Geschehnisse. Urteile werden nicht gefällt – die Moral wird, tja, ganz Ihnen überlassen, liebe Lesende.
Und es gibt so einige Moralfragen, die sich stellen. Das Verhältnis zwischen den Geschwistern – kippt das in den Missbrauch? Oder nicht? Die Hope macht jeden Herbst an der Waisenbucht Halt, weil der Vater alljährlich seinen getrockneten Fisch an Bord brachte, als Bezahlung für Vorräte und notwendige Gerätschaften; der Bordschreiber erklärt das dem frisch verwaisten Evered bei seinem ersten Besuch auf dem Schiff, er erklärt ihm auch, dass die Schulden seines Vaters für größere Vorräte auf ihn und Ada übergegangen seien, und er lässt sich von Evered überzeugen, dass die Kinder von jetzt an, wie zuvor die Eltern, das Vertragsverhältnis weiterführen und alljährlich ihren Trockenfisch abliefern wollen. Darf der Beamte das – die Kinder einfach sich selbst überlassen, nach dem Verlust ihrer Eltern, in diesem lebensfeindlichen Nirgendwo? Und sogar Schulden von ihnen einfordern? Wohlgemerkt, um 1800 herum galt ein Elfjähriger durchaus als erwerbsfähig. Dürfen die Seeleute dem Jungen ihren Alkohol andrehen? Der galt schlechterdings ja nicht als Suchtmittel, sondern Lebensmittel und Medizin, nicht wahr? Eines Tages erspähen die Geschwister in Küstennähe ein im Packeis havariertes Schiff, begeben sich auf Schatzjagd und finden an Bord wertvolle Kleidung – aber auch die Belege für einen furchtbaren Überlebenskampf. Was darf der Mensch in höchster Not? Ada und Evered leisten die schwere Versorgungsarbeit, um überleben zu können, Hand in Hand, und sie erbringen diese Leistung zu gleichen Teilen. Weswegen steht es nur Evered zu, über ihre gemeinsame Zukunft zu entscheiden, und Ada nicht? Für alle Frauen, die im Roman Erwähnung finden – allesamt Exemplare von zäher Natur, aber ungewissem Seelenfrieden -, gilt der Imperativ der Versorgung. Was heißt das für die Moral? „Pisse und Verderbnis!“ – warum wohl ist dieser Fluch hier das Erbe der Mütter an ihre Töchter? Wo liegen die Unterschiede, wo die Deckungsgleichheiten zwischen Christentum und Moral? Besitzt der Mensch eine Art Ur-Moral, gewissermaßen naturgegeben? Auch das Durchphilosophieren solcher Fragen überlässt der Autor Ihnen allein.
Erzählt ist das Ganze recht konventionell, und gäbe es da nicht diese mitunter etwas haarigen Moralfragen, sähe man beim Lesen schon direkt eine Netflix-Verfilmung vor sich. Ein Schmöker – der aber seine Dornen hat. Von der archaischen Härte eines, sagen wir, Cormac McCarthy ist Michael Crummey unterdessen ein ziemliches Stück entfernt: Vielerorts, wo die Geschichte leicht ins Bitterschwarze kippen könnte, rettet Crummey seine Kinder dann doch lieber in ein etwas glimpflicheres Schicksal hinüber. Mit Beschönigung hat das weniger zu tun, vielmehr ließe sich schlecht 350 Seiten lang über das Leben zweier Waisenkinder in der kanadischen Wildnis schreiben, wenn die nicht wenigstens ab und an auch mal Glück hätten.
Was genau „Glück haben“ bedeuten soll, das gehört übrigens auch zu diesem Katalog von Fragen, mit denen man hier kinderseelenallein bleibt.


>Michael Crummey, Die Unschuldigen (Eichborn)
Ich bedanke mich herzlich beim Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


Foto: Grebe, 2019

LEBEN AM FLUSS > Ich gehe manchmal dorthin, um dem Fluss beim Fliegen zuzuschauen

Scharnebeck

Es gibt so Momente, da springt einen der Geist eines bestimmten Zeitalters an, legt sich um die Schultern, den Brustkorb wie ein Mantel – kennen Sie das?
Als ich zum Beispiel letztens so eines der verbliebenen Karstadthäuser in Innenstadtlage besuchte, spukte mir dort, im Auf und Ab der Rolltreppenkaskaden, der ideelle Helmut Kohl in Freizeitjacke entgegen. Beinahe hätte ich mich für ein Teeservice interessiert.
Oder als ich dann doch mal „The Irishman“ schaute, durchaus angeödet. Ein dreieinhalbstündiger Abschiedsgruß. Scorsese, De Niro und Pacino – einerseits wurde dieses Dreigestirn hier, für posthume Zeiten, in einem großen, whiskeyfarbenen Klumpen Bernstein fixiert. Andererseits war es so etwas wie das finale relevante Aufglimmen des Norman-Rockwell-Amerika, dieser scheinbar in klare Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ unterteilbaren und zutiefst mit sich selbst beschäftigten, kleinen Welt. Männer in Anzügen, Männer mit Hüten, Frauen in Pumps, Lockenwicklern und Schürzen, Kinder beim Murmelspiel – ein Butterkuchenidyll, gezuckert mit Arbeiterethos, aber düster umrahmt von Ganovenromantik, Kriegsheldenkitsch, Gewalt. Alles an diesem Film – die Story, der Erzählmodus, Licht, Farbe, Kostüme, Szenenbilder, das gesamte Kolorit – alles lieferte diese aus Funk und Fernsehen, in Bild und Ton so vertraute Essenz des 20th Century, die ich bis weit in die 2010er hinein als etwas noch immer Lebendiges, Bestimmendes, Präsentes empfand, wenn auch auf irgendwie großelterliche Art, aber dennoch. Indem ich nun den Fernseher (sic) ausknipste und dieses spezifische Amerika von der Bildfläche verschwand, ging mir erst auf, wie obsolet es wirklich ist – sein Übertritt aus der Realität heraus und hinein in die Sagenwelt der Weltgeschichte ist längst abgeschlossen, und dieser Film ist nur eines seiner unzähligen Denkmäler.
Oder in diesem kleinen Laden am Marktplatz, wo ich neulich die Batterie einer Armbanduhr wechseln ließ. Kein „Juwelier“, sondern „Schmuck- und Uhren-Service“ – klang vielleicht modern, damals. Während sich ein freundlicher Herr am Uhrgehäuse zu schaffen machte, verfolgte ich das Ticken einer Wanduhr im Verkaufsraum, deren Zeiger zwar im Uhrzeigersinn vorangingen, nur zählte das Ziffernblatt dabei die Uhrzeit rückwärts, und diese spielerische Rückwärtsgewandtheit beschrieb einfach alles. In meiner Gegenwart, die von einer Armee von Smartwatches gemessen, vermessen und ausgewertet wird, wirkt jede analoge Uhr wie ein Fossil; ebenso prähistorisch wirkte das Ladengeschäft an sich, mit seiner salz- und pfefferfarbenen Auslegeware, der Raufasertapete und der Neonröhrenbeleuchtung. Reine Vorjahrtausendwende-Luft, Marke Kleinstadt. Mir war, als hörte ich ein Radio, sehr leise, gedämpft, aus einem Hinterzimmer vielleicht, und ich meinte, es spielte „Spending My Time“ von Roxette.
Oder beim Spaziergang entlang des Schiffshebewerks des Elbe-Seitenkanals in Scharnebeck – ab und zu komme ich dort vorbei.
Der Elbe-Seitenkanal verläuft durchs östliche Niedersachsen und verbindet Mittellandkanal und Elbe. Nördlich hinter Lüneburg fällt die Landschaft abrupt ab, der Geestrücken endet hier und der „Heide-Suez“ (regionale Wahrzeichen erhalten unvermeidbar ihre Spitznamen) muss an dieser Stelle einen Sprung von 38 Höhenmetern überwinden. Der Kanal mitsamt Schleusen, Sicherheitstoren und Schiffshebewerk wurde Mitte der Siebziger nach achtjähriger Bauzeit eröffnet – ein brachiales Mega-Projekt aus der goldenen Ära brachialer Mega-Projekte des Westens. Bei seiner Eröffnung war das Doppelsenkrechthebewerk in Scharnebeck das größte Schiffshebewerk weltweit.
Natürlich ist dieser Kanal keine Schönheit. Er ist ein funktionales Monster, eine Wasser-Autobahn. Ein über 100km langes Elend, und zur Breite der Wasserstraße kommt, insbesondere im Elbe-verbundenen Teil, noch eine wuchtige, sehr hohe Eindeichung hinzu, sodass der bauliche Einschnitt also lang und breit die Landschaft dominiert. Ohne Frage ist das Schiffshebewerk für sich genommen ein ebenso monumentaler und nicht eben lieblicher Anblick.
Ich stehe seltsam gern mitten im Hebewerk, im Durchgang unterhalb des oberen Einfahrtbeckens, über mir tausende Tonnen Stahlbeton und Wasser, hinter mir die glatte Schnittkante quer durch die Landschaft und die unterm Hebewerk hindurchführende Straße, und schaue durch die vertikale Flucht zwischen den betongrauen und roten Türmen hinaus ins Blaue. Von diesem Punkt aus kann man dem Schiffsfahrstuhl aus nächster Nähe bei der Arbeit zusehen. Innerhalb der vier Reihen von Führungstürmen transportieren zwei gigantische Tröge die Schiffe hinauf oder hinab. Das mag für Sie womöglich nicht nach Nervenkitzel klingen, aber wissen Sie: Wenn man in einen der 100m langen Tröge hinabschaut und verfolgt, wie ein großes Kanalschiff einfährt und sich im Wasserbecken zurechtmanövriert, die Schiffsmotoren irgendwann verstummen, das Einfahrtstor sich schließt und damit ein wirklich gewaltiges Stück Fluss abtrennt, und wie sich nun die Elektromotoren in Gang setzen und, überraschend geschmeidig und gar nicht dröhnend laut, dieses Stück Fluss sich einfach hebt, nach oben schwebt, direkt vor Ihrer Nase emporfliegt (ein bisschen Wasser schwappt immer über, die Gischt sprüht Ihnen ins Gesicht), 10 Meter hinauf (die stählerne Stirnwand des Trogs ist langsam an Ihnen vorübergeglitten, sie schauen jetzt unterm Trogboden hindurch in die plötzlich blendend blaue Landschaft hinaus), 15 Meter, 20 Meter – jedenfalls: Wenn einen dieses Bombastikum nicht erschlägt, dann weiß ich’s auch nicht.
Das universalmörderische 20. Jahrhundert: erschlagende Technik, erstickender Beton. Alles beherrscht von Kriegslogik. Beide Weltkriege stets im Hinterkopf, wollte man nun den Krieg der Systeme auf dem Schlachtfeld Technik-Infrastruktur-Wirtschaftswachstum entscheiden. Der Bau des Elbe-Seitenkanals wurde notwendig, weil der früher genutzte Wasserweg zwischen Mittellandkanal und Elbe, über Magdeburg verlaufend, leider bald hinter einer Mauer lag; Ausgleich musste her, und bitte gleich mit Renommierpotenzial. Das Bauprojekt schwang jedoch nicht allein die ökonomische Keule in Richtung der DDR, sondern auch die militärische: Man plante den Kanal als Teil der Westverteidigung, als strategische Barriere. Die Kanalböschungen wurden so angelegt, dass sie in bestimmten Abschnitten für Panzerverbände in West-Ost-Richtung querbar wären, in Ost-West-Richtung jedoch nicht; die zivile Wasserstraße ist teils noch heute ausgestattet mit Sprengschächten und Panzersperren.
Was durch diese Anlage fließt, ist der pure Geist des Atomzeitalters. Ein alles andere als milder Geist. Sie wissen schon. Strahlend, hungrig, rigide, getrieben, befehlshaberisch, visionär, gefährlich, verheißungsprall, drastisch, prometheisch, fortschrittssüchtig, gut-und-böse.
Zugleich empfinde ich dieses Ungetüm im Ganzen und den Abschnitt Schiffshebewerk im Speziellen als etwas Erdendes, tatsächlich, ja. Ein sehr großes Fossil aus einer im Grunde sehr kleinen Welt – verglichen mit der heutigen, nicht wahr?
Diese nur-analoge Welt, wo ich meine Kindheit verbrachte (2000 wurde ich volljährig) und die mir lieb war, steht mir heute halb traulich, halb entfremdet vor Augen. Um hinter diese Entfremdung durchs eigene Älterwerden und das allgemeine Anderswerden der Welt zurückschauen, zurückfühlen zu können, muss ich nicht unbedingt Familienfotos von 1987 durchstöbern, sondern meinetwegen eben so ein Schiffshebewerk besuchen. Dieses Ungetüm hier wurde auf Papier entworfen, geplant und kalkuliert. Die Leute setzten sich an ihre Arbeitstische und zeichneten Pläne, berechneten Massen und Kräfte, schrieben Anträge und Aufträge. Mag sein, dass die eine oder andere Schreibtischschublade ein Herrenmagazin, einen Flachmann oder eine Schachtel Weinbrand-Pralinées beinhaltete, aber zwischendurch getwittert wurde hier nicht. Das soll keine Spitze gegen die heutige Bürowelt sein. Man lebte eben im Konkreten.
Die ehedem stets mitgedachte Welt war aus Vergangenheit, gesellschaftlichem und individuellem Erfahrungsvolumen gemacht. Fotografie, Radio und Fernsehen waren bloße Vorboten einer viel tiefgreifender veränderten Weltwahrnehmung: Die stets mitgedachte Welt heute ist das Internet, diese uferlose, ubiquitäre Welterweiterung, dieses im Grunde unbegreifliche Multiversum.
Das 20.Jahrhundert – mir kam das früher vor wie eine Schulstunde, die es einfach abzusitzen galt, zwei Tage vor Ferienbeginn. Ich bin ein Kind der 80er, für mich war dieses Jahrhundert gelaufen, ich könnte da, so auf den letzten Drücker, gefühlt eh nichts mehr gestalten. Gewissermaßen verbrachte ich meine Jugend damit, mich von meinem analogen, meinem westlich orientierten, von Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ bestimmten, in Zigarettenrauch gehüllten Jahrhundert zu verabschieden. Das 21.Jahrhundert aber steht mir immer deutlicher bevor wie eine Matheklausur, die über meine Zulassung zum Abitur entscheidet, d.h. über mein weiteres Existieren auf einem rundum nicht wiederzuerkennenden Erdball, und wissen Sie, ich fürchte mich wirklich sehr vor Mathematik. Bis hierhin ist dieses Jahrhundert eine schon längst viel zu komplexe Gleichung für mich, die mit Termen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klima, China, Konzern-gesteuerter Politik, Pandemie, veränderter Kommunikation, veränderter Kognition, weißen Turnschuhen, Swag und Populismus, Gentechnik und A.I., und die Liste geht beliebig weiter, arbeitet. Als Erwachsene des 21.Jahrhunderts denke ich in einem permanenten, sehr lauten Strudel von Satzfetzen, Fragen, Aussagesätzen, Ausrufesätzen, Tönen und Bildern, denke stets die konkrete und die erweiterte Welt zugleich, und aus diesem Strudel heraus bilden sich immer neue Gedanken, ganz ähnlich also, wie sich auch Träume bilden, als ein Nebenprodukt, wenn das Gehirn rauschhaft seine sämtlichen Datenbestände auf einmal verarbeitet – ich meine, mein Gehirn selbst funktioniert nicht mehr wie das 20., sondern vielmehr wie das 21.Jahrhundert.
Ich verstehe gut, woher solche Sehnsucht nach einem Aufgehobensein im Konkreten, im Kleinweltlichen kommt, wie sie besonders dort, wo sie am wenigsten erfüllt wird, epidemisch zu Tage tritt: im Internet. Ich verstehe das so gut, dass es mich umso persönlicher ärgert, wenn sich jemand auf einen Baseballschläger oder das Alte Testament oder welche stumpf-plakative Lösung auch immer stützt, um diese Sehnsucht zu bedienen. Dieser Selbstbeschiss – auf Kosten anderer, auf Kosten aller.
Das Schiffshebewerk, wissen Sie, ist längst eingerüstet, seine Sanierung ist im Gange. Derzeit ist nur einer der beiden Tröge noch fahrbar; die Bauträger zerbrechen sich die Köpfe, mit welchen Lösungen sich das Ungetüm, das an Betonkrebs leidet, retten ließe. Ich bin gelernte Buchhändlerin, bin dem smarten Digitalkram meiner Zeit nicht gewachsen und besitze durchaus noch weitere fossile Qualitäten; ich stehe oft da und beobachte, wie dieses mächtige Ungetüm einerseits einen Fluss fliegen lässt und zugleich doch im Sterben liegt, was winzige Menschenhände mit mühsamen, akribischen Eingriffen verborgen hinter Bauplanen verzögern, und denke dabei: Du und ich, Ungetüm.
Der Bundesverkehrswegeplan 2030 sieht den Neubau einer Schleuse vor, direkt neben dem Schiffshebewerk. Noch größeres Volumen soll bewegt werden, noch effizienter, dabei so umweltverträglich wie möglich, und bitte ohne verheerende Kostenexplosion; hier wird entworfen, geplant und kalkuliert, dass die Heide wackelt.
Auch ich muss mich ans Rechnen machen. Es nützt nichts. Egal ob man sie nun fürchtet oder nicht – es geht kein Weg vorbei an der komplexen Mathematik der Gegenwart und Zukunft, für niemanden.


Foto: Grebe, 2020

LEBEN AM FLUSS > Roland Schimmelpfennig, Die Sprache des Regens

„Petja hatte sich den Fluss hinuntertreiben lassen, allein, in der Dunkelheit. […] Er war ans Ufer geschwommen, unten bei der Mündung des Flusses. Diese Stelle nannte man den Blinden Mund. Es war eine warme Nacht. Petja kletterte hinaus ans Ufer und verschwand im Dickicht.“
Es gehört sich so in dieser kargen, deprimierenden Anderswelt, die Schimmelpfennig da entworfen hat, dass Jugendliche am Vorabend ihres 15. Geburtstages von der großen Eisenbrücke hinab in den Fluss springen. Ein bisschen so, als tauften sie sich selbst. Nach ihrem Sprung ins kalte Wasser, schwimmen sie, nun als Erwachsene, an Land zurück, um zu feiern. Auf Petja allerdings warten die Freunde nach dem Sprung vergebens.
„Sie hatten in die Tiefe gesehen, über Stunden, sie hatten nach ihm gerufen, aber er war nicht zurückgekommen.“
Ich verstehe das gut, Petja.
Die Gegend-am-Fluss ist eine abseitige, beschädigte, feindselige Lebenswelt. Law und Order liegen in den Händen einer Polizeieinheit, die zu Recht gefürchtet wird. Offenbar herrscht strenge Gesinnungspolitik. Die genaueren Umstände belässt Schimmelpfennig jedoch im Dunkeln, im Abstrakten, und so müssen, na, dürfen Sie sich Ihre eigene Deutung der Dinge zusammenstricken: Ist das hier eine Dystopie, eine Geschichte à la „Was wäre, wenn der Zweite Weltkrieg (…)“, eine Parallelwelt usw.? Auch die Figuren wollen es Ihnen nicht zu einfach machen und halten mit ihren Identitäten hinterm Berge. Obwohl immerhin ihr Bindungsgeflecht nach und nach klar wird, bleiben sie für sich genommen doch Gestalten, denen man nie so recht unter die Haut schauen kann, Spielfiguren, Symbolträger, Märchenmenschen. Jedenfalls: Sie befinden sich hier an einem Ort, wo Sie, da wette ich drauf, in irgendeinem Traum schon einmal gewesen sind.
„Die Stadt auf dem Meer war schwarz und turmhoch, ein Gebilde aus Eisen und Stahl, aus Schrauben und aus Nieten, ein Berg aus Rohren, Gängen und Treppen, und die Stadt hinterließ, nachdem sie an ihnen vorbeigezogen war, auf dem Wasser einen Film aus Öl. Die junge Frau und der Mann saßen auf den Felsen am Meer, nicht weit von der Flussmündung, und sahen der Stadt nach, bis sie in der Ferne verschwunden war. Hinter den beiden Gestrüpp, Grün, eine leichte Anhöhe und dann zugewachsenes, kaum zu durchdringendes, flaches Land. Dazwischen ein paar kleine Brachen. Die Hitze. Eine Straße. Der Fluss. Weit entfernt: einzelne Häuser, Wohnblöcke und dahinter die Felder, die Fabriken, die Raffinerie und das Stahlwerk in der Ebene.“
Adam und Eva sind es nicht, die da sitzen, sondern Isabel und ihr Freund Philipp. Sie sind auf dem langen Weg in Isabels Heimatstadt, zwecks Familienbesuch. Nicht, dass sie uns dabei an die Hand nehmen und in der Stadt-am-Fluss herumführen würden, aber sie bringen uns hin, setzen uns dort ab, und ab hier bewegen sich die städtischen Schauplätze und unterschiedlichen Zeitebenen munter hin und her. Toni, wie er eine Leiter baut, eine lange Leiter, eine sehr, sehr lange Leiter, nur wozu? Philipp, wie er sich in den Wohntürmen einer Hochhaussiedlung verirrt, einem senkrecht stehenden Labyrinth, auf der Suche nach einem bestimmten Zimmer. Julia, die Kanarienvögel hütet und außerdem eine Schildkröte, einen Schlittenhund und einen zugeflogenen Pelikan. Die Straßenschlacht nach der Schließung des Kinos. Die Vertriebene in ihrer Hütte am Fluss.
Fragen Sie nicht – projizieren Sie frei drauflos, das braucht dieser Roman. Der will Ihnen nichts Staatstragendes vermitteln, sondern ein bisschen herumtricksen in Ihrem Kopf, Sie ins Träumen versetzen; er produziert die nötigen Bilder, und die müssen Sie nur noch auf die Beine stellen und zum Laufen bringen. Oder zum Schwimmen. Eintauchen, treiben lassen, mehr müssen Sie gar nicht machen. Wissen Sie, Sie sind hier am Fluss.


>Roland Schimmelpfennig, Die Sprache des Regens (S.Fischer)


Foto: Grebe, 2020